Flinke Kletterer mit buschigem Schwanz

Eichhörnchen – die Kobolde des Waldes

von Heini Hofmann

Das Eichhörnchen gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Wildtieren unseres Landes. Erstaunlich, dass es dennoch zu den wenig erforschten Vertretern der heimischen Fauna zählt.

Dank seinem possierlichen Wesen wurde das Eichhörnchen zu einem der beliebtesten einheimischen Wildtiere; schade nur, dass es noch nicht besser erforscht ist. (Bild AWT)

Sein Bekanntheitsgrad hat vierfachen Grund: recht häufiges Vorkommen, auffällig-possierliches Benehmen, kein allzu grosser Respekt vor dem Menschen (wie Schwalbe, Amsel, Spatz und Ratte) und ein Tagesablauf, der etwa dem unsrigen entspricht, so dass man diesen Waldkobold auch zu Gesicht bekommt, einfacher jedenfalls als extreme Kulturflüchter oder gar nachtaktive Tiere.

Sommersiesta ja, Winterschlaf nein

Eichhörnchen sind ausgesprochene Tagtiere mit gewöhnlich zwei Aktivitätsphasen: Beim Morgengrauen werden sie munter, über Mittag halten sie Siesta, am Nachmittag sind sie wieder aktiv, und vor Sonnenuntergang gehen sie schlafen. Im Herbst verkürzt sich ihre Mittagsruhe und entfällt schliesslich ganz, so dass beide Aktivitätsphasen zu einer verschmelzen, die mit fortschreitendem Einwintern noch schrumpft und sich auf den späteren Morgen beschränkt.

Entgegen weitverbreiteter Meinung macht das Eichhörnchen – im Gegensatz zu dem ihm verwandten Murmeltier – keinen Winterschlaf. Allerdings schränkt es seine Aktivität in der kalten Jahreszeit stark ein und verlässt das Nest erst spätmorgens für kurze Zeit. Dabei verrichtet es nur das Unvermeidliche: Nahrungssuche und Notdurft. Schnee und tiefe Temperaturen allein schrecken es nicht zurück, doch meidet es stürmische und niederschlagsreiche Schlechtwetterperioden.

Zum Klettern geboren

Studien an Eichhörnchen in freier Wildbahn sind deshalb nicht einfach, weil sich die Tiere meist unbeobachtbar in Baumkronen aufhalten und Männchen und Weibchen bezüglich Grösse, Aussehen, Färbung und Gewicht schwer zu unterscheiden sind.

Eindrücklich ist ihre Anpassung ans Leben auf den Bäumen. Die anatomischen Proportionen mit dem geschmeidigen Körper, dem leichten Knochenbau, den sehr muskulösen Hinter- und den äusserst geschickten Vorderbeinen mit langen, gebogenen Krallen an Zehen und Fingern machen die Eichkatzen zu wahren Kletterkünstlern, die sich nur selten am Boden aufhalten (ausser in Pärken, wo sie als zahme Tiere beim Futterbetteln atypisches Verhalten zeigen).

Steuer, Balance und Signal

Wie es beim Menschen eine Hamolstellung, so gibt es beim Eichhörnchen eine Kalenderblattpose: aufrecht sitzend, manierlich eine Haselnuss oder einen Tannzapfen in den Vorderpfoten und den buschigen Schwanz – einem Sonnenschirm gleich – S-förmig über den Rücken geschlagen. Die alten Griechen nannten diese lebende Statuette «Skiouros» (der sich mit dem Schwanz Schattengebende). Diese poetische Umschreibung blieb im Gattungsnamen (Sciurus vulgaris) bis heute erhalten.

Jedoch: Das Schattenspenden ist wohl die unwichtigste Aufgabe dieses mächtigen Schwanzes. In erster Linie dient er als Steuerruder bei weiten Sprüngen und als Balancierstange beim Klettern oder als optischer Signalgeber bei der Balz (Liebesvorspiel) und schliesslich als Kälteschutz im Winter. Ein weiteres Typikum sind die adretten Haarbüschel auf den Ohren. Ähnliche Ohrpinsel weist unter den einheimischen Wildtieren nur noch der Luchs auf.

Die Roten und die Schwarzen

Auf dem besagten Kalenderbild prangt meist ein fuchsrotes Eichhörnchen. In Wirklichkeit variiert die Färbung von Rot über Braun bis Schwarz, jedoch stets mit weisser Körperunterseite. Im Flachland überwiegt die rote, im hügeligen und Bergland dagegen die dunkle Varietät. Zudem wird die Färbung durch zweimaligen Haarwechsel im Frühling und Herbst beeinflusst.

Beim Übergang vom Sommer- zum Winterfell verändern sich nicht nur Länge und Dichte der Haare, sondern es treten vermehrt weissgraue Haare auf, wodurch die Färbung gedämpft wird, so dass rote Tiere grauer und braun-schwarze heller erscheinen, mit silbergrauen Zonen besonders an den Flanken. Das Langhaar an Ohrbüscheln und Schwanz dagegen wird nur einmal im Jahr im Anschluss an den Frühlingshaarwechsel des Körperfells gewechselt.

Ihr Heim – das Kugelnest

Das Wohngebiet eines Männchens ist rund zehn Hektaren, dasjenige eines Weibchens etwa halb so gross. Ungefähr in dessen Zentrum befindet sich das Nest, fachsprachlich der Kobel, von leicht abgeflachter Kugelgestalt, mit einem äusseren Durchmesser von zwanzig bis fünfzig Zentimetern, meist in einer starken Astgabelung direkt am Stamm und fünf bis zehn Meter über dem Boden.

Die Nestkugel besteht aus einem Zweiggeflecht und ist innen mit Gras, Moos und Baumbast ausgepolstert. Die Nesthöhle weist einen Durchmesser von zehn bis zwanzig Zentimetern auf und ist durch ein fünf Zentimeter weites Schlupfloch zugänglich. Der Bau eines solchen Nestes dauert wenige Tage. Meist besitzt ein Tier neben dem Hauptnest noch Reservenester, die als Unterschlupf dienen bei Störungen rund um den Hauptkobel oder auf der Futtersuche.

Rabiate Hochzeitssitten

Eichhörnchen gelten als nichtsoziale Tiere, die als Einzelgänger leben, mit wenig Kontakt zu Artgenossen. Jedes erwachsene Tier hat sein eigenes Nest, das es gegen andere verteidigt. Dieses Verhalten ändert sich erst zur Paarungszeit. Wenn der Winter das Zepter nicht mehr fest in der Hand hält, wird der Wald zum Schauplatz der verrückten Eichhörnchenhochzeit. Zuerst verjagt das Weibchen das werbende Männchen, dann flieht es vor ihm, was zu wilden Verfolgungsjagden während mehrerer Tage führt, bis sich das Weibchen in seinem Hauptnest begatten lässt. Nach erfolgter Paarung verjagt das Weibchen erneut das Männchen, und beide leben wieder getrennt.

Rosa, nackt und blind

Nach 38 Tagen Tragzeit werfen jüngere Weibchen einmal im Jahr zwei bis drei, ältere oft zweimal jährlich drei bis fünf Junge, so dass Nachwuchs von Ende Februar bis Ende August eintreffen kann. Eichkätzchen kommen als ausgesprochene Nesthocker zur Welt, rosafarben, nackt, blind, kaum sechs Zentimeter lang und knapp zehn Gramm schwer. Nach ein paar Tagen beginnen sie sich zu färben; eine komplette Jugendbehaarung tragen sie nicht vor zwei Wochen, und die Augen öffnen sich erst nach rund einem Monat.

Zirka sechs Wochen alt, verlassen die munzigen, jetzt über hundert Gramm schweren Eichkätzchen das Nest, trinken aber noch bei der Mutter (rund neun Wochen lang). Von ihr lernen sie auch, was essbar ist, indem sie sich Nahrungsbrocken aus ihrem Maul angeln. Auf ihren Ausflügen erkunden sie den Baum, auf dem sie geboren sind, die benachbarten Bäume und schliesslich das ganze Revier. Dann überlässt die Mutter die Jungen dem Schicksal. Mit etwa sieben Monaten sind sie erwachsen, und mit acht bis zehn Monaten sind junge Weibchen bereits geschlechtsreif, werfen aber gewöhnlich erst im zweiten Lebensjahr.

Es gibt rote und braun bis schwarz gefärbte Eichhörnchen, jedoch alle mit weissen Bauch. Rötliche Spielarten kommen vor allem in Niederungen vor, die dunklen in höheren Lagen. (Bild Aita Gross)

Überleben ist Glückssache

Die scheinbar grosse Nachwuchsrate der Eichhörnchen ist notwendig, weil nur etwa ein Viertel bis ein Fünftel der Jungen ein Jahr alt wird und offenbar weniger als ein Prozent (!) aller Tiere fünf Lebensjahre erreicht, wobei die «Erbfeinde» Baummarder und Habicht regulierend, aber nicht dezimierend wirken. Gravierender sind menschengemachte Umweltveränderungen und – heutzutage – die Verkehrstoten! Als geschützte Tierart werden die Waldkobolde in der Schweiz nicht bejagt.

Der optimale Lebensraum für Eichhörnchen ist ein Mischwald mit engem Kronenschluss und dichter Strauchschicht. Entmischte, unterholzarme, in Parzellen zerschnittene Waldungen bieten kaum mehr eine Lebensgrundlage. Wichtig ist das Vorhandensein verschieden alter Waldbäume; denn Samen (Zapfen) werden erst nach zehn oder mehr Jahren getragen und nur in unregelmässigen Abständen von mehreren Jahren. Arten- und Altersmonokulturen können zu eigentlichen Hungerfallen werden.

Notvorräte: geplanter Zufall

Es gibt kaum etwas im Wald, was Eichhörnchen nicht nutzen: Magenuntersuchungen aus dem Mittelland zeigen, dass ganzjährig an erster Stelle Samen (Zapfen) von Kiefern und Fichten stehen, Ende Sommer ergänzt durch Buchnüsse, im Winter und Frühling aufgebessert durch Knospen und Blüten der Nadelhölzer. Auf dem Menüplan stehen aber auch Beeren, Haselnüsse, Pilze, Blätter und Wurzeln, ja selbst Ameisenpuppen, Käfer, Insekten aller Art, selten sogar Vogeleier oder Jungvögel.

Im Herbst, wenn das Nahrungsangebot gross ist, legen die Eichhörnchen fleissig Futtervorräte an, durch Vergraben in Wurzelnähe oder Lagern in Baumhöhlen. Da sie sich all diese Verstecke nicht merken können, suchen sie im Winter an solch typischen Stellen nach dem Zufallsprinzip, werden mal fündig, mal nicht, wodurch sie nebenbei zur Samenverbreitung beitragen.     •

Grauhörnchen ante portam

HH. Das amerikanische Pendent zu unserem Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) ist das Grauhörnchen (Sciurus carolinensis). Doch es ist grösser, stärker und dominanter. Zudem ist es Träger eines Virus (Pox-Virus, «Eichhörnchen-Pocken»), gegen das es selber – im Gegensatz zu den einheimischen Hörnchen – immun ist. Unbedacht eingeschleppte und freigesetzte Graue konnten sich auf den Britischen Inseln und in Norditalien verbreiten und verdrängen dort nun zunehmend die einheimischen Roten.

In England ist dieser Verdrängungsprozess – seit dem ersten Nachweis 1876 – schon weit fortgeschritten. Nur in Nord-england und Schottland konnten sich die Roten noch halten. In ganz Grossbritannien liegt das Verhältnis heute bei gut drei Millionen Grauhörnchen versus noch knapp 150 000 Eichhörnchen.

In Italien (Piemont und Lombardei) ist das Grauhörnchen seit seiner Freisetzung durch Privatleute Mitte 20. Jahrhundert ansässig und heute mit gut 30 000 Individuen vertreten. Auf Grund von Modellrechnungen wird angenommen, dass die Grauen auf ihrem Vormarsch Richtung Norden gelegentlich mal das Tessin erreichen könnten. Dem Fluss Tessin folgend, sind die Grauhörnchen nur noch gut 70 Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt. Und da die Alpen für ihre Weiterausbreitung kein unüberwindbares Hindernis darstellen, stünde ihnen dann theoretisch auch der Weg nach Mitteleuropa offen.

Diese veränderte Situation rief eine Europäische Eichhörnchen-Initiative auf den Plan, die den Grauen den Kampf ansagte. Weil jedoch Massentötungen durch Tierschutzkreise verhindert wurden, versucht man nun, das Problem via Empfängnisverhütung bei den Grauhörnchen zu lösen, das heisst mittels einer Immuno-Kontrazeption: Impfung des Immunsystems mit Antikörpern, die wichtige Proteine an der Oberfläche von Spermien und Ei blockieren und so deren Verschmelzung verhindern, so dass sich die Grauhörnchen nicht weiter vermehren können.

Doch bis diese Methode reif ist für den Freilandeinsatz, dürften noch Jahre vergehen. In der Zwischenzeit wird die Natur das Problem auf ihre Weise lösen.