Triumph der Kunst über die Barbarei

Zum Dokumentarfilm «Das Wunder von Leningrad» und zu seinem historischen Hintergrund

von Dr. phil. Winfried Pogorzelski

Am 27. Januar 2019 jährte sich zum 75. Mal die Befreiung von Leningrad. Die Sowjet­union war am 22. Juni 1941 von den Truppen des Deutschen Reiches überfallen worden.

Der Komponist Dmitri Schostakowitsch als Luftschutzwart auf dem Dach des Leningrader Konservatoriums 1941. (Bild zvg)

Belagerung und Befreiung von Leningrad

Im Verlauf des Septembers schloss sich der Belagerungsring um Leningrad, weil Hitler beschlossen hatte, «die Stadt Petersburg vom Antlitz der Erde zu tilgen».1 Während der 872 Tage dauernden Belagerung kamen etwa eine Million Leningrader Einwohner ums Leben, sie verhungerten, erfroren – besonders zahlreich im extrem kalten Winter 1941/42 mit Minustemperaturen bis 40 Grad – und kamen durch Gewalt ums Leben. Diese Barbarei stellt das grösste Kriegsverbrechen der Nazis nach dem Holocaust dar.
Einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung des Widerstands leistete die unter extremen Bedingungen im Konzertsaal des Leningrader Konservatoriums am 9. August 1942 stattfindende Aufführung der 7. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch.2 Sie war für den 355. Tag der Belagerung von der Sowjetführung angeordnet worden, um die Moral der Bevölkerung zu stärken. Der Komponist hatte aus Sicherheitsgründen Leningrad verlassen. Er hielt sich in Kuibyschew an der Wolga (seit 1990 wieder Samara), südöstlich von Leningrad auf, wo er das Werk vollendete. Von einem tollkühnen Militärpiloten, der die deutsche Luftblockade durchbrochen hatte, war die Partitur nach Leningrad gebracht worden.

Das Doku-Drama «Das Wunder von Leningrad»

Dieses beeindruckende Ereignis ist Gegenstand eines sehenswerten Films der Gattung «Doku-Drama» von Christian Frey und Carsten Gutschmidt.3 Im Zentrum der Geschehnisse stehen der Komponist Dmitri Schostakowitsch, sein Sohn Maxim, die damals 17jährige Erzieherin Olga Kvade, der deutsche Unteroffizier Wolfgang Buff sowie der Dirigent des Leningrader Rundfunkorchesters Karl Eliasberg. Schaupieler verkörpern in aufwendig produzierten Spielfilmszenen die damaligen Akteure, zum Teil kommen sie selbst als Zeitzeugen zu Wort. Ausschnitte aus Experten-Interviews und originale Filmaufnahmen liefern wertvolle Informationen und unvergessliche Eindrücke. Mit dieser Vorgehensweise erreichen die Autoren ein Mass an Unmittelbarkeit, das seinesgleichen sucht.

Die Helden und ihr Schicksal

Als die deutschen Truppen im September 1941 den Belagerungsring um Leningrad schliessen, werden die Zukunftserwartungen der jungen musikbegeisterten Erzieherin Olga Kvade, die in einem Waisenhaus arbeitet und ihre Heimatstadt über alles liebt, jäh zerstört: Je länger die Belagerung andauert, desto mehr kämpft die Bevölkerung, darunter etwa 400 000 Kinder, rund um die Uhr ums nackte Überleben: Hunger, Krankheit und Tod sind allgegenwärtig, im Winter kommt die eisige Kälte dazu. Jahr für Jahr verlieren Tausende ihr Leben, am Ende der Belagerung sind etwa eine Million Tote zu beklagen. Ständig läuft das Radio, dessen Sendungen die Bevölkerung und die Soldaten ermuntern sollen durchzuhalten.
Dmitri Schostakowitsch, gebürtiger Leningrader, arbeitet an seiner 7. Sinfonie, die ein Fanal des Widerstands werden soll. Nach der Fertigstellung der ersten drei Sätze wird der Komponist auf ausdrücklichen Wunsch der Parteileitung und gegen seinen Willen zusammen mit seiner Familie evakuiert, damit er sein Werk sicher vollenden kann. Bis dahin hat er seine Pflicht als Luftschutzwart beim Leningrader Konservatorium erfüllt. Schostakowitsch stellt die Partitur im Exil fertig. Er präsentiert «seine Leningrader» vor laufender Kamera mit den Worten: «Meine Sinfonie Nr. 7 widme ich unserem Kampf gegen den Faschismus, unserem sicheren Sieg über den Feind und meiner Heimatstadt Leningrad.»4

Vorbereitung des Konzerts unter extremen Bedingungen

Karl Eliasberg, Dirigent des Radio-Sinfonie-Orchesters von Leningrad, kommt die grosse Aufgabe zu, das 75 Minuten dauernde, anspruchsvolle Werk aufzuführen, sobald die Partitur zur Verfügung steht. Sie gelangt tatsächlich in die belagerte Stadt! In aller Eile werden die Noten von Eliasbergs Frau für die Musiker kopiert. Endlich kann das Werk von den Musikern einstudiert werden. Die konkreten Umstände erschweren jedoch das Projekt erheblich, ja, sie gefährden es: Nur noch dreizehn Mitglieder des Orchesters stehen zur Verfügung. Die übrigen leben nicht mehr oder sind zu geschwächt, um musizieren zu können. Schliesslich können die restlichen benötigten Musiker durch Suche in den Krankenhäusern und durch einen Radioaufruf gefunden werden. Alle Akteure, die sich der grossen Aufgabe annehmen, sind durch Hunger und andere Entbehrungen beeinträchtigt. Eliasberg spricht von einem «Haufen Amateure und Militärmusikanten».
Der Dirigent steht wegen des wichtigsten Auftrags seines Lebens enorm unter Druck. Gelingt es ihm, in nützlicher Frist seine Pflicht zu erfüllen? Er rechnet mit seiner Liquidation, sollte er versagen, handelte er doch im Auftrag der diktatorischen Sowjetführung. Oft ist er der Verzweiflung nahe, der Zuspruch seiner Frau bewahrt ihn immer wieder davor aufzugeben. Der Durchhaltewillen des Orchesters und seines Leiters ist Vorbild für alle Leningrader.

Aufführung und Wirkung der «Leningrader»

Im Sommer 1942 ist es so weit. Zunächst hält Eliasberg im Radio eine Ansprache, in der es heisst: «[…] Schostakowitsch schrieb diese grosse Komposition. […] Europa dachte, dass Leningrad am Ende ist. Doch diese Darbietung zeugt von unserem Widerstandsgeist, unserem Mut und unserer Bereitschaft zu kämpfen. Hören Sie zu, Kameraden!»5 Die Sinfonie wird im Konzertsaal des Leningrader Konservatoriums aufgeführt, vom Radio live gesendet und ist in der ganzen Stadt über Lautsprecher zu hören. Eliasbergs Frau gratuliert anschliessend gerührt ihrem Mann: «Du hast das Unmögliche möglich gemacht.» Blumen gibt es keine für den Dirigenten; aber er und das Orchester ernten einen riesigen Applaus. Die Aufführung verfehlt ihre Wirkung nicht: Sie gilt als Wendepunkt des Krieges: weil sie Durchhaltevermögen und Widerstandskraft der sichtlich bewegten Einwohner nachhaltig stärkt und weil sie zudem auch die deutschen Soldaten erreicht und zutiefst beeindruckt: «Uns dämmerte», so berichteten nach dem Krieg Veteranen dem Dirigenten Eliasberg, «dass wir Leningrad nie einnehmen würden. Wir sahen ein, dass es etwas gibt, das stärker ist als Hunger, Angst und Tod – nämlich der Wille, Mensch zu bleiben.»6
Dmitri Schostakowitsch schliesst in seinen Kommentar seine massive Kritik am Stalinismus ein, wenn er in seinen Memoiren, deren Echtheit bis heute umstritten ist, schreibt: «Ich empfinde unstillbaren Schmerz um alle, die Hitler umgebracht hat. Aber nicht weniger Schmerz bereitet mir der Gedanke an die auf Stalins Befehl Ermordeten. Ich trauere um alle Gequälten, Gepeinigten, Erschossenen, Verhungerten. Es gab sie in unserem Lande schon zu Millionen, ehe der Krieg gegen Hitler begonnen hatte  […]. Ich habe nichts dagegen einzuwenden, dass man die Siebte die ‹Leningrader› Symphonie nennt. Aber in ihr geht es nicht um die Blockade. Es geht um Leningrad, das Stalin zugrunde gerichtet hat. Hitler setzte nur den Schluss­punkt.»7

Die Not des Kriegsalltags

Auch aus der Perspektive deutscher Soldaten wird berichtet. Gleich zu Beginn seines ersten Einsatzes in der Sowjetunion wird der junge deutsche Unteroffizier Wolfgang Buff schonungslos damit konfrontiert, was es heisst, in Russland zu kämpfen: Er beobachtet, wie ein verwundeter Kamerad von niemandem aus der Schusslinie geholt wird. Voller Entsetzen muss er mit ansehen, wie nicht nur der Verwundete von einem Kameraden erschossen wird, sondern auch ein weiterer, der ihn zu retten versucht! Buffs Vorgesetzter kommentiert die unmenschliche Szene mit den zynischen Worten: «Willkommen in Russ­land!» Der gläubige Christ Buff kann nur noch stammeln: «Herr, erbarme dich unser!»
Über den zugefrorenen Ladoga-See wird während der Wintermonate mit Lastwagen Nachschub herangeschafft. Dennoch gehören Verhungern und Erfrieren zum Alltag. Einmal trifft Buff auf einen alten Russen, der mit einem Beil Stücke aus einem toten gefrorenen Pferd heraushackt. Der junge deutsche Soldat zeichnet daraufhin einen Fisch als Symbol des Christentums in den Schnee, woraufhin sich der Alte bekreuzigt. Als Buff später selbst einem verletzten Kameraden helfen will, trifft auch ihn ein Schuss; er stirbt mit den Worten: «Wenn ich falle, dann in die Arme des himmlischen Vaters.» Das Geschehen wird dem Zuschauer anhand von Spielfilmszenen drastisch vor Augen geführt. Wolfgangs Bruder Joachim liest Zitate aus dem Kriegstagebuch des jungen Soldaten.
Diese und andere erschütternde Schicksale werden schlaglichtartig beleuchtet. Mit deutscher militärischer Gründlichkeit kommen Entbehrung und Tod in die Stadt, die der Bevölkerung alles an Durchhaltevermögen und Tapferkeit abverlangen. Bildmaterial und Filmszenen aus den Archiven8 illustrieren dies auf beklemmende Art und Weise. Es gibt weder Strom noch fliessendes Wasser, die Lebensmittel gehen aus, Katzenfleisch, gekochte Baumrinde, Leim werden verzehrt, es gibt Fälle von Kannibalismus, Wasser wird aus Eislöchern der Newa gewonnen, Hungernde und Tote liegen auf den Strassen, darunter auch Kinder, Särge werden mit Pferdeschlitten transportiert …
Was das Doku-Drama mit Spielfilm-Szenen und Zeitzeugen-Berichten schildert, präzisieren Ausschnitte von Experten-Interviews mit dem Historiker Sönke Neitzel und der britischen Journalistin und Schriftstellerin Anna Reid.9

Musik – Lehrerin der Geschichte

1944 wird Eliasberg als verdienter Künstler der UdSSR ausgezeichnet, dann gerät er bis zu seinem Tod 1978 in Vergessenheit. Drei Jahre zuvor stirbt Dmitri Schostakowitsch – mit Ehrungen und Auszeichnungen überhäuft – als einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, der sich seines Lebens unter der Sowjetdiktatur nie sicher sein konnte. Die monumentale «Leningrader» mit ihrem exemplarischen Inhalt und Gehalt – Widerstand gegen Gewalt und Sieg der Kunst über die Barbarei – bietet bis heute einen unmittelbaren, sinnlichen Zugang zu Ereignissen von historischem Rang und deren Wirkung auf die Menschen.10 Einmal mehr begegnet uns die Musik als hervorragende Lehrerin der Geschichte; sie ist «allgemeiner Ausdruck von Gewalt und Bedrohung, eine überzeitliche symphonische Anklage gegen Unrecht, Schreckensherrschaft und die rücksichtslose Negierung des Individuums. All das hatten Schostakowitsch und unzählige Bürger der Sowjetunion lange vor Kriegsbeginn qualvoll am eigenen Leibe erfahren durch den Stalinschen Terror der 1930er Jahre.»11 Schostakowitsch resümiert im Jahre 1975 am Ende seines Lebens: «Das wichtigste Objekt der Kunst aber bleibt […] der Mensch, seine Geisteswelt, seine Ideen, Träume, Wünsche.»12 In die 7. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch haben, so die Musikwissenschaftlerin Vera Baur, «der Grundklang der Gewalt und die tiefe Sehnsucht nach Humanität»13 gleichermassen Eingang gefunden.    •

1    Zitiert nach: Mijnssen, Ivo. Der andere Völkermord. Vor 75 Jahren wird die sowjetische Stadt Leningrad von der Roten Armee aus der deutschen Blockade befreit. In: Neue Zürcher Zeitung vom 26. Januar, S. 7
2    Widerstand gegen Gewalt, Ungerechtigkeit und Krieg ist schon seit geraumer Zeit Gegenstand von Musik. Bezüglich des Zweiten Weltkriegs denke man nur an Benjamin Brittens berühmtes Werk «War Requiem», ein etwa 90 Minuten dauerndes Stück für Gesangssolisten, Chor, Kammer- und Sinfonieorchester zum Gedenken der Kriegstoten der Luftschlacht um England. Es wurde 1962 in der neu gebauten Kathedrale von Coventry uraufgeführt, deren Vorgängerbau im Rahmen der deutschen Bombardierung der Stadt Coventry im Zweiten Weltkrieg bei der Luftschlacht um England weitgehend zerstört worden war. Vgl. auch Bundeszentrale für politische Bildung. Wie den Frieden in Töne setzen? www.bpb.de/apuz/29179/wie-den-frieden-in-toene-setzen
3    Leningrad Symphonie / Das Wunder von Leningrad, Doku-Drama, D 2017, 90 Minuten, Regie: Christian Frey, Carsten Gutschmidt, Kamera: Jürgen Rehberg, Marc Riemer, Tom Bresinsky, Michael Kern, Yuri Ermolin
Schnitt: Marcel Martens, Produktion: gebrüder beetz filmproduktion (Reinhardt Beetz), In Koproduktion mit: NDR, NDR/Arte, SWR, RBB, DR, NRK, LVT, Czech TV
    Der Film wurde und wird manchmal noch von verschiedenen Fernsehsendern ausgestrahlt, so zum Beispiel von Arte, der ARD und anderen. Eine Zeit lang ist er dann jeweils von den entsprechenden Mediatheken abrufbar. Eine DVD kann direkt beim Produzenten bezogen werden: gebrueder beetz filmproduktion Hamburg, Eppendorfer Weg 93a, D 20259 Hamburg, E-Mail: hamburg@gebrueder-beetz.de
4    Im Internet anzusehen unter www.spiegel.de/einestages/leningrader-sinfonie-von-schostakowitsch-1942-ueberleben-mit-musik-a-1194616.html
5    Zitiert nach Iken, Katja. «Leningrader Sinfonie. Mit Pauken und Trompeten gegen den Terror». In: Der Spiegel vom 27. Februar 2018, unter dem Titel, nachzulesen unter www.spiegel.de/einestages/leningrader-sinfonie-von-schostakowitsch-1942-ueberleben-mit-musik-a-1194616.html
6    ebd.
7    Baur, Vera. Die «Leningrader» – überzeitliche Anklage, zitiert nach BR Klassik, www.br-klassik.de/themen/klassik-entdecken/schostakowitsch-leningrader-siebte-symphonie-100.html
8    Dreissig Fotos mit jeweils informativer Legende sowie einiges Filmmaterial enthält auch der Artikel von Katja Iken, a.a.O.
9    Reid, Anna. Leningrad, The Epic Siege of World War II, 1941–1944, dies.: Blokada, Die Belagerung von Leningrad 1941–1944, Berlin 2011
10    Empfehlenswerte CD-Aufnahme: Mariinsky Orchestra (Orchester des Mariinsky-Theaters in Petersburg), Valery Gergiev, Schostakovich, Symphony No 7 in C major, Op. 60 ‹Leningrad›, siehe auch: www.mariinskylabel.com
11    Vera Baur, a.a.O.
12    ebd.
13    ebd.