Gottfried Keller – grosser Realist und demokratischer Mahner

Vor 200 Jahren wurde der Schriftsteller in Zürich geboren

von Dr. Peter Küpfer, Germanist

Gottfried Keller war nicht in die Wiege gelegt, dass er dereinst der neben Pestalozzi weltweit bekannteste Schweizer Schriftsteller wurde, dass seine Werke weltweit Wirkung und Nachhall fanden und in der Schweiz selbst bis tief über die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts weiterwirkten, gerade auch als lange Zeit eiserner Bestand von Lektüren in unseren Schulen. Der Zürcher Schriftsteller von Weltrang muss­te sich das alles durch lange Jahre geduldigen Sich-Bildens erringen, zum grossen Teil völlig selbständig und mit wenig Hilfe von aussen. Seine Werke gelten überall in der Welt als Zeugnisse eines weltoffenen, selbstbewussten Schweizergeistes, der zu Stolz und Nachahmung berechtigt. Leider ist es in der Zwischenzeit stiller um den verdienten Meister geworden, wohl nicht ganz zufällig. Die Schweizer riskieren selbst zu vergessen, was der Preis für ihre direkte Demokratie war und was sie erhalten kann. Verschiedene, dieses Jahr etwas pflichtgemäss wirkende Ehrungen aus Anlass des Jubiläums waren vor diesem Hintergrund oft auf Nebenaspekte von Kellers monumentaler Leistung gerichtet. Gottfried Keller war ein durch und durch politischer Schriftsteller, nicht im Sinne der Parteipolitik, aber im Sinne seiner Grundüberzeugung: dass nämlich die anspruchsvolle Demokratie, wie sie in der schweizerischen Verfassung grundgelegt ist, nur gedeihen kann, wenn der einzelne seinen Beitrag fürs Ganze leistet. Für Gottfried Keller lag das Sinnzentrum seines schriftstellerischen Wirkens in der Frage, unter welchen Bedingungen, äusseren wie inneren, sich die Bürger eines wahrhaft demokratischen Landes in den Stand setzen, nicht nur ihre eigenen Interessen zu leben, sondern zum Gelingen des Ganzen beizutragen, mit ihren je individuellen ureigenen Kräften. Gerade im Bewusstsein der zeitweise blutig ausgefochtenen Differenzen, welche die Geschichte der Eidgenossenschaft prägten, oft in ihrer Entwicklung auch zurückwarfen, gingen die Väter der neuen Schweiz 1848, ein Jahr nach dem letzten schweizerischen Bürgerkrieg (dem Sonderbundskrieg), davon aus, es sei ein Gebilde zu schaffen, das wesentlich von einer hart errungenen Erkenntnis ausging: Nationale Eintracht und kulturell-politische Verschiedenartigkeit sollten in der modernen Schweiz nicht länger unüberbrückbare Gräben bilden. Ganz im Gegenteil. Die Verfassung der neuen Schweiz von 1848 bot Bürgern und Gruppierungen der demokratischen Gesellschaft Platz und Respekt für ihre und vor ihrer Verschiedenartigkeit, förderte sie sogar. Unter einer Bedingung allerdings, und sie müsste auch für uns moderne Schweizer nach wie vor ein Fanal sein: Dass die Verschiedenartigkeit der Menschen, ihres Seins und Wirkens, nicht zu unüberbrückbaren Gräben führt. Sondern dass Verschiedenartigkeit der Auffassungen die Grundlage ist, auf der die Demokratie steht, ja mehr noch: dass sie die Ursubstanz ist, die unsere Demokratie mit ihren vielfältigen Kulturen zusammenhält. Unter einer essentiellen Bedingung. Sie lautet, dass diese Verschiedenartigkeit des Denkens und Empfindens der Wohlfahrt aller zu dienen habe und nicht im Machtkampf verschiedener Lobbys aufgeht, sondern Hand bietet zum echten Kompromiss, der dann nicht faul ist, wenn er ehrlich und mit Blick aufs Ganze tragfähige gemeinsame Wege sucht. Diese Grundüberzeugung hat der Schriftsteller in seinem Werk nicht nur meisterhaft dargestellt und in farbigen menschlichen Geschicken ausgestaltet, er hat sie auch selbst gelebt, wie der untenstehende Blick auf Gottfried Kellers Leben veranschaulichen soll.

Gottfried Keller im Alter von 67 Jahren. Fotografie von Karl Stauffer-Bern (Bild: Hans Wysling, Gottfried Keller, Zürich 1990, S. 438)

Ein Kind der Zürcher Altstadt

Gottfried Keller wurde am 19. Juli 1819 in der Zürcher Altstadt geboren. Seine Kindheit verlebte er im immer noch bestehenden Haus zur Sichel am Rindermarkt Nr. 9. Zürich war damals in der nachnapoleonischen Zeit noch stark biedermeierlich geprägt. Die verwinkelte Altstadt bot Platz für Individualität und Eigenwilligkeiten, auch hatten die Menschen damals etwas, das uns ganz abhanden gekommen ist: Zeit. Im ersten Teil seines autobiographischen zauberhaften Romans «Der grüne Heinrich» ist Gottfried Kellers so farbige Jugend inmitten von mitunter skurrilen, aber im Kern meist liebenswürdigen Menschen in satten Farben geschildert. Der Alltag in der Zürcher Altstadt in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts hat für den heranwachsenden werdenden Schriftsteller viel verpasste Schulbildung durch Lebensbildung ersetzt.
Gottfried Kellers Vater war ein tüchtiger Handwerker und Neuerer, er unterhielt eine gutgehende Drechslerei. In seiner Gesinnung liberal, war er dem neuen Wind zugetan, der ab den 1830er Jahren vor allem aus Frankreich wehte. Schon vor der Gründung der modernen Schweiz trat er für die allgemeine Schulbildung aller Klassen ein, auch der bedürftigen. Er war Initiator und Mittragender der so genannten Armenschule. Sie hatte es sich zum Ziele gesetzt, auch Kindern weniger bemittelter Schichten eine solide Schulbildung zu ermöglichen. Ihm war bewusst, dass die Rechte eines demokratischen Bürgers nur dann eingelöst werden können, wenn er über eine reale Bildung verfügt und geistig mittun kann zu erkennen, was der Allgemeinheit nützt oder schadet. Obwohl selbst in guten Verhältnissen, wünschte er, dass sein Sohn die ersten Schuljahre in ebendieser Armenschule absolviere. Gottfried Kellers Kindheits- und Jugendjahre waren nicht frei von Erschütterungen. In seine ersten Lebensjahre fiel der frühe Kindstod von vier Geschwistern. Zwei Jahre nach Geburt seiner Schwester Regula, Gottfried Keller war damals fünf Jahre alt, erlag der Vater einer schweren Tuberkulose. Dieser plötzliche Tod stürzte die Familie, nun von der tüchtigen Mutter mit eisernem Sparwillen über Wasser gehalten, in zeitweilig äusserste materielle Knappheit. Von Stund an musste jeder Rappen dreimal umgedreht werden, bis man ihn ausgab.
Die Schuljahre, die Mutter hatte das dafür nötige Bargeld mühsam zusammengespart (wir sind in diesen Jahren noch entfernt vom Segen der allgemeinen Schulpflicht, die erst 1874 in die Verfassung aufgenommen wurde), waren von ihr auf das Ergreifen eines handwerklichen Berufs ausgerichtet, nach Massgabe des verehrten Verstorbenen. Gottfried Keller war ein tüchtiger, talentierter Schüler, wenn ihm einige seiner Lehrer auch zeitweilige Verstocktheit, ja, Trotz zum Vorwurf machten. Mit 14 Jahren wurde der damalige stolze Absolvent der städtisch-züricherischen Industrieschule wegen eines Bubenstreichs von dieser Schule ausgeschlossen und wusste zunächst gar nicht, wohin das Lebensschiff wenden. Der Jüngling versetzte seine Mutter in grosse Bestürzung, als er ihr verriet, sein Wunsch sei es, Kunstmaler zu werden. Kunstmaler, im bürgerlich-handwerklichen Zürich der 1840er Jahre, das war mehr als nur eine Knacknuss. Nach erfolglosen Versuchen, sich in Zürich entsprechende Kenntnisse zu erwerben – der junge Keller arbeitete in einer graphischen Anstalt zur Herstellung von Postkarten und war dann zeitweise Schüler eines Landschaftsmalers – entstand der Plan, sich das nötige Rüstzeug an der Kunstakademie München zu holen.

Entbehrungsreiche Lehr- und Wanderjahre

Die lebenslustige und wirtschaftlich prosperierende Hauptstadt des selbstbewussten damaligen Königreichs Bayern war schon damals ein europäisches Mekka für werdende Künstler. Die zwei Jahre, die der junge Kunstbeflissene aus Zürich in München verbrachte, wurden für ihn hingegen zu eigentlichen Leidens- und Hungerjahren. Der zweite Teil des «Grünen Heinrich» legt davon beredtes Zeugnis ab. Nicht gerade geschickter Umgang mit seinem spärlich verfügbaren Geld, Unschlüssigkeit und wenig zur Verfügung stehende Orientierung, sich dem akademischen Kunstbetrieb hingeben und sich verstärkende Unsicherheit angesichts der hier versammelten jungen Talente aus der ganzen Welt reichten sich die Hand, so dass der junge Keller nach zwei Jahren tastender Versuche als Maler erfolg- und ergebnislos wieder die Heimreise antreten musste. Er hatte nicht viel mehr in der Tasche als ein paar Notizen zum «Grünen Heinrich», einige Aquarelle und Skizzen. Dabei war Gottfried Keller in München alles andere als das, was man landläufig unter einem Bummelstudenten versteht. Immer wieder trieb er sich dazu an, Bilder zu verfertigen. Sie fanden aber vor seinem eigenen strengen Massstab wenig Gnade. In den letzten Monaten vor seiner Rückkehr verkaufte er den Grossteil dieser Bilder einem Trödler, worauf sie verschollen waren. In der harten Wirklichkeit war da eben nicht wie im Roman ein Graf, dem die Bilder gefielen und der sie aufkaufte. Immerhin befinden sich einige wenige Bilder aus Kellers Hand heute in der Zentralbibliothek Zürich, darunter auch das Ölgemälde «Heroische Landschaft». Sie zeigen, dass ein starkes Talent am Werk war.

Was nun?

Zurück in Zürich verlegte sich das Interesse des inzwischen 23jährigen mehr auf das Schriftstellerische. Erste lyrische Versuche und journalistische Arbeiten entstanden. Keller verkehrte in der politisch und literarisch höchst aktiven «Szene», wie wir heute sagen würden, der deutschen demokratischen Intellektuellen, die sich 1830 vor dem Zugriff der politischen Reaktion ins liberale Zürich gerettet hatten. Zu diesem radikaldemokratisch bis frühsozialistisch inspirierten Kreis gehörten unter anderen die Vormärz-Revolutionäre Julius Fröbel, August Follen, Georg Herwegh und Ferdinand Freiligrath. Kellers erstes veröffentlichtes Gedicht, sein oft zitiertes «Jesuitenlied», fällt in diese Zeit und ist ganz im polemisch-radikalen Ton seiner Vorbilder abgefasst. Keller hat sich später vom kämpferischen, offen hetzerischen Stil dieses Gedichts distanziert. Nach und nach fand Keller seinen eigenen lyrischen Ton in Landschafts- und Liebesgedichten. Ihr Stil war in den anfänglichen Texten noch von der Romantik beeinflusst, allerdings immer wieder durchbrochen von der Hinwendung auf die reale, erlebte Wirklichkeit, ähnlich wie Heines Gedichte, die der werdende Schriftsteller mit Verehrung las. 1846 erschien beim Heidelberger Verleger Anton Winter Gottfried Kellers schriftstellerischer Erstling, ein schmaler Band Gedichte in durchaus eigenständiger Form und Thematik.

Heidelberg und Berlin

Kellers Entschluss stand nach dieser ersten Veröffentlichung fest. Er wollte Schriftsteller werden, und zwar Dramatiker, ähnlich weltbewegend wie Schiller. Schiller, der ja in Jena Geschichte lehrte, hatte viele seiner Stoffe aus seinen historischen Forschungen geschöpft. Nachdrücklich empfand Keller damals seinen Mangel an umfassenden Kenntnissen. Wie sie nachholen? Da setzten sich einflussreiche Freunde der Familie, unter anderem Alfred Escher, der spätere «Eisenbahnkönig», Gründer der Schweizerischen Kreditanstalt und Initiator des Gotthardtunnels, jahrgangsgleich mit Keller, aber auch ehemalige Lehrer aus der Industrieschule für Gottfried Keller ein. Er erhielt ein Stipendium des Kantons Zürich für eine Bildungsreise, empfohlen wurde ihm eine Orientreise. Keller wollte aber etwas Handfesteres und entschloss sich, den Betrag für eine Weiterbildung als Hörer an der Universität Heidelberg zu verwenden. Während in der Schweiz die Umwandlung des ehemaligen Staatenbundes der schweizerischen Eidgenossenschaft in einen Bundesstaat vorangetrieben wurde, bezog Keller die Universität Heidelberg. Dort beeindruckte ihn der deutsche materialistische Philosoph Ludwig Feuerbach aus der Hegelschen Schule. In langer, auch persönlicher Auseinandersetzung mit dem debattierfreudigen Philosophen gab Keller seinen Kinderglauben auf, insbesondere denjenigen an die Unsterblichkeit des Menschen und den damit verbundenen Paradiesglauben. Dies, so schrieb Keller in seinen Briefen an die Freunde, habe ihm keineswegs die Welt verdüstert. Ganz im Gegenteil, er sehe das Leben nun mit ganz anderen Augen. Die Welt sei ihm farbiger und intensiver geworden. Er empfinde deutlicher, dass man das Leben als einmaliges Geschenk nehmen müsse. Dieses Geschenk beinhalte auch, dass man es nütze und in der kleinen Spur, die wir Menschen auf der Welt hinterlassen, unser ganz persönlicher Abdruck erkennbar sei. Für Keller stellte sich ab diesem Moment die Lebensaufgabe jedes Menschen entscheidend deutlicher. Auch für ihn handelte es sich nun darum, seinen unverkennbar eigenen Beitrag ans Ganze zu erkennen und dann auch zu leisten.
Diese Besinnung wirkte sich in seinem zeitweise vielfach belasteten Gemüt als merkliche Straffung aus. Von diesem Zeitpunkt an nahm Keller das Steuer seines Lebensschiffes bewusster und kräftiger in die eigene Hand. Eine unglückliche Liebe (es war nicht die erste und sollte auch nicht die letzte sein) erleichterte seinen Entschluss. Jetzt ging es für ihn darum, als Autor mit Theaterstücken aufzutreten. Und dazu musste er nach Berlin, dem damaligen deutschsprachigen Literaturzentrum. Dreimal wurde sein Stipendium vom Kanton Zürich erneuert. Mit den weiteren Unterstützungen seiner Mutter, die so weit gingen, dass sie das Haus zur Sichel am Rindermarkt verkaufte und mit ihrer Tochter in eine bescheidene Mietwohnung in Zürich-Hottingen zog, blieb er für fünf Jahre in Berlin, pulsierende Residenzstadt des preussischen Königs. Zwar fiel ihm dort die inzwischen ernsthaft betriebene Arbeit an seinem «Grünen Heinrich» nicht leicht. Sie wurde immer wieder unterbrochen durch anderes, für ihn ebenfalls Wichtiges: Da waren die für sein Bekanntwerden als junger Schriftsteller regelmässig zu absolvierenden Einladungen in literarische Salons, wo alles verkehrte, was Rang und Namen hatte; Theaterbesuche von Uraufführungen und Rezensionen darüber in der Berliner Presse sowie sehr ausführliche Korrespondenzen. Und dann das, was er niemandem sagte: In dieser Zeit entstanden, quasi nebenher, Skizzen und Konzepte zu zahlreichen Novellen, die Keller später hauptsächlich unter dem Titel «Die Leute von Seldwyla» und «Züricher Novellen» veröffentlichte. Auch arbeitete er weiter als Lyriker und konnte 1851 den Band «Neuere Gedichte» beim renommierten Verleger Vieweg in Braunschweig veröffentlichen. Endlich, nach standhaftem Ermutigen und Einfordern von Vieweg konnte nun im gleichen Verlag endlich sein «Grüner Heinrich» erscheinen, den sich Keller nach eigenen Worten buchstäblich unter Qualen und Tränen abtrotzen muss­te. Mit dem Honorar für seinen monumentalen Erstlingsroman konnten die entstandenen Schulden bezahlt werden, aber nicht mehr.

Eines der wenigen erhaltenen Bilder aus der Hand Gottfried Kellers: Landschaft mit Gewitterstimmung, 1842 in München entstandenes Aquarell. Am unteren Bildrand hat sich der junge Maler selbst dargestellt – mutig auf dem Weg ins Ungewisse. Der grosse Malerschirm mit eiserner Spitze ist belegt, ein Geschenk seiner Mutter an den werdenden Landschaftsmaler. (Bild: Hans Wysling, ­Gottfried Keller, Zürich 1990, S. 438)

Erfolge

Abermals war Keller völlig mittellos, als er vor Weihnachten 1855 nach Zürich zurückkehrte und, inzwischen 35jährig, wieder und immer noch bei der Mutter und seiner Schwester lebte. Seine materiellen Sorgen wären zwar ein Jahr zuvor mit einem Schlag gelöst worden. Ihm wurde von offizieller Seite angetragen, den Lehrstuhl für Literaturgeschichte an der eben gegründeten Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich zu übernehmen. Keller lehnte ab, nach Meinung seiner Freunde aus übergrosser Bescheidenheit.
Keller setzte sich nach seiner Rückkehr sofort an die schriftstellerische Weiterarbeit. In erstaunlich kurzer Zeit schrieb er die fünf Novellen nun fast in einem Fluss hin, die wenige Monate nachher unter dem Titel «Die Leute von Seldwyla» wieder bei Vieweg erschienen. In der letzten Berliner Zeit, als Vieweg ihm unter Androhung des Honoraraussetzens verbot, andere Texte zu veröffentlichen, solange sein «Grüner Heinrich» nicht beendet war, hatte Keller sie im Kopf und in Notizen so weit konzipiert, dass ihre Niederschrift in Rekordzeit erfolgte. Die Novellensammlung wurde von der Kritik gut aufgenommen und mit Lob bedacht.
Nun wurde auch das «offizielle» Zürich auf Gottfried Keller aufmerksam. Der Schriftsteller verkehrte und korrespondierte mit Jacob Burckhardt, Gottfried Semper, dem Literaturhistoriker Friedrich Theodor Vischer und dem Komponisten Richard Wagner. Die Novelle «Das Fähnlein der sieben Aufrechten» erschien in Berthold Auerbachs «Deutschem Volks-Kalender», war aber alles andere als eine volkstümliche Erzählung. Die Liebesgeschichte zwischen zwei Handwerkskindern ist bar jeden spätromantischen Gebarens. Sie zeigt, dass auch im Kreis der verdienten Radikaldemokraten, der «Aufrechten», wie sie sich selbst nennen, Selbstgerechtigkeit und engstirniges Verfolgen kleinlicher Eigenvorteile existieren, Haltungen, welche vom Leben selbst korrigiert werden. Wie oft in Kellers Novellen wird diese Korrektur von jungen Protagonisten vorgenommen sowie von der beherzten Ehefrau eines der Hauptakteure.

Erster Staatsschreiber des Kantons Zürich

Trotz alledem konnte Gottfried Keller damals mit seiner Schriftstellerei seine Familie, die sich bisher für ihn aufgeopfert hatte, nicht ernähren. Da setzte eine unerwartete Wende ein. In der Verwaltung des Kantons Zürich wurde die verantwortungsvolle Stelle des Ersten Staatsschreibers frei. Der Träger dieses Amtes entsprach in seinen Funktionen etwa dem, was wir heute einen Regierungssekretär nennen. Ihm oblag nicht nur die sorgfältige Protokollierung der Regierungsratssitzungen. Er musste den Kanton, der damals über sehr viel mehr Kompetenzen verfügte, auch in Amtsgeschäften vertreten oder sie vorbereiten. Keller sagte zu und versah dieses Amt mit grösster Sorgfalt während 15 Jahren, bis 1876. Mit einem Schlag waren nun die engen pekuniären Verhältnisse überwunden. Das Amt füllte ihn aus. Natürlich konnte er schon deshalb nicht viel Literarisches produzieren. Immerhin erschienen in dieser Zeit die «Sieben Legenden», eine echt Kellersche Neudeutung von Motiven aus der christlichen Heiligenliteratur. Bei ihm haben die Heiligen, insbesondere Maria, viel Verständnis für die Menschen, vor allem dann, wenn sie echt lieben. Die Menschenliebe tritt an die Stelle der Gottesfurcht. Dort, wo sie sich gegen Verlogenheit und Gewaltverhältnisse durchsetzt, drückt Maria oft nicht nur ein Auge zu, sie leistet sogar handfeste Hilfestellung.
Nach 15 Jahren treulichster Pflichterfüllung trat Keller von seinem Amt zurück. Einige Kritiker sehen in diesem Lebensabschnitt eine gewaltsame Unterbrechung der schriftstellerischen Laufbahn, was ja nicht zutrifft. Andere betonen das Bedürfnis des Handwerkersohnes, seine Familie endlich finanziell zu sichern, was nicht falsch scheint, aber etwas einseitig. Wenn man die «Züricher Novellen» und den Altersroman «Martin Salander» betrachtet, so liegt ein weiteres Motiv für diesen Lebensabschnitt offen auf der Hand. In diesen Texten spitzt Keller das Thema zu, dass der einzelne nicht für sich lebt, sondern integriert in eine Gesellschaft, die ihn erhält und trägt und der er deshalb auch etwas schuldet. Das gilt ganz besonders für die inzwischen durch die Verfassung von 1848 zum direktdemokratisch regierten Bundesstaat gewordene moderne Schweiz, ein schon damals in Europa einzigartiges Gebilde. Es war der Kanton Zürich, der ihm in entscheidenden Jahren durch die Gewährung eines für damalige Verhältnisse ausserordentlichen Stipendiums den Weg zum Schriftsteller geebnet hatte. Es waren seine Mutter und seine Schwester, die ihm seinen teilweise beschwerlichen Werdegang durch viel Verzicht ermöglicht hatten. Und es war auch das väterliche Erbe in ihm, das ihm gezeigt hatte, dass der Bürger in der Demokratie nicht nur Vorteile geniessen soll, sondern auch Anlass hat, durch seine Fähigkeit dem Ganzen zu dienen. Alledem war mit seinem 15jährigen Dienst an der Gemeinschaft Genüge getan.
Die ihm von verschiedener Seite attestierte Sorgfalt und Kompetenz in der Ausführung seines Amtes zeigen, dass dieser Dienst an der Gemeinschaft für ihn nicht einfach Fron sein konnte. Die hätte ein Gottfried Keller sehr wahrscheinlich nicht 15 Jahre lang ertragen.

Reifejahre

Bereits ein Jahr nach der Staatsschreiber-Zeit erschienen bei Göschen in Stuttgart Gottfried Kellers «Züricher Novellen». Sie geben eine Art Echo auf die Leute von Seldwyla. Während im frühen Novellenband das Psychologische in den menschlichen Verstrickungen dominiert, sind die Züricher Novellen merklich von einem Schriftsteller verfasst, der sich intensiv mit der Geschichte dieses Kantons befasst hat. In den geschilderten Einzelschicksalen wird immer auch eine entscheidende Etappe der Zürcher Geschichte mitgestaltet. Sie ist nicht einfach Staffage, sondern prägendes Element im Erzählganzen. Die Menschen sind von ihrer geschichtlichen Situation mitgeformt und müssen sich in ihr bewähren, wie zum Beispiel gegenüber dem Elitarismus der alten Zürcher Rittergeschlechter, dem rauhen Söldnerwesen in der Zeit der Burgunderkriege, den Wirren der Reformation mit ihren eifernden selbsternannten Propheten, den Täufern.
Vier Jahre später erscheint Kellers letzte Novellensammlung unter dem Titel «Das Sinngedicht». Eine klassische Rahmenerzählung hält die einzelnen dramatischen Geschehnisse zusammen. Sie sind noch einmal stark nach innen gerichtet und variieren in höchst kunstvoller Form das Thema, wie zwei junge Menschen in Liebe zusammenfinden – eine zentrale Lebensaufgabe nach Alfred Adler, deren Erfüllung Keller, diesem feinen Schilderer der Komplexität der Liebe, im Leben verwehrt war. Auch hier ist nichts mehr dem Zufall oder Aberglauben überlassen. Wo die Verbindung gelingt, beruht sie auf der Fähigkeit der Liebenden, sich dem anderen zu schenken und dem Glück tätig, aber nicht vermessen durch entschiedenes Tun nachzuhelfen. Wo sie misslingt, und das ist beim grösseren Teil der Novellen der Fall, stören egoistische Überlagerungen und kleinliches Rechnen.

Gottfried Kellers Begräbnis auf dem Friedhof Sihlfeld in Zürich. Holzschnitt nach einer Zeichnung von Max Fleischer, 1890. Stadtpräsident Hans Conrad Pestalozzi entbietet dem Verstorbenen vor versammelter Trauergemeinde den Abschiedsgruss von Bund, Kanton und Stadt Zürich.
(Bild: Hans Wysling, ­Gottfried Keller, Zürich 1990, S. 438)

Politisches Vermächtnis

In diese Zeit fällt auch die Neufassung des «Grünen Heinrichs». Hinweisen vieler Freunde zufolge, zu denen auch Theodor Storm gehörte, mit dem er intensiv korrespondierte, schnitt er den allzu üppigen Wildwuchs seines monumentalen Erstlings etwas zurück, inhaltlich und manchmal auch sprachlich. 1886, vier Jahre vor Kellers Tod, erschien sein letztes Werk, der Altersroman «Martin Salander». Er zeigt in grosser Verdichtung die Schwächen der damaligen Schweiz, die Keller wohl nicht zuletzt auch durch seine Einblicke als Staatsschreiber noch schärfer erkannt hat. Mit teilweise quälenden Episoden werden ein tüchtiger Schweizer ehemaliger Lehrer und Kaufmann und dessen Familie ins Auge gefasst. Er fällt durch seine Leichtgläubigkeit und Redlichkeit raffinierten kriminellen Machenschaften zum Opfer, die nicht nur seinen mühsam und rechtschaffen aufgebauten Wohlstand zersetzen, sondern auch seine Familie. Seine beiden Töchter geraten an ein Brüderpaar, die als Notare mit krimineller Energie sich immer tiefer in betrügerische Geschäfte verwickeln, auf Grund derer sie sich und die ihnen anvertrauten beiden Salander-Töchter zugrunderichten. Wie im «Fähnlein der sieben Aufrechten» sind es auch hier wieder die bei allen Wirren fest auf dem Boden stehende Ehefrau und der junge Sohn, die das schwankende Schiff zurück auf Kurs bringen – wobei jedem Leser klar ist, dass die aufgezeigten Schwachstellen in der «real existierenden» Schweizer Demokratie der Gründerjahre damit nicht behoben sind. Wie in anderen Texten scheint bei Keller gerade hier die Erkenntnis auf, dass die Demokratie nicht ohne moralisch-ethische Rückbindung an das Ganze gelingen kann. Während in den Leuten von Seldwyla und in den Züricher Novellen die Schurken, die nur ihre eigenen engen Interessen verfolgen, durch das Geschehen selbst bestraft oder korrigiert werden, so ist das Geschwür des grenzen- und gesinnungslosen Egoismus im «Martin Salander» nicht ein für allemal besiegt. Es ist Gottfried Kellers grosse Leistung, dass er als Schriftsteller und Staatsmann diese Schwächen, die heute noch sehr viel bedrohlichere Dimensionen angenommen haben, schon zu seiner Zeit erkannte und packend gestaltete. Ein Grund mehr, seine Werke wieder zu lesen. Sie geben uns auch Aufschluss über das Heute.
In den letzten Lebensjahren machten sich Ermüdung, dann auch Krankheit bemerkbar. Ein Jahr vor seinem Tod fand Gottfried Keller noch die Kraft, sein Lebenswerk in der ersten Gesamtausgabe in 10 Bänden, erschienen in Berlin, zu ordnen und der Nachwelt zu übergeben. Bei seiner Beerdigung am 18. Juli 1890, einen Tag vor seinem 71. Geburtstag, folgte seinem Sarg eine in Zürich noch nie gesehene Menge von Trauernden.    •