Lehrer stellen die Weichen

von Marilies Kupsch

Neulich zeigte mir eine befreundete Grundschullehrerin den Brief einer ehemaligen Schülerin, der in bewegender Weise die erzieherische Aufgabe des Lehrers aufzeigt, sie steht zu der künftig geplanten Rolle des Lehrers als «Coach» und «Lernbegleiter» in krassem Gegensatz. Ein Gespräch mit der Lehrerin über das Mädchen und Notizen, die diese sich zur Förderung und Elternberatung gemacht hatte, beeindruckten mich sehr und bestätigten mir wieder einmal, wie ausschlaggebend Aufmerksamkeit, Einfühlungsvermögen und psychologisches Wissen des Lehrers für den Lebensweg eines Kindes sind und wie viel Sorgfalt, Geduld und Zuversicht es erfordert, ein entmutigtes Kind und seine Eltern zu begleiten und zu stärken. Dies gehört massgeblich zur eigentlichen Aufgabe des Grundschullehrers, nämlich als neue wichtige Bezugsperson neben den Eltern die Situation des Kindes aus emotional grösserer Distanz und mit geschultem Blick zu betrachten, es in die weitere Gemeinschaft einzuführen und gegebenenfalls korrigierend und unterstützend zu wirken.
Jennifer wurde auf Grund von verschiedenen Krankheiten in der frühen Kindheit und dauerhafter Infektanfälligkeit von ihren Eltern mit sehr viel Angst und Sorge überbehütet und verwöhnt. So schlief sie noch neunjährig im Bett der Eltern, wurde die ersten Jahre immer zur Schule gebracht oder bei geringfügigen Infekten mehrere Tage zu Hause behalten. Hinzu kam ihre Geschwisterposition als jüngstes Kind mit einem sehr viel älteren Bruder. Die Folgen waren Ängstlichkeit des Kindes, mangelndes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Übergewichtigkeit, Mobbing durch die Mitschüler und bereits in der 2. Klasse schlechte Noten in den Kulturtechniken. Die Eltern liessen ihr Kind daraufhin die Klasse wiederholen, was für Jennifer ein grosses Glück war, da sie nun eine Lehrerin hatte, die ihre Probleme sah und sich ihrer annahm.
Die Lehrerin erkannte schnell, dass den Schulleistungsschwächen eine tiefe Verunsicherung zugrunde lag. Sie bestätigte Jennifer jeweils bei den täglichen, ihrem Leistungsstand entsprechenden Lese-, Schreib-, und Mathematikübungen. Mit Zutrauen, Ermutigung und Gesprächen brachte sie Jennifer in wenigen Wochen zu deutlich sichtbaren Erfolgen. In regelmässigen Abständen beriet sie die Eltern, das Kind «gross zu nehmen» und ihm mehr zuzutrauen. Sie empfahl ihnen Literatur zum Thema Verwöhnung. Ausserdem riet sie zu einer Ernährungsumstellung, zur Teilnahme an einem Schwimm- oder Turnkurs in der Freizeit und zum Fahrradfahren. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Eltern und die Sicherheit der Lehrerin, dass das Kind gut lernen würde, konnte Jennifer sich schnell erholen. Die Eltern setzten den Rat der Lehrerin um und waren mit ihrer Tochter begeistert über ihre Fortschritte. Schon bald schlief sie in ihrem eigenen Bett, kam allein zur Schule, wurde aktiver und «kesser», offener, lebendiger und auch schlanker. In der neuen Klasse wurde Jennifer nicht von den anderen Kindern ausgeschlossen. Sie konnte nach drei Jahren problemlos auf ein Gymnasium wechseln, nachdem ihr doch in der 2. Klasse bereits grosse Schwächen attestiert worden waren. Leider geriet Jennifer auf dem Gymnasium wieder in eine isolierte Position. Ihre einzige Freundin zog in eine andere Stadt. Durch die gute Erfahrung eines Klassen- und Lehrerwechsels in der Grundschule gestärkt, begann sie einen neuen Start in einem anderen Gymnasium. Dort fühlt sie sich heute sehr wohl, ist beliebt und steht als Stufensprecherin zur Wahl. Der folgende Auszug aus ihrem Brief spricht für sich:

«P.S. Ich und meine Eltern wollten Ihnen schon immer einmal danken, wie sehr und gut Sie sich um mich gekümmert haben! Wie Sie mich aufgebaut haben, so dass ich mein Selbstbewusstsein ein wenig zurückerlangt habe! Und wie Sie mich dazu geleitet haben, auf ein Gymnasium zu kommen! Sie sind eine unglaublich gute, starke und sehr bewundernswerte Lehrerin!» […] «Sie haben sich damals so viel Zeit für mich genommen, diese ganzen Sitzungen mit meinen Eltern, Gespräche und vieles mehr! Ich kann wirklich Ihnen nur danken, dass ich jetzt in der gymnasialen Oberstufe bin. Dies wäre niemals gegangen, hätten meine Eltern nicht die Entscheidung getroffen, mich zurückzusetzen! Meine Mama macht sich viele Vorwürfe deswegen, da sie denkt, sie wäre schuld, dass mich alle mobben, denn sie ist der Meinung, hätte sie mich ein Jahr später eingeschult, wäre ich sofort in Ihrer Klasse gewesen und ich hätte niemals unter Mobbing der Schüler und der Lehrerin leiden müssen. Jedoch bin ich der Meinung, sie ist auf keinen Fall schuld daran, ich meine, sie konnte so was ja nicht wissen, und ausserdem hat genau das mich stark gemacht! Ich habe gelernt, drüberzustehen und selbstbewusst zu sein, und ich weiss, dass ich das schaffen kann.»    •