Demokratie, Kultur- und Friedensethik

Zum Gottfried-Keller-Jubiläumsjahr

von Dr. phil. Peter Küpfer*

Eine Ausstellung mit Werken von Urs Knoblauch im Gottfried-Keller-Zentrum Glattfelden würdigt den Realisten von Weltrang und stellt ihn in eine weit verzweigte humanistische Tradition.

Die zentrale Installation der Ausstellung, dem vielfältigen Wirken von Gottfried Keller gewidmet. Sie baut sich um eine alte Schulbank herum auf: Hinweis darauf, dass Gottfried Keller einer guten und umfassenden allgemeinen Schulbildung eine fundamentale Bedeutung für das Gelingen der Demokratie beimass. Im Vordergrund der Künstler Urs Knoblauch. (Bild lk)

In der lichterfüllten Galerie im Dachstock des geräumigen traditionellen Hauses, heute das Gottfried-Keller-Zentrum, mitten im Weinbauerndorf Glattfelden (Zürcher Unterland), hat Gottfried Keller einen Ehrenplatz eingenommen. Die ihm gewidmete zentrale Installation ist umrahmt von Kunstwerken, die elf weiteren geistesverwandten Schriftstellern gewidmet sind. Die Lichtgestalten reichen von Johann Heinrich Pestalozzi, Goethe und Schiller über Henry Dunant, Leo Tolstoi, Albert Schweitzer, Bertha von Suttner und Romain Rolland bis Meinrad Inglin, Albert Camus und Tschingis Aitmatow. Die stimmungsvolle Galerie ist so zu einem Gesamtkunstwerk ausgestaltet, das in der Bildersprache des Zürcher Konzeptkünstlers Urs Knoblauch einen grossen geistesgeschichtlichen Bogen schlägt. Gemälde, manchmal grossflächig, manchmal detailorientiert, sind mit Fotografien, symbolhaften Gegenständen und Texten an Wänden und Nischen zu ganzen Installationen ausgestaltet. Alle Arbeiten sind versehen mit aussagekräftigen Zitaten, manchmal graphisch gestaltet, oft in der Handschrift des Künstlers den Gemälden selbst einverleibt.

Versammlung humanistischer Geister

Die Ausstellung mit Werken von Urs Knoblauch ehrt den grossen Realisten Gottfried Keller aus Anlass seines 200. Geburtstages. Sie betont die geistigen Wurzeln des Schweizer Schriftstellers von Weltrang. Diese sind verankert in der weltumspannenden humanistischen Denktradition, welche den Menschen ins Zentrum setzt und ihm Wert und Würde zuspricht, weil er Mensch ist. Urs Knoblauch verdeutlicht es mit den ihm eigenen künstlerischen Mitteln: Gottfried Kellers Realismus beruht in seinem Wesen auf Sittlichkeit und sozialer Mitverantwortung. Er ist geprägt vom Einstehen für den Menschen, für seine Würde, für seine Freiheit und für seinen Anspruch, ein Leben in Frieden und ehrlichem Austausch zu führen. Dieses Anliegen und das Ringen darum teilt er mit den anderen im Raum präsenten Schriftstellern. Seine Eigenheit ist, dass er diese Grundhaltung auch politisch fasste – er sieht sie als unabdingbar für das Gelingen der modernen Demokratie, wenn sie diesen Namen verdient, konkretisiert in der modernen schweizerischen Demokratie, die er nicht nur lobt, sondern immer wieder auch an ihrem Anspruch misst.

50 Jahre Konzept «Genauer Erfassen»

Urs Knoblauch ist in Zürich geboren und aufgewachsen. Der Künstler durchlief zunächst eine gestalterische Ausbildung und erhielt ein Kunststipendium der Stadt Zürich. Er war nach seinem Diplomabschluss für das Höhere Lehramt (Gymnasiallehrer) als Zeichenlehrer am Literargymnasium Rämibühl in Zürich bis zu seiner Pensionierung voll berufstätig und hat als Pädagoge, neben seiner künstlerischen Tätigkeit und seinen permanenten Veröffentlichungen als Kultur­publizist, Generationen von jungen Menschen die Freude am Zeichnen und Malen mitgegeben und dabei ihren Blick auf die Welt geschärft. Als Mitglied der Maturitätskommission des Kantons Schwyz ist der begeisterte und begeisternde Lehrer weiter mit der Schule verbunden. Als Künstler dem von ihm seit 50 Jahren verfolgten eigenen Konzept «GENAUER ERFASSEN» verpflichtet, ist Urs Knoblauch regelmässig an Ausstellungen und orts- und raumbezogenen Arbeiten im In- und Ausland präsent. Seine ethischen, humanistischen und kulturgeschichtlichen Themen stehen im Dialog von Malerei, Fotografie und Text. Der Konzeptkünstler lebt und wirkt heute zusammen mit seiner Frau Lene in seinem Atelierhaus im thurgauischen Fruthwilen, hoch über dem Untersee.

Kultur- und Friedensethik

Urs Knoblauch stellt seine Ausstellung unter den Titel «Kultur- und Friedensethik». Sie hat den bezeichnenden Untertitel «Zum sittlichen und sozialen Realismus in der Literatur- und Kulturgeschichte – Wirken für das Individual- und Gemeinwohl». Wie in Vorgängerausstellungen bindet Urs Knoblauch die bildnerisch-textuellen Botschaften auch hier an die menschliche Kultur. Der Konzeptkünstler legt grosses Gewicht auf die Verantwortung gerade auch des Künstlers dafür, dass unsere Kultur wahre Kultur, also menschlich bleibt. Beim Besuch der Ausstellung begegnet der Betrachter in jedem Detail Persönlichkeiten, die den Menschen im Zusammenwirken mit seinen Mitmenschen und seinem gesellschaftlichen Umfeld sehen. Für Urs Knoblauch ist der echte Realismus eng mit der Friedensethik verbunden, sie entwickelt sich wesentlich aus dem Verantwortungsgefühl einzelner Individuen fürs Ganze, das Bonum commune.

Gottfried Keller (Bild wikipedia)

Zentrale Installation zu Gottfried Keller

Die Gottfried Keller gewidmete zentrale Installation ist um ein altes Schülerpult aufgebaut. Es erinnert an Gottfried Kellers eigenes Ringen um Bildung und daran, wie zentral sie gerade für diesen Schriftsteller zurückgebunden war an die Fundamente einer lebendigen Demokratie. Demokratie in ihrer ureigensten Form war und ist nur möglich, wenn sie mit dem ethischen Fundament verbunden ist. Eine gute allgemeine Schulbildung, die nach Pestalozzi sowohl die Kräfte des Geistes, die körperlich-manuelle Geschicklichkeit sowie die Kräfte des Gemütes einbezieht, ist für Gottfried Keller eine der Grundvoraussetzungen dafür. Nur so kann der anspruchsvolle Weg einer von den Bürgern selbst getragenen und mitverantworteten Demokratie gelingen, wie sie in der schweizerischen Bundesverfassung von 1848 gültige Gestalt angenommen hat.

Vom Maler zum Schriftsteller

Der spätere Schriftsteller und aufbauend-kritische schweizerische Patriot stammt aus einem bürgerlichen Hause. Gottfried Kellers Vater war ein öffentlich vielfältig tätiger Handwerker, seine Mutter die Tochter eines Landarztes und Bezirksrichters. Beide stammten aus Glattfelden, wo der junge werdende Schriftsteller prägende längere Aufenthalte im Hause seines Oheims verlebte. Der Weg zum Schriftsteller war dem einzigen Sohn einer durch den frühen Tod des Vaters in materielle Bedrängnis geratenen Familie nicht vorgezeichnet. Wegen eines geringfügigen disziplinarischen Vergehens wurde der begabte Schüler aus der weiterführenden Schule weggewiesen. Der Weg zum Schriftsteller war nicht geradlinig. Er führte Gottfried Keller zunächst über die Ausbildung zum Kunstmaler. Kellers starke Begabung wurde allerdings nicht zielgerichtet gefördert, so dass ein der Ausbildung zum Maler gewidmeter Aufenthalt in München nicht das gewünschte Resultat erbrachte. Immer stärker empfand der junge Keller nun den Wunsch, als Schriftsteller zu wirken. Nach ersten lyrischen Versuchen brachte ein von der Stadt Zürich gestelltes Weiterbildungsstipendium die Entscheidung. Es führte Keller an die Universität Heidelberg und dann nach Berlin, wo er den «Grünen Heinrich» beendete. Nach Jahren intensivsten Selbststudiums, auch der Selbstfindung, gelang dem nicht mehr ganz jungen Keller der Durchbruch als Schriftsteller vor allem in der Novellistik. Seine beiden Novellensammlungen, «Die Leute von Seldwyla» und die «Züricher Novellen», machten den Schriftsteller nicht nur in Zürich bekannt. Die darin enthaltenen unsterblichen Geschichten von Menschen, die das Sinnzentrum des Lebens zeitweise aus dem Auge verlieren und schliesslich, oft in der Begegnung mit lebens- und charakterstarken Frauenfiguren, festen Fuss im tätigen Leben fassen, wurden in alle Kultursprachen übersetzt.

Nur das Argument zählt

Gottfried Keller hat bei aller Offenheit gegenüber der Welt sich immer auch als schweizerischen Schriftsteller gesehen. Er identifizierte sich mit dem seit 1848 bestehenden Bund der Eidgenossenschaft als Bundesstaat und erwartete von seiner ausgestalteten direkten Demokratie viel. In einer Novelle der mittleren Jahre, «Das Fähnlein der sieben Aufrechten», nimmt er in starken Bildern Abstand vom ­politischen Radikalismus. Für Keller muss in der demokratischen Auseinandersetzung das Argument durchdringen, und dann der daraus resultierende Beitrag ans Ganze. Im «Grünen Heinrich» steht der aus dem damals noch monarchistischen Deutschland heimgekehrte junge Held fasziniert vor dem überall greifbaren Aufbruch der verjüngten Schweiz, die um die Einheit in der Verschiedenheit ringt. Was sich durchsetzt, darf nicht mehr nur Partiku­lärinteressen folgen, sondern muss mehrheitsfähig sein. Das ist für Keller die wichtigste und einzige Kontrolle, welche die Demokratie benötigt. Um der jungen schweizerischen Demokratie auch tätig zu dienen, auch als Dankbarkeit gegenüber einer Stadt, die ihren Sohn auf dem Weg zum Schriftsteller durch ihr Stipendium unterstützte, versah Gottfried Keller nach 1855 während 15 Jahren das anspruchsvolle Amt des Ersten Staatsschreibers des Kantons Zürich, ein Amt, das er mit grossem Pflichtgefühl ausfüllte, so dass er in dieser Zeit keine grösseren schriftstellerischen Werke verfasste. In seinem Roman der Reifezeit, «Martin Salander», zeigt der Schriftsteller in vielfältiger Ausgestaltung, was der edlen Jagd nach mehrheitsfähigen und von den Bürgern getragenen Entscheidungen gefährlich wird.

Der Ungeist der Gründerjahre – schon Geschichte?

Eine Hauptgefahr für die Demokratie sieht Keller im «Martin Salander» im unguten Geist der Überheblichkeit, des Mehr-sein-Wollens als der Mitbürger. Obwohl dieses Streben im Roman ganz aus der Schwäche der geschilderten Charaktere resultiert, ist ein solches demokratisches Fehlverhalten in der Schweiz des ausgehenden 19. Jahrhunderts, Keller konstatiert es mit Nachdruck, fast endemisch geworden. Die Fälle von systematischem Betrug und Bereicherung, begangen (auch von angesehenen Mitbürgern und Verantwortungsträgern) am Einzelnen, aber auch am Volksvermögen, machen betroffen. Sie ähneln in ihrer Machart bis ins Detail Skandalen, welche in der heutigen Schweiz seit Jahren Schlagzeilen generieren. Wie im «Fähnlein» setzt der Autor auch hier auf die Jugend. Wenn sie gesund heranwächst, das heisst nicht verwöhnt, sondern ermutigt wird, ihren Beitrag zu erbringen, dann ist sie dadurch mit einen inneren Schutz gegen Anfechtungen aller Art ausgestattet. Schon Kellers Vater war sich bewusst, dass eine gute öffentliche Schule dieses demokratische Bewusstsein legen und pflegen muss. Der junge Keller hat diese später in der Verfassung verankerte Schulung der Nation nicht am eigenen Leibe als Schüler erlebt. Dafür um so nachdrücklicher in der Lebensschule.    •

 *    Dr. phil. Peter Küpfer ist langjähriger Schweizer Gymnasiallehrer, Germanist und Publizist.

Die Ausstellung im Gottfried-Keller-Zentrum, Gottfried-Keller-Strasse 8, 8192 Glattfelden, dauert bis zum 28. April (14–16 h Finissage). Öffnungszeiten: Mo-Fr, 9-11.30 h und 14-17 h, Sa, So, 10-15 h