«Stoppt die Konfrontation, beginnt den Dialog!»

Einladungsplakat zur Konferenz in Belgard.

Erfolgreiche Belgrader Konferenz «Niemals vergessen – Frieden und Wohlstand statt Krieg und Armut»

Interview mit Živadin Jovanović, Präsident des «Belgrade Forum for the World of Equals»*

Anlässlich des 20. Jahrestages des Angriffs des Nato-Bündnisses auf Serbien (Bundesrepublik Jugoslawien BRJ) fand am 22. und 23. März 2019 in Belgrad eine internationale Konferenz mit dem Titel «Niemals vergessen – Frieden und Wohlstand statt Krieg und Armut» statt. Veranstaltet wurde die Konferenz vom «Belgrade Forum for the World of Equals» («Belgrader Forum für eine Welt der Gleichen»), der «Föderation der Veteranenverbände des Nationalen Befreiungskrieges von Serbien», dem «Verein der serbischen Generäle und Admiräle» – ein Verbund serbischer Gastgeber in Zusammenarbeit mit dem «Weltfriedensrat». Neben den Teilnehmern aus Serbien nahmen an dem Kongress mehr als 200 hochrangige Gäste aus rund 30 Ländern aus der ganzen Welt teil. Die Organisatoren begrüssten die Teilnehmer und dankten ihnen von Herzen für ihre Solidarität, Unterstützung und enorme humanitäre Hilfe in einer der schwierigsten Zeiten in der jüngsten Geschichte Serbiens.
Mit insgesamt 78 Beiträgen waren die zwei Tage mehr als gefüllt. Eine Ausstellung mit erschütternden Bildern dokumentiert das Leiden der serbischen Bevölkerung während des Nato-Angriffs 1999.
Der Kongress widmete sich der Bewahrung des bleibenden Gedenkens und würdigte das Militär- und Polizeipersonal, das bei der Verteidigung seines Landes gegen den Nato-Krieg das grösste Opfer gebracht hat, sowie die zivilen Opfer, die während dieses 78tägigen Krieges ihr Leben verloren haben.

Zeit-Fragen: Soeben ist Ihre Konferenz zu Ende gegangen, die Sie während 3 Tagen mit vielen Gästen aus aller Welt durchgeführt haben, und deshalb möchten wir Sie fragen: Was sind Ihre Eindrücke, was sind Ihre Schlussfolgerungen nach den vergangenen drei Tagen?

Živadin Jovanović: Ich denke, dass die Konferenz ein grosser Erfolg war: bezüglich der Teilnehmer, bezüglich des Inhaltes und bezüglich der Schlussfolgerungen. Was die Teilnehmer betrifft, hatten wir 200 Gäste aus etwa 30 Ländern, von allen Kontinenten, ausser Australien. Alle verbinden die Ziele Frieden, Solidarität und eine friedliche Entwicklung. Es waren Buchautoren, Wissenschaftler, einige Politiker, Diplomaten, Strategieanalysten, in ihren jeweiligen Ländern allgemein bekannte Persönlichkeiten, zu Gast bei uns. Sie sind zum Anlass des 20. Jahrestages des völkerrechtswidrigen Nato-Angriffskrieges auf die Bundesrepublik Jugoslawien gekommen, damit wir zusammen der Opfer gedenken und uns alle an die Zerstörung, die Grausamkeit und Arroganz des einzigen Militärbündnisses, der Nato, erinnern. Es sind alles Freunde Serbiens, die uns über drei Jahrzehnte ihre Solidarität und ihre Unterstützung bei den turbulenten Prozessen und Entwicklungen in der Region des Balkans gezeigt haben. Wir haben an der Konferenz aber auch versucht, eine Vision des Friedens in Europa und in der Welt zu entwerfen, eine Vision der Entwicklung, die alle Menschen und alle Länder einschliesst. Ich denke, dass wir zufrieden sein können mit dem Inhalt der Schlusserklärung (siehe Seite 2) und dass sie Anklang finden wird …

Herr Jovanović, Sie haben soeben das Startsignal für den Marathon zum Berg Athos gegeben. Können Sie uns etwas darüber sagen? Denn er ist Teil der Konferenz.

Er ist eine traditionelle Kundgebung von Athleten. Serbische Athleten waren die Initianten, aber es machen auch Athleten aus den umliegenden Ländern mit, damit ist es ein internationaler Gedenk-Marathon. Sie laufen jedes Jahr in eine andere Richtung und verbreiten die gleiche Botschaft, dass sich der Nato-Angriff von 1999 nicht wiederholen darf und dass er nicht in Vergessenheit geraten darf. Um so mehr, weil heute tatsächlich Instabilität vorherrscht, auf dem Balkan und in einem grossen Teil Europas. Deshalb sollten wir wachsam sein, denn Frieden, Stabilität und Entwicklung sind nicht automatisch garantiert. Man sollte immer daran arbeiten, damit sie erhalten bleiben. Der Marathon trägt die Botschaft der Vernunft und der Weisheit. Jeden Tag werden 100 Kilometer gelaufen. Aber sie stoppen in jedem Ort, bei jedem historischen Denkmal, um den Opfern Respekt zu zollen, nicht nur den Opfern des Nato-Angriffs, sondern auch den Opfern des Ersten Weltkrieges und des Zweiten Weltkrieges. Auf der Route, die sie heute und morgen laufen, hat es leider nur allzu viele Gedenkstätten für Opfer.

Das ist höchst eindrucksvoll und zutiefst berührend. Aber leider auch hochaktuell.

Wir sollten uns der Risiken bewusst sein, mit denen wir heutzutage konfrontiert sind, durch wachsendes Misstrauen, globale Konfrontationen und das Wettrüsten. Enorme Geldmittel werden in die Kriegsvorbereitung investiert, und die Entwicklung und das soziale Leben der Menschen werden vernachlässigt. Wir haben eine gefährliche Entwicklung, wenn man globales Misstrauen und globale Konfrontationen hat. Wenn man zum Beispiel, wie es heute in Europa der Fall ist, die zivilen Strukturen neu ausrichtet, so dass sie dem militärischen Bedarf dienen.
Ich denke, dass wir bereits sehr tief drinstecken, und ich habe den Eindruck, dass wir uns der Prozesse, die heute ablaufen, nicht genug bewusst sind. Wir sind mit unseren täglichen Pflichten und Aufgaben beschäftigt, und wir müssen alle verstehen und uns bewusst werden dieser grundlegenden, tiefen globalen Veränderungen, der Gefährdung, der Bedrohung der Sicherheit. Deshalb dienen unsere heutigen Kundgebungen ausschliesslich dazu, das Bewusstsein darüber, was abläuft, zu festigen und friedliebende Menschen und Widerstandskräfte gegen solche Entwicklungen zu mobilisieren und unsere Botschaft zu verbreiten: Stoppt die Konfrontation, beginnt den Dialog, stoppt es, dass internationale Abkommen ruiniert werden, handelt bessere aus, stoppt, dass die Wirtschaft und die Infrastruktur für militärische Zwecke eingesetzt und missbraucht werden.

Wie gedenken Sie sonst noch hier in Serbien des Krieges von 1999?

Wir hatten eine Reihe Kundgebungen in Belgrad über die Tage, wie Sie wissen, von denen der internationale Gedenk-Marathon nur eine ist. Es gab eine zweitägige Konferenz, wir hatten auch eine exzellente Ausstellung mit Dokumenten und Bildern zum Nato-Angriff. Wir haben auch eine Anzahl neuer Bücher präsentiert, um den Jahrestag zu begehen, Bücher der besten Autoren zu diesen Themen. Und wir haben viele weitere Kundgebungen, neben dem, was wir machen, als Teil von dem, was wir als People’s diplomacy, Volksdiplomatie, bezeichnen. Heute [24. März 2019] organisiert die Regierung eine Kundgebung in Nîs. Es ist Ausdruck davon, der Opfer zu gedenken und dazu aufzurufen, dass wir den Weg des Friedens, der Kooperation und der Solidarität gehen und nicht den der Konfrontation.

Sie haben die vielen ausländischen Gäste erwähnt. Wie beurteilen Sie deren Teilnahme an Ihrer Konferenz?

Wir haben viele Freunde, denen wir unseren Respekt und unsere Dankbarkeit ausdrücken, für all ihre Unterstützung und das Mitdenken, für ihre Solidarität, für die enorme humanitäre Unterstützung, die sie unserem Land, Serbien und den Serben, über Jahrzehnte haben zukommen lassen, und wir schätzen es sehr, dass unsere Freunde auf der ganzen Welt ebenfalls Konferenzen abhalten, wie die Konferenz in Wien, die Konferenzen in New York und Washington, die Konferenzen in Prag und Bratislava. Nächste Woche finden drei Konferenzen in Italien statt: in Rom, in Bologna und in Florenz.
Deshalb sind wir vom Belgrade Forum for the World of Equals (Belgrader Forum für eine Welt der Gleichen) glücklich, weil wir als Zentrum von all dem anerkannt sind und man sich auf unsere Kernaussagen abstützt, uns Grussworte schickt und Botschaften der Solidarität und so weiter … Darum ist es sehr positiv, dass sich so viele Menschen in so vielen Ländern auf der ganzen Welt der wirklichen Bedeutung des Nato-Angriffskrieges von 1999 bewusst sind und der realen Bedeutung der expansionistischen Politik und der Politik des Eroberns. Das ist sehr ermutigend für die Menschheit.

Ist die Friedensbewegung im Vergleich mit den Vorjahren im Rahmen Ihrer Konferenz gewachsen?

Ja, ich denke, es gibt eine positive Veränderung bezüglich der Aktivitäten. Es ist positiv, dass ein immer grösseres Bewusstsein für unsere Pflichten gewachsen ist und dass wir auf eine Situation, die gar nicht heiter und ermutigend ist, reagieren.
Ich möchte erwähnen, welch positive Veränderung wir in Serbien selbst feststellen. In den Jahren 2000 oder 2001 hätte niemand in Serbien eine Kundgebung zum Anlass des Nato-Angriffskrieges gemacht. Solche Signale vermissten wir von unserer Regierung. Es gab keine ermutigenden Signale für eine Kultur des Erinnerns, eine Kultur des Respekts für die Opfer. Nein, sie waren stumm, und die Presse, die ganzen Massenmedien in Serbien, sprachen nie von «Angriffskrieg». Sie sprachen von «Intervention», von einer «Kampagne der Nato» oder höchstens von «Bombardierung». Aber wir haben unentwegt und ständig die richtige Bezeichnung gewählt und die den Tatsachen entsprechende Charakterisierung dieses Angriffes. Es war ein nackter Angriffskrieg auf ein souveränes Land, das kein anderes Land angegriffen hatte, und nicht geleitet von irgendwelchen humanitären oder ähnlichen Gründen, sondern von geopolitischen Zielen und dem Ziel einer Expansion in Richtung Osten.

Dass Sie alleine in Ihrem eigenen Land dastanden, das hat sich nun ja Gott sei Dank geändert.

Ja, jetzt haben wir in Serbien eine noch nie dagewesene Publizität für unsere Konferenz, und alles, was wir machen, erfahren die Menschen hier durch die serbischen Medien. Jetzt hört man fast nur noch die Bezeichnung «Angriffskrieg», vom Präsidenten über den Ministerpräsidenten bis zu den gewöhnlichen Leuten. Und die Journalisten verwenden jetzt auch den Begriff «Angriffskrieg». Das ist ein Zeichen des Wandels. Wir haben das zustande gebracht. Weil wir immer die Wahrheit gekannt haben, haben wir andere dazu gebracht, sie auch zu sehen. Die Presse hat hervorragend über unsere Konferenz berichtet. Wirklich hervorragend. Sie hat uns sehr viel Platz eingeräumt; zwei Seiten in einer Tageszeitung, auf den wichtigsten Seiten. Gestern hat eine der ältesten und traditionellsten politischen Zeitungen Europas uns eine ganze Seite gewidmet. Das gab es noch nie. Früher haben sie meistens ignoriert, was wir gemacht haben, aber jetzt gab es eine ganze Seite. Schade ist nur, dass die Politik nicht sagt, wer all das organisiert hat. Sie sagten, dass es im «Army House» organisiert wurde, dass es gut und sehr konstruktiv war und sehr wichtig. Sie haben berichtet, wer was gesagt hat, mit vielen Zitaten, wirklich gut, aber es gibt keine Angaben dazu, dass es vom Belgrade Forum for the World of Equals auf die Beine gestellt wurde, sondern sie sprechen von Veteranen-Organisationen, von Generälen und Admiralen usw. Aber uns nennen sie nicht.
Nichtsdestotrotz: Am wichtigsten ist, dass die Menschen über die Ergebnisse unserer Konferenz lesen können und dass die Wahrheit verbreitet wird.

Vielen Dank! Wir schulden Ihnen einen grossen Dank für das, was Sie geleistet haben und dass Sie so viele Menschen hier zusammengebracht haben. Es ist eine riesige Arbeit, und wir wünschen Ihnen und Ihrem Land das Allerbeste.    •

* Živadin Jovanović ist Präsident des «Belgrader Forums für eine Welt der Gleichen». Er studierte Rechtswissenschaft an der Universität Belgrad, von 1964 bis 2000 war er im diplomatischen Dienst der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (ab 1992 Bundesrepublik Jugoslawien BRJ) tätig, von 1988 bis 1993 Botschafter in Luanda/Angola, von 1995 bis 1998 stellvertretender Aussenminister, von 1998 bis 2000 Aussenminister, 1996 Mitglied des serbischen Parlamentes und 2000 im Parlament der Bundesrepublik Jugoslawien. Neben zahlreichen Artikeln und Interviews publizierte er u. a. folgende Bücher: «The Bridges» (2002); «Abolishing the State» (2003); «The Kosovo Mirror» (2006).