«Wir bleiben hier!» – Der 9. November 1989 in Jüterbog

von Henrik Schulze*

1989, im Jahr des Mauerfalls, hatte ich seit rund fünf Jahren in der brandenburgischen Kreisstadt Jüterbog das Ehrenamt des Ortschronisten, eines Stadtgeschichtsschreibers, inne. Neben der Erforschung der bedeutenden Historie der Stadt bot sich plötzlich die Gelegenheit, einen revolutionären politischen Umbruch selbst mitzuerleben und sogleich zu dokumentieren. Am 7. Mai fanden Kommunalwahlen statt, und das erstmals offenkundig unter dem wachsamen Auge von Oppositionsgruppen. Die auch in Jüterbog zu findenden Belege für Wahlfälschungen notierte ich heimlich und versteckte die Notizen in Aktenordnern zur Mittelaltergeschichte. Man musste ja damit rechnen, unerwarteten Hausbesuch von Ermittlern zu bekommen.
Die kommunistischen Machthaber glaubten, mit verschiedenen Tricks in der Wahldurchführung ihre Herrschaft zu festigen. Da das aber nicht verborgen blieb, gruben sie so ihr eigenes Grab. Es scheint ein Prinzip der Geschichte zu sein, dass untergehende Regime dazu verdammt sind, nur Fehler zu machen.

Öffnung von Ungarns Grenzen

Ab der zweiten Jahreshälfte ging es mit der DDR-Staatsmacht rapide bergab. Ab August öffnete Ungarn die Grenzen in Richtung Westen. Der 7. Oktober 1989 war der 40. Gründungstag der DDR und sollte entsprechend spektakulär begangen werden. Doch es wurde kein Freudenfest. Am 2. Oktober notierte man im Volkspolizeikreisamt Jüterbog, «dass die Bürger […] von einer Privatreise in die UVR (Abk. für Ungarische Volksrepublik) nicht in die DDR zurückkehrten». Ähnlich lautende amtliche Einträge gab es auch am 4., 11., 14., 26. und 27. Oktober. Als am 4. Oktober der pass- und visafreie Reiseverkehr mit der CSSR (Abk. für Tschechoslowakische Volksrepublik) zeitweilig ausser Kraft gesetzt worden war, gab es keine Aussengrenze mehr, die wir DDR-Bürger legal übertreten durften.

Erste Demonstrationen auch in Jüterbog

Zuerst in Leipzig und später in immer mehr Städten gingen Menschen in grosser Zahl auf die Strasse, um gegen Ungerechtigkeiten und für demokratische Grundrechte zu demonstrieren. Am 30. Oktober kam es mit etwa 40 Jugendlichen zu einer ersten kleinen Demonstration in Jüterbog, einer Stadt mit damals rund 15 000 Einwohnern, in deren Umfeld mehr als 40 000 Sowjetsoldaten stationiert waren. Doch ganz anders als bei dem Volksaufstand damals am 17. Juni 1953 blieben diesmal die sowjetischen Panzer in ihren Garagen.
Die SED-Führung merkte bald, der «grosse Bruder», wie die Sowjetunion im Parteideutsch hiess, lässt sie allein. So standen die DDR-Genossen auf verlorenem Posten. Noch kämpfte man dagegen an. Am Morgen des 31. Oktober brüstete sich der Sekretär für Agitation und Propaganda der SED (Abk. für Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) der Jüterboger Kreisleitung bei der Schulung von Funktionären der FDJ (Abk. für Freie Deutsche Jugend, SED-Jugendorganisation) auf deftige Weise damit, kirchliche Oppositionsgruppen noch am gleichen Abend fertig machen zu wollen.
Um die politischen Auseinandersetzungen besser kontrollieren zu können, hatte die SED die Parole ausgegeben: «Weg von der Strasse, rein in die Säle!» Doch die Sache ging nicht auf. Zu der Abendveranstaltung in der Gaststätte «Central» waren über 2000 Leute gekommen, für die der Saal nicht reichte. Also zog man kurzerhand auf den Markt vor das Rathaus. Hier gab es eine wortreiche, aber friedliche Auseinandersetzung. Was die Bürger zum Glück nicht wussten: Die SED-Kreis­einsatzleitung hatte ihre «Kampfgruppen der Arbeiterklasse», eine paramilitärische Miliz, alarmiert. Rings um den Marktplatz standen sie mit ihren Maschinenpistolen, versteckt auf Betriebshöfen, in Bereitschaft. Die Kommandogewalt über die «Genossen Kämpfer» hatte von Amts wegen der Erste Sekretär der SED-Kreisleitung, damals eine Frau, die erst kurz zuvor in ihr Amt gekommen war. Nach dem Beitritt der DDR zur BRD zog sie, nun Mitglied der PDS (Abk. für Partei des Demokratischen Sozialismus), für mehrere Jahre als Abgeordnete in den Bundestag. Heute sitzt sie für die Partei Die Linke immer noch in der Stadtverordnetenversammlung.
Reisefreiheit war der grösste Wunsch
Nachdem sich am Vortag in Berlin mehr als eine halbe Million Menschen zur gröss­ten Demonstration der DDR-Geschichte versammelt hatte, kam es am 5. November mit etwa 6500 Personen auch in Jüterbog zu einer Kundgebung mit historischer Rekordzahl. Immer mutiger wurden die Rufe nach Freiheit und mehr Demokratie, gegen die Alleinherrschaft der SED. Auf Transparenten der Demonstranten konnte man ihre Forderungen lesen. Aber auch etliche Bilder mit dem Konterfei von Michail Gorbatschow als entscheidendem Hoffnungsträger waren zu sehen. Themen wie freie Marktwirtschaft und die deutsche Einheit blieben zu dem Zeitpunkt noch unerwähnt. Allein die Reisefreiheit war damals der grösste Wunsch.

Der 9. November in Jüterbog

Um in sachlicher Form aufgestaute Probleme zu besprechen, wurde ein Forum unter Führung der evangelischen Kirche vereinbart. Dazu kam es am geschichtsträchtigen 9. November. An diesem Abend war die Jüterboger Nikolaikirche, eine der grössten Stadtkirchen zwischen Berlin und Leipzig, mit rund 1000 Personen bis auf den letzten Platz besetzt. In den letzten Reihen gab es nur noch Stehplätze. Motto des Abends war im Gedenken an den 9. November von 1938: «Juden und andere Verfolgte staatlicher Macht».
Vor dem Altar war ein Tisch wie für ein Präsidium aufgestellt. Hier sassen das Mitglied des Rates des Kreises für Inneres, der Leiter der Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS, heute «Stasi» genannt), der Leiter der Kreispolizeibehörde (VPKA) und andere. Zum Teil waren die Funktionäre und Offiziere gegen den ausdrücklichen Rat der SED-Parteileitung gekommen. Unter der besonnenen Moderation des Pfarrers der Nikolaikirche konnten die Besucher der Versammlung ihren aufgestauten Frust mit der SED-Herrschaft loswerden. Beeindruckende Einzelschicksale kamen zur Sprache. Die Amtsträger im Präsidium bemühten sich um Verständnis und Volksnähe. An der Eingangstür war ständig Bewegung, die aber im Saal kaum beachtet wurde. Doch plötzlich rief einer der später Gekommenen: «Die Grenzen sind auf! Wir kommen gerade aus Westberlin!» Er hielt dabei Aldi-Tüten in die Höhe. Irgend jemand rief aus dem Kirchenschiff zurück: «Wir bleiben hier!» und erhielt dafür spontanen Applaus der Versammlung. Gemeint war, wir machen unsere Sache hier erst zu Ende. Vielleicht wurde damit aber auch ausgedrückt, wir bleiben im Land …
Trotzdem kam es zu einem spürbaren Aderlass. Aus dem Landkreis Jüterbog hatten seit Jahresanfang bis zum 31. Oktober 131 Personen das Land in Richtung Westen verlassen. Nur im Monat November waren es zusätzlich 192. Darunter vier Ärzte und drei Zahnärzte.

Anfang vom Ende der DDR-Wirtschaft

In Erwartung eines wirtschaftlichen Ruins kauften die Leute panikartig in den Läden des staatlichen Handels. Während der Umsatz des Einzelhandels im Kreis monatlich bei etwa 6,8 Millionen DDR-Mark lag, stieg er im November auf 9,2 Millionen, um bald darauf enorm abzufallen, weil alle nun bloss noch Westprodukte erwerben wollten. Das war der Anfang vom Ende der DDR-Wirtschaft.
Das Jahr 1990 begann mit Wahlkampf und führte schliesslich am 3. Oktober 1990 zum Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes (GG) auf Basis eines Artikels 23, der eigentlich schon am 29. September aus dem Grundgesetz gestrichen worden war. Was viele erhofft hatten, die Schaffung einer vom Volk diskutierten und per Volksabstimmung beschlossenen Verfassung, unterblieb zugunsten des alten BRD-Grundgesetzes. Der Bonner Staat wollte kein Risiko eingehen, durfte es vermutlich auch nicht, weil damit Vorrechte der Siegermächte ins Wanken geraten wären.

Massenarbeitslosigkeit und Korruption

Der Euphorie der Einheitsfeiern folgte eine Ernüchterung. Viele hatten den Eindruck einer «feindlichen Übernahme» der DDR. Auf ökonomischem Gebiet war dafür die Treuhandanstalt zuständig, ein heute noch in Ostdeutschland meist negativ besetzter Begriff. Er ist verbunden mit reihenweisen Werkschliessungen, die nicht allein auf marode Anlagen zurückzuführen waren; mitunter sollte auch nur ein Wettbewerber vom Markt. Weitere Stichworte sind Massenarbeitslosigkeit und krasse Fälle von Korruption.
Die Mehrzahl der Schlüsselstellungen im Staat, in der Justiz und den Medien sind von Westdeutschen besetzt worden. Das Wort «Seilschaften» war in den neunziger Jahren ein Modebegriff. Zum Beispiel wurden bei den Lokalredaktionen einer Landeszeitung noch ganze zwei zeitweilig von Ostdeutschen geführt. Westdeutsche Journalisten erklärten den gewesenen DDR-Bürgern, wie früher das Leben in der DDR war.
Bei den Beamten scheint man nicht selten gerade solche Leute überredet zu haben, in den Osten zu gehen, auf die man in der alten Behörde am leichtesten verzichten konnte. Später kommen zahllose Skandale ans Licht, weil unter anderem den «Weggelobten» der Ostzuschlag im Gehalt, verächtlich «Buschgeld» genannt, zu wenig war. Die kreative Reisekostenabrechnung von Spitzenbeamten beschäftigte noch lange die Gerichte.

Abwanderung vor allem junger Menschen

Die ökonomischen Zwänge fordern ihren Tribut. Wer mobil und flexibel ist, geht dorthin, wo man Geld verdienen kann. Neben den alten Bundesländern sind Österreich, die Schweiz, die Niederlande oder auch Skandinavien Hauptziele vor allem junger Leute. Die Einwohnerschaft der Stadt sinkt um fast ein Drittel. Während das unmittelbare Berliner Umland, «Speckgürtel» genannt, boomt, verarmt die abgelegene Provinz.
Dennoch ist die Stadt Jüterbog sichtbar schöner geworden. Kein Qualm von Braunkohleheizungen verpestet in der Winterzeit mehr die Luft. Die Häuserfassaden tragen bunte Farben. Gehsteige und Strassen sind sichtbar erneuert. Während der Besitz eines Telefons in der DDR ein ausserordentliches Privileg war, bekam in historisch kurzer Zeit jede Wohnung einen Anschluss. Schnell gewöhnt man sich an Errungenschaften, die früher unerreichbar schienen.

Wachsende politische Krise seit 2015

Im zweiten Jahrzehnt nach der deutschen Einheit hätte im Land Zufriedenheit einkehren können. Doch spätestens seit der sogenannten Flüchtlingskrise ab 2015 zeigt sich eine wachsende politische Krise im Land. Das Wort von einer «DDR 2.0» macht die Runde. Die 2010 verstorbene DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley prophezeite schon kurz nach dem Zusammenbruch der DDR: «Man wird sie ein wenig adaptieren, damit sie zu einer freien westlichen Gesellschaft passen. Man wird die Störer auch nicht unbedingt verhaften. Es gibt feinere Möglichkeiten, jemanden unschädlich zu machen. Aber die geheimen Verbote, das Beobachten, der Argwohn, die Angst, das Isolieren und Ausgrenzen, das Brandmarken und Mundtot-Machen derer, die sich nicht anpassen – das wird wiederkommen, glaubt mir. Man wird Einrichtungen schaffen, die viel effektiver arbeiten, viel feiner als die Stasi. Auch das ständige Lügen wird wiederkommen, die Desinformation, der Nebel, in dem alles seine Kontur verliert.»

Die evangelische Kirche als nun «linientreues» Staatsorgan

Die evangelische Kirche, damals 1989 Schutzschild der Opposition und Wegbereiter der friedlichen Revolution, erscheint nun als «linientreues» Staatsorgan, das selbst Jagd auf Oppositionelle und politische Abweichler macht. Unlängst wurde ein evangelischer Bischof zum Rücktritt gebracht, weil er einer «reaktionären» Studentenbewegung angehört hatte und in seiner Jugend «rechte» Artikel verfasst haben soll. Für diesen engen Schulterschluss mit der Merkel-Regierung zahlt die Kirche einen hohen Preis in Form Hunderttausender Austritte. Im Land Brandenburg sank der Anteil der Angehörigen der evangelischen Kirche von 2004 bis 2017 von 20 auf 15 Prozent der Bevölkerung mit weiter fallender Tendenz.

Aufrufe, politisch auffällige Bürger zu melden

Inzwischen gibt es selbst von staatlichen Stellen Aufrufe, politisch auffällige Bürger zu melden, was auch anonym möglich ist. Die Zeitung «Welt» gestand im Mai ein: Nur rund jeder fünfte Deutsche fühlt sich in der Öffentlichkeit frei, seine Meinung zu äussern. Als Tabuthemen gelten die Flüchtlinge und der Islam. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR, Thüringen-Radio) fragte, «welches sind heikle Themen, bei denen man sich leicht den Mund verbrennen kann, wenn man darüber spricht?» 71 Prozent der Befragten entschieden sich für das Thema Flüchtlinge, 66 Prozent gaben Muslime und Islam an. Zahllose Wächter sind Tag und Nacht tätig, um die Onlinekommentarseiten der Massenmedien zu kontrollieren, abweichende Texte zu löschen und renitente Nutzer zeitlich oder dauerhaft zu sperren. Ob versehentlich oder absichtlich, toleriert wurde folgender ironischer Kommentar auf der Seite des Magazins Focus: «Seine Meinung kann man äussern, natürlich, das ist sogar vom GG als Recht garantiert, sofern es die ‹richtige› ist, und wie bekommt der Mensch heraus, welche die ‹richtige› ist, ganz einfach, sie muss mainstreammässig konform sein, und das Publikum muss passend sein und überwiegend aus gehirngewaschenen Nachbetern bestehen!»
Noch während der Zeit des Zusammenbruchs der DDR dokumentierte ich wichtige Fakten, fotografierte Kundgebungen und Demonstrationen und brachte noch vor der Einführung der D-Mark eine kleine Broschüre im Eigenverlag heraus, die an die Geschehnisse erinnert. Möglicherweise will es das Schicksal, dass mir noch einmal die Gelegenheit geboten wird, solche historischen Ereignisse von innen heraus als Zeitzeuge für die Nachwelt festzuhalten.    •

* Henrik Schulze hat unter dem Titel «Jammerbock IV» eine umfassende Geschichte der grössten Garnison der Sowjetarmee ausserhalb der damaligen UdSSR verfasst. Sie kann über sein Antiquariat www.jueterbook.de bezogen werden.