Gelbwesten: «Die Bewegung ist legitim und demokratisch»

Interview mit Ivan Rioufol, Frankreich*

Nach dem Angriff auf den Philosophen Alain Finkielkraut während der Demonstration der Gelbwesten am 17. Februar in Paris wollte «Boulevard Voltaire» die Einschätzung von Ivan Rioufol erfahren, der die Bewegung von Anfang an verfolgt hat. Wie sieht er deren Entwicklung?
Boulevard Voltaire: Der verbale Angriff auf Alain Finkielkraut durch Gelbwesten vor kurzem hat bei einigen Journalisten und Beobachtern den Verdacht auf Anti­semitismus geweckt. Sind die Gelbwesten schuld am Anstieg des Antisemitismus?
Ivan Rioufol: Die Gelbwesten sind, wenn überhaupt, schuldig, dass sie sich von einer antisemitischen Gruppierung haben infiltrieren lassen. Diese antisemitischen Kreise sind keineswegs Vertreter der «Gilets jaunes». Das wäre zu einfach.
Wenn ich höre, dass einige Leute behaupten, Antisemitismus sei im Herzen der Gelbwesten-Bewegung vertreten, dann sind das «fake news». Das ist nicht wahr.
Letzte Woche hat die Zeitung «Le Monde» die Facebook-Accounts aller Gelbwesten-Netzwerke durchsucht und kam zum Schluss, dass in den Schlüsselbegriffen nirgends ein Anzeichen auf Antisemitismus, Homophobie oder Rassismus zu finden ist.
Wir sehen ja, dass sich bei diesem Vorwurf des Antisemitismus ein Bild mit salafistischem Anstrich ergibt. Warum werden solche Informationen verbreitet? Geht es um die Untergrabung der Glaubwürdigkeit der Gelbwesten-Bewegung?
Seit dem 17. November zielt ein Teil des offiziellen Diskurses darauf ab, die Glaubwürdigkeit dieser Bewegung zu untergraben, die – zu Recht – für die Regierung ziemlich störend ist. Sie ist in der Tat störend, da es um einen grösseren Teil der vernachlässigten Bevölkerung geht, die verlangt, ihren Platz in der Geschichte wieder einnehmen zu können.
Weil es praktisch war, wollte man glauben machen, dass dieser Teil der Bevölkerung Aussätzige seien – es war von der «aufkommenden Lepra» die Rede, und ähnlich schöne Begriffe … All diese Aussagen wurden vorgebracht, um diesen Aufstand zu stoppen.
Je mehr die Regierung versucht, diese Revolte zum Schweigen zu bringen, um so mehr befeuert sie den Radikalismus. Ich rechtfertige diesen natürlich nicht, die Regierung und zahlreiche Intellektuelle machen jedoch alles, um die «Gilets jaunes» zu verunglimpfen.
Diese möchten sich auch gerne äussern. Leider tun sie es oft ungeschickt. Es gibt keine Anführer und keine Slogans. Sie lassen zu, dass ihre eigene Revolution von extremistischen Kreisen übernommen wird. Dafür kann man ihnen keinen Vorwurf machen. Ich habe diese Bewegung von Anfang an verteidigt. Ich finde, sie ist legitim und demokratisch. Sie fordert lediglich, dass die Demokratie demokratisiert wird. Das sind nicht meine Worte, sondern diejenigen von Laurent Fabius [Präsident des Verfassungsrats] im Radio.
Wie sehen Sie die weitere Entwicklung dieser Bewegung?
Es hängt alles davon ab, wie man sie betrachtet. Wenn man sie an den Entgleisungen misst, dann ist das Unbehagen sicher präsent. Ich verspüre es übrigens auch. Ich kann diese wiederholten Gewalttätigkeiten nicht ertragen, die mit der Unterwanderung der Bewegung durch die extreme Linke und die Islamisten zusammenhängen. In diesem Punkt sprechen die Bilder für sich.
Ich verstehe durchaus, dass die Öffentlichkeit ein Widerstreben empfindet gegenüber der Starrköpfigkeit der Gelbwesten, ein Vorgehen weiter zu verfolgen, das im Moment keinen Vorteil bringt. Es liegt nun an ihnen, etwas anderes zu erfinden. Ich denke, sie sollten zu den Verkehrskreiseln und den Orten zurückkehren, wo sie sich zusammengefunden haben, anstatt sich so verzerrt darstellen zu lassen.
Das grundlegende Problem bleibt jedoch bestehen. Es wurde keineswegs gelöst. Es besteht die dringende Notwendigkeit, eine existenzielle Krise anzugehen.    •

*Ivan Rioufol, geboren 1952, ist französischer Journalist, Kolumnist und Buchautor. Seit 1985 ist er in verschiedenen Funktionen bei «Le Figaro» tätig und seit 2000 wöchentlicher Kolumnist und Mitglied der Verlagsleitung. In seinem neuesten Buch «Macron. La grande mascarade» hat er seine Stellungnahmen aus den Jahren 2016/17 zusammengestellt.

Quelle: Boulevard Voltaire, www.bvoltaire.fr vom 19.2.2019

(Übersetzung Zeit-Fragen)