Wider Verwirrung und «Ver-Wüstung»

ISBN 978-3-942605-17-5
Rieger, Michael. «Wir gehen durch die Gegenwart wie durch eine Wüste» – Auf den Spuren der Tradition in Philosophie und Literatur – Skizzen und Porträts. 240 Seiten, brosch. Rückersdorf b. Nürnberg, Lepanto-Verlag 2018

Buchbesprechung

von Friedrich Romig

Der ausgewiesene Germanist, Philosoph, Historiker und Politologe Dr. Michael Rieger hat den seinem Buch titelgebenden Satz «Wir gehen durch die Gegenwart wie durch eine Wüste» einem Aufsatz entnommen, den der Schriftsteller Fritz Eberling im Jahr 1930, also in jener wirren Zeit verfasst hat, die auf den Zusammenbruch nach dem Ersten Weltkrieg folgte.

Sowohl die Weimarer wie auch die österreichische Republik glichen geistig einer tristen Wüste, die ähnlich wie heute, «gröss­tenteils als seelen-, kultur- und herzlos» empfunden wird.
«Die sozialistische Nivellierung aller Unterschiede und die Negierung der eigenen menschlichen Kultur» wurde, wie Anabel Schunke treffend feststellt, zur Staatsraison gemacht. Das «liberale Denken» in Gestalt des Relativismus hat kräftig zur Entstehung «der inneren und äussern Wüste» beigetragen, die mit ihren destruktiven Verlusten an Überlieferung, Gemeinschaftsbezogenheit und Verantwortungsbewusstsein einhergeht. Den «gehetzten modernen Menschen» (Franz Xaver Kroetz) sind die Massstäbe und Gegenbilder abhanden gekommen, welche den zerstörerischen Kräften Einhalt gebieten könnten.
An sie, die Massstäbe und Gegenbilder, will Michael Rieger mit dem Griff in sein Bücherregal erinnern. Dort findet er so etwas wie «die Kronenwächter» (Achim von Arnim), welche «die ewig heiligen Musterbilder wahrer Vertrautheit und Ideale» bewahrt haben. Sie hat es zu allen Zeiten gegeben, wenn die geistige Verwüstung drohte, die schon in der Französischen Revolution ihre Saturnalien feierte, so wie heute unter der Marke der Political correctness.
Ganz zu Recht verweist Rieger schon in der Einleitung auf Kleist, Droste-Hülshoff, Peter Rosegger und ganz ausführlich auf Adalbert Stifter, der mit seinem «sanften Gesetz» der Sitte und der Gerechtigkeit wieder Geltung verschaffen will. Was dieses «sanfte Gesetz» bedeutet, dem hat niemand anderer als der ebenso ausführlich gewürdigte Reinhold Schneider in vier Zeilen kurz vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten prophetisch und prägnant Ausdruck verliehen:

«Denn Täter werden nie den Himmel zwingen:
Was sie vereinen, wird sich wieder spalten.
Was sie erneuern, über Nacht veralten,
Und was sie stiften, Not und Unheil bringen.»

Das Gedicht, in dem diese vier Zeilen vorkommen, trägt den Titel: «Allein den Betern kann es noch gelingen …». Schneider hat es in einen unter Samisdat-Bedingungen erschienenen Meditationsband mitten im Zweiten Weltkrieg aufgenommen, und so mancher Soldat führte diesen Band in seinem Tornister mit, Trost findend in dem unentrinnbaren Schicksal des zu erwartenden Todes.
Gleich dem ersten Kapitel seiner kleinen Anthologie konservativen Denkens gibt Rieger die Überschrift: «Katholizismus versus Modernismus». Er schlägt damit das Thema an, welches den ganzen Band durchzieht. In ihm, diesem ersten Kapitel, wird der bei uns weitgehend unbekannte Brasilianer Plinio Corrêa de Oliveira gewürdigt, der mit seinen in die meisten Weltsprachen übersetzten Büchern «Revolution und Gegenrevolution» und «Noblesse» eine ganze, in vielen Ländern institutionell verankerte Bewegung, die für «Familie, Tradition und Privateigentum» (TfP), entfacht hat. Seine These, dass die Ordnung in Kultur, Zivilisation und Staat «von der Beachtung der Lehren der Kirche abhängt», wird heute von praktisch allen bedeutenderen konservativen Denkern angenommen. Es kommt ja nicht von Ungefähr, dass Ernst Jünger, Caspar von Schrenck-Notzing, Russell Kirk vom Protestantismus zur römisch-katholischen Kirche übergetreten sind, ganz zu schweigen von ihren Vorgängern wie Adam Müller, Friedrich Schlegel, Carl Ludwig von Haller und vielen anderen. Und nicht zuletzt ist es bezeichnend, dass Schriftsteller vom Range eines Peter Handke, Martin Walser, Thomas Bernhard oder Botho Strauss ihren «Durst nach Wahrheit» mehr und mehr aus den «springenden Brunnen» löschen, welche die Religion liefert.
Bei seinen Streifzügen durch die Tradition verweist Rieger immer wieder auf Othmar Spann, von dem der wohl beste Kenner der konservativen Revolution, Armin Mohler, zu dem Urteil gelangt, Othmar Spann habe ihr, «der konservativen Revolution das durchgearbeitetste System geliefert». Spanns umfassendes Werk fand in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in einer 21 Bände umfassenden Gesamtausgabe eine Zusammenfassung und Neuauflage. Zur Freude von Michael Rieger werden Spanns Lehren heute von seinen Schülern und Enkelschülern weiter und mit Nachdruck in Wissenschaft und Politik vertreten.
Rieger hat mit seinen Skizzen und Porträts kein wissenschaftliches Buch vorgelegt, aber eines, das dem Leser ein «Gesundbad» bereitet, welches wohltut und zur geistigen Hygiene beiträgt.    •

Rieger, Michael. «Wir gehen durch die Gegenwart wie durch eine Wüste» – Auf den Spuren der Tradition in Philosophie und Literatur – Skizzen und Porträts. 240 Seiten, brosch. Rückersdorf b. Nürnberg, Lepanto-Verlag 2018