Immer mehr Geld schöpfen für die Börse?

ISBN 978-3-909234-24-0

«Wenn das Geld durch die Banken geschaffen wird, dann ist die nächste Frage, wieviel Geld geschaffen wird und für welchen Zweck es verwendet wird. Die Verwendung entscheidet über die Auswirkung dieser Geldschöpfung durch die Banken. Wird das neue Geld für Konsum verwendet – also wenn Banken Konsumkredit vergeben –, dann entsteht natürlich eine Inflation der Konsumentenpreise. Das ist leicht verständlich und bestens bekannt, denn wenn man neues Geld schafft und dieses verwendet wird, die gleichbleibend grosse Zahl der Güter und Dienstleistungen zu kaufen, dann wird dieser Anstieg der Nachfrage zu höheren Preisen führen. Dieses ist wohlbekannt und daher seit den 1970er Jahren in vielen Ländern als Problem auch unter Kontrolle gehalten worden, weil die Zentralbanken mehr darauf achten.
Worauf sie aber anscheinend nicht achten, oder zumindest, was sie gerne fördern, ist, wenn von Banken Kredit und damit Geld geschöpft wird, das für Finanztransaktionen verwendet wird. Es wird also viel neue Kaufkraft durch Kreditschöpfung in die Welt gesetzt, die gezielt zum Kauf von bereits existierenden Vermögenswerten verwendet wird. Das ist in vielen Ländern die am meisten vorkommende Verwendung von neugeschaffenem Bank-Geld, z. B. in Grossbritannien. Da wir nun mehr Kaufkraft haben beim Kauf von Vermögenswerten wie Immobilien und Finanzpapieren, die Anzahl der Vermögenswerte aber kurzfristig unverändert ist, müssen wir natürlich dadurch eine Inflation der Vermögenswerte erwarten. Dies führt zu einer Blasenbildung, und diese geht so lange weiter, wie von den Banken durch Kreditvergabe immer wieder neues Geld in die Finanzspekulation hineingepumpt wird. Es mutet etwas an wie das Spiel ‹Reise nach Jerusalem›. Die Musik spielt, man geht um die Stühle herum. Solange die Musik spielt (also die Kreditschöpfung läuft), muss man weiter laufen – oder ‹tanzen›, wie es der Chef von J. P. Morgan ausdrückte – also in Finanzmärkte investieren. Und solange alle weiter um die Stühle herumtanzen, merkt man nicht, dass es nicht genug Stühle gibt, wenn die Musik aufhört zu spielen. Daher sagte Chuck Prince von J. P. Morgan: ‹The music is playing, and we are still dancing.› Aber wenn die Musik aufhört zu spielen und man sich hinsetzen möchte, dann stellt sich heraus, dass es kaum mehr Stühle gibt. Die Insider haben sich bereits auf den meisten Stühlen breitgemacht, und sie sind alle belegt. Das bedeutet: Diejenigen Spekulanten, die erst spät in dieses Spiel des Spekulierens eingestiegen sind, erhalten nun nicht die erwarteten Kapitalgewinne. Denn wenn die Musik aufhört, dann bedeutet dies ja, die Bankkreditschöpfung für Spekulationskäufe hat aufgehört. Aber genau wegen dieser Bankkreditschöpfung sind ja die Vermögenswerte bisher angestiegen. Es gibt dann also keine steigenden Aktien- und Immobilienpreise mehr, wie heutzutage in Deutschland, sondern sie fallen. Die spätgekommenen Spekulanten können ihre Kredite nicht mehr zurückbezahlen und gehen Bankrott. Dann vergeben die Banken noch weniger Kredite, und die Vermögenswerte sinken weiter. Das führt zu noch mehr Bankrotten.
Banken selbst sind dann auch recht schnell bankrott, weil sie in ihrer Bilanz wenig Eigenkapital haben – meist weniger als zehn Prozent. In einer durch Bankkreditschöpfung angetriebenen Finanzblase (das trifft also auf die meisten Finanzblasen zu) werden die Vermögenswerte meist um mehrere hundert Prozent aufgebläht. Wenn sie aber von diesem Höhepunkt um nur zehn Prozent fallen, dann sind die Banken, die dies alles durch ihre Kredite unterlegen, im Prinzip bankrott. Sie sehen also, dass dies dann recht schnell geht.»
aus: Werner, Richard. Gefahr im Anzug – Die Gegner des Genossenschafts­wesens und ihre Vorgehensweise,

in: Verlag Zeit-Fragen (Hrsg.). Mehr als eine Rechtsform. Die Genossenschaftsidee – Kulturerbe der Menschheit, 2018, S. 20–44, ISBN 978-3-909234-24-0