Erziehung und Bildung im Dienste des Friedens

Zum Buch von Sara Randell «Den Krieg beenden – Die Operation Sunrise und Max Husmann»

von Dr. phil. Winfried Pogorzelski

Zu Beginn des Jahres 1945 spitzte sich der Verlauf des Zweiten Weltkriegs zu: An allen Fronten in Europa, Asien und Nordafrika war die Lage für Hitlers Truppen aussichtslos, so auch an der Südfront in Oberitalien. Am 2. Mai 1945 um 18.00 Uhr – also eine knappe Woche vor der eigentlichen Kapitulation Hitlerdeutschlands – gab Winston Churchill bekannt, dass die Heeresgruppe C der deutschen Wehrmacht in Oberitalien kapituliert hatte. Dies geschah auf Grund geheimdienstlicher Aktivitäten, die unter dem Namen «Operation Sunrise» bekannt wurden und Gegenstand einiger Publikationen sind.1 Im vergangenen Jahr erschien ein weiteres Buch, und zwar von Dr. phil. Sara Randell, Historikerin der Oxford University, mit dem Titel «Den Krieg beenden – Die Operation Sunrise und Max Husmann».2

Husmann, der Lehrer. Josef Ostermayer, der ihn als Direktor des Instituts ablöste, beschrieb Husmann als besonders talentiert beim Erklären von komplizierten mathematischen Problemen.
(Bild aus dem besprochenen Buch)

Erziehung und Bildung zum Frieden

Dr. Max Husmann (1888–1965) war Pädagoge und gründete im Jahre 1926 auf dem Zugerberg das Institut Montana, eine heute noch bestehende internationale Schule mit Internat, zweisprachiger Primarschule, Schweizer Gymnasium und der International School (High School, IB). Er leitete die Schule bis 1946. Ich selbst war dort von 1990 bis 2017 als Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte tätig und erlebte mit, wie Sara Randell vergangenen Sommer beim Ehemaligen-Treffen ihr Buch vorstellte.
Max Husmann war, wie der Titel schon vermuten lässt, nicht nur als Pädagoge tätig; er war auch massgeblich an der Operation Sunrise beteiligt. Der Autorin geht es in ihrem Werk vor allem darum aufzuzeigen, dass Husmann mit seinen Aktivitäten bei der genannten Geheimdienst-Operation und seinem Engagement als Schulgründer und aktiver Lehrer sein wichtigstes Anliegen verfolgte, nämlich einen Beitrag für Frieden und Völkerverständigung zu leisten. Mit seiner Gründung des Instituts und seinem Eingreifen in die Zeitläufe in Form der Operation Sunrise gegen Ende des Zweiten Weltkriegs habe er «seine Ansichten über die Ethik von Krieg und Frieden in die Praxis»3 umgesetzt.
Nach dem Ersten Weltkrieg, dem bis zu diesem Zeitpunkt schlimmsten aller Kriege, beschäftigte Husmann die Frage, wie Katastrophen solchen Ausmasses in Zukunft verhindert werden könnten. Sein pädagogischer Ansatz bestand darin, Schüler aus den verschiedensten Nationen zusammenzuführen, ihnen «Respekt vor ihren Mitmenschen und klares Denken» zu vermitteln, «um der Propaganda widerstehen» zu können.4 Dieses Ziel versuchte er mit seinem pädagogischen Konzept zu erreichen, das sich folgendermassen umreissen lässt: Unterricht in kleineren, international zusammengesetzten Klassen (zehn bis maximal zwölf Schüler), altersdurchmischtes Zusammenleben auch ausserhalb des Unterrichts im Internat, beim täglichen Erledigen der Hausaufgaben («Studium»), bei Sport und Spiel, bei den Mahlzeiten und bei Ausflügen.

Die Operation Sunrise – wechselvoller Verlauf und glückliches Ende

Der Ablauf der Operation Sunrise lässt sich wie folgt zusammenfassen:5 Im Frühjahr 1945 ist der Krieg für Deutschland an allen Fronten verloren; die Kapitulation der Wehrmacht ist nur noch eine Frage der Zeit, auch in Ober­italien, dessen Zerstörung nach dem Prinzip der Verbrannten Erde durch das deutsche Militär droht. Husmann lernt den italienischen Baron und Geschäftsmann Luigi Parrilli kennen, dessen Neffe Schüler des Instituts war und der Kontakte zu hochrangigen SS-Leuten hat, die bereit sind zu kapitulieren. Husmann informiert darüber seinen Freund Max Waibel, den Offizier des schweizerischen Nachrichtendienstes. Waibel und Parrilli treffen sich, und es beginnen Verhandlungen, die unbedingt geheim bleiben müssen: Einmal vor dem Bundesrat wegen der Neutralität der Schweiz und auch vor den Alliierten, war es doch nach einem entsprechenden Abkommen zwischen Churchill, Roosevelt und Stalin strikt untersagt, Gespräche untereinander zu führen ohne Kenntnis bzw. Beteiligung der Russen. Zudem durfte Berlin sprich Hitler auf keinen Fall davon Wind bekommen, dass man hohe deutsche Militärs davon zu überzeugen versuchte zu kapitulieren.
Max Waibel, der von Husmann kontaktiert worden war, wendet sich an Allen Dulles, den damaligen Gesandten des US-Geheimdienstes OSS in Bern. Ihm gegenüber steht Karl Wolff, Berater Hitlers und Himmlers, höchster SS- und Polizeiführer in Italien, für den die Niederlage der Achsenmächte in Italien nicht mehr abzuwenden ist und der sich mildernde Umstände für die Zeit nach dem Krieg verspricht, wenn er sich für eine frühere Beendigung der Kämpfe einsetzt. Hier knüpft Max Husmann an, indem er Wolff in Aussicht stellt, ein gutes Wort für ihn einzulegen. Klar ist aber auch, dass die Kapitulation der Deutschen bedingungslos erfolgen muss und nicht darauf spekuliert werden darf, «die angloamerikanischen Alliierten von den sowjetischen Verbündeten zu trennen und als geeinte Front gegen Stalin zu kämpfen».6
Waibel und Husmann gelingt es unter strengster Geheimhaltung, Karl Wolff in die Schweiz zu bringen. Während der Zugfahrt durch die Schweizer Alpen sprechen Wolff und Husmann hinter zugezogenen Vorhängen zwei Stunden unter vier Augen miteinander. Husmann sieht eine Chance, Wolff vom Sinn einer vorzeitigen Kapitulation zu überzeugen. Zunächst vertritt Wolff jedoch die Position, die «Grundsäulen der menschlichen Existenz» seien «Gehorsam und Gelübde. Wir können für sie sterben, aber sie nicht brechen und weiterleben.»7 Husmann entgegnet – so die Aufzeichnungen von Max Waibel – mit den Worten Johann Heinrich Pestalozzis: «Verbietet das Prinzip des Gehorsams das Denken?»8 Gehorsam, so der grosse Schweizer Pädagoge und Schriftsteller –  bedeute, von den Zwängen der eigenen Selbstsucht befreit, dem eigenen Gewissen gehorchen zu können. Persönlichkeiten in verantwortungsvollen Positionen, so Husmann zu Wolff, sollten Befehle nicht widerspruchs- und bedingungslos ausführen, sondern über sie nachdenken. Schliesslich gelingt es Husmann, Wolff davon zu überzeugen, dass die bedingungslose Kapitulation kein Verrat am Führer, sondern eine patriotische Tat für das deutsche Volk sei. Wolff sagt später, ihm sei bewusst geworden, dass er seinen Eid eigentlich auf das deutsche Volk und nicht auf Hitler geschworen habe.
Der Weg von den ersten Gesprächen bis zur Unterzeichnung der Kapitulations-Dokumente ist nicht nur steinig, sondern auch kompliziert und bisweilen verwirrend, was Sara Randell in ihrem Buch deutlich macht.9 Eine Vielzahl von Personen unterschiedlichster Herkunft und Stellung waren involviert, die Handlung dieses Polit-Thrillers spielte an den verschiedensten Schauplätzen in Italien, der Schweiz und Deutschland, und mehr als einmal stand die Aktion wegen unerwartet auftauchender Probleme vor dem Scheitern. Diverse Schwierigkeiten sind zu bewältigen, so zum Beispiel die Versetzung Albert Kesselrings, des obersten deutschen Heeres- und Luftwaffenoffiziers, der die Operation Sunrise befürwortet, an die Westfront oder die Tatsache, dass die West-Alliierten nun doch die Sowjets über das Unternehmen informieren … Zudem starten die Alliierten eine neue Offensive in Italien, wo doch die Soldaten den Befehl zur Niederlegung der Waffen erhalten sollten. Wolff hat seine liebe Mühe, die Generäle mit ihren «verbohrten Egos, mit der Angst vor Hitler, aber auch mit der unerschütterlichen Treue gegenüber dem Führer»10 zu überzeugen. Am 2. Mai schliesslich, nachdem die Nachricht von Hitlers Selbstmord (30. April) eingetroffen ist, und lediglich eine Woche vor der endgültigen Kapitulation Deutschlands am 8. Mai schweigen in Italien die Waffen. Bereits seit März, das heisst seit den Gesprächen mit Max Waibel, hatte Wolff auf die geplante und zum Teil befohlene Vernichtung von Industrieanlagen und Verkehrswegen verzichtet. Damit blieben die für die Schweiz wichtigen Versorgungswege – Häfen und Eisenbahnlinien – erhalten.

Max Husmanns Herkunft – Motivation für sein Engagement

Aufschlussreich ist das Kapitel «Toleranz lernen», in dem die Autorin Einblick in Husmanns Biographie gibt, um der Frage nachzugehen, warum der Schulgründer des Instituts Montana sich mit Herz und Seele für Frieden und Völkerverständigung einsetzte.
1889 in der Ukraine in eine Familie mit jüdischen Wurzeln geboren, die unter der Russifizierungs-Politik Zar Alexanders II. leidet, erlebt er die brutalen Folgen von Nationalismus und Antisemitismus. Die Familie mit weiter zurückliegenden Wurzeln im luzernischen Dorf Malters wandert nach Zürich aus, als Max zehn Jahre alt ist. Eine grausame Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung der Ukraine am Ende des Ersten Weltkriegs wird von der Familie und vom inzwischen studierenden Max von der sicheren Schweiz aus mitverfolgt. Nichts liegt für Husmann, der schon als Student Nachhilfeunterricht – vor allem in Mathematik – erteilte, näher, als eine Schule zu gründen, um auf eine Gesellschaft hinzuwirken, die «andere Wege als Blutvergiessen und Schlachten»11 findet, um ihre Probleme zu lösen.
Darum gründet er das Institut Montana, das er als sein «liebstes Kind»12 bezeichnet. Den Herkunftsländern entsprechend richtet er verschiedene Sektionen ein, wo die Schüler nicht nur «die akademischen Qualifikationen ihres Heimatlandes»13 erwerben, sondern auch zur Überzeugung gelangen, «dass man die Werte des eigenen Geburtslandes kennen und achten muss. Nur dann kann man jene von anderen Ländern wertschätzen».14 Husmann kann – zusammen mit einem der wichtigsten Lehrer seiner Schule, Huldrich Sauerwein – als Vertreter der Reformpädagogik verstanden werden, deren Ziel es war, über die reine Stoffvermittlung hinaus den Schülern eine Art von Bildung zu vermitteln, die sie dazu befähigt, am Aufbau einer besseren künftigen Welt mitzuarbeiten. Sara Randell nennt hier die Namen von John Dewey, Georg Kerschensteiner, A. S. Neill, Rudolf Steiner und Maria Montessori, die 1932 – neben Sauerwein – vor dem Völkerbund in Genf über Erziehung und Frieden sprach und mehrere Friedenskonferenzen organisierte.

Husmanns Einsatz für Karl Wolff bei den Nürnberger Prozessen

Bei den Nürnberger Prozessen setzt Husmann sich für Karl Wolff ein: Wenn man eine militärische Kapitulation und damit eine Verkürzung von Kriegshandlungen erreichen könne, müsse man notfalls auch einen Pakt «mit dem Teufel»15 schliessen. Man habe Wolff eine loyale Behandlung nach dem Krieg versprochen, «und so haben wir heute kein Recht, unser Versprechen nicht zu halten mit der Begründung, er sei SS-General und die ganze SS-Organisation sei als eine Verbrecherorganisation verurteilt».16 Wolff tritt in Nürnberg nur als Zeuge auf, wohl auch aus dem Grund, dass die Alliierten vermeiden wollen, dass die Operation Sunrise öffentlich bekannt wird. 1964 wird er vom Landgericht München wegen Beihilfe zum Mord an 300 000 Juden zu 15 Jahren Haft verurteilt. Und Max Husmann muss damit leben, sich für die Haftverschonung eines der grössten Kriegsverbrecher der Nazizeit eingesetzt zu haben.

Nachwirkung der Operation Sunrise

Schliesslich widmet sich die Historikerin der Nachwirkung der Operation Sunrise von den Zeiten der Vertuschung unmittelbar nach dem Krieg, in denen man die Rolle von Max Husmann mit einer gehörigen Portion Misstrauen unter die Lupe nahm, bis zur Rehabilitierung seit den sechziger Jahren. Am 6. Mai 2002 veröffentlichte die «Neue Zürcher Zeitung» einen Artikel mit dem Titel «Den Krieg verkürzt», wo es um eine Gedenkveranstaltung für Max Waibel ging. Erst im Jahre 2005, anlässlich des 60. Jahrestages der Operation Sunrise, anerkannte die offizielle Schweiz die Bedeutung der Operation. Der damalige Bundespräsident Samuel Schmid würdigte Max Waibels Handeln ausdrücklich und «anerkannte zudem die wichtige Rolle, die Max Husmann gespielt hatte».17

ISBN 978-3-727-60-13-1

Lehren über die Vergangenheit und für die Zukunft in Sachen Frieden

Besonders beeindruckt hat mich der mit «Politik und Friede» überschriebene Abschnitt gegen Ende des Buches, wo Sara Randell den Genfer Philosophen Jean-Jacques Rousseau zitiert: «Der Krieg ist also keine Beziehung von Mensch zu Mensch, sondern eine Beziehung von Staat zu Staat, in dem die einzelnen nur durch Zufall Feinde sind.»18 Die Autorin lässt anschliessend Max Husmann zu Wort kommen: Er habe seine Aufgabe darin gesehen, «das Verantwortungsgefühl auf das Gewissen des einzelnen zu verschieben, das ausserhalb politischer Doppelzüngigkeit steht».19 Und sie resümiert: «Es mag sein, dass man nicht immer richtig handelt – und die herausfordernden ethischen Überlegungen im Zusammenhang mit dem Prozess gegen Karl Wolff zeigten, wie schwierig es ist, zwischen schwarz und weiss zu unterscheiden. Aber die Geschichte der Operation Sunrise beschreibt Max Husmanns sehr menschliches Bestreben, einen Weg durch die Zweideutigkeiten der Politik zu finden, um das eigentliche und höchste Ziel zu erreichen: Frieden.»20
Sara Randells reich bebildertes Buch bietet nicht nur eine äusserst spannende Lektüre, in deren Zentrum eine der wichtigsten Epochen der Geschichte steht, sondern es offenbart auch dem Leser, was für eine engagierte Persönlichkeit der Gründer des Instituts Montana war. Seine Einstellung zu Krieg und Frieden, sein Engagement als Pädagoge und als aktiv ins Zeitgeschehen eingreifender Zeitgenosse ist bis zum heutigen Tag beeindruckend und vorbildlich.    •

1    Dulles, Allen; von Schulze-Gaervernitz, Gero. Unternehmen Sunrise, Die geheime Geschichte des Kriegsendes in Italien. Wien 1967
      Fuhrer, H.R., Orlansky, Michael. Antreiber und Getriebene. Die ‹deutschen Beteiligten› und das frühzeitige Kriegsende in Italien, 1945. In: Operation Sunrise. Atti del Convegno
      internazionale (Locarno, 2 maggio 2005), a cura di Marino Vigano e Dominic M. Pedrazzini, Lugano 2006
     Halbrock, Stephen. Operation Sunrise: America’s OSS, Swiss Intelligence and the German Surrender 1945. In: Operation Sunrise. Atti del Convegno internazionale
     (Locarno, 2 maggio 2005), a cura di Marino Vigano e Dominic M. Pedrazzini, Lugano 2006
     Waibel, Max. Operation Sunrise 1945 – Kapitulation in Norditalien, Originalbericht des Vermittlers, Schaffhausen 1981 
     Den Krieg verkürzt. In: Neue Zürcher Zeitung vom 6.5.2002
     Ginsberg, Inge. Wie die Schweiz den Krieg verkürzte. In: Weltwoche vom 23.4.2015, ebd. S. 64, vgl. auch ebd. S. 104–107
2    Randell, Sara. Den Krieg beenden. Die Operation Sunrise und Max Husmann, Bern 2018, englische Version: R.S., Ending the War Operation Sunrise and Max Husmann, Bern 2018
3    vgl. ebd., S. 8
4    ebd., S. 64, vgl. auch ebd. S. 104–107
5    Einen informativen Überblick über die Operation gibt auch Joseph Mächler in seinem Buch «Wie sich die Schweiz rettete, Grundlagenbuch zur Geschichte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg», Zollikofen 2017, S. 480–484
6    Randell, Sara, a.a.O.,  S. 29
7    ebd., S. 61
8    ebd., S. 62
9    Eine Chronologie der Ereignisse sowie ein Personenverzeichnis wären hilfreich.
10    ebd., S. 83
11    ebd., S. 61
12    ebd.
13    ebd., S. 105
14    ebd., S. 105f.
15    ebd., S. 96
16    ebd.
17    ebd., S. 116
18    ebd., S. 117
19    ebd.
20    ebd.