Johann Gottfried Herder

Ein scharfer Gegner von Kolonialismus, kulturellem Hochmut und Rassismus

von Moritz Nestor

Am 14. Mai 2017 schrieb die Integrationsbeauftragte der deutschen Bundesregierung: «Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.»1 Die Integrationsbeauftragte bewies damit eine übliche Ignoranz. Ihre Provokation traf ins Herz. Man sage solche Worte einmal jenen Katalanen, die sich noch daran erinnern können, «wie nach dem Tod des Diktators alle Ortstafeln in Katalonien von Hand – mit Pinsel und Farbe – vom Spanischen (Kastilischen) ins Katalanische korrigiert wurden. In den Herzen der Menschen waren die katalanische Sprache und Kultur – ihre Freiheit – lebendig geblieben.»2 Der Satz der Integrationsbeauftragten hat verständlicherweise Betroffenheit und Wut ausgelöst.3

Was also ist eine «spezifisch deutsche Kultur»?

Die Doktorarbeit «Johann Gottfried Herder. Kulturtheorie und Humanitätsidee der Ideen, Humanitätsbriefe und Adrastea»4 von Anne Löchte wurde 2005 publiziert. Sie hilft, vieles zu dieser Frage aufzuklären. Es gehört zum Beispiel zum Verdienst von Johann Gottfried Herder, in seiner «Abhandlung über den Ursprung der Sprache» von 1772 herausgearbeitet zu haben, dass nichts so spezifisch eine Kultur kennzeichnet wie ihre Sprache.
Johann Gottfried Herder gehört zusammen mit Friedrich Schiller, Johann Wolfgang Goethe und Christoph Martin Wieland zum «Weimarer Viergestirn». Es handelt sich um die bedeutendsten Dichter und Schriftsteller der «Weimarer Klassik». Nur soviel zur Frage, was zur «spezifisch deutschen Kultur» gehört. Es gehört aber auch zur «spezifisch deutschen Kultur», dass Epochen ihrer Geschichte, wie zum Beispiel die Weimarer Klassik, heute kaum noch bewusst in der Seele des deutschen Volkes lebendig sind.
Herder war ein scharfer Gegner von Kolonialismus, kulturellem Hochmut und Rassismus.5 Herder verabscheute den zerstörerischen und kriegerischen Nationalismus. Er verachtete die Arroganz des Adels, kritisierte den Staat Friedrichs des Grossen und bewunderte die direkte athenische Demokratie der Antike. Er war als gläubiger Christ scharfer Gegner des Machthungers der damaligen römischen Kirche. Er hielt die Selbstbestimmung für das natürliche Recht einer jeden Kultur, pries Völkerverständigung, friedlichen Kulturaustausch und das Lernen der Völker voneinander. Nichts war ihm fremder als das, was wir heute «nation building», «humanitäre Intervention» oder Kulturimperialismus nennen würden. Er war scharfer Gegner von Eroberung und Imperialismus.

«Legt ihr’s nicht aus, so legt was unter.»

Das grosse Verdienst von Anne Löchte besteht darin, in ihrem Buch Herder von einer grossen Menge an Angedichtetem und Ignorantentum befreit zu haben. Man sagte ihm nach, es führe von ihm ein direkter Weg zu völkischer «Teutomanie». Er habe die erste «geschlossene Theorie des modernen Nationalismus vorgelegt». Er sei ein «historischer Relativist», er liefere eine «Legitimierung des Kolonialismus», weise «rassistische Tendenzen» auf und sehe den «weissen Mann» als «Ur-Menschen» usw. Den Gipfel der Ignoranz bildet Nathan Gardels vernichtendes Urteil: «Of course, Herder’s Volksgeist became the Third Reich.»6 Was einem der gröss­ten deutschen Humanisten in mehr als hundert Jahren angehängt worden ist, erinnert an Goethes beissende Verse aus den Zahmen Xenien: «Im Auslegen seid frisch und munter! Legt ihr’s nicht aus, so legt was unter.»

Herder, Wegbereiter der modernen (Kultur-)Anthropologie

Wie kompliziert die Dinge in Wirklichkeit sind, wird zum Beispiel aus einer Bemerkung Anne Löchtes klar, in der sie kurz erwähnt, dass der moderne Kulturbegriff der von Frans Boas begründeten Kulturanthropologie auf Herder und auf Wilhelm von Humboldt und auf dessen geographische, geschichtliche und psychologische Forschungen zurückgeht. Geht nun der neugierige Leser diesem Hinweis nach, entdeckt er Erstaunliches:
Es waren gerade Herder und Humboldt, die Frans Boas tief geprägt hatten, als der junge Deutsche mit 29 Jahren wegen einer Liebe in die USA auswanderte. Geboren 1858 in Minden/Westfalen, wuchs Frans Boas auf als Sohn liberaler, weltoffener jüdischer Eltern, Sympathisanten der Freiheitsideen der 1848er Revolution und Anhänger der Aufklärung und der Weimarer Klassik. Er besuchte das Mindener Gymnasium mit seinem klassischen humanistischen Fächerkanon, las seinen Homer und interessierte sich früh für fremde Kulturen. An den Universitäten Heidelberg, Bonn und Kiel studierte er Mathematik, Physik und Geographie und legte 1881 mit 23 Jahren sein erstes Dok­torexamen ab. Er wurde Assistent am Berliner Völkerkundemuseum, wo ihn Rudolf Virchow, der Begründer der naturwissenschaftlichen Medizin, förderte. 1885 legte er mit 27 Jahren in Berlin sein zweites Doktor­examen in Geographie ab.
Dieser im Geiste der Aufklärung, des Humanismus, der Weimarer Klassik und des Liberalismus erzogene und gebildete Deutsche Frans Boas begründet mit dem geistigen Rüstzeug der europäischen Kultur, in dessen Zentrum die «spezifisch deutsche Kultur» stand, in den USA die moderne Kulturanthropologie. Heute wird sie bedenkenlos «amerikanisch» genannt …
Am 30. Juli 1931 spricht der 73jährige Emeritus Frans Boas auf einer Feier ihm zu Ehren an der Universität zu Kiel, wo er 50 Jahre zuvor promoviert hat: «Das Verhalten eines Volkes wird nicht wesentlich durch seine biologische Abstammung bestimmt, sondern durch seine kulturelle Tradition. Die Erkenntnis dieser Grundsätze wird der Welt und besonders Deutschland viele Schwierigkeiten ersparen.»7 Am Vorabend des nationalsozialistischen Rassenwahns warnt mit diesen Worten der aus der Herderschen Tradition stammende Boas vor dem rassistischen Sozialdarwinismus, der Eugenik und vor deren politischem Arm, dem Nationalsozialismus, der die Errungenschaften der Aufklärung durch pseudowissenschaftliches Gefasel ersetzte. Auch in den USA warnte Boas vor dem Missbrauch der Anthropologie durch Geheimdienste und vor dem verheerenden Biologismus, der behauptet, kulturelle Unterschiede seien biologisch verursacht und würden die Überlegenheit oder Minderwertigkeit von Rassen «beweisen».
Eins sei der Vollständigkeit halber nur noch kurz erwähnt, Anne Löchte selbst geht nicht darauf ein: Herders Kulturbegriff stimmt in seinen wesentlichen Grundzügen auch überein mit Alfred Adlers Individualpsychologie, mit den philosophischen Anthro­pologen des 20. Jahrhunderts wie Gehlen und Scheler und vor allem auch mit Adolf Portmanns «basaler Anthropologie».
Die ernsthafte Beschäftigung mit Herder hat in der letzten Zeit zugenommen
Angesichts dieser Lage kann man nur dankbar sein, dass Anne Löchte eine sachliche Auseinandersetzung mit Herders Kulturauffassung vorgelegt hat. Zweitgutachter war Hansjakob Werlen, Mitglied der Internationalen Herder-Gesellschaft. Die Arbeit wurde von der Friedrich-Naumann-Stiftung mit Geldern des deutschen Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert. Die Geschwister Boehringer Ingelheim Stiftung für Geisteswissenschaften in Ingelheim am Rhein unterstützte den Druck. Eine «übergreifende Untersuchung», schreibt Löchte, sei nicht zuletzt deswegen geboten gewesen, «weil es in der Rezeptionsgeschichte zahllose falsche Darstellungen gibt, deren Spektrum von vergleichsweise harmlosen Fehlinterpretationen bis zu abstrusen Schuldzuweisungen reicht.»8 Die ernsthafte Beschäftigung mit Herders Werk habe in den letzten Jahrzehnten zugenommen, berichtet sie. Das war auch dringend nötig, wie der Rundbrief der Internationalen Herder Gesellschaft vom April 2004 deutlich macht, worin von der «völlig windigen Herder-Kenntnis der Gegenwart» gesprochen wird.9
Anne Löchte schreibt sachlich, differenziert. Sie wägt bedächtig und genau ab und wird Herder historisch gerecht. Sie untersucht seine Vorstellungen von Kultur und Humanität von den Ideen über die Humanitätsbriefe bis zum Spätwerk Adrastea. Sie will einen Forschungsbeitrag leisten und nicht die Aktualität von Herders Ideen aufzeigen. Dies bleibt dem Leser überlassen. Dieser hält mit Anne Löchtes Studie ein Werk in Händen, mit dem er über die wirklichen Absichten und die zutiefst humanen Ideen eines der grössten Denker der (eigenen) deutschen Kultur nachdenken und dessen Bedeutung für unsere Zeit selbständig abschätzen kann. Das Buch ist, obwohl nicht so beabsichtigt, durch seine Sachlichkeit ein sehr aktuelles Buch zur Frage nach der «spezifisch deutschen Kultur», aber auch zur gründlichen Klärung der Frage, was denn eine Kultur überhaupt ist und warum das Leben in Kulturen die natürliche Lebensform des Menschen ist.

«Schon die alten Griechen wussten …»

In den sechziger Jahren begannen Schulaufsätze noch gerne mit Sätzen wie «Schon die alten Griechen wussten …» Was die «völlig windigen Herder-Kenntnisse der Gegenwart» betrifft, könnte man sich daran erinnern, dass schon die alten Griechen wussten, dass die Klugheit die Grundlage der historischen Gerechtigkeit ist. Klugheit sei, meinten sie, wenn man einen Menschen so wahrnehmen kann, wie er ist, nicht wie es einem beliebt. Zu den gefährlichsten Dingen gehört die langsame Verzerrung des historischen Gedächtnisses einer Kultur für ihre eigenen humanen Leistungen, also für die positive Seite ihrer Identität. Hier liegt die Aufgabe: Was die «spezifische deutsche Kultur», ja was Kultur in Wirklichkeit ist, aus seiner Vergessenheit wieder zu befreien. Das historische Gedächtnis der europäischen Völker für ihre eigenen kulturellen Leistungen muss wieder wirklichkeitsgetreu werden. Herders Rehabilitation durch Anne Löchte war ein wichtiger Schritt dazu.    •

1    Jaeger, Mona. «Deutsche Leitkultur nicht identifizierbar». In: «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vom 31.8.2017. www.faz.net/aktuell/politik/bundestagswahl/deutsche-kultur-was-aydan-oezoguz-mit-ihrer-aussage-meinte-15175917.html (eingesehen am 15.9.2017)
2    Roca, René. Die Katalanen haben das Recht, frei ihre Zukunft zu bestimmen. In: International. Zeitschrift für internationale Poltik. IV/2017, S. 22f.
3    ebd.
4    Löchte, Anne. Johann Gottfried Herder. Kulturtheorie und Humanitätsidee der Ideen, Humanitätsbriefe und Adrastea. Würzburg 2005
5    Herder, Johann Gottfried. Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Verlag Deutscher Klassiker 1989, II 7,1, S. 255f.
6    Knoll. Nationalismus, S. 240. Zitiert nach Löchte, S. 77
7    Pöhl, Friedrich/Tilg, Bernhard (Hg.). Frans Boas – Kultur, Sprache, Rasse, Wege einer antirassistischen Anthropologie. Wien 22011, S. 21
8    Löchte, S. 9
9    Sauder, Gerhard. In: Löchte, S. 9