Über den Irrweg einer «digitalen Bildung»

Veranstaltung der Elterninitiative Baden-Württemberg

von Tankred Schaer

Eine «digitale Bildung» kann es nicht geben. Das war eine Schlussfolgerung aus dem Vortrag von Peter Hensinger, zu dem die baden-württembergische Elterninitiative Schule Bildung Zukunft (www.elterninitiative-schule-bildung-zukunft.de) am 9. Februar nach Stuttgart eingeladen hatte und zu der über 70 Teilnehmer gekommen waren. Der Referent bezog sich dabei auf jahrelange Literaturstudien zu dieser Thematik und bekräftigte die Aussagen von kürzlich erschienenen Büchern mit den Titeln «Kein Mensch lernt digital» (Ralf Lankau) und «Die Lüge der digitalen Bildung» (Ingo Leipner und Gerald Lembke).
Warum dann diese Veranstaltung, wenn doch alles eindeutig und klar ist? In der Diskussion wurde deutlich, dass trotz der eindeutigen Forschungsergebnisse mit grossem Druck digitale Medien in den Schulen eingeführt werden sollen. Hierzu gehört die Einigung auf eine fragwürdige Grundgesetzänderung am 20. Februar im Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat, der 5,5 Milliarden Euro Bundesmittel an die Schulen im Rahmen eines sogenannten Digital­paktes folgen sollen.
Wer zur Vorsicht mahnt, wird als fortschrittsfeindlich diffamiert und auf eine Stufe mit denjenigen gestellt, die vor zwei Jahrhunderten vor der Einführung der Eisenbahn gewarnt hatten. Dabei geht es gar nicht um die Verteufelung der digitalen Medien.
Peter Hensinger stellte am Anfang seines Vortrags klar, was damit gemeint ist, wenn von der «digitalen Bildung» die Rede ist:

«Damit ist nicht gemeint, dass LehrerInnen nach eigenem Ermessen digitale Medien und Software als nützliche Hilfsmittel im Unterricht einsetzen, dass Schüler zum Beispiel Word, Power Point oder Excel lernen […]. Es geht bei der ‹Digitalen Bildung› auch nicht darum, zur Medienmündigkeit zu erziehen, was Schule heute unbestritten leisten muss. Im Gegenteil: […] Bei der digitalen Bildungsreform geht es um eine Neuausrichtung des Erziehungswesens. So wie bei der Industrie 4.0 Roboter die Produktion selbständig steuern, sollen Computer und Algorithmen das Erziehungsgeschehen autonom steuern.»

Was bedeutet das für das tägliche Unterrichtsgeschehen? Peter Hensinger zitierte aus einer Broschüre des Bertelsmann-Konzerns:

«Die Software ‹Knewton› durchleuchtet jeden, der das Lernprogramm nutzt. Die Software beobachtet und speichert minutiös, was, wie und in welchem Tempo ein Schüler lernt. Jede Reaktion des Nutzers, jeder Mausklick und jeder Tastenanschlag, jede richtige und jede falsche Antwort, jeder Seitenaufruf und jeder Abbruch werden erfasst.»

An diesem abschreckenden Szenario wird tatsächlich gearbeitet. So werden am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Kaiserslautern für das «Klassenzimmer der Zukunft» Schülerbeobachtungssysteme wie Eye-Tracking und Sprach- und Gestenerkennung entwickelt. Durch die Messung der Gesichtstemperatur mittels Infrarotkameras lasse sich die Belastung von Lernenden feststellen. Die Kombination solcher Datenquellen mit intelligenten Algorithmen wie Deep-Learning-Verfahren ermögliche völlig neue Einblicke in «individuelle und gruppendynamische Lernprozesse».
Wie kann man solche Entwicklungen verhindern? Hierüber gab es eine intensive Diskussion unter den Teilnehmern. Ziel der Veranstalter war es, den betroffenen Eltern eine Stimme zu geben und ein Forum zu bieten, aus Elternsicht Forderungen an Schule und Gesellschaft zu stellen, aber auch, sich selbst Klarheit über die Situation an den Schulen zu verschaffen.
Die Einführung von Netzwerken, Lernprogrammen und der notwendigen Hardware ist ein Milliardengeschäft. Forschungsergebnisse, welche die Einführung dieser unheimlichen Technik untermauern könnten, gibt es nicht. Dennoch wird über die Medien immer wieder versucht, uns einzureden, dass nur mit der umfassenden Digitalisierung der Schulen unsere Zukunft als Bildungsnation gesichert werden kann. Dabei ist es genau umgekehrt.
In anderen Ländern wurden bereits Konsequenzen gezogen. Erstaunt konnten die Zuhörer zur Kenntnis nehmen, dass mittlerweile alle hochgelobten «Steve-Jobs-Schulen» in den Niederlanden geschlossen worden sind. Sie galten als digitales Vorbild für den «Ausstieg aus der Kreidezeit». In Australien wurden im Jahr 2012 nach einem Absacken im Pisa-Ranking etwa 2,4 Milliarden australische Dollar in die Laptop-Ausstattung von Schulen investiert. Seit 2016 werden sie wieder eingesammelt. Die Schüler haben alles damit gemacht, nur nicht gelernt. Ähnliches geschieht in Südkorea, Thailand, den USA und der Türkei.
Auch in Deutschland ist keine Schule per Gesetz verpflichtet, ein WLAN aufzubauen. Kein Lehrer kann verpflichtet werden, Medien einzusetzen, die er nicht einsetzen will. Die Eltern können an den Elternabenden nach dem pädagogischen Konzept fragen, wenn die Computerprogramme die Führung beim «selbstgesteuerten Lernen» übernehmen sollen.
Es ist höchste Zeit, eine Trendwende einzuleiten. Zu Beginn seines Vortrags zitierte Peter Hensinger aus einer Studie über die Veränderung des Freizeitverhaltens von Jugendlichen. Innerhalb von nur 5 Jahren nahm die Smartphone-Nutzung um 75 % zu. Im gleichen Zeitraum nahmen andere Aktivitäten ab: mit Kindern spielen um 13 %, mit Eltern/Grosseltern treffen um 19 %, mit Freunden zu Hause treffen um 29 % und einladen/eingeladen werden um 42 %. Die Schäden, die durch die unbedachte und allein von finanziellen Interessen forcierte Einführung digitaler Medien verursacht werden, sind unübersehbar. Eltern und Lehrer, die das verhindern wollen, haben alle guten Argumente auf ihrer Seite.    •