Hornissen sind besser als ihr Ruf

Es bedarf nicht immer des Kammerjägers!

von Heini Hofmann*

Die grossen gelben Brummer sind Stararchitekten des Leichtbaus. Ihre imposanten Nester mit integrierter Thermoregulation sind filigrane Leichtbaukonstrukte aus abgenagten Holzspänen, vermischt mit Speichel. Dass auch heute noch Hornissennester zerstört werden, hat nicht nur mit Angst, sondern auch mit Aberglaube und Vorurteilen zu tun.

Die Königin ist fast doppelt so gross wie eine Arbeiterin, und sie ist die einzige, die den Winter überlebt. (Bild Gunther Klenk)

Wohl vor allem ihrer Grösse (Arbeiterin 2–2,5 cm, Königin 4 cm) und ihres schnellen Fluges wegen, aber auch auf Grund der gelben Warnfarbe und der roten Brustpartie empfinden wir Menschen das grösste staatenbildende Insekt als besonders bedrohlich. Zu Unrecht!

Vorsicht ja, Panik nein

Doch Angst und Panik sind fehl am Platz. Hornissen sind viel besser als ihr Ruf. Sie sind nützliche Insektenvertilger und erfüllen damit eine wichtige Aufgabe im Haushalt der Natur. Ihre Hauptbeute sind Fliegen, die sie oft im Flug abfangen. Auch sind sie weit weniger aufdringlich als Wespen und weder aggressiv noch stechfreudig (ausser in Nestnähe). Die abergläubische Volksmundregel «Drei Stiche töten einen Menschen, sieben ein Pferd» ist schlicht falsch. Ein Hornissenstich ist zwar schmerzhaft, aber nicht gefährlicher als derjenige einer Biene (für Insektenstich-Allergiker gelten die gleichen Verhaltensregeln wie bei einem Bienenstich).

Bedroht sind nicht wir Menschen durch die Hornissen, sondern umgekehrt, weil ihr Lebensraum durch unser Zutun nicht mehr intakt ist. Hornissenvölker leben – wie die Kolonien von Wespen und Hummeln – nur ein Jahr lang. Die Arbeiterinnen und die männlichen Drohnen sterben spätestens bei Wintereinbruch, und nur die begatteten Königinnen überdauern die kalte Jahreszeit in Erdspalten, Baumritzen oder Käferfrassgängen.

Doch nur jede zehnte Königin schafft es, im Frühjahr ein neues Volk zu gründen; denn der Gefahren sind viele wie Pilzinfektionen, Kälteeinbruch, Nahrungsmangel und eben leider die – wegen unserer Kammerjäger-Beflissenheit – gefährliche Suche nach Nistgelegenheiten. Weil natürliche Wohnstätten wie morsche und hohle Bäume oder Spechthöhlen immer seltener werden, weichen Hornissenköniginnen auch auf Vogelnistkästen, Scheunen und Dachböden aus. Seltenerweise nisten sie auch im Boden.

Geniale Baubiologie

Gerade wegen der (meist unbegründeten) Angst vor Hornissen bleibt uns der faszinierende Einblick in ihre genial konstruierten Nester verwehrt. Dass es auch anders geht, beweisen jene Mutigen, die sich mit einem Hornissenvolk an ihrem Haus oder auf ihrem Balkon arrangieren, was meistens problemlos möglich ist. Zudem lässt sich bei einer solchen Koexistenz eine Wunderwelt entdecken; denn auch Insekten, und zumal diese grossen Brummer, müssen sich in ihrer Behausung, die einer Massenunterkunft gleichkommt, vor Umwelteinflüssen schützen, und das tun sie auf geniale Weise und hochprofessionell.

Alte Nester werden nicht mehr benutzt. Eine überwinterte Königin beginnt mit einem neuen Nestbau, indem sie die ersten Zellen an einem dünnen Stiel befestigt und sie mit einem Ei belegt. In dieser kleinen Wabe zieht sie die ersten Arbeiterinnen auf. Anders als bei den Bienen besteht das Nestmaterial nicht aus Wachs, sondern aus einer Art Papier. Weiches, morsches Holz wird mit den Kiefern abgenagt und mit dem als Leim wirkenden Speichel vermengt und so zu kleinen Kügelchen geformt.

Anfänglich muss die Königin alle Arbeiten selbst erledigen, bis sie sich dann, nach dem Schlüpfen der ersten Arbeiterinnen, aufs Eierlegen konzentrieren kann, während die Arbeiterinnen das Nest nun erweitern, vergrössern und ummanteln. Wie alle Insekten, weisen auch die Hornissen – auf Grund eines ungünstigen Verhältnisses von Körperoberfläche und -volumen – hohen Wärmeverlust auf. Deshalb ist ihr Nest, das sich aus turmartig übereinander geschichteten Wabentellern zusammensetzt, von einer isolierenden Hülle umgeben, bestehend aus Luftkammern. Sie hält die Wärme im Nestbereich zurück und führt sie der Brut zu.

Hornissennest in einem Vogelnistkasten, dessen Wände die isolierende Hülle grösstenteils ersetzten. (Bild Gunther Klenk)

Trickreiches Sterzeln

Zudem können die Hornissen die Nesttemperatur sehr genau regeln und in kühlen Nächten den Wärmeabfluss eindämmen. Bei drohender Überhitzung dagegen, wenn die Luft im Nest feuchtwarm und somit energiegeladener ist als die Aussenluft, bedienen sich die Hornissen eines Tricks, den auch die Honigbienen kennen: das Sterzeln. Am Nesteingang sorgen sie mit ventilierenden Flügelschlägen für Luftaustausch und führen so Energie aus dem Nestinnern ab.

Das holzbasierte Baumaterial der Hornissen ist zudem hygroskopisch; es bindet Wasser. Also nimmt es nachts Feuchtigkeit auf und gibt gleichzeitig im Nestraum Kondensationswärme ab, während es am Tag die Wärme durch kühlende Verdunstung reduziert. Diesen Effekt wissen die Hornissen durch gezielten Feuchtigkeitseintrag und zusätzlichen Luftaustausch noch zu verstärken.

Ein ausgeklügeltes System für ein Insekt, das bloss über ein Gehirn in der Grösse eines Stecknadelkopfs verfügt! Dank dieser faszinierenden Leichtbaukonstruktion mit integrierter, äusserst effizienter Thermoregulation verfügen die Hornissen in ihren Nestern bis in den Spätherbst hinein über eine konstante Bruttemperatur von rund 29°C.

Lehrmeisterin Natur

Hornissen sind also sowohl Stararchitekten des Leichtbaus als auch Weltmeister in Baubiologie! Kein Wunder, dass solches Phänomen die Materialwissenschaften interessiert: Gibt es hier bionisches Potential, das heisst, lassen sich aus der Baukunst der sozialen Hautflügler neue technische Lösungen – zum Beispiel für den Fassadenbau – ableiten? Oder können die thermodynamischen Mechanismen im Holzbau Anwendung finden? Es wäre nicht das erste Mal, dass der Mensch von der Natur lernt!        •

* Der Autor ist der bekannte Wissenschaftspublizist Heini Hofmann, vormals Zoo- und Zirkustierarzt (im Zoologischen Garten Basel und im Schweizer Nationalzirkus), Leiter Kinderzoo Rapperswil, Berater diverser Institutionen und Initiant verschiedener Projekte im Bereich Brückenschlag zwischen Landwirtschaft und Agglomerationsbevölkerung, Verfasser des erfolgreichsten Tierbuchs der Schweiz «Die Tiere auf dem Schweizer Bauernhof», das im Schweizerischen Freilichtmuseum lebend dargestellt wurde in Form des ersten Nutztierzoos. Er ist Mitarbeiter vieler Printmedien im In- und Ausland. Seine Sicht der Dinge trägt den Stempel fundierter Sachkenntnis, klarer Aussage und grösster Objektivität, da er frei von Abhängigkeiten ist.

Lebende Vorratstöpfe

HH. Die Wabenzellen im Hornissennest sind, gleich wie Stalaktiten bei den Tropfsteinen, nach unten ausgerichtet. Eier und Junglarven kleben am Zellendach, damit sie nicht rausfallen. Die weiss-grauen Maden haben weder Beine und Flügel noch Fühler und Augen, dafür kräftige Kauwerkzeuge und seitliche Wülste, mit denen sie sich – in den zwei letzten von insgesamt fünf Entwicklungsstadien – an der Zellwand feststemmen.

Weil der hungrige Nachwuchs nach viel tierischer Nahrung verlangt, schleppen die im Aussendienst tätigen Arbeiterinnen Insekten an, von Fliegen über Heuschrecken bis Libellen, aber auch Wespen und gelegentlich Bienen. Überwältigt und totgebissen werden die Beutetiere meist im Flug. Vor dem Eintragen werden die Opfer zerkleinert und kauend zu verfütterbaren Fleischklümpchen geformt.

Erhalten die gefrässigen Larven nicht genug Futter, protestieren sie mit «Hungerkratzen»: Sie werfen den Kopf schwungvoll nach vorn und scharren so mit ihren Kauwerkzeugen am Zellenwandholz. Fängt eine der Maden an, ziehen die andern mit, im gleichen Takt der Vorkratzerin.

Hornissenlarven werden aber nicht nur gefüttert und gehätschelt. Ist bei Schlechtwetter das Nahrungsangebot beschränkt, bedienen sich die erwachsenen Tiere – weil sie keine Nahrungsvorräte anlegen – bei der eigenen Brut, indem sie die Larven kitzeln, bis sie einen nahrhaften Speicheltropfen absondern. Dadurch verlieren die Larven bis zur Hälfte ihres Gewichts; doch das Überleben der Kolonie ist gesichert. Kombinierte Jugend- und Altersvorsorge!

Die Aussendienst-Arbeiterinnen benötigen für ihre eigenen Flugmuskeln weniger eiweiss- als vielmehr kohlehydrathaltige Nahrung. Weil sie jedoch – wegen ihres kurzen Saugrüssels – nur beschränkt an Nektar herankommen, bedienen sie sich an Fallobst und Honigtau (= Ausscheidung der Blattläuse) sowie an Säften blutender Bäume. Hornissen sind also keine nektarsammelnden Blütenbesucher.

Forschungs-Objekt

HH. Nicht umsonst interessiert sich die Wissenschaft für die geniale Bauweise der grössten Hautflügler. So haben beispielsweise Forscher der Empa in Dübendorf (Eidg. Materialprüfungs-Anstalt) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Hochbautechnik der ETH Zürich auf dem Empa-Dach einen nicht ganz alltäglichen Versuch mit zwei Hornissenpopulationen durchgeführt, um das thermodynamische Verhalten von Holzkonstruktionen besser zu verstehen und Anwendungen dieser Mechanismen zu ermöglichen.

Denkbar sind Adaptationen in mehrschichtigen, belüftbaren Gebäudehüllen oder aber die Nutzbarmachung des hygroskopischen Potentials des Baumaterials Holz, indem dieses als passiver Dämpfer gegen unerwünschte Schwankungen des Innenklimas in die Gebäudehülle integriert wird.