«Der Schweizer Berghilfe bin ich bis heute dankbar»

Gstaad/BE: Bau eines neuen Laufstalls

Aufgezeichnet von Max Hugelshofer

rt. Arbeiten in der Landwirtschaft zu erleichtern, ist sicher sinnvoll. Unternehmergeist und Flexibilität kann man heute bei fast allen Landwirten voraussetzen. Doch ihre Tätigkeiten müssen über anständige Produktpreise gerecht entlöhnt werden können. Das heisst, die Arbeit als Landwirt muss sich lohnen. Eine zunehmende Liberalisierung der Märkte mit dem Ausland zwingt zur Nischenexistenz oder zur Hofaufgabe. Die Konkurrenz mit norddeutschen Milchkuhhaltern oder US-Weizenbauern kann ein Landwirt aus dem Schweizer Mittelland auf Dauer nur verlieren, da er nicht die gleichen Bedingungen hat. Ob die Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft stimmen oder ob sie immer mehr in einen Wettbewerb gedrängt werden, den sie verlieren müssen, liegt in der Hand der Politik und letztendlich beim Stimmbürger. (Bild www.berghilfe.ch)

Bruno Oehrli macht seinen Hof fit für die Zukunft. Der 33jährige ist überzeugt davon, dass je länger, je mehr Flexibilität gefordert wird. Sein neuer Stall trägt dem Rechnung.
«Diese Woche war Endspurt angesagt. Mein Vater und ich haben gemeinsam den Innenausbau des neuen Stalls fertiggestellt, und morgen können wir einstallen. Ich bin gespannt, wie die Kühe, Rinder und Ochsen reagieren. Ich bin auf alle Fälle begeistert. Alles ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe, auch wenn natürlich noch längst nicht alles fertig ist.
Der neue Stall ist ein erstes Puzzleteil auf dem Weg zu meiner Vision eines modernen Bergbauernbetriebs: naturnah, wenig arbeitsaufwendig, ressourcenschonend und mit dem lokalen Tourismus vernetzt. Ich bin überzeugt davon, dass ich aus dem Hof meiner Eltern eine richtige Perle machen kann. Dass ich diesen einmal übernehmen würde, hätte ich mir vor zehn Jahren nicht träumen lassen. Als Kind wollte ich immer nur eines werden: Helipilot. Um darauf hinzuarbeiten, absolvierte ich als ersten Schritt eine Lehre als ­Polymechaniker. Danach zog ich von Gstaad nach Bern und begann dort eine Flieger-Ausbildung. Das private Brevet hatte ich schon in der Tasche, als mir bewusst wurde, dass ich direkt in eine Sackgasse steuerte. In meinem Jahrgang waren wir über 40 Leute. Jobs gibt es jedes Jahr ungefähr vier.
Ausserdem ist mir, weg von Zuhause, in der Stadt, erst bewusst geworden, wie viel mir die Berge, die Natur und unser Hof bedeuten. Ein Bauernlehrjahr auf einem Betrieb in der Nähe von Gruyères zeigte mir dann: Ja, die Landwirtschaft ist das richtige für mich. Ich wollte aber mehr wissen, als man in der Berufslehre lernt. Für eine weiterführende Ausbildung benötigte ich jedoch die Berufsmatura. Und diese zu erlangen ist nicht nur zeitaufwendig, sondern auch teuer. Meine Ersparnisse gingen zur Neige, und auf meine vielen Stipendien-Anfragen erhielt ich nur Absagen. Dies, weil meine Eltern als Bauern natürlich Land besassen und deshalb auf dem Papier reich waren. Geholfen hat mir schliess­lich die Schweizer Berghilfe. Dafür bin ich heute noch dankbar. Denn ohne Berufsmatura wäre das darauffolgende Agronomie-Studium an einer Fachhochschule nicht möglich gewesen.
Dass mich die Berghilfe nun auch beim Bau des Stalls unterstützt, freut mich natürlich doppelt. So schliesst sich der Kreis. Denn erst im Studium habe ich mir das nötige Wissen angeeignet, um herauszufinden, was zu mir und meinem Hof passt und was es braucht, diesen in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Als erstes habe ich mit Melken aufgehört und auf Bio-Weidebeef umgestellt. Wichtig ist mir, den Arbeitsaufwand stetig zu verringern. Nicht, weil ich nicht gerne arbeite, sondern weil ich der Überzeugung bin, den Hof so wirtschaftlicher führen zu können. Meine Freundin hat eine gute Stelle. Es ergibt keinen Sinn, wenn sie diese aufgibt, um mir beim Misten oder Heuen zu helfen. Gewisse arbeitsintensive Routineaufgaben wie das Heuen lagere ich teilweise aus. Ich bezahle lieber einem Berufskollegen etwas dafür, dass er mit seiner teuren Rundballenpresse auch mein Heu einbringt, als dass ich in einen neuen Ladewagen investiere und im Sommer trotzdem tagein, tagaus am Malochen bin. Es gibt für mich gewinnbringendere und auch befriedigendere Möglichkeiten, wie ich meine Arbeitszeit einsetzen könnte. Zum Beispiel im Agrotourismus. An einer Lage wie unserer, mitten in einem bekannten Tourismusort, ist das eine riesige Chance. Was ich genau mache, weiss ich noch nicht. Ich habe viele Ideen und bin auch schon im Gespräch mit Entscheidungsträgern aus dem Tourismus. Aber zuerst muss­te jetzt mal der Stall fertig werden. Der ist bereits auf eine vielseitige Nutzung ausgelegt. Denn egal, wofür ich mich entscheide: Ich kann in dieser immer schnell-lebigeren Zeit nicht davon ausgehen, dass ich es die nächsten Jahrzehnte gleich machen werde. Darum bin ich beim Stallbau neue Wege gegangen. Dass das Gebäude möglichst offen ist und ohne viele Stützen auskommt, die den Platz versperren, das habe ich bei Betrieben im Mittelland abgeschaut. Eine eigene Idee war, die Liegeplätze für das Vieh nicht zu betonieren, sondern aus Holzbrettern selbst zu bauen. Zwei Tage Arbeit, und man könnte den Stall für etwas X-Beliebiges nutzen. Zum Vermieten von Pferdeboxen in den Sommermonaten zum Beispiel oder für Anlässe auf dem Hof. Ich kann ihn auch ohne grossen Aufwand an die Haltung von verschiedensten Tieren anpassen. Egal, was die Zukunft bringt: mit meinem neuen Stall bin ich gerüstet.»    •

Quelle: Berghilf-Ziitg, Nr. 103, Frühling 2019

Schweizer Berghilfe

Die Schweizer Berghilfe (www.berghilfe.ch) ist eine ausschliesslich durch Spenden finanzierte Organisation mit dem Ziel, die Existenzgrundlagen und die Lebensbedingungen im Schweizer Berggebiet zu verbessern. Sie fördert die Selbsthilfe der Bergbevölkerung und trägt damit dazu bei, Wirtschafts- und Lebensräume zu entwickeln, die regionale Kultur zu erhalten, die Kulturlandschaft zu pflegen und der Abwanderung entgegenzuwirken. Die Unterstützung der Schweizer Berghilfe löst ein Mehrfaches an Investitionen aus, die primär beim lokalen Gewerbe Wertschöpfung und Arbeitsplätze schaffen. Im Jahr 2017 unterstützte die Schweizer Berghilfe 490 Projekte mit 21,4 Millionen Franken.