General Henri Guisan als Kulturträger

von Dr. Jürg Stüssi-Lauterburg

General Henri Guisan lebt nach wie vor in den Herzen vieler Schweizerinnen und Schweizer. Die Wahl dieser Ausnahmepersönlichkeit zum «Romand du siècle» durch die klare Mehrheit von 20 000 welschen Fernsehzuschauern im Jahr 2011 war kein Zufall.

Das freundliche Wort bei der Inspektion wird der «Dätel» (Soldat) nicht vergessen. (Bild: Andri Peer. Der Aktivdienst, 1976, S. 33)

Die Schweiz blieb 1939–1945 vom Krieg verschont. Kein Zweifel: Die Erinnerung an diese Ausnahmeleistung schwingt nach.

Die drei strategischen Phasen 1939–1945

Henri Guisan prägte die drei strategischen Phasen: Zuerst ordnete er die Armeestellung an. Sie reichte von Sargans über Zürich bis aufs Plateau von Gempen (SO/ BL). Die Idee war, gemeinsam mit Frankreich, der letzten grossen Demokratie unter unseren Nachbarn, gegen einen Angriff der Nazis kämpfen zu können. Frankreich brach jedoch 1940 zusammen. Nun ging es darum, von der Grenze weg zu kämpfen, vor allem aber Gotthard, Lötschberg und Simplon so lange wie immer möglich zu halten. Als Ultima ratio sollten die Alpentransversalen zerstört werden. Dieser Entschluss verhinderte auf Monate hinaus, dass die Nazis über die Schweiz den italienischen Faschisten Kohle und Stahl zukommen lassen konnten.
Vier Jahre nach Guisans Entschluss, die Armee ins Reduit zurückzuziehen, landeten die Alliierten im Juni 1944 auf dem europäischen Festland. Da schickte der General, in der dritten strategischen Phase, das Gros der Armee aus dem Reduit hinaus an die Grenze, um Neutralitätsverletzungen zu verhindern. Den drei Phasen entsprachen zeitlich ungefähr Guisans Hauptquartiere Spiez und Gümligen (1. Phase), Interlaken (2. Phase) und Jegenstorf (3. Phase).

Guisan als Ausnahmegestalt

All das gehört zur grossen Geschichte des Landes. Guisan besteht vollauf neben den anderen drei Generälen des Bundesstaates, Dufour, Herzog und Wille. Allein, Guisan war nicht bloss, nicht einmal in erster Linie der kluge strategische Entscheidungsträger. Guisan verkörperte vielmehr so etwas wie die Seele des Landes und nahm eine für die Schweiz vollkommen aussergewöhnliche Stellung ein.

Verteidigung durch sittliche Kraft und materielle Gewalt

Dass Guisan eine solche Stellung erreichen und sich seine Reputation halten konnte, hängt zusammen mit seiner Rolle als Kulturträger. Der Oberbefehlshaber verkörperte in den Augen eines grossen Teils der Schweizerinnen und Schweizer Werte und Lebensart. Der Waadtländer wurde als echt wahrgenommen, sonst hätte sich sein Bild nicht halten können. Dieses Bild wurde von ihm selbst und von seiner Umgebung auch sorgfältig gepflegt. Zum Beispiel durch eine Reihe von öffentlichen Vorträgen, die einen robusten gemeinsamen Kern hatten: «Unser Volk und seine Armee»1. Die ersten Sätze dieses Vortrages lauteten jeweils:
«Ein Volk kann sich auf zwei Arten verteidigen: durch die in seinem Patriotismus liegende sittliche Kraft und durch die in seiner Armee dargestellte materielle Gewalt. Die aus diesem Volke hervorgegangene Armee ist selbst wieder von zwei Werten, dem moralischen und materiellen, bedingt.» Dem Anfang entsprach der Schluss: «Das älteste Soldatenvolk Europas darf weder die Schwäche noch die Furcht kennen! Seine Würde verbietet es ihm! Leben ist nichts, aber leben für sein Land ist alles.»

Glaubwürdigkeit des Generals als Grunderfordernis

Nicht Sieg, sondern Würde: Die bedeutungsschwere Priorität setzte, um nicht nur wahr zu sein, sondern auch als wahr zu gelten, beim Redner Glaubwürdigkeit voraus. Glaubwürdigkeit war mit Indiskretionen aus dem Umfeld unter keinen Umständen vereinbar, sondern setzte eine zuverlässige nächste Umgebung des obersten Chefs der Armee voraus.
Guisan war an seiner Glaubwürdigkeit genug gelegen, dass er aktiv den Übergang vollzog aus einer nicht kongenialen Umgebung in eine kongeniale. Bei seiner Wahl zum General am 30. August 1939 stand weder ein Kommandoposten bereit, noch existierten Operationspläne. Guisan begab sich in sein Haus in Pully am Léman. Zur Bundesratssitzung vom 1. September 1939 brachte ihn ein eigens dafür ausgeschicktes Flugzeug von Lausanne-Blécherette nach Bern-Belp.2 Danach basierte der Oberbefehlshaber der Armee für die nächsten drei Tage offensichtlich im Hotel Bellevue. Am Abend des Sonntags, 3. September, nahm der General vor dem Bundeshaus den Vorbeimarsch der 3. Division ab. Montag, 4. September, wurde der Umzug nach Spiez, ins Haus Olvido vorbereitet. In Spiez hatte Guisan sein Hauptquartier vom 5. September bis zum 17. Oktober 1939.

Bemühung um eine kongeniale Umgebung

Der Wegzug von Bern bezweckte primär, Guisan aus dem unmittelbaren Einflussbereich von als deutschfreundlich geltenden und jedenfalls nicht kongenialen Offizieren, allen voran Generalstabschef Jakob Labhart, zu bringen. Hans Bracher, Verbindungsoffizier zwischen dem General und dem Bundesrat, schildert seine eigenen Empfehlungen an den General mit der ihm eigenen Schärfe unter Verzicht auf alle Bescheidenheit:
«Ich packe gründlich aus und schildere ihm das ganze Malaise, die unbezähmbaren Aspirationen von Labhart, X und Y. Wie sich die Herren gegenseitig bekämpfen, um dann doch wieder gemeinsame Front gegen den General zu machen. Um unabhängiger gegen Intrigen zu sein und nach seiner Auffassung die Armee zu leiten, empfehle ich dem General, selbst einen kleinen Stab zu bilden, mit Logoz, Gonard oder einem anderen tüchtigem Gst Of als hauptsächlichem Gehilfen.»3 Wenn auch Bracher ohne Zweifel die Selbständigkeit Guisans unterschätzte, so wurde doch dieser Persönliche Stab des Generals mit Samuel Gonard an der Spitze gebildet. Für Generalstabschef Jakob Labhart wurde das abgeschaffte 4. Armeekorps wiedererrichtet und an die Spitze des Generalstabs gleichzeitig der überaus tüchtige Jakob Huber berufen.

Persönlicher Stab: Handlungsfreiheit wahren

Der Persönliche Stab erlaubte es Guisan nicht nur, mit der nötigen Distanz und mit der nicht weniger wichtigen Stabsunterstützung zu beurteilen, was vom Generalstab kam. Er konnte so seine eigenen Entschlüsse treffen und auch das eigene Geheimnis gegen Indiskretionen in einer selbst für die damaligen Verhältnisse erstaunlichen Weise wahren. So erfuhr Labhart, dem Guisan dafür nicht genügend traute, nichts von den Stabsabsprachen mit den Franzosen für den Fall eines deutschen Angriffs auf die Schweiz. Diese Absprachen waren im Winter 1939/1940 eine unerlässliche, politisch zugleich problematische Eventualplanung. Noch wichtiger war, dass sich der General im Oktober 1939, dem Geist der Absprachen entsprechend, für eine glaubhafte Verteidigung in der Armeestellung Sargans-Zürich-Villigen AG-Plateau von Gempen entschliessen konnte.

Guisan erklärt das Reduit dem US-Militärattaché

Dieselben Vorteile – freier Entschluss und gewahrtes Geheimnis – bot der Persönliche Stab auch später, nach dem Zusammenbruch Frankreichs. Guisans Reaktion auf die neue Lage – Réduit und Rütlirapport – gab der Armee einen neuen Auftrag und dem einen kurzen Augenblick zaudernden Land neue Hoffnung auf Selbstbehauptung. Das genügte nicht: Unsere Freunde in den verbleibenden Demokratien sollten wissen, was wir taten. Der General empfing, wohl im Schloss Gümligen, wo er seit dem 17. Oktober 1939 sein Hauptquartier hatte, den amerikanischen Militärattaché Barnwell Rhett Legge und gab ihm in – mindestens – einem Vieraugengespräch einen detaillierten Abriss der Réduitstrategie.4 Dieses Gespräch war so geheim, dass Legge, ein Veteran des Ersten Weltkriegs, die entsprechende Depesche am amerikanischen Gesandten in Bern und am State Departement in Washington vorbei direkt ans War Office gelangen liess. Von diesem wichtigen Treffen sind in den Schweizer Papieren nur sehr geringe Spuren erhalten. Wir kennen die Sache dank den amerikanischen Archiven.

Menschenkenntnis und Vertrauen

Guisan brauchte Mut, das als richtig Erkannte auch unter sehr grossen Risiken zu tun. Die USA waren damals zwar noch neutral, aber das Vieraugengespräch mit Legge hätte, wäre es bekannt geworden, die Stellung des Generals seinen mit der deutschen Gesandtschaft vernetzten Kritikern gegenüber erheblich, vielleicht fatal geschwächt.
Es brauchte Kühnheit. Es brauchte auch Menschenkenntnis, nur Leute einzuweihen, auf die man sich unbedingt verlassen konnte. In diesem Fall waren das bekannte und unbekannte Amerikaner: Legge, der fliessend französisch sprach, aber auch die – für Guisan – anonymen Kryptographen der Gesandtschaft, welche unter Legges Anleitung arbeiteten, und schliesslich die Adressaten im War Office in Washington. Fakt ist, dass sie alle dicht hielten. Legge stand für sie gerade.
Vertrauen musste man auch den eingeweihten Schweizern, Gonards Nachfolger als Chef des Persönlichen Stabes Bernard Barbey. Als Schriftsteller selber am Publizieren interessiert, bewahrte Barbey wirkliche Geheimnisse bis zum Tod.
Im Vertrauen waren Abstufungen zu beachten, alles vertraute man nicht jedem an. Was später zum Grundsatz «Kenntnis nur, wenn nötig» wurde, wurde von Guisan mit grösster Konsequenz und in filigraner Detail­ierung beachtet.

Schutz der öffentlichen Person Guisans

Der Schutz der öffentlichen Person Guisans durch eine rigorose Geheimhaltung von Aktionen, die ihrer Natur nach nicht an die Öffentlichkeit gehörten, war das eine. Das andere war, dass auch vertrauliche Äusserungen wirklich vertraulich blieben. So schrieb der General seinem bewährten Ersten Adjutanten Albert R. Mayer am 24. November 1944 aus Jegenstorf, wenn sich die Parlamentarier in Militärfragen, von denen sie nichts verstünden, einmischen wollten, könne er ja geradesogut sein Kommando abgeben: «Si les parlementaires veulent se mêler des questions militaires auxquelles ils ne comprennent rien, je n'ai plus qu'à déposer mon commandement.»5
Wie sich das in der Presse gemacht hätte, liegt auf der Hand. Mayer war jedoch so zuverlässig wie Barbey, wie Legge: So lange er lebte, blieb diese Äusserung genauso privat, wie sie gemeint war.

Gute Leute versammeln und mutig das Richtige tun

Fazit: Die richtigen Leute um sich versammeln. Mit Vertrauenswürdigen verkehren. Mit Menschen, die keinen anderen Ehrgeiz haben, als den General in die Lage zu versetzen, mutig das Richtige zu tun, elegant das Notwendige zu sagen.
Das mögen auch andere Kommandanten durch die Militärgeschichte hindurch angestrebt haben. Gelungen ist es wenigen. Was war Guisans Geheimnis? Die Antwort ist wohl in seiner Menschlichkeit zu suchen. Immer gab der General Antwort, immer verständnisvoll, immer als Freund. Seinem kranken Ersten Adjutanten schrieb er in einer besonders kritischen Phase des Aktivdiensts, er solle sich schonen: «La santé passe avant tout.»6

Von Haus zu Haus

Konnte Guisan nicht schreiben, übernahm seine Frau, Mary Guisan-Doelker, diese Aufgabe: Ohne Dank blieb kein Brief, keine Notiz, keine noch so kleine Aufmerksamkeit. Nicht in berechnender Weise, sondern aus innerem Anliegen, ein Leben lang: Weniger als ein halbes Jahr vor seinem Tod bedankte sich der General, der sein 86. Lebensjahr angetreten hatte und sich vornahm, nur noch an Sonntagen zu rauchen, für die ihm von seinem Ersten Adjutanten zum Geburtstag geschenkten Zigarren. Er schloss mit Worten:
«Mes respectueux hommages à Madame Mayer et les amitiés de notre ménage au vôtre.»    •

1    Guisan, Henri. Unser Volk und seine Armee. Zürich. 1940 (eine von mehreren Ausgaben).
2    Steiner, Peter. Nachlass Hans Bracher, Schriftenreihe Bibliothek am Guisanplatz Nr. 52, Bern 2013, S. 109.
3    ebd. S. 115.
4    Stamm, Luzi u.a. A Courageous Stand. Lenzburg 2005, S. 14, 15, 84, 85.
5    Pedrazzini, Dominique M.; Stüssi-Lauterburg, Jürg; Volery, Anne-Marie. En toute confiance …, Brugg 1995, S. 51.
6    ebd.

Quelle: Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift 06/2019, S. 35–37