Loblied auf einen Wilddieb!

Ein Realo-Krimi der Wildbiologie

von Heini Hofmann

Dass der Zweck die Mittel heiligt, ist keine ehrenhafte Doktrin. Dennoch kommt es vor, dass ein zum Zeitpunkt des Geschehens böses Tun im Rückspiegel der Geschichte zur guten Tat mutiert. Paradebeispiel: die Wiedereinbürgerung des Steinbocks vor über einem Jahrhundert; die einstige Illegalität wird heute als Genialität belobigt.

Nach der fast gänzlichen Ausrottung des Alpensteinbocks im 19. Jahrhundert war seine Wiederansiedlung seit 1911 derart erfolgreich, dass er heute im ganzen Alpenbogen – von den Meeresalpen im Westen bis zu den Steirischen Kalkalpen und den Karawanken im Osten – verbreitet ist. (Bilder: WPP, AJF, BNM, WVP, BGB)

Die tragikomische Ballade vom Sterben und Auferstehen des Alpensteinbocks hört sich an wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Das Überleben dieser stolzen Gebirgsziege hing einmal an einem dünnen Faden. Heute gilt die Rettung und panalpine Wiedereinbürgerung der Steintiere als weltweit grösstes und erfolgreichstes Wildbiologie-Experiment.

Umgekehrte Vorzeichen

Ironie des Schicksals: Sein Überleben in letzter Minute verdankt der «König der Berge» einem veritablen, jagenden König in Bella Italia, einem in Verhandlungstaktik erfolglosen Schweizer Bundesrat, zwei deswegen aktiv gewordenen, verschworenen Freunden in St. Gallen sowie und vor allem – einem sein Metier wie kein zweiter beherrschenden Wilddieb …
Das tönt primär nach keiner guten Geschichte, es sei denn, man lese sie durch die Augen von La Rochefoucauld, der meinte: Mancher ist einem trotz seines Verdienstes zuwider, und mancher trotz seiner Fehler angenehm. Solchermassen verkehrt betrachtet, kann der geneigte Leser der vertrackten Logik vielleicht besser folgen.
Doch fangen wir vorne an, und dort sieht’s weniger gut aus: Der Grund, warum das Steinwild im frühen 19. Jahrhundert praktisch völlig ausgerottet war, ist ein ganz simpler und beschämender, nämlich rücksichtslose Bejagung und Wilderei, wobei es nicht primär um Fleisch und Trophäen ging, sondern um einen irrläufigen Zeitgeist.

Kletternde Apotheke

Was dem Steinbock zum eigentlichen Verhängnis wurde, war abergläubische Volksmedizin. Die geballte Kraft des mächtigen Hornträgers, seine – trotz scheinbar plumpem Körper – elegante Kletterkunst und die extreme Härte gegenüber den mörderischen Strapazen des Bergwinters machten den Steinbock in den Augen der Menschen zu einem Symbol für robuste Gesundheit.
Fast alles an dieser «kletternden Apotheke» sollte für oder gegen etwas gut sein, heilend oder magisch wirken, vom Horn über Herz, Mark und Blut bis hin zu Bezoarkugeln (eingeschleckte, im Magen kugelig zusammengeklebte Haare) und Herzkreuzchen (Verknöcherungen im Austrittsbereich der Herzschlagadern). Einen Steinbock zu erlegen war deshalb ein lohnendes Unterfangen. Die Bischöfe von Salzburg betrieben sogar eigentliche «Steinbock-Apotheken».

Verboten bei Leibesstrafe

Makaber sind die Etappen der Entthronung des «Königs der Alpen», hier lediglich am Beispiel Schweiz aufgezeigt: Bereits 1550 wurde im Glarnerland der letzte Steinbock erlegt, 1583 im Gotthardgebiet und 1770 im Berner Oberland. Im Bündnerland erliess man 1612 ein Dekret zum Schutze des Steinwildes, dem, da effektlos, 1633 eine verschärfte Verordnung folgte, «dass niemand sich unterstehen solle, keine Steinböck in keinerley gestalt zu fahen, noch zu schiessen, und solches bei Leibesstraf».
Doch selbst das Androhen der Todesstrafe nützte nichts; ab 1640 war das Steinwild auch in Graubünden Legende. Und in der Zentralschweiz wurde es 1661 ausgerottet. Nur im Wallis vermochte es sich länger über die Runden zu bringen, aber auch nur bis 1809. Dann war die Schweiz um eine stolze Wildart ärmer. Eigentlich beschämend: 1875, als es längst keine Steinböcke mehr gab, wurden diese auf Bundesebene unter Schutz gestellt …

Königliche Rettung

Im ausserhelvetischen Alpenraum war es dem Steinwild nicht besser ergangen. Lediglich in den piemontesischen Bergen, am Gran Paradiso (nomen est omen!) vermochten sich letzte Kolonien zu halten, die aber trotz eines Schutzgesetzes serbelten. Die Rettung kam erst, als die italienische Krone im ganzen Steinwildgebiet des Aostatals das ausschliess­liche Jagdrecht erwarb.
König Vittorio Emmanuele II., selbst ein passionierter Jäger (deshalb Re cacciatore genannt), setzte eine grosse Zahl Wildhüter ein, verbot jegliche Jagd – ausser der königlichen – und bestrafte Wilderei aufs schwerste. Der Erfolg blieb nicht aus; in diesem letzten Refugium vermehrten sich die Steinböcke zusehends: königliche Rettung für den «König der Berge»! Auch die nachfolgenden Könige Umberto I. und Vittorio Emmanuele III. setzten die Hege des Steinwildes fort. Ihr Jagdrevier wurde später zum Parco Nazionale Gran Paradiso.

Geschmuggelt – und wie!

Allmählich wurde auch in der Schweiz der Wunsch nach Wiederansiedlung des Alpenkönigs laut. Der Bund unterstützte diese Idee zwar verbal im Gesetz, unternahm jedoch konkret nichts. So waren es denn private Interessengruppen, welche die Initiative ergriffen. Erste Versuche mit Steinwild-Hausziegen-Bastarden schlugen fehl.
Nachdem anlässlich der Simplonfeier von 1905 Bundesrat Joseph Zemp vergeblich versucht hatte, bei König Vittorio Emmanuele III. die Lieferung einiger Steinböcke zu erwirken, kam es zur «Kriegslist». Mit anderen Worten: Ein gutes Werk, nämlich die Wiedereinbürgerung des Steinwildes in den Alpen, begann mit einer «bösen» Tat, ohne die es höchstwahrscheinlich gar keine Alpensteinböcke mehr gäbe.

Schlitzohriger Wilddieb

Promotoren dieser später zur Guttat mutierten Straftat waren die St. Galler Wildpark-Initianten, der Walhalla-Hotelier und «Steinbock-Vater» Robert Mader und der Arzt Albert Girtanner, Verfasser der ersten Steinbock-Monographie. Ihr Helfershelfer war ein italienischer Wilddieb.
In einer abenteuerlichen Schmuggelaktion gelangten im Juni 1906 drei Steintiere, zwei Geisslein und ein Böcklein, von Italien in die Schweiz.
Berufswilderer Giuseppe Bérard aus dem Aostatal hatte sie im königlichen Jagdrevier – nach Austricksen der Muttertiere – gestohlen, wobei er aber darauf achtete, dass sie schon erste Muttermilch (Kolostrum) erhalten hatten, was sie widerstandfähiger machte. Dann trug er sie, ständig auf der Hut vor Polizei und Wildschutz, vom Gran Paradiso ins Wallis hinüber.
Dies geschah, damit die Jungtiere überlebten, mittels genialer Stützpunktstrategie. Entlang der Wegstrecke wurden die auf Milchnahrung angewiesenen Steinkitze immer wieder einer – in gewissen Abständen in einem Felsversteck untergebrachten – Hausziege angesetzt, damit sie fit blieben für die nächste Etappe: ein wilddiebisches Logistik-Meisterstück! Im St. Galler Wildpark «Peter und Paul» angelangt, wurden die Kitze mit der Flasche grossgezogen. Diese drei Tiere wurden zum Ausgangspunkt für eine in der Geschichte einmalige Wiederansiedlungsaktion.

Langersehnte Erstaussetzung

Bald folgten weitere Schmuggeltiere. Riesengross war die Freude, als sich 1909 im St. Galler Tierpark erstmals Nachwuchs einstellte. Das hartnäckige Bemühen und gewagte Vorgehen der beiden St. Galler Promotoren – der beteiligte Mediziner hatte sogar riskiert, dem Wilddieb verbotenerweise Chloralose als Narkotikum mitzugeben … – zeitigte Erfolg.
Am 8. Mai 1911 war es so weit: Die ersten fünf im Wildpark «Peter und Paul» grossgezogenen Steintiere konnten im Banngebiet der Grauen Hörner im St. Galler Oberland ausgesetzt werden, zuerst in einem Freigehege, das sie aber noch im gleichen Jahr übersprangen. Mehr als hundert Jahre nach dem Aussterben war freilebendes Steinwild in den Schweizer Alpen wieder Tatsache!
Diese Wundheilung an der Natur stiess in der Bevölkerung auf grosse Sympathie und wurde als Ereignis von nationaler Bedeutung eingestuft: ein Markstein in der Naturschutz-Pionierzeit. (Der Schweizerische Bund für Naturschutz wurde erst 1909 gegründet, und auch der Schweizerische Nationalpark im Unterengadin befand sich damals noch in den Geburtswehen.)

«Peter und Paul» und «Harder»

Nun mussten natürlich weitere Aussetzungen folgen, wollte man die Wildziege in den Alpen generell wieder heimisch machen; denn Steinbock-Kolonien wandern kaum und bleiben ihrem relativ kleinen Lebensraum verhaftet.
Der Bestand im Wildpark «Peter und Paul» hatte sich inzwischen rasch vermehrt, so dass St. Gallen 1915 in der Lage war, dem neugegründeten Alpenwildpark «Interlaken-Harder» Tiere abzutreten (wobei auch hier zusätzlich noch Schmuggeltiere aus Italien dazukamen), so dass sich fortan zwei Zuchtstationen an Aussetzungen beteiligen konnten, zuerst in der Schweiz und ab den fünfziger Jahren auch im alpinen Ausland.
Nach der geglückten Erstaussetzung von 1911 (Graue Hörner) und einem missglückten Versuch 1914 im Ela-Gebiet ob Bergün wurden bis 1938 in den Schweizer Alpen weitere Kolonien gegründet, darunter: 1920 Nationalpark, 1921 Piz Albris und Augstmatthorn, 1924 Schwarzmönch, 1926 Wetterhorn, 1928 Mont Pleureur und 1938 Aletschgebiet.

Hegeabschüsse notwendig

Die (inzwischen noch vermehrten) Kolonien entwickelten sich teils so gut, dass bereits ab den fünfziger Jahren (zuerst mittels Kastenfallen, später Narkosegewehren) Umsiedlungen von Wildfängen vorgenommen werden konnten. So wurden bis heute etliche Tausend Tiere ausgesetzt respektive versetzt, nicht nur in den Schweizer Alpen, sondern panalpin.
Seit Jahren müssen nun bereits in verschiedenen Regionen der Schweiz (und in anderen Ländern) – nicht zuletzt im Interesse des Steinwildes selber – Hegeabschüsse vorgenommen werden, da an einigen Orten Schäden an Bannwäldern und Lawinenschutz-Aufforstungen entstanden. Diese sich an biologischen Kriterien orientierende Hegejagd nach Bündner Modell stellt heute ein Vorzeigestück modernen Wildmanagements dar.

Weltweit einzigartig

So ist denn der Alpensteinbock, Symboltier des Naturschutzes, nach trauriger Beinaheausrottung derart erfolgreich zurückgekehrt, dass er beinahe über den eigenen Erfolg gestolpert wäre. Ergo: Eine panalpine Erfolgsgeschichte von weltweiter Einzigartigkeit, die, man staunt, sogar jene der Amerikanischen Bisons übertrifft, initiiert in der Schweiz – und basierend auf einer Wilderei!    •

Laufend kamen weitere geschmuggelte, mutterlose Jungtiere in die Aufzuchtstation «Peter und Paul», die alle mit der Flasche grossgezogen wurden. 1909 stellte sich die erste parkeigene Nachzucht ein. Ab 1915 beteiligte sich auch der Alpenwildpark Interlaken-Harder am Zuchtprogramm.