«Kritik der Migration – Wer profitiert und wer verliert»

Buchbesprechung

von Ewald Wetekamp

Sich dieses Themas der Migration anzunehmen und das in einer Zeit, wo die politische Korrektheit glaubt, allen vorschreiben zu dürfen, wie dieses Thema behandelt werden muss, ist schon aus dieser Perspektive ein durchaus mutiges Unterfangen. Hannes Hofbauer geht dieses Thema in seinem Buch «Kritik der Migration – Wer profitiert und wer verliert» historisch an. Historisch deshalb, weil er sich nicht auf die Zeit ab 2015 fokussiert. Er betrachtet das Phänomen der Migration durch die Jahrhunderte hindurch und gelangt, was die Ursachen solcher Wanderbewegungen betrifft, zu einem nahezu immer wiederkehrenden vergleichbaren Ursachenzusammenhang. Seine Betrachtung eröffnet einen ehrlichen Blick auf dieses historische Phänomen in all seinen vielfältigen Erscheinungsformen. Auf Grund seines umfassenden Detailwissens gelangt Hofbauer zu Ergebnissen, die den Leser wahrscheinlich nicht selten in Erstaunen versetzen werden.

Von der globalen sozialen Ungleichheit zu Arbeitsnomaden durch Migration

Bereits auf dem Klappentext wird deutlich, worum es in diesem Buch gehen soll. Wie bei nahezu allen politischen Themen haben Spin doctors auch hier ein Narrativ entwickelt, um Migration in einem positiven Licht erscheinen zu lassen. So wird Migration mit Mobilität gleichgesetzt, was in einer hochtechnisierten Welt nichts anderes als vorteilhaft für die entsprechenden Personen sein muss. Schon in dieser Verbindung von Migration und Mobilität wird kaschiert, dass der Mensch hier nur als Arbeitsnomade gesehen wird, sein Wert nur von seiner Arbeitskraft abhängig ist und nur unter dem Gesichtspunkt seiner Verwertbarkeit gesehen wird. Damit degeneriert er zu einer ausschliesslichen Funktion des Marktes, der den Globus umspannt. Dass ein solcher Arbeitsnomade familiär, gesellschaftlich und kulturell entwurzelt ist, ist lediglich eine unausweichliche Folge eines wohlüberlegten, mit Gewalt erzwungenen Markt­szenarios.
Freiwillig wird niemand zum Arbeitsnomaden, denn Hofbauer hält eindeutig fest, dass eben die Sesshaftigkeit die Norm menschlichen Gemeinschaftslebens war und ist. Grenzüberschreitende Wanderbewegungen beziffert er mit jährlich 0,6 % und 0,9 % der Weltbevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten. Freiwillige Wanderungen gab es auch. Diese dienten jedoch nach absolvierter Lehre der weiteren Schulung in der Fremde bei Lehrmeistern, manchmal auch in anderen Staaten. Im Zusammenhang mit der erzwungenen Migration ist ein Hinweis auf die Wandergesellen der letzten Jahrhunderte jedoch nur als infam zu bezeichnen.

Der Migrant als Humankapital seiner selbst

Ebenso infam wie auch erhellend sind die Einlassungen eines italienischen Migrationsforschers, den Hofbauer als Pars pro toto der Migrationsbefürworter und -propagandisten zu Wort kommen lässt. Massimo Livi Bacci schreibt im Jahre 2015 in seinem Buch «Kurze Geschichte der Migration»: «Sich räumlich zu bewegen ist eine Wesenseigenheit des Menschen, ein Bestandteil seines Kapitals, eine zusätzliche Fähigkeit, um seine Lebensumstände zu verbessern.» Seit Jahrhunderten beuten westliche Staaten Kolonien aus. Westliche Industrienationen, genauer gesagt Industriekonzerne, hindern ja gerade Menschen in Entwicklungsländern aktiv daran, ihre Lebensumstände zu verbessern. Und dann soll für den geschundenen Menschen Migration, das Verlassen seiner Familie, seiner Heimat, seiner Kultur, die Lösung sein. Die Ableitung der Migration aus der Fähigkeit des Menschen, sich räumlich zu bewegen, ist hanebüchen genug, diese sogenannte «Wesenseigenheit des Menschen» dann aber noch ausgerechnet als «ein Bestandteil seines Kapitals» zu bezeichnen, verrät die markt­ideologische und kapitalistisch funktionalisierte Sicht auf den Menschen.

Asyl und Migration

Hofbauer legt Wert darauf, Asyl und Migration nicht zu vermengen. Bei Asyl geht es nicht um Wanderungsbewegungen aus existenzsichernden ökonomischen Gründen, sondern um Aufnahme von politisch, rassisch oder religiös Verfolgten. Ein völkerrechtlich verbindliches Recht auf Asyl gibt es nicht. Selbst die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 kennt kein ausdrückliches Recht auf Asyl, aber sie verpflichtet die Unterzeichnerstaaten (bis 2018 haben 145 von 193 Staaten unterschrieben) dazu, anerkannten Asylbewerbern soziale Sicherheiten zuzugestehen.

Soziale Ungleichheit steigert die Unternehmensgewinne

Anhand seiner These, dass es so lange eine Migrationsbewegung geben wird, wie es eine bewusst herbeigeführte globale soziale Ungleichheit geben wird, geht Hofbauer durch die Geschichte und zeigt diesen immer wiederkehrenden Sachverhalt auf. Mit dem Begriffspaar Pull- und Push-Faktoren beschreibt er die lebensunwürdigen Bedingungen in den Herkunftsländern und das, was in den Zielländern so attraktiv erscheint. Man muss sagen «erscheint», denn einmal im Zielland angekommen, geht die menschenunwürdige Ausbeutung weiter. Dieses Mal jedoch mit dem Effekt, dass durch das Lohndumping die Arbeiterschaft in den Zielländern in Mitleidenschaft gezogen wird.
Bis zum Jahr 1973 wanderten 14 Millionen ausländische Arbeitskräfte nach Deutschland ein. Der von Hofbauer zitierte Autor Klaus J. Bade spricht in seinem Buch «Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart» davon, dass «die Ausländerbeschäftigung die Flexibilität des Kostenfaktors Arbeitskraft extrem steigern konnte». Als Folge dieser Flexibilisierung des Kostenfaktors Arbeitskraft ist zu betrachten, dass die Reallöhne in Deutschland zwischen 1992 und 2012 um 1,6 % gesunken sind. Gleichzeitig wurden die deutschen Sozialkassen durch die zu «teuer» gewordenen deutschen Facharbeiter, die nun in die Arbeitslosigkeit entlassen wurden, arg belastet. So finanzierte der deutsche Staat mit Steuergeldern die Gewinne der Unternehmen.

Angriff auf die Subsistenz als Auslöser gewollter Migration

Die Vernichtung der Subsistenzwirtschaft durch Krieg, Umweltkatastrophen und durch Wirtschaftskriege stellt den weitaus grössten Ursachenzusammenhang für Wanderungsbewegungen in der Geschichte dar. Können die Menschen nicht mehr für sich und ihre Familien die zum Leben notwendige Nahrungsgrundlage beschaffen, bleibt neben dem Verhungern nur noch die Migration. Die industrielle Revolution trieb in allen europäischen Staaten die Menschen vom Land in die Stadt. Die gesteigerte Produktivität in der Landwirtschaft führte dazu, dass weniger Arbeitskräfte benötigt wurden. Und da gleichzeitig die Löhne sanken, wurde den Familien auf dem Lande die Lebensgrundlage entzogen. Ihnen blieb der Weg in die industrialisierenden Städte oder nach Übersee, wo gerade weisse Siedler in Nordamerika und Argentinien begannen, der indigenen Bevölkerung landwirtschaftlich nutzbaren Boden zu rauben. «In heutiger Terminologie würden die Folgen der Agrarrevolution des frühen 19. Jahrhunderts als Push-Faktor und die Eroberung Amerikas als Pull-Faktor bezeichnet werden.»
Der Ausbruch des Vulkans Tambora auf Java führte im Jahre 1815 zu einer extremen Umweltkatastrophe. Der dem Ausbruch folgende Temperatursturz führte in ganz Eu­ropa zu einer Agrarkrise. Die Nahrungsmittelpreise stiegen ins Unermessliche, Hunger breitete sich aus. Die Menschen emigrierten, so sie konnten, vorwiegend nach Übersee.
Die EU, ausgestattet mit dem Friedensnobelpreis, subventioniert im Verbund mit anderen westlichen Industriestaaten die Produktion von landwirtschaftlichen Produkten in ihren Ländern mit mehr als einer Milliarde US-Dollar täglich. Wozu das? Sie führen einen Wirtschaftskrieg ausgerechnet gegen die Entwicklungsländer. Die konkurrenzlos billigen Agrarprodukte überschwemmen die Märkte in den Entwicklungsländern, ruinieren nach kürzester Zeit die einheimischen Landwirte, zwingen sie in den Ruin und sorgen so dafür, dass mit dem Verschwinden der Landwirte auch das über Generationen weitergegebene Wissen um Anbau, Aufzucht und Pflege in der Landwirtschaft ausstirbt. Nun hängen diese Länder am Tropf der Industrienationen und werden so gezwungen, fremden Konzerninteressen zu Diensten zu sein. Zum einen werden ihre Rohstoffe geplündert und zum anderen werden die Menschen selbst, die von dieser Marktelite als Humanressourcen betrachtet werden, ausgeplündert, als billigste Arbeitskräfte im eigenen Land oder als zur Migration gezwungene Billiglohnarbeiter in den sogenannten Pull-Ländern.

«Brain Drain» – Zerstörung von Kultur, Wirtschaft und politischen Strukturen

Fachkräfte aus Polen arbeiten als Arbeitsnomaden in Westeuropa. Die Folge: Polen weist einen eklatanten Mangel an Fachkräften auf. IWF und Weltbank legen den Polen nahe, die fehlenden Kräfte aus der Ukraine anzuwerben, die Ukraine soll sich die Kräfte aus Kasachstan holen. Und so fort! Das gilt für alle Länder, die es zulassen, dass sich korporatokratisch gebärdende Grosskonzerne in ihren Ländern breitmachen und sich das Staatswesen unterordnen. IWF und Weltbank übernehmen hierbei Beratungsfunktionen.
Die Folgen für die Auswanderungsländer liegen auf der Hand. Die jüngsten und die fähigsten Köpfe verlassen das Land, hinterlassen Gegenden mit einer krass ungleichgewichtigen Altersstruktur, Gegenden, die über kurz oder lang nicht mehr menschenwürdig überlebensfähig sein werden. Vor allem junges medizinisches Personal verlässt zu Zigtausenden osteuropäische Länder in Richtung Westen. Vergleichbares geschieht in Afrika.
Aber auch die Einwanderungsländer stehen vor unlösbaren Problemen, deren Ausmass viele Politiker heute noch nicht wahrhaben wollen oder aber ideologisch verblendet anstreben. Nehmen wir nur einmal die Erziehungs- und Bildungsaufgabe der Schulen. Welches Land investiert noch in Schule und Bildung, wenn durch Zuwanderung von Arbeitskräften ein teures Schulsystem angeblich überflüssig wird? Mit seinem neuen Einwanderungsgesetz geht Deutschland genau diesen Weg. Es vernachlässigt die Bildung der heranwachsenden Generation und kauft Humanressourcen auf der ganzen Welt ein. Mit einer humanistischen Bildungstradition eines Wilhelm von Humboldt hat das aber auch rein gar nichts zu tun.

No Nations – No Borders

Mit der grossen Wanderungsbewegung islamischer Migranten aus Syrien, Afghanistan, Irak und anderen muslimischen Ländern ist ein unmittelbar zu beobachtender Zusammenhang zu den Kriegen der westlichen Kriegsallianz zu erkennen. Hinzu kam allerdings, wie Hofbauer ausdrücklich aufzeigt, dass die Uno Ende 2014 eine speziell für über 1,5 Millionen syrischer Flüchtlingen aufgelegte Hungerhilfe sang- und klanglos eingestellt hatte.
Neu sind allein das Ausmass und die Hintergrundorchestrierung. Deutschlands Kanzlerin hob in völliger Missachtung ihres Amtseides und in ebensolcher Missachtung staatsrechtlicher Gegebenheiten nicht nur die Staatsgrenzen Deutschlands auf, sondern ebenso setzte sie das Schengen-Regime und die Dublin-Ordnung ausser Kraft, und das im Alleingang. Damit zwang Merkel den Staaten entlang der Flüchtlingsroute ihre Politik auf. Mit ihrem «Wir schaffen das!» schuf die Kanzlerin eine sogenannte Willkommenskultur, die von vielen Menschen in Deutschland bereitwillig aufgegriffen wurde. Diese Menschen engagierten sich ehrenamtlich für die Betreuung der Flüchtlinge bzw. Migranten, sahen in der Willkommenskultur die Verwirklichung der Mitmenschlichkeit und der Nächstenliebe – aber niemand verlor ein einziges Wort über den unsäglichen Kreislauf von Schiessen-Ausbeuten-Flüchten-Helfen.
Andere wiederum sahen darin eine Möglichkeit, im Rahmen einer neu aufkommenden «Sozialindustrie» viel Geld zu generieren. Allein die Bereitstellung von Wohnraum belastete und belastet auch heute noch Kommunen mit horrenden Summen, selbst da, wo der angemietete Wohnraum Leerstände aufweist, da die Verträge mit den Betreibern über zwanzig Jahre geschlossen wurden. Listet man alle Kosten für die Migranten auf, so erreicht man sehr bald 47 Milliarden Euro, das sind 15% eines jährlichen deutschen Bundeshaushaltes.

Ein Appell, sich nicht damit abzufinden

Hannes Hofbauer thematisiert noch viele Punkte mehr. Wer eine profunde Einführung und Analyse der Migrationsproblematik möchte, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Hofbauers Buch ist gut zu lesen, aber nur schlecht zu verdauen, sofern man ein Herz hat, das einem die eigene Verantwortung vor Augen hält. Sein Buch ist ein Appell, durch Aufklärung Veränderungsprozesse einzuleiten. Ein Appell, sich nicht damit abzufinden. Jeder von uns kann einen ihm eigenen Beitrag dazu leisten. Das sei jedem Leser ans Herz gelegt.    •

Wozu «Brain Drain»?

ew. Es ist schon seit langem eine «bewährte» Praxis von Unternehmen und Staaten und hier gerade von Industriestaaten, sich die Kosten, die durch die Ausbildung von Fachkräften anfallen, zu ersparen. So hat Bayer Leverkusen ihren angegliederten Ausbildungsbetrieb in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts geschlossen und die Ausbildung klein- und mittelständischen Unternehmen überlassen bzw. aufgebürdet. Hatten diese dann z. B. Chemiefacharbeiter ausgebildet, was dem Ausbildungsbetrieb horrende Kosten verursachte, warb Bayer Leverkusen diese ab, indem sie einen «besseren» Stundenlohn offerierten. Unterm Strich ein anstrengungsloser Gewinn für Bayer Leverkusen. Aber, wie lange können und wollen die so geschädigten Ausbildungsbetriebe diese Praxis noch aufrechterhalten?
Was zwischen Unternehmen praktiziert wird, geschieht auch zwischen Staaten: 75 % der in Mosambik ausgebildeten Ärzte arbeiteten im Jahr 2000 im Ausland. Für den südlichen Sahararaum waren es 28 % der gut ausgebildeten Fachkräfte, die im Ausland arbeiteten. Im letzten Jahrzehnt verlor Äthiopien 75 % seiner Fachkräfte auf Grund der Push- und Pull-Faktoren. Die häufig von westlichen Politikern und Unternehmern vorgetragene Behauptung, dass es sich bei diesem Phänomen um eine Form der Entwicklungshilfe handle, weil die im Ausland arbeitenden Fachkräfte viel Geld in die Herkunftsländer überweisen würden, greift natürlich viel zu kurz. Es ist richtig, dass in manchen Entwicklungsländern die Überweisungen ihrer Angehörigen aus dem Ausland bis zu 15 % ihres Etats ausmachen, aber der Verlust an Aufbauarbeit im eigenen Land steht dazu in keinem Verhältnis.
Von den USA ist es seit langem bekannt, dass sie die notwendige Intelligenz und die notwendigen Fachkräfte angesichts ihres eigenen maroden Bildungssystems auf der ganzen Welt einkaufen. Mittlerweile hat Deutschland bei der Einwerbung ausgebildeter Fachkräfte im Ausland die USA überholt. Dabei spielen die mit einem so guten Namen versehenen Goethe Institute auf der ganzen Welt eine entscheidende Rolle.