Jaap ter Haar – «Oleg oder Die belagerte Stadt»

Das Wunder von Leningrad im Jugendbuch

von Dr. phil. Diana Köhnen

Eines der dunkelsten Kapitel des nationalsozialistischen Regimes und des Zweiten Weltkrieges ist die Belagerung von Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, von 1941 bis 1944 durch die deutsche Wehrmacht. Nur wenige Menschen in Deutschland wissen noch davon, wohl am wenigsten die Jugendlichen.

Zur deutschen Belagerung von Leningrad im Zweiten Weltkrieg existiert ein spannendes, ergreifendes Jugendbuch, das von Jaap ter Haar verfasst wurde. Der niederländische Autor, der selbst die deutsche Besetzung Hollands miterlebte, damals nach Frankreich flüchtete und Mitglied der französischen Résistance wurde, schrieb in seinem späteren Leben vor allem Kinder- und Jugendbücher, die weltbekannt und in viele Sprachen übersetzt wurden. Eines von ihnen ist das Buch Oleg oder Die belagerte Stadt,1 das aus der Sicht des jungen Protagonisten Oleg und seiner Freundin Nadja die drastische Situation der Zivilbevölkerung in der Stadt menschlich ansprechend schildert.
Olegs Vater ist bei einem der Transporte von Lebensmitteln mit Lastwagen über den zugefrorenen Ladogasee umgekommen. Dieser See stellt die einzige Verbindung zum nicht besetzten Russland dar. Wenn es taute, versuchte man dennoch die Lebensmittelzufuhr für die Stadt aufrechtzuerhalten; der Lastwagen sank ein und Olegs Vater fand den Tod, der viele ereilte, die das Wagnis, den See zu überqueren, unternahmen.
Das Buch setzt mit Olegs Erinnerungen an seinen Vater ein, und man erfährt bald, dass Olegs Mutter durch die vielen Entbehrungen und das Leid krank geworden ist. Oleg ist es, der die täglichen schmalen Lebensmittelrationen in der Suppenküche für die Familie abholen muss. Er unternimmt diesen Weg gemeinsam mit Nadja, deren Vater und Bruder vor Hunger gestorben sind. Nadja macht sich ein Gewissen, weil sie trotzdem vier Lebensmittelrationen abholt und sie schliesslich Oleg für seine kranke Mutter übergibt.
Obwohl geplant ist, dass alle Kinder aus dem belagerten Leningrad evakuiert werden sollen, ist Oleg entschlossen, seiner Mutter beizustehen und die Stadt nicht zu verlassen. Eines Tages kommen Nadja und Oleg auf die Idee, noch mehr Lebensmittel zu besorgen. Sie kennen eine Kartoffelmiete ausserhalb der Stadt, wo sie Kartoffeln holen können, um für ihre Mütter eine nahrhaftere Suppe zu kochen. Sie machen sich auf den beschwerlichen Weg ins Niemandsland zwischen den feindlichen Linien. Dort bricht Nadja vor Schwäche und Erschöpfung zusammen. Deutsche Soldaten tauchen auf, und Oleg ist entschlossen, mit der Armeepistole seines Vaters, die er immer bei sich trägt, auf sie zu schiessen. Wider Erwarten kümmern sich die drei deutschen Soldaten um die Kinder und geben ihnen von ihrer Lebensmittelration ab, damit beide überleben. Nach längerer kontroverser Diskussion entscheiden sich die Soldaten, die Kinder zu den russischen Linien zurückzubringen und sie dorthin zu begleiten. Aus einem Stoffetzen wird eine weisse Fahne gebastelt, die sie vor sich her tragen, um den Russen anzukündigen, dass sie in friedlicher Absicht kommen. Die russischen Soldaten nähern sich ihnen mit grossem Misstrauen, bringen aber einen Dolmetscher mit, der das Anliegen der Deutschen übersetzt. Die Kinder werden übergeben, doch einer der russischen Soldaten schlägt vor, die deutschen Soldaten zu erschiessen, weil er vermutet, sie seien gekommen, um die russischen Stellungen auszuspionieren. Doch da geschieht etwas Unerwartetes: Oleg tritt dazwischen und fordert sie auf, die Soldaten ziehen zu lassen, da sie ja in guter Absicht gekommen sind: «Dann blickte Oleg zu dem russischen Leutnant hinüber. Die verbissene Härte auf seinem Gesicht hatte einem Ausdruck der Verwunderung Platz gemacht. Der Soldat, der hatte schiessen wollen, hatte den Gewehrlauf sinken lassen und scharrte mit den Füssen im Schnee. Andere Soldaten hatten die Augen niedergeschlagen. Der Sergeant starrte auf Nadja. Es war abermals totenstill. Der Leutnant winkte dem Dolmetscher. ‹Sag ihnen, sie können gehen, Iwan Petrowitsch!› Er zögerte einen Augenblick, als suche er nach Worten. ‹Sag ihnen ausserdem, dass wir ihnen dankbar sind. Es wäre schlimm, wenn in diesem Krieg alle Menschlichkeit verlorenginge.›»
Die deutschen Soldaten verabschieden sich, nicht ohne ein Stück Brot und Wurst für Oleg und Nadja zu hinterlassen. «Noch einmal spürte Oleg den vertrauten Druck der grossen Hand auf der Schulter. Dann erhob sich der Kommandant. Langsam sah er sich im Kreis um, mit dem gleichen bekümmerten Lächeln, das Oleg schon zuvor auf seinem Gesicht gesehen hatte, schlug die Hacken zusammen und grüsste – stramm und aufgerichtet, wie es die deutschen Soldaten gewöhnt sind. Und endlich geschah etwas Gutes an diesem langen, elenden Tag. Der junge Leutnant der Roten Armee nahm Haltung an. ‹Abteilung stillgestanden!›, rief er. Alle Russen standen still. Langsam hob der Leutnant die rechte Hand an die Pelzmütze. Es war, als ob er den drei Deutschen eine Ehrenbezeugung erwiese für ihren Mut, ihre Hilfe, ihre Menschlichkeit. […] Das verschneite Land lag nicht mehr als unbeschriebenes Blatt unter dem grauen Himmel. Die deutschen Soldatenstiefel hatten eine Botschaft in den Schnee geschrieben.»
Zwei weitere Jahre der Belagerung liegen noch vor Oleg und seinen Mitbürgern, doch in Oleg hat sich eine innere Wandlung vollzogen, er ist erwachsen geworden und ist nicht mehr voller Hass: «‹Ich bin verändert›, dachte Oleg abermals, denn er fühlte keinen Hass mehr und konnte deshalb an Frieden denken. Noch vor einer knappen Woche hatte er – wie jeder in Leningrad – ständig einen wilden Hass auf die Deutschen verspürt. Gerade dieser Hass hatte ihm häufig geholfen, die Tränen hinunterzuschlucken, und er hatte ihm Kraft verliehen bei allem, was er erlebte: die Luftangriffe, die Brände, die Toten im Schnee. Aber konnte man mit ihm die Trümmer wieder aufbauen? Die Begegnung im Niemandsland hatte Oleg gelehrt, dass es gute Deutsche gab. [...] War es nicht ein Wunder, dass man im Krieg seinen Hass verlieren konnte? […] Oleg dachte jetzt an die russischen und an die deutschen Soldaten an der nahen Front. ‹Herr, erbarme dich ihrer›, betete er leise.»2
Oleg weigert sich weiterhin standhaft sich evakuieren zu lassen, obwohl seine Mutter und sein Onkel Wanja die Evakuierung anstreben. Seine Mutter akzeptiert schliess­lich seine Entscheidung, in Leningrad zu bleiben. Weitere Entbehrungen, Hunger und Tod von Bekannten gehören zum Alltag in Leningrad – auch für Oleg –, bis die Stadt schliess­lich 1944 von russischen Truppen befreit wird und ein Zug deutscher Kriegsgefangener durch Leningrad zieht.    •

1    Jaap ter Haar, Oleg oder Die belagerte Stadt, München 2007 (dtv pocket), antiquarisch oder als E-Book erhältlich.
2    ebd., S. 63

Jaap ter Haar

dk. Jaap ter Haar wurde am 25. März 1922 in Hilversum in den Niederlanden geboren. Nach der Matura 1940 arbeitete er zunächst als Büroangestellter. Nach der deutschen Besetzung Hollands übersiedelte er nach Frankreich und trat der Résistance bei. Nach dem Zweiten Weltkrieg leistete er freiwillig Militärdienst in der Königlichen Marine der Niederlande. Später wurde er Korrespondent für überseeische Radiostationen. In seiner Freizeit war er bereits schriftstellerisch tätig und machte das Schreiben schliesslich 1954 zu seinem Hauptberuf. Seine Kinder- und Jugendbücher wurden weltbekannt und in viele Sprachen übersetzt. Neben «Oleg oder Die belagerte Stadt» gehört sein Jugendroman «Behalt das Leben lieb»1 zu den meistgelesenen Büchern, die er verfasst hat. Jaap ter Haar ist am 26. Februar 1998 in seiner niederländischen Heimat in Laren verstorben.

1    Jaap ter Haar. Behalt das Leben lieb. München 2004 (dtv junior) (ISBN 3-423-07805-7)