Saudi-Arabien – Angriff auf ein globales Energie-Überangebot

von Henrik Paulitz

Die Angriffe auf die Ölwirtschaft Saudi-Arabiens sind ein klassisches Lehrstück in Sachen Terrorismus und Krieg: Wie immer wird die Frage in den Vordergrund gerückt, «wer» diese Angriffe durchgeführt habe und «gegen wen» nun Krieg zu führen sei. Dahinter stehen die immer gleichen Fragen: «Wer ist schuld?» – «Wer ist böse?» – «Wer muss bestraft werden?» Wenn man hingegen den Frieden bewahren möchte, ist es sehr viel wichtiger, den Fragen nachzugehen, «was» und «warum» etwas geschieht.

Drohnenangriffe auf Öl-Anlagen in Saudi-Arabien. (Grafik Keystone-SDA, Quelle: dpa)

Heranführung an Kriege

Kaum jemals wurden in unserem «Informationszeitalter» der Öffentlichkeit auch nur ansatzweise stichhaltige oder gar «erdrückende» Beweise zur Beantwortung der Frage vorgelegt, «wer» einen Angriff verübt hat und insbesondere, wer in letzter Konsequenz dafür verantwortlich ist. Stets wird nur sehr viel spekuliert und behauptet. Der Wahrheit kommt man auf diese Weise selten näher.
«Wer ist schuld?» – Das ist die Frage, die einer Polarisierung und Destabilisierung von Gesellschaften und der Welt in die Hände spielt, weil sich stets zwei Lager endlos darüber streiten können («divide et impera»). Sie ist eines der weit unterschätzten, in ihrer Wirkung jedoch brutalsten Instrumente ideologischer Macht, die die Welt regelmässig an den Abgrund «militärischer Eskalation» führt.

Erhalt des Friedens

Wie der aktuelle Fall der Angriffe auf die weltwirtschaftlich bedeutsame Ölförderung Saudi-Arabiens zeigt, wird im Kontext dieser Schuld-Frage sehr hartnäckig sogleich die Frage diskutiert, wer nun gegen wen Krieg führen müsse. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wer am Erhalt des Friedens wirklich interessiert ist, sollte die Frage, wer angeblich verantwortlich und zu sanktionieren ist, zunächst zurückstellen.

Was geschieht im Krieg?

Basierend auf meinen Büchern «Anleitung gegen den Krieg» und «Kriegsmacht Deutschland?» empfehle ich in meinen Vorträgen seit Jahren, eine ganz andere Frage in den Mittelpunkt zu rücken: «Was geschieht im Krieg?»1
Erfahrungsgemäss ist diese Frage vergleichsweise zuverlässig zu beantworten, ohne ins Spekulative bzw. Ideologische abzugleiten. Nehmen wir den aktuellen Fall: «Was ist geschehen?» Die Antwort: Es gab einen Angriff auf die Öl- bzw. auf die Energie-Infrastruktur Saudi-Arabiens.

Angriffe auf die Energie-Infrastruktur

Das ist nicht wirklich überraschend: Angriffe auf die zivile (!) Energie-Infrastruktur, das ist das Ergebnis der umfangreichen Analyse in «Anleitung gegen den Krieg», geschehen sehr häufig in Kriegen.
Anders formuliert: Es handelt sich um ein wesentliches Kriegsziel.
Die Energie-Infrastruktur ist auch häufiges Ziel von Terroranschlägen. Immer wieder erfolgen Angriffe auf Pipelines. So beispielsweise auch in Saudi-Arabien im Mai 2019.2
Weltweit zählt die Energie-Infrastruktur regelmässig zu den wesentlichen Angriffszielen bei Terroranschlägen und im Krieg: Öl- und Gasfelder, Öl- und Gaspipelines, Raffinerien, Tanklager, Ölhäfen, Öltanker, Kohlebergwerke, Kraftwerke, Transformatorenstationen, Stromtrassen usw.

Einbruch der Ölproduktion

Die Angriffe auf die Energie-Infrastruktur weltweit führen vielfach dazu, dass es zu Produktionseinbrüchen kommt.
Die Analysen der U.S. Energy Information Administration (EIA) zeigen, wie etwa die Irak-Kriege oder auch der Luftangriff gegen Libyen 2011 die Produktion und insbesondere auch die Exporte von Öl- bzw. Erdgas dezimierten.3
Das aktuelle Geschehen in Saudi-Arabien ist insofern bemerkenswert, als durch einen einzelnen Angriff gut fünf Prozent der Weltölproduktion vom Markt genommen wurden.
Der Erkenntnisgewinn durch die einfache Frage «Was geschieht?» ist insofern gross. Das drängt die weitere Frage auf, «warum» es zu diesen Angriffen auf die Energie-Infrastruktur kommt.

Strukturelles Überangebot an Rohöl

In der aktuellen Berichterstattung über den Angriff in Saudi-Arabien werden wertvolle Hinweise gegeben, in welcher Weise damit der Weltölmarkt beeinflusst wird.
Ein wesentlicher Ausgangspunkt ist der Hinweis von Klaus-Jürgen Gern vom Kieler Institut für Weltwirtschaft in einem Interview.4 Er sagt: «Seit Jahren gibt es ein strukturelles Überangebot an Rohöl.»
Militärische Angriffe auf Ölfelder, Pipelines oder Raffinerien reduzieren demnach das Angebot auf einem «gesättigten Markt». Ein erhebliches Wachstum des globalen Ölmarkts ist nicht zu erreichen, daher zielen zahlreiche Massnahmen darauf ab, die Ölproduktion der Anbieter weltweit zu begrenzen. Wird ein strukturelles Überangebot nicht zurückgefahren, drohen Preisverfall und Gewinneinbussen.
Wird hingegen die Ölproduktion drastisch reduziert, dann kann es zu Preissteigerungen und zu erheblichen Gewinnsteigerungen kommen.

Künstliche Verknappung

Vor diesem Hintergrund kam es 1960 zur Gründung der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC). Das Erdöl-Kartell, mit dem inzwischen auch Nicht-OPEC-Staaten eng kooperieren, begrenzt die Ölfördermengen (Förderquoten) ihrer Mitglieder:
Durch die «künstliche Verknappung» der Ölförderung wird der Ölpreis stabilisiert oder auch in die Höhe getrieben.5
Militärische Angriffe auf die Ölproduktion können als eine Form der künstlichen Verknappung des Ölangebots mit potentiellen Auswirkungen auf den Ölpreis betrachtet werden.
Tatsächlich kam es nach den jüngsten Angriffen auf die Ölwirtschaft Saudi-Arabiens zu einem Anstieg des Ölpreises.6

Krieg und Profit

Beim Libyen-Krieg 2011 zeigte sich, dass Angriffe auf die Ölproduktion sehr profitabel sein können. Im Februar 2011 kam die Ölförderung des Landes durch den Krieg kurzzeitig komplett zum Erliegen. Dadurch stieg der Ölpreis im Frühjahr 2011 auf über 125 US-Dollar pro Barrel. 2011 wurde zum teuersten Öljahr aller Zeiten, im Durchschnitt war Öl in diesem Jahr so teuer wie noch niemals zuvor.
Da das libysche Öl vielfach für nur einen US-Dollar pro Barrel gefördert wird, beschert es den Ölmultis bei Preisen zwischen 20 und 60 Dollar pro Barrel seit Jahrzehnten schon Extrem-Profite. Der Ölpreis von mehr als 125 Dollar je Barrel durch den Libyen-Krieg steigerte bei rückläufiger Förderung zusätzlich den Gewinn der Konzerne:
«Kriegsschäden und Sabotage gaben der libyschen Ölindustrie den Rest», schrieb die «Badische Zeitung» im Juni 2011 und beschrieb den Gewinn für die Ölmultis: «Die internationalen Ölkonzerne haben weniger unter den Produktionsausfällen zu leiden, da die Verknappung durch die Krise einen Preisanstieg auf dem Weltmarkt verursacht hat, der ihnen mehr Geld pro Barrel in die Kasse bringt. So sank zwar die Fördermenge des französischen Ölriesen Total im ersten Quartal wegen des Libyen-Krieges, wegen der gestiegenen Preise stieg gleichzeitig aber der Gewinn.»7

Fazit

Möchte man vermeiden, dass sich die Geschehnisse im Nahen Osten noch stärker als bisher schon zu einem Flächenbrand ausweiten, dann sollten diese militärisch-ökonomischen Zusammenhänge in die Analysen und Erwägungen mit einbezogen werden.
Um einen erneuten «Krieg um Ölprofite» zu vermeiden, könnte die Vorbereitung einer «Welt-Öl-und-Friedenskonferenz» in Erwägung gezogen werden, in der man offen über Marktstrukturen und Gewinnerwartungen spricht und Lösungen verhandelt, wie Interessen einflussreicher Akteure «bedient» werden können, ohne alles in Schutt und Asche zu legen.    •

1    Grundlage ist die von der Akademie Bergstrasse entwickelte Methodik einer «deskriptiven, ökonomisch orientierten Friedens- und Konfliktforschung».
2    «Naher Osten. Anschlag auf Öl-Pipeline in Saudi-Arabien.» Deutsche Welle vom 14. Mai
3    https://www.eia.gov/
4    «Naher Osten. Anschlag auf Öl-Pipeline in Saudi-Arabien.» Deutsche Welle vom 14. Mai
5    Umgekehrt kann durch die Steigerung der Ölförderung der Ölpreis auch deutlich reduziert werden.
6    «Saudi-Arabien – Ölpreis steigt nach Drohnenangriffen.» Zeit online vom 16. September
7    «Libyens Ölindustrie ruht.» Badische Zeitung vom 4. Juni 2011

Quelle: Akademie Bergstrasse für Ressoucen-, Demokratie- und Friedensforschung, Analysen & Empfehlungen vom 18. September