Duale Berufsbildung zum Miterleben und Ausprobieren

SwissSkills 2018 in Bern

von Dr. iur. Marianne Wüthrich

Vom 12. bis 16. September 2018 fanden die Schweizer Berufsmeisterschaften SwissSkills in Bern statt. 66 Berufsverbände und Organisationen der Arbeitswelt waren dabei, in 75 Berufen fanden Schweizer Meisterschaften statt. Hier konnten junge Berufsleute im Wettbewerb in eindrücklicher Weise zeigen, was sie gelernt haben.
Ziel der Grossveranstaltung war aber nicht nur das Kräftemessen der Besten. Ebenso wichtig war den Berufsverbänden, dass die Jugendlichen, die künftigen Lehrlinge, hier einen ersten Eindruck von 135 Lehrberufen erhalten konnten. Die Mehrzahl der Jugendlichen in der Schweiz beginnt nach neun oder zehn Schuljahren, also mit etwa 16 Jahren, eine Berufslehre. Entsprechend gross war das Interesse an SwissSkills: Zehntausende von Schülern reisten mit ihren Lehrern nach Bern – mit einem Bahnbillet für maximal 20 Franken und Gratiseintritt – und nahmen die tolle Gelegenheit in Anspruch, sich von jungen Berufsleuten ihre Arbeit zeigen zu lassen und auch selbst einzelne Tätigkeiten auszuprobieren.

Malerin im Wettbewerb bei den diesjährigen SwissSkills in Bern. (Bild swiss-skills.ch/2018/galerie)

«Das duale Berufsbildungssystem der Schweiz ist einzigartig»

«Das duale Berufsbildungs­system der Schweiz ist einzigartig. Junge Berufsleute stellen dies immer wieder unter Beweis, an Schweizer-, Europa- und Weltmeisterschaften in allen Berufssparten.» Mit diesen Worten bringt SwissSkills den hohen Stellenwert der dualen Berufsbildung in der Schweiz zum Ausdruck.1 Die herausragenden Leistungen sind die Früchte einer drei- oder vierjährigen Lehre, in der die jungen Leute von ihren Lehrmeistern persönlich und mit Freude am Beruf angeleitet und gründlich geschult werden, ergänzt durch eine gute Fach- und Allgemeinbildung in den Berufsschulen. Über die Spitzenleistungen an Meisterschaften hinaus ist die duale Berufsbildung aber auch für alle anderen Lehrlinge ein Segen sowie eine der tragenden Säulen des Wirtschaftsstandortes: «Die Schweiz funktioniert dank der Berufslehre. Zwei Drittel aller Jugendlichen in der Deutschschweiz beginnen ihre Berufskarriere mit einer Berufsbildung.» So Rudolf Strahm, einer der unermüdlichen Aufklärer über die prägende Rolle der dualen Berufsbildung für den Einzelnen und für die Gesellschaft.2

Stolz auf den Beruf und die eigenen Leistungen

Vor kurzem liessen der «Blick» und «20 Minuten», die von vielen Jungen gelesen werden, Lehrlinge zu Wort kommen, die ihre Freude und ihren Stolz auf ihre Arbeit und ihren Beruf zum Ausdruck brachten.3 Übrigens sind das nicht nur einige positive Zufallstreffer: In meiner Zeit als Berufsschullehrerin beeindruckte es mich bei jeder Klasse aufs neue, wie die 16jährigen fast ausnahmslos den grossen Schritt von der Schule ins Berufsleben trotz früherem Tagesbeginn, längerem Arbeitstag und neuen Anforderungen meisterten und sich innert weniger Monate in Beruf und Lehrbetrieb heimisch fühlten – stolz auf die eigenen Leistungen und auf den ersten Lohn.

Der dualen Berufslehre und unserer Jugend Sorge tragen

Hören wir auf zu jammern, weil andere Länder mehr Maturanden und Akademiker haben! Lassen wir uns nicht irritieren von Avenir Suisse und OECD, die unserem Wirtschaftsstandort deswegen schlechtere Aussichten prognostizieren. Diese Organisationen vertreten nicht in erster Linie die 500 000 KMU, in denen ein Grossteil unserer jungen Frauen und Männer eine Berufslehre absolvieren und dabei zu verantwortungsbewussten Erwachsenen werden, die ihren Platz nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch als Bürger einnehmen (in der direktdemokratischen Schweiz besonders wichtig). Mehr als 99 % der privaten Betriebe in der Schweiz sind gemäss dem Bundesamt für Statistik (BFS) KMU, also Firmen mit weniger als 250 Beschäftigten, sie stellen zwei Drittel der Arbeitsplätze und bieten das Gros der Lehrstellen an.
Wir brauchen nicht eine höhere Maturaquote, sondern eine Volksschule, in der die Kinder von ihren Lehrerinnen und Lehrern ins Lernen und in die Welt eingeführt werden und die Schule mit gefülltem Rucksack verlassen. Jeder Berufsausbildner kann uns sagen, welche Kenntnisse und Fertigkeiten und welche persönliche Haltung ein Jugendlicher mitbringen muss, um eine Lehre antreten und abschliessen zu können. Fürs Gymi braucht es übrigens etwa dieselben Voraussetzungen, mit mehr Gewicht im schulischen Bereich.    •

1    https://www.swiss-skills.ch/2018/
2    Rudolf Strahm, «Warum wir so reich sind». «Tages-Anzeiger» vom 11.9.2018
3    «Nichts gegen die Stifti! Porträt über vier Lehrlinge». «Blick» vom 16.8.2018. «Neuling in der Lehre: ‹Zu Beginn hatte ich Muskelkater›». «20 Minuten» vom 31.8.2018