Arbeit – notwendiges Übel oder Erfüllung und Selbstverwirklichung

von Marita Koch

«Wir haben Mühe, qualifizierte und motivierte Mitarbeiter zu finden, die sich für das Unternehmen einsetzen und auch bereit sind, am Samstag zu arbeiten.» Das sagen Herr und Frau Bieker, Inhaber eines mittelständischen Familienunternehmens in einer deutschen Grossstadt. Sie führen ein Studio für hochwertige Küchen, sind bekannt dafür, dass sie fachkundig und zuverlässig auch knifflige und ausgefallene Kundenwünsche erfüllen. Dazu braucht es sowohl hochwertige handwerkliche als auch kaufmännische Fachkenntnisse und Erfahrungen. Vor kurzem suchten sie einen neuen Mitarbeiter, der in Beratung, Planung und im Verkauf tätig sein sollte. Ein qualifizierter junger Mann bewarb sich. Herr und Frau Bieker hätten ihn auch gern eingestellt. Doch da waren einige Hindernisse: Der junge Mann hatte Gehaltsvorstellungen, die das Gehalt der Firmeninhaber um ein Vielfaches überstiegen. Ausserdem wollte der Bewerber keinesfalls am Samstag arbeiten. Doch das ist schwierig für ein Einzelhandelsunternehmen, dessen Kunden sich gern am Samstag beraten lassen. Zusätzlich wollte der Bewerber einen Tag Home-Office machen und kündigte bereits im Bewerbungsgespräch an, er habe vier Kinder, und wenn eines von denen krank sei, würde er zu Hause bleiben. Wir haben den Forderungskatalog hier nur unvollständig wiedergegeben. Die Geschäftsinhaber verzichteten darauf, den Bewerber einzustellen.

Immer weniger Handwerker

Auf solche Anspruchshaltungen stossen nicht nur Einzelhandelsunternehmen. Auch in andern Branchen fehlen Fachkräfte: Maler und Fliesenleger, so die Küchenfachleute, müss­ten sie zehn Wochen im voraus buchen, wenn eine Küche erneuert werden solle. Das sei in der ganzen Republik so. Auch in weiteren Handwerken fehlten Leute: Bäcker und Metzger zum Beispiel gebe es immer weniger. In Zahlen: Von 2008 bis 2017 gingen in Deutschland die Bäckerei- und Fleischereibetriebe um 20 % zurück. Im Lebensmittelhandwerk gab es zwischen 2014 und 2018 nahezu 58 000 unbesetzte Lehrstellen. Ein grosses, alteingesessenes Familienunternehmen, das hochwertige elektrische Haushaltsgeräte herstellt, hat Mühe, Techniker und Ingenieure zu finden, weil es im nordrhein-westfälischen Gütersloh sitzt, und Gütersloh gelte nicht als «hip». Bei Unternehmen in München oder Berlin sei das anders, die fänden besser Personal, weil die Städte «chic und sexy» seien und Partyqualitäten böten.
Wie passt das zusammen mit den vielen Working poor, die es auch in Deutschland gibt? Leute, die zwei Jobs ausüben müssen, um über die Runden zu kommen, oder Aufstocker, die trotz Vollzeitjob nicht genug verdienen und mit Sozialhilfe aufstocken müssen? Solche Leute, erfahre ich, üben extrem schlecht bezahlte Berufe aus: Lagerarbeiten, Aushilfen, Hilfsarbeiten. Es seien schlecht ausgebildete Leute, denen auch die Grundlagen zur Ausübung eines Handwerks fehlen. Und das, obwohl Deutschland kein Entwicklungsland ist, eigentlich eine gute Schulbildung hat (oder hatte?) und – wie auch die Schweiz und Österreich – eine duale Berufsbildung hat.
«Handwerk – das ist uns zu anstrengend» titelte die deutsche «Bild» kürzlich.1 In der Schweiz sieht es nicht viel anders aus. Die klassischen Handwerksberufe seien bei den Jungen nicht mehr so trendig, meint Armin Broger, Gewerbeverband Thurgau2. Dennis Reichhard von der IHK Thurgau ergänzt: «Wir haben zunehmend Probleme, genügend gute Fachkräfte zu finden und nachzuziehen. Unsere Wirtschaftsunternehmen leiden an der Abwanderung junger, qualifizierter Fachkräfte in die Metropolen.»3
Um diese Situation zu verstehen – und um sich zu überlegen, ob und wie man gegensteuern könnte, muss man verschiedene Stränge zusammendenken. Zum einen öffnet sich die Schere zwischen gut ausgebildeten Leuten, die Ansprüche stellen können und es auch tun, und jenen, deren Schulbildung kaum für Hilfsjobs reichen, immer mehr. Da stellt sich die Frage nach der Qualität der Schulbildung, die trotz massiver Investitionen in die Bildung immer mehr Menschen immer weniger qualifiziert. Warum das so ist, darüber hat Zeit-Fragen immer wieder ausführlich geschrieben.

Lustorientiert in die Berufswelt?

Es stellt sich die Frage nach der Einstellung zur Arbeit bei der jungen Generation. Als Lehrer von 7., 8., und 9. Klassen begleitet man die Schüler ins Berufsleben. Unterstützt wird man dabei von Lehrmitteln. Nur: Solche Lehrmittel legen heute Schwerpunkte, die für einen vernünftigen Einstieg ins Berufsleben eher hinderlich sind. Sie beschäftigen die Schüler mit einer intensiven Betrachtung ihrer eigenen Befindlichkeiten und Bedürfnisse. Es steht weniger die Frage im Mittelpunkt: Welche Anforderungen stellt der Beruf an mich? Sondern: Welche stelle ich an ihn? Wo fühle ich mich wohl, was macht mir Spass, sind die Leute nett, habe ich genug Urlaub und nicht zu lange Arbeitszeiten, verdiene ich genug, wie ist das Prestige des Berufs? Selbstverständlich muss der Beruf einem jungen Menschen Freude machen, darum geht es nicht. Es geht hier um die Frage der Gewichtung. Wenn solcherart instruierte junge Menschen in einem Praktikumsbericht den ersten Tag in der Firma beschreiben sollen, liest man oft die Antwort: «Alle waren nett zu mir.» Über die Firma können viele oft nicht viel sagen, weil ihr Augenmerk nicht darauf gerichtet ist. Oft erfährt man kaum, was die Firma eigentlich macht. Aber wann Pause war und wann Arbeitsschluss, das erfährt man fast immer. Wenn sie einmal über längere Zeit eine Arbeit durchhalten müssen, ohne dass es Abwechslung gibt, klagen viele über Langeweile. Damit setzen die Schüler das fort, was sie in der Schule bereits gelernt haben: Ansprüche stellen. Nicht ihre Leistung, ihr Beitrag ist wichtig, sondern dass man nett zu ihnen ist und nicht zu viel von ihnen verlangt. Dass sie es lustig haben. Sie kommen morgens zur Schule, lassen sich von den Lehrern und Lehrerinnen unterrichten, unterhalten, bespassen, machen mit, wenn es sie interessiert, beklagen sich, wenn sie es «langweilig» finden oder nicht verstehen usw. Auf jeden Fall empfinden sie kaum Verantwortung für das, was in der Schule passiert. Oft hat man sie weder im Elternhaus noch in den bisherigen Schulen mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass es auch auf sie ankommt – und dass eine Leistung vollbringen weit mehr Freude und Genugtuung bringt als passives Konsumieren. Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff warnt: «Es ist abzusehen, dass eine steigende Zahl nicht arbeitsfähiger Jugendlicher die ohnehin überstrapazierten und leeren Sozialkassen in Zukunft immer weiter belasten wird. Das gesellschaftlich noch grössere Gefahrenpotential wird aber darin liegen, dass einer immer grösser werdenden Zahl an jungen Menschen in naher Zukunft jegliche Sozialkompetenz fehlen wird. Diese Menschen leben rein lustorientiert, nur im Moment, verschwenden keinen Gedanken an morgen. Sie sind nicht in der Lage, Verantwortung zu übernehmen, weder für sich noch für andere Menschen, weder in einer privaten Beziehung noch im beruflichen Kontext. Wie Kleinkinder fordern sie stets alles für sich ein und belasten damit den sozialen Frieden erheblich.»4 Sarah Konrath, US-amerikanische Psychologin, veröffentlichte im Jahr 2011 eine Studie, in der sie anhand von Standardtests nachweisen konnte, dass heutige Jugendliche im Vergleich zu ihren Kollegen vor 20 oder 30 Jahren ein in etwa um 40 % geringeres Empathievermögen aufweisen, die Folge von übermässigem Medienkonsum.5 Und – so möchte ich hinzufügen – die Jugendlichen haben, wenn sie mit Spasskultur und Medienkonsum abgespeist werden, nicht die Genugtuung, dass sie etwas bewirken, dass sie real von Bedeutung sind für andere, für ein gemeinsames Werk, eine gemeinsame Arbeit. Wirkliche Befriedigung kann man nicht konsumieren, sie kommt nicht aus dem Smartphone und nicht aus dem Vergnügungspark. Sie erfolgt aus der Anstrengung, aus der Überwindung von Schwierigkeiten aus eigenen Kräften, daraus, dass man für eine gemeinsame Sache einen wichtigen Beitrag leistet, der wirklich von Bedeutung ist, der sich in der Realität, nicht nur in Schulnoten niederschlägt.

Selbstbewusstsein durch Leistungen im realen Leben

Ein Schüler, 13 Jahre alt, half als Dachdecker aus. Das Dach war vollständig abgedeckt, da begann es in Strömen zu regnen. Sofort bildeten alle Handwerker eine Kette, um die neuen Dachziegel anzureichen und das Dach in aller Geschwindigkeit fertig zu decken – der junge Mann mittendrin, ein wichtiges Glied in der Kette. Wie der sich gefühlt hat, als das Werk gemeinsam vollendet war! Solche Erlebnisse machen stark, wecken Freude an der Arbeit und an der Übernahme von Verantwortung. Ab und zu gelingt es, dass ein Schüler in einem Berufspraktikum die Erfahrung macht, wirklich gefordert zu sein, dass er in der Erwachsenenwelt einen realen Beitrag leistet, nicht nur einen pädagogisch vorgeschobenen, dass er unentbehrlich ist für den Betrieb. Eine junge Frau, die in einem längeren Praktikum in einer Buchhandlung abends totmüde umfällt, weil sie im Weihnachtsgeschäft pausenlos gefordert war. Ein junger Mann, der die Erfahrung macht, Kunden in einem Sportgeschäft gut beraten zu können. Der Kinder- und Jugendpsychologe Allan Guggenbühl konstatiert: «In der Arbeit erleben die Jugendlichen oder Kinder, dass es auf sie ankommt.»6
Wenn solch ein junger Mensch zurück in die Schule kommt, scheint er oft um Jahre reifer. Er steht anders im Leben, lernt anders, weiss wozu. So bedacht, ist es geradezu ein Verbrechen, jungen Menschen immer nur zu «Spass» verhelfen zu wollen, man nimmt sie nicht ernst, indem man sie von Kindesbeinen an nach ihren «Bedürfnissen» fragt. Ernst genommen werden sie auch nicht, wenn sie mit Computerprogrammen am Gängelband gehalten werden, auch wenn sich das «selbständiges Lernen» nennt. Sie wirklich ernst zu nehmen heisst, ihnen von früh auf altersangemessene Aufgaben zu übertragen, Verantwortung zu geben, so dass sie sich als bedeutsames und nicht nur konsumierendes, abhängiges Mitglied der Gemeinschaft fühlen können. Winterhoff stellt die Gestaltung von Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen Lehrern und Schülern in den Mittelpunkt. Er sieht eine Ursache im unreifen Verhalten vieler Jugendlicher in dem Bestreben vieler Eltern und Lehrer, mit den Kindern ein partnerschaftliches Verhältnis zu pflegen, statt ihnen als Erwachsene zu begegnen. «Eltern sind eben nicht vorrangig Freunde, Partner und Mentoren ihrer Kleinkinder, sondern deren Schutzengel, Leitfigur und Begrenzung im positiven Sinne.»7 Auch in der Schule sei die Beziehung das Wichtigste, meint Winterhoff, und kritisiert: «Lehrer werden häufig nur noch zu Mentoren degradiert, die nicht mehr für Stoffvermittlung zuständig sind, sondern begleitend zuschauen sollen, wie schon die Jüngsten sich alles selbst aneignen.»8

Kinderarbeit? Kinderarbeit!

Guggenbühl plädiert für eine neue Art der Kinderarbeit. Er grenzt sie ab von der Kinderarbeit früherer Zeiten, in der Kinderarbeit oft auf Grund der grossen Not der Familien nötig war. Unter miserablen Arbeitsbedingungen haben die Kinder aber oft gelitten. Deshalb hat man die Kinderarbeit schliess­lich verboten. Heute haben wir, so Guggenbühl, «über das Ziel hinausgeschossen. Kinder werden zur Arbeitslosigkeit gezwungen. Nicht arbeiten und sich nur dem Computer widmen zu dürfen, erleben ältere Kinder und Jugendliche als eine Entwertung. Sie fühlen sich degradiert, da sie nichts einbringen und der Gemeinschaft keinen Beitrag leisten: Eine Entwürdigung und kein Privileg.»9 Eindrücklich berichtet er von einer Schule in Kyoto, in der Schüler an der Pflege der Schule, dem Empfang der Gäste usw. aktiv beteiligt wurden. Nach seiner Meinung strahlten die Schüler und Schülerinnen dieser Schule «eine grosse Selbstsicherheit und Kompetenz aus!» Er plädiert dafür, Kinder ab neun Jahren für ein bis zwei Tage in der Woche arbeiten und Geld verdienen zu lassen, und macht sehr konkrete Vorschläge, welche Art der Arbeiten sich für welches Alter eigenen könnte, wie diese Arbeit begleitet und reglementiert werden könnte, so dass die Kinder Nutzen, aber keinen Schaden davon haben.10
Ein Vorschlag, der eine ernsthafte Diskussion verdient. Und auch unser Erziehungsverhalten in Elternhaus und Schule müssen wir überdenken und ändern, wollen wir unserer Jugend eine wirklich erfüllende Berufstätigkeit ermöglichen und unserer Gesellschaft gute Berufsleute und eine funktionierende Wirtschaft.    •

1    «Bild» vom 16.2.2019
2    Thurgauer Zeitung vom 6. Februar
3    ebd.
4    Winterhoff, Michael. Persönlichkeiten statt Tyrannen. Oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen. München 2010, S. 15
5    Konrath, Sarah. Changes in Dispositional Empathy in American College Students Over Time. 2001
6    Guggenbühl, Allan. Für mein Kind nur das Beste, Zürich 2018, S. 206
7    Winterhoff, a.a.O., S. 162
8    ebd., S. 160
9    Guggenbühl, a.a.O., S. 198
10    ebd., S. 197