Sascha spricht nicht

von Marita Brune

In Zeit-Fragen Nr. 14 vom 18. Juni hat Ursula Scheibler über Hilal berichtet, eine Schülerin, die nicht sprach. Heute soll von Sascha die Rede sein. Die beiden Fälle zeigen exemplarisch auf, dass gleiche Symptomatik weder unbedingt auf gleiche Ursachen zurückzuführen ist noch gleicher Behandlung bedarf.

Sascha spricht nicht. Jedenfalls nicht mit mir oder anderen Erwachsenen. Er spricht nur mit seinen Eltern und anderen Kindern. So kommt er in meine Primarklasse der Sonderschule. Es zeigt sich schnell, dass er ein aufmerksamer und aufgeweckter Junge ist, er lernt mit, er tut, was man in der Schule tun soll, er macht auch seine Hausaufgaben. Nur eben: Er spricht kein Wort mit mir. Das war schon im Kindergarten und in der vorherigen Schule so, erfahre ich. Abklärungen durch Schulpsychologen haben nichts Erhellendes ergeben. Die Eltern können sich das Verhalten auch nicht erklären. Zu Hause spricht er normal. Also nehme ich Sascha erst mal so, wie er ist, ohne grosses Aufhebens um sein etwas merkwürdiges Verhalten zu machen.
Es ist deutlich, dass er dem Unterricht folgt. Ich suche nach Wegen zu erfahren, was er meint und ihm Möglichkeiten zu eröffnen, sich am Unterricht zu beteiligen. Also sage ich seinem Nachbarn Timo: «Frag’ Sascha mal, was er dazu meint.» Timo gibt die Frage flüsternd an Sascha weiter (obwohl der mich ja gehört hat), Sascha flüstert seine Antwort in Timos Ohr, wobei er darum besorgt ist, dass ich ihn nicht höre. Timo gibt mir dann Saschas Antwort wieder. So ist ein Weg gefunden, wenn auch ein etwas umständlicher. Aber Sascha kann sich im Unterricht einbringen, und ich kann ihm ein Echo auf seine Gedanken und Beiträge geben. Ich habe das Gefühl, Sascha ist über diese Möglichkeit erleichtert. So geht das eine Zeit lang.
Die anderen Kinder fragen mich bald: «Warum spricht der Sascha nicht mit Ihnen?» «Ich weiss es nicht», sage ich wahrheitsgemäss, «er wird wissen, warum. Vielleicht wird er eines Tages mit mir reden, wenn er sich dazu entschliesst. Aber es macht nichts, dass er im Moment nichts sagt, er lernt ja mit und beteiligt sich.»

«Der Pädagoge arbeitet in einer Klassengemeinschaft, in die der Schüler eingebettet ist, wo er sich aufgehoben fühlen kann, ohne gleich allzu exponiert zu sein. Die Beziehungen in der Klasse werden über den Stoff gebildet, die gemeinsame Sache, an der man arbeitet. Der Pädagoge muss nicht an den Problemen und Schwächen der Schüler ansetzen, er kann in der gemeinsamen Arbeit am Schulstoff korrigierend und stärkend auf das Gefühlsleben einwirken, auch wenn er dessen Genese nicht genau kennt. Voraussetzung ist, dass der Lehrer sich sicher ist, dass alle Schüler mitmachen und lernen wollen, dass es sie stärkt, in der Gemeinschaft Bedeutung und im Lernen Erfolg zu haben.»

Diesen Dialog hört Sascha natürlich mit, und das will ich auch. Es geht mir darum, Saschas Verhalten nicht zu problematisieren, er soll kein «Fall» werden. Ich will, dass er ein möglichst normales Kind in der Klassengemeinschaft ist, dessen kleine Besonderheit aber weder besonders stört noch grösserer Aufmerksamkeit bedarf. Ausserdem soll Sascha wissen, dass ich nicht von aussen über seine Gründe urteile, sondern dass ich ihm die Erklärung überlasse, dass ich also seine Gefühlswelt respektiere. Gleichzeitig soll er wissen, dass ich der Meinung bin, dass er selbst sein Verhalten steuert und dass er somit auch entscheiden kann, ob und wann und wie er es ändert. Ich kann ihm dabei helfen, indem ich eine vertrauensvolle Beziehung zu ihm aufbaue. Ich zeige ihm beim gemeinsamen Lernen, dass ich ihn mag und Freude an seinen Lernfortschritten habe.Bald einmal verkürzt sich der Weg unserer Kommunikation. Jetzt kann ich ihn direkt ansprechen, und er flüstert Timo die Antwort zu. Doch irgendwann einmal will ich wissen, ob Sascha lesen kann und wie. Ich bitte ihn, mir zu Hause einen Text auf ein Tonbändchen vorzulesen, damit ich sehen könne, wie er liest, und gebe ihm eine Kassette mit. Ich habe den Zeit­punkt für dieses Ansinnen intuitiv gewählt. Ich habe das Gefühl, dass inzwischen so viel Vertrauen gewachsen ist, dass Saschas Schweigen immer unnötiger wird, dass es vielleicht nur noch eines Anstosses bedarf, einer Brücke. Diese Brücke ist das Tonband. Sascha geht über die Brücke. Zu Hause liest er laut vor und gibt mir am nächsten Tag das Bändchen. Ich höre es mir an, als ich allein bin, und gebe ihm am nächsten Tag erfreut Echo – nicht darauf, dass er mir vorgelesen hat, sondern auf seine Lesekünste! So geht das einige Male, bis ich eines Tages – mit seinem Einverständnis – ein Bändchen vor der Klasse abspiele, damit die anderen auch hören können, wie gut Sascha lesen kann. Nun ertönt seine Stimme laut im Schulzimmer, alle hören es. Jetzt ist der Weg nicht mehr weit, es ergibt sich natürlich, dass Sascha einfach beginnt zu reden, mit mir und bald auch mit den anderen Lehrern der Schule. Er hat den Weg in ein normales Miteinander gefunden. Ein Weg in die Psychiatrisierung, wie wir ihn aus vielen Fällen kennen mit oft stigmatisierenden Folgen für das Kind, konnte vermieden werden. Sascha ist jetzt ein ganz normaler, lebendiger, manchmal alberner und kecker Junge.Ich habe nie erfahren, warum Sascha nicht mit Erwachsenen geredet hat. Ich habe gespürt, dass da irgendein Vorbehalt ist, und habe versucht, ihm auf der Grundlage der Beziehung zu begegnen, auf diese Weise seinen Vorbehalten etwas entgegenzusetzen, Vertrauen wachsen zu lassen. Das ist die Möglichkeit des Pädagogen.1 Er arbeitet nicht mit dem Schüler allein in einem therapeutischen Setting. Im Focus steht nicht die Persönlichkeit des Schülers oder eine mögliche Störung in seiner Persönlichkeit. Der Pädagoge arbeitet in einer Klassengemeinschaft, in die der Schüler eingebettet ist, wo er sich aufgehoben fühlen kann, ohne gleich allzu exponiert zu sein. Die Beziehungen in der Klasse werden über den Stoff gebildet, die gemeinsame Sache, an der man arbeitet. Der Pädagoge muss nicht an den Problemen und Schwächen der Schüler ansetzen, er kann in der gemeinsamen Arbeit am Schulstoff korrigierend und stärkend auf das Gefühlsleben einwirken, auch wenn er dessen Genese nicht genau kennt. Voraussetzung ist, dass der Lehrer sich sicher ist, dass alle Schüler mitmachen und lernen wollen, dass es sie stärkt, in der Gemeinschaft Bedeutung und im Lernen Erfolg zu haben. Hilfreich ist, dass der Pädagoge etwas von der Entstehung und Funktion von Gefühlen und auch von gefühlsmässigen Irritationen versteht, dass er weiss, was ein Lebensstil ist, wie er entsteht und welchen Sinn er hat. All das und vieles mehr ist Hintergrundwissen, das dem Pädagogen hilft, jeden Schüler immer besser gefühlsmässig zu erfassen. Das Studium dieser psychologischen Basics in Theorie und Praxis verhilft dem Lehrer, sein Werkzeug, das Einfühlungsvermögen, immer mehr zu verfeinern. Intuition ist somit das Ergebnis von Kenntnissen über die menschliche Natur und die Einübung von Beziehungsfähigkeit. Je besser der Lehrer dieses Instrument entwickelt hat, desto besser kann er dem Schüler helfen.    •

1    Wenn ich vom «Pädagogen» und vom «Lehrer» oder auch vom «Schüler» spreche, so meine ich damit nicht den jeweils männlichen Vertreter dieser Berufe (und in gewissem Sinne ist auch Schüler-Sein ein Beruf), sondern die Berufsbezeichnung als solche, den exemplarischen Menschen, der diesen Beruf ausübt.