Elf Jahre unendliche «Bankenrettung»

Wie man sich auf die Zeit danach vorbereiten kann

Wer die Meldungen und Kommentare aus der Finanzbranche über die vergangenen Jahre verfolgt hat, kommt nicht umhin, hinter dem Vorhang der andauernden Erfolgsmeldungen aus der Börse, zunehmend kritische Stimmen zur Kenntnis zu nehmen, die Anlass zu ernsteren und weiterführenden Überlegungen bieten.

rt. Die umtriebige Christine Lagarde (ehem. französische Ministerin, ehem. IWF-Präsidentin) wurde auf Umwegen zur Präsidentin der Europäischen Zentralbank EZB ernannt und beerbt damit Mario Draghi, einen ehemaligen Goldman Sachs-Manager, in seiner Rolle. Beide sind aus dem Personalpool der Hochfinanz (vgl. Zeit-Fragen Nr. 16 vom 16. Juli) und stehen für die sogenannte expansive Geldpolitik. Was soviel heisst, dass Geld ohne Gegenleistung ausgegeben und der Sparzins auf Null gedrückt wird.

Altersvorsorge zerstört

Diese Finanzpolitik, die gestartet wurde, um die 2008/2009 in Schwierigkeiten geratenen Grossbanken zu «retten», bleibt nicht folgenlos:

  1. Das Sparvermögen und die Altersvorsorge verringern sich durch die Nullzinspolitik.
  2. Geld für schlechte Zeiten zu sparen, lohnt sich nicht mehr. Das Geld wird in Immobilien, Aktien und Anleihen investiert, um den Wert zu erhalten.
  3. Dadurch wird die Spekulationsblase an Börse und Immobilienmarkt angeheizt. Die Preise dort spiegeln längst nicht mehr die Realität wider.
  4. Unrentable Firmen erhalten sich nur noch über günstige Kredite. Ihr Bankrott zeichnet sich mit einem Ende der Niedrigzinspolitik ab. Genauso wird es auf dem Hypothekenmarkt zu grossen Problemen kommen, sobald die Zinsen steigen und anschliessend der Wert der Liegenschaften sinkt.

Geldmenge zurücknehmen

Die ursprüngliche Begründung dieser expansiven Geldpolitik, «systemrelevante» Banken zu retten, um eine Weltwirtschaftskrise wie in den 1930ern zu verhindern, wurde erreicht. Doch das 2009 diskutierte Problem, wie die riesige Geldmenge anschliessend wieder vom Markt genommen werden kann, damit es nicht zu einer Inflation kommt, ist nicht angegangen worden.

Nachdem die Banken mit noch mehr Geld gerettet worden waren, hiess es, man müsse nun die Wirtschaft mit viel Geld ankurbeln, um nicht in eine Rezession zu fallen. Und die bisher letzte Begründung für die unausgesetzte Erhöhung der Geldmenge über Anleihen- und Aktienankäufe ist, dass man eine Inflation von 2 Prozent brauche, um einer Deflation vorzubeugen.

Probleme wurden nicht angegangen

Wie man es dreht und wendet, die Regierungen und die verantwortlichen Notenbanken haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Nicht einmal die zwingende Trennung von Geschäft und Investment wurde bei den Banken durchgesetzt. Interessanterweise sind in den letzten Jahren einige Staaten wie zum Beispiel Russland und China vermehrt dazu übergegangen, ihre Währungen über riesige Goldkäufe zu sichern.

Der Crash

Dadurch dass eine Änderung der Geld-politik elf lange Jahre hinausgezögert wurde und weiter hinausgezögert wird, steigen die Schulden in immer astronomischere Höhen. Heute behauptet niemand mehr, dass dieses Geld je zurückgezahlt wird. Ein Crash wird unausweichlich. Damit verengen sich aber auch die Möglichkeiten für einen «Ausstieg» aus diesem Missmanagement:

  1. Eine weltweite Wirtschaftskrise mit Wirtschaftsstagnation, Arbeitslosigkeit, Deflation, Verarmung und einer anschliessenden Inflation (Geldentwertung) oder eine Enteignung über eine Währungsreform.
  2. Der Übergang zu einer staatlich befehligten Wirtschaft mit Lohndiktat, Zwangsabgaben und Stellenzuweisung ist fliessend. Dazu gehört auch die von Christine La-garde unterstützte Abschaffung des Bargelds.
  3. Solch eine Entwicklung wurde häufig durch einen Ausnahmezustand zum Beispiel über einen Krieg mit staatlicher Kommandowirtschaft und Lebensmittelmarken legitimiert.

Wir wissen nicht, ob und wer sich in staatlichen Stellen oder auf internationaler Ebene mit solchen Szenarien auseinandersetzt und ob sinnvolle Vorbereitungen getroffen werden.

Was tun?

Natürlich kann man weiterhin hoffen, dass das, was nun über elf Jahre funktioniert hat, auch die nächsten Jahre so weiter funktionieren wird. Man kann auch empfinden, dass Überlegungen dieser Art belastend sind und sich eine «Lösung» von anderer Seite erhoffen. Eine weitere Möglichkeit, die uns als vorausdenkende und planende Wesen mehr entspricht, ist, sich einige Gedanken über die Zukunft zu machen.

Kooperation

Ähnlich wie vor Naturkatastrophen, von denen man nicht weiss, ob und wann sie eintreffen, kann jeder einzelne, jede Familie oder jede grössere Gruppe Vorsorge treffen.

Da für das Leben in einer Krise eine verstärkte Kooperation im weiteren Umfeld notwendig ist, gilt es, diese schon vor dem Ernstfall ins Auge zu fassen. Kooperationen in der Nachbarschaft, in der Gemeinde oder im Verbund mit anderen Gemeinden werden sinnvoll sein. Dazu spielen persönliche Kontakte eine wesentliche Rolle. Manche bestehen schon, sie können ausgebaut werden oder neue Beziehungen können geknüpft werden. Menschliche Missverständnisse und Konflikte sollten geklärt oder beiseite gelassen werden.

Bei der Kooperation sind ländliche Gebiete oft im Vorteil, da die Menschen dort häufiger gelernt haben, enger zusammenzuarbeiten. Dass dies auch in Städten schnell möglich ist, wissen wir aus verschiedenen Krisen wie zum Beispiel der argentinischen Währungskrise 2001aus Buenos Aires.

Wirtschaftsfragen

Überlegungen zu alternativen Zahlungssystemen (Beispiel Wörgl 1934 oder Chiemgauer) existieren schon länger. Gegebenenfalls wird es notwendig sein, auf sie zurückzugreifen. Hier lassen sich auch vielfältige aktuelle Beispiele finden.

Eine Rückbesinnung auf Selbstversorgung mit Lebensmitteln ist wichtig und sollte nie aus dem Blickfeld geraten (Urban gardening, Schrebergärten). Notwendig wird auch hier eine grossräumige Zusammenarbeit. Hier kann auf historische Erfahrungen zurückgriffen werden, ohne sie eins zu eins übertragen zu wollen (z.B. «Anbauplan Wahlen»).

Neben der Versorgungssituation und einer Notwährung müssen praktikable freiwillige wirtschaftliche Formen der Zusammenarbeit ins Auge gefasst werden, die ein schnelles «Reset» ermöglichen. Zweckgebundene Genossenschaften auf breiter Mitgliederbasis bieten einen Ansatz, um grössere Projekte anzugehen. Sie erfreuen sich schon heute einer zunehmenden Beliebtheit.

Der reiche Erfahrungsschatz zum Beispiel im Bereich des Zivilschutzes, der Ernährungssouveränität, aber auch der Selbsthilfe im Land müssen bewusst gestärkt werden. Die Frage, wie zum Beispiel kranke und alte Menschen zu schützen sind, sollten auch im grösseren Rahmen vorüberlegt werden.

Direkte Demokratie

Wenn die Selbstbestimmung (Souveränität) der Bürgerinnen und Bürger durch fahrlässig oder bewusst herbeigeführte Krisen verlorenzugehen droht, dann gilt es, die demokratischen Grundrechte durchzusetzen und für die weitere Zukunft zu sichern.

Aktuelle politische und wirtschaftliche Fehlentscheidungen, wie wir sie jetzt in vielen Bereichen beobachten können, gehen häufig auf ein Zurückweichen der direkten Demokratie gegenüber Macht und Manipulation zurück. Immer häufiger werden Entscheide nicht mehr dort getroffen, wo die Konsequenzen zu tragen sind (z.B. Finanz-, Einwanderungs- oder Elektrizitätsmarktpolitik), sondern auf «zwischen»- oder «über»-geordneten Ebenen.

Genau von solchen Ebenen werden Fehlentscheide, zum Beispiel im Finanzbereich getroffen, die am Ende Millionen Einzelschicksale betreffen, ohne dass die Menschen je dazu befragt wurden. •