Wir sind wieder dabei, stehen schon wieder an Russ­lands Grenze!

Als in Wyhl um 1975 gegen das AKW gekämpft wurde, entstand der Piratensender «Radio Verte», und der Liedermacher Walter Mossmann dichtete in einem Lied: «… denn es stirbt in diesen finster’n Zeiten die Wahrheit zentimeterweis’, darum müssen wir sie selbst verbreiten, was ich weiss, das macht mich heiss!» Inzwischen stirbt sie meterweise.
Seit kurzem bin ich Abonnent Ihres Blattes, und jetzt bin ich besser informiert, schweizerisch-neutral ohne Nato-Sprachregelung. Ein grosses Lob Ihrer Redaktion, die ihren Lesern hilft, sich in der grossen Lügenflut zurechtzufinden!
Nun will ich mich als Leser vorstellen: Ich bin als Jahrgang 1927 92 Jahre alt. Als ich 16 war, wurden wir von der Schulbank zur Flak geholt, um die Lücke von Stalingrad aufzufüllen. Das Kriegsende erlebte ich 1945 als 17jähriger Infanterist nahe der Reichshauptstadt Berlin. Mitte April desertierte ich und machte mich auf den abenteuerlichen Heimweg nach Südbaden, der drei Monate dauerte. Gefangenschaft in Sibirien blieb mir erspart, aber ich geriet nach Flucht über den eisernen Vorhang im vermeintlich freien Westen in schreckliche US-Gefangenschaft. Der Lagerkommandant liess uns – mitgegangen, mitgefangen – spüren, dass er begreiflicherweise kein Deutschenfreund war. Ich riskierte die lebensgefährliche Flucht durch den scheinwerferbeleuchteten Stacheldraht. Wer erwischt wurde, wurde erschossen, Wochen nach der Kapitulation! Wir hatten nicht den «Prisoner-of-War»-Völkerrechtsschutz, sondern galten als «Disarmed Enemy Forces». Ich lernte damals schon die «Amis» als Leute kennen, die es mit dem Völkerrecht nicht so genau nehmen.
Jemand, der wie ich durch zerbombte Städte heimgetippelt ist, stimmte dem «Nie wieder» selbstverständlich zu. «Nie wieder – jedenfalls nicht gleich!» soll Erich Kästner hinzugefügt haben. Und jetzt befinden wir uns wieder in nicht gewollter, aber altbekannter Lage: Kriege werden selbst zu hochgefährlichen Atomwaffenzeiten ganz offensichtlich geplant, ein einfach unglaublicher Vorgang!
Und wir Deutschen sind wieder dabei, stehen schon wieder an Russ­lands Grenze! Das ist der «Dank» für Gorbatschows fast unverdientes Entgegenkommen gegenüber uns Deutschen. Ich schäme mich dafür, und mir geht es wie Heinrich Heine: «Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht!»
Wo bleiben die oppositionellen Stimmen grosser Warner, sie leben nicht mehr, die den Krieg erlebt haben, und ich sehe keine Nachfolger ihres Formates: Erich Kästner, Heinrich Böll, Karl Jaspers, der die Einhaltung unseres Grundgesetzes, des Felsens, auf dem unsere Freiheit ruht, anmahnte, und Bertolt Brecht. Dieser warnte, verglichen mit den heutigen Kriegen werden die früheren ein Kinderspiel gewesen sein. Da war auch Wolfgang Borchert kurz nach dem Krieg mit seinem Aufruf «Dann sag Nein!» und der Schreckensvision «Wenn du nicht ‹Nein› sagst, was dann passieren kann.»
Wo sind unsere Politiker, die «Nein!» sagen, etwa die Ex-«Verteidigungs»-Ministerin von der Leyen, es ist kein Nein zu hören, Stimmung wie vor dem grossen Sturm.

Ernst-Udo Kaufmann, Mülheim/Baden, D

KI und andere Ungeheuerlichkeiten

«KI» – Abkürzung für «Künstliche Intelligenz» – ist in aller Munde. Und das zu Recht. Denn es geht dabei um sehr viel, möglicherweise um das Ende unserer Menschlichkeit. Ich übertreibe nicht. Die Gründerväter der «KI» sind es selbst, die zu grösstmöglicher Sorgfalt gemahnen. Wehe, wenn sich das Angestossene einmal verselbständigt!
Schon der Begriff «Künstliche Intelligenz» ist im Grunde genommen widersinnig. Allein der Umstand, dass man inzwischen fast durchgehend nur noch dem Kürzel «KI» begegnet, ist suspekt. Der Begriff «KI» geht sinnigerweise davon aus, dass es ebenso eine natürliche Intelligenz gibt. Einander gegenübergestellt werden somit: Intelligenz und Pseudo-Intelligenz. Mit dem letzteren Begriff bezeichnet man bekanntlich die Abwesenheit von Intelligenz. Computer-«Intelligenz» ist denn auch, wenn man so will, eine Art «Schmalspurintelligenz». Das heisst: Sie funktioniert gerade mal auf der Basis von zwei simplen Signalen: 1 oder 0, ja oder nein. Mehr kann sie nicht, dies allerdings in schwindelerregender Schnelligkeit. In diesem Punkt hat sie die Kapazität des menschlichen Gehirns inzwischen längst in den Schatten gestellt. Aber das ist, näher betrachtet, auch schon alles. Landläufig geht man davon aus, dass – im Widerspruch dazu – intelligentes Verhalten mit einer gewissen Bedächtigkeit, mit sorgsamem Abwägen einhergeht.   
Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten einen Gesprächspartner vor sich, der auf Ihre ernst gemeinten Fragen immerzu nur mit Ja oder Nein antworten könnte. Ich weiss: Ich vereinfache, aber im Prinzip liegt nichts anderes vor. Einem «Wesen», das nur mit Ja oder Nein antworten kann, muten wir spontan wenig Intelligenz zu. Ja, im heilpädagogischen Sinne müsste man von Idiotie sprechen, einer Form gesteigerten Schwachsinns. «KI», gemessen an dem, was Intelligenz im Grunde genommen meint, entspricht denn auch nichts anderem als einer ins Unendliche gesteigerten Dummheit. Und gerade darin liegen die nicht zu unterschätzenden Risiken. Wehe, wenn sie losgelassen! «KI» birgt in der Tat in sich die Gefahr, sich eines fernen oder eben nahen Tages zu verselbständigen. Denn weder Herz (Moral), noch Verstand, geschweige denn Vernunft sind in der Gegenwart von «KI» zu erwarten. In Anbetracht dessen von einem Fortschritt zu reden, erscheint geradezu grotesk.

Daniel Wirz, Zug