Aussenpolitik im jungen Bundesstaat: Verbindung von Neutralität und humanitärem Wirken

mw. In den ersten Jahrzehnten nach der Gründung des Bundesstaates entwickelte sich praktisch das ganze Gefüge der Schweizer Aussenpolitik aus den Anforderungen der Zeit, aufgebaut vor allem von Diplomat -Johann Konrad Kern (1808–1888) und Bundesrat Numa Droz (1844–1899).

Die erste eigentliche Bewährungsprobe für die neutrale Schweiz ergab sich im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. «Im Jahr 1871 entstand, so kann man sagen, die spezifische Ausprägung der eidgenössischen Aussen-politik: Die Verbindung von Neutralität und humanitärem Wirken; erstmals vom Bundesrat als Ziel vorgegeben, wurde sie sogleich in aussenpolitisches Handeln umgesetzt.» (Widmer S. 130) Der Thurgauer Johann Konrad Kern, der über lange Zeit (1857 bis 1883) Gesandter in Paris war, schulterte 1870/71 diese Aufgaben (Widmer, S. 96f.):

  • Neutralitätserklärung: Zum ersten Mal seit der Anerkennung der schweizerischen Neutralität von 1815 musste die Schweiz in einem Krieg zwischen zwei Nachbarstaaten deren Anerkennung ihrer Neutralitätserklärung einfordern, was auch gelang (Widmer, S.134).
  • Gute Dienste: Erste Übernahme fremder Interessen (Schutzmachtmandate): Die Schweizer Gesandtschaft in Paris wurde 1871 vom Königreich Bayern und vom Grossherzogtum Baden mit dem Schutz ihrer Landsleute betraut (Widmer, S. 98). Kern erfüllte diese Aufgabe mit grossem Einsatz: Er stand Hunderten von Süddeutschen bei, die Paris verlassen wollten, und er protestierte aus völkerrechtlicher Sicht dagegen, dass dort verbliebenen Deutschen ihre Rechte entzogen wurden: «Krieg werde […] zwischen Staaten geführt und nicht auf dem Buckel von Privatpersonen». Dabei wurde er vom amerikanischen und vom russischen Gesandten unterstützt, die den Norddeutschen Bund, beziehungsweise das Königreich Württemberg vertraten: «Sein entschlossenes Auftreten blieb nicht ohne Eindruck. Gewiss, die meisten Proteste gingen im Schlachtgetöse unter. Aber ab und zu erreichte er mit seinen Demarchen etwas. Und das ist mehr, als man im Krieg erwarten darf […].» (Widmer, S. 133)
  • Versuch der Friedensvermittlung: In dieser Sache wurde Kerns Vorstoss von Bismarck rasch abgewürgt. Dazu bemerkt Paul Widmer: «Die Guten Dienste eines Kleinstaats scheitern in internationalen Konflikten häufiger, als dass sie gelingen […].» (Widmer, S. 98) Trotzdem eröffnet deren Angebot immer wieder eine Chance.
  • IKRK und Erste Genfer Rotkreuzkonvention: Henry Dunants «Erinnerungen an die Schlacht von Solferino» rüttelten die Welt und auch die Schweizer auf. Die «Erste Genfer Rotkreuzkonvention zur Verbesserung des Loses verwundeter Soldaten», die 1864 von sechzehn Staaten beschlossen und 1868 erweitert wurde, «bot einen völkerrechtlich abgesicherten Flankenschutz, um sich auf ein Gebiet vorzuwagen, das bisher in der Tabuzone der inneren Angelegenheiten eines anderen Staates gelegen hatte.» (Widmer, S. 131) Kern versuchte 1870 gegenüber Deutschland und Frankreich – mit wenig Erfolg – deren Einhaltung zu erreichen, handelte aber mit Rückendeckung des Bundesrates selbst danach.
  • Weiteres humanitäres Wirken: Während die meisten ausländischen Gesandten 1870 Paris verliessen, bestand Kern darauf, so lange als möglich zu bleiben. Er organisierte im eingeschlossenen Paris die Verteilung von Lebensmittelpaketen aus der Schweiz an die 18 000 Schweizer, sorgte für die Evakuierung der Zivilbevölkerung aus Strassburg und gründete ein Spital für Kriegsverwundete und Kranke, um das sich seine Frau besonders kümmerte (Widmer, S. 130 und 132).
  • Internierung der Bourbaki-Armee: Am 1. Februar 1871 ersuchte General Charles-Denis Bourbaki für seine von Kälte und Hunger erschöpften und vom Nachschub abgeschnittenen Truppen der französischen Ostarmee um Aufnahme in der Schweiz: «Dieses Ereignis war nicht nur ein Meilenstein in der Geschichte der schweizerischen Neutralitätspolitik, sondern auch ein wichtiger Schritt in der Entwicklung der Rotkreuzbewegung.» (Schweizerisches Rotes Kreuz SRK)1

Humanitäre Anteilnahme der Schweizer Bevölkerung

«Der Deutsch-Französische Krieg hatte auch jene Schweizer wachgerüttelt, die sich im Windschatten der internationalen Ereignisse wähnten. Die böige Zugluft, die über die Grenze blies, verursachte nicht nur Besorgnis um Unabhängigkeit und Neutralität, sie löste auch eine erstaunliche humanitäre Anteilnahme aus. Die Schweizer richteten den Blick über die Grenze, sie halfen den Kriegsopfern, und das humanitäre Engagement wurde zu einem wichtigen Bestandteil ihres aussenpolitischen Selbstverständnisses.» (Widmer, S. 141)        •

1  «Die Internierung der französischen Bourbaki-Armee in der Schweiz». Schweizerisches Rotes Kreuz SRK (geschichte.redcross)