Digitalisierung in den Schulen – Lernen aus Erfahrung

von Felice Pensatore

Und wieder einmal sass ich an meinem Schreibtisch und arbeitete mich durch einen Stapel interessanter Zeitungsartikel. Einer davon war in englischer Sprache und schon fast zwei Jahre alt. Ein grosses Foto aus dem Silicon Valley zierte die erste Seite. Ich staunte nicht schlecht, als ich den zugehörigen Text las. Da warfen Eltern die Frage auf, ob der futuristische Traum eines Klassenzimmers, ausgerüstet mit iPads, Smartphones und Bildschirmen, wirklich im Interesse der nächsten Generation sei. Noch erstaunlicher, diese Eltern arbeiteten selbst bei den dort ansässigen, führenden Hightech-Firmen. Ihr Entschluss stützte sich auf unabhängige (!) Studien und Erfahrungen, die sich mit den Argumenten für oder gegen das Lernen mit den neuesten elektronischen Gerätschaften befassten. Und sie kamen zum Schluss, dass sie ihre Kinder lieber in eine Waldorfschule schicken und dazu auch jährlich einen beträchtlichen Batzen aufwenden wollten. So steht mitten in Amerikas «digital centre» eine entsprechende Schule, in die die Angestellten von Google, Apple und Yahoo usw. ihre Kinder schicken.1

«Meine Skepsis entsteht aus meiner Liebe zum Computer, aus dem Wunsch, unsere technologische Welt menschengerechter zu machen anstatt die Menschen maschinengerechter.»

(Stoll, Clifford. Log out. Warum Computer im Klassenzimmer nichts zu suchen haben und andere High-Tech-Ketzereien.  S. 11)

Was ich da las, stand im Gegensatz zu einer Meldung aus der Boulevardzeitung «20 Minuten», die berichtete, dass der Berner Gemeinderat alle städtischen Schulen und Kindergärten mit WLAN ausrüsten wolle. Dazu beantragte er beim Parlament einen Kredit von 1,576 Millionen Franken. Damit sollten die Kinder die nach Lehrplan 21 geforderten ersten Basisfunktionen erwerben. Für jeweils vier Kinder solle deshalb ein Tablet zur Verfügung stehen. Für die flächendeckende Ausrüstung der 88 Schul- und Kindergartengebäude sei eine gute Million Franken nötig; der Betrieb der Wireless-Infrastruktur erfordere während fünf Jahren nochmals etwa 500 000 Franken. Einen zusätzlichen Fünfjahreskredit von gut zwei Millionen Franken sieht der Berner Gemeinderat für die Netzwerkerschliessung der Schulanlagen vor.2 Auch die Stadt Zürich lässt sich nicht lumpen und bewilligt mit der Einführung des Lehrplans 21 im Schuljahr 2018/2019 12,3 Millionen Franken für die Ausrüstung sämtlicher Fünftklässler mit einem persönlichen Tablet (ab dieser Stufe ist «Medien und Informatik» gemäss dem neuen kantonalen Lehrplan als Fach im Stundenplan verankert). Am Ende der 6. Klasse sollen die mobilen Geräte dann zurückgegeben werden. Auch hier – es tönt schon wie ein obligatorisch zu kommunizierender Textbaustein: «Ziel ist es, den Schülerinnen und Schülern über die Nutzung der mobilen Geräte hinaus breite Medienkompetenzen zu vermitteln.» Auch die Betreuungsinstitutionen in den Schulen will der Zürcher Stadtrat computertechnisch aufrüsten, damit die zunehmende Zahl der Kinder und Jugendlichen, welche die familienergänzenden Betreuungsangebote nutzen würden, auf die notwendige Infrastruktur zugreifen könnten – etwa zum Erledigen von Hausaufgaben oder für administrative Vorgänge. Entsprechend müsse das Betreuungspersonal in Kursen auf diese neuen Aufgaben vorbereitet werden.3
Seltsam, dachte ich. Bei uns schreit alles nach Digitalisierung und beklagt die bisher verpassten Chancen, und da, wo die ganzen Gerätschaften entwickelt werden, ziehen die Eltern ein ganzheitliches Lernen mit Kopf, Herz und Hand vor. Oder sind es wohl eher die verpassten Chancen der Bildungsindustrie? Ob all die Produzenten von Computern, Software und anderen technischen Errungenschaften, welche ihre Produkte «als pädagogisch geschickt» anpreisen, wirklich an erster Stelle das Wohl der Kinder und Jugendlichen im Auge haben?

Ein Kritiker ist kein Maschinenstürmer und auch nicht ewiggestrig

Da fiel mein Blick auf den Titel eines Buches in meinem Büchergestell: Log out – Warum Computer im Klassenzimmer nichts zu suchen haben. Der Verfasser, Clifford Stoll, hatte es um die Jahrtausendwende verfasst, als in den USA die Schulen bereits ihre Erfahrungen mit den digitalen Errungenschaften gemacht hatten. Als Astronom und Computerspezialist war er am Aufbau des ARPANETs, dem Vorläufer des heutigen Internets beteiligt gewesen und somit kein «Feind der Technologie», «Ewiggestriger» oder «Maschinenstürmer», wie kritische Geister oft betitelt werden. Er war und ist jedoch skeptisch, was Computer betrifft, wie er sich selber charakterisiert, und sieht sich in der Pflicht, gegen aufgeblasene, falsche Versprechungen und masslose Übertreibungen vorzugehen.4 Mit seinen Büchern half er mit, in den USA eine breite Diskussion zur Digitalisierung im Bildungswesen zu lancieren.5 Es ging notabene um Argumente, die heute wieder in gleicher Weise bei uns auftauchen. Warum wohl? Sind wir so wenig lernfähig?

Unabhängige(!) Experten warnen

In jener Zeit wurde in den USA auch die Alliance for childhood gegründet. Diese gemeinnützige Organisation von Pädagogen, Gesundheitsexperten und weiteren Forschern und an der Entwicklung von Kindern Interessierten befasste sich ebenfalls mit der Frage der damals boomenden Digitalisierung der amerikanischen Schulen und brachte zur Jahrtausendwende einen ausführlichen Bericht mit ihren Forschungsergebnissen heraus.6 Unter anderem ging es um die ernsthaften gesundheitlichen Risiken, die mit dem Arbeiten am Bildschirm (speziell auch an Laptops) verbunden sein können. Es wurden mögliche Zusammenhänge festgestellt mit der Zunahme von früher Kurzsichtigkeit, Übergewicht und Diabetes 2 und auch der mangelnden Fähigkeit, sich auf etwas zu konzentrieren. Aber auch die gängigen Argumente, mit denen man den Einsatz digitaler Geräte propagierte, – verbesserte Zukunftschancen, Motivation, Teamfähigkeit und Kreativität – wurden durch unabhängige (!) Studien widerlegt. Spezielles Gewicht bei den Untersuchungen fanden die verhängnisvollen Erfahrungslücken, die Kinder haben, die ihre Zeit in der Schule und zu Hause mehrheitlich vor den elektronischen Geräten verbringen.7 Oha! dachte ich, und bei uns wird für den vermehrten Einsatz von elektronischen Lehrmitteln in den Schulen geworben, weil auf diese Weise die Kinder, die ihre Freizeit mehrheitlich vor dem Bildschirm verbringen und bereits ein Suchtverhalten zeigen, einen sinnvollen Umgang mit den elektronischen Medien lernen würden. Eine seltsame Argumentationslinie, dachte ich. Nichts gelernt?

«Lernen kann nicht durch Surfen im Internet ersetzt werden, zum Lernen gehört es, Fakten zu verstehen, sich auf Geschichte einzulassen und die Welt zu interpretieren.»

(Stoll, Clifford. S. 33)

Wider besseren Wissens

So wurde in den USA um die Jahrtausendwende in verschiedenen Wissenschaftszweigen untersucht, wie es sich mit den vielgehörten Vorteilen und zukunftsweisenden Chancen des Lernens am Computer verhält. Auch der Lernprozess wurde sorgfältig untersucht. Unabhängige(!) Forscher kamen zum Schluss, dass die üblichen, meist optisch aufgepeppten Multimedia-Lernprogramme keinen grossen Lerneffekt mit sich bringen: Computer erwecken zwar den Anschein, die Kinder würden lernen und seien aktiv dabei. Der geübte Umgang mit Computern mag dann beeindrucken, zeugt aber noch nicht von Intelligenz. Auch die Kinder und Jugendlichen werden über den Lernerfolg hinweggetäuscht. Zwar können die schnellen Antworten und Rückmeldungen durch die vorgegebenen Aufgabenstellungen einen «belohnenden» kurzen Adrenalinstoss auslösen. Die Geduld und die Lust am Ausprobieren jedoch, die es für ein erfolgreiches Lernen braucht, werden erstickt, und ein nachhaltiger Lernprozess wird verhindert. Statt Verstehen und kritischem Denken resultiert geistige Trägheit. Das vorgegebene Ziel ist verfehlt, denn es würde darum gehen, die Schüler für etwas zu begeistern und sie nicht einfach zu unterhalten. Die entscheidenden Komponenten eines erfolgreichen Lernprozesses fehlen – Ausdauer, Anstrengung, Sorgfalt, Verantwortungsbewusstsein, klares Denken und Zusammenarbeit, eingebunden in die Beziehung zwischen Lehrer und Kind. Daraus resultiert letztlich eine tiefe Befriedigung, eine persönlichkeitstärkende Erfahrung als Entwicklungs- und Reifungschance für alle.
Leider fanden und finden die Kritiker bis heute nicht das ihnen zustehende Gehör! Die Begeisterung für technischen Firlefanz verschleierte den Blick vieler. Sie hofften auf die Erfindung besserer Technologie, um die durch eben die Technologie entstandenen Probleme zu beheben. Die amerikanische Bildungsmisere zeugt davon, und heute wehrt sich die Alliance for Childhood gegen die mit der Digitalisierung unweigerlich verbundene, unmässige Testerei in den amerikanischen Klassenzimmern.

«Lernen bedeutet nicht das Anhäufen von Informationen, die Verbesserung der Effizienz oder blosses Vergnügen, es bedeutet, menschliche Fähigkeiten zu entwickeln.»

(Stoll, Clifford. S. 37)

Die grossen Gewinne locken

Aber auch die Digitalisierungsbefürworter schliefen um die Jahrhundertwende nicht. Es war die Zeit der strategischen Planung. In Vancouver fand der erste Weltbildungsmarkt statt, und an den Bildungstreffen der G-8-Länder in Köln 1999 und in Okinawa 2000 war die Technologie im Bildungswesen das Hauptthema. Für die Milleniumsrunde der Welthandelsorganisation WTO stand die Ausarbeitung der Regeln für den Bildungsmarkt auf dem Programm. An einer Sondertagung des Europäischen Rates in Lissabon legten die Regierungschefs der EU im März Leitlinien fest, die im Juni in Feira durch einen Aktionsplan konkretisiert wurden. Es ging um den Aufbau von e-europe, demgemäss Europa in den nächsten fünfzehn Jahren zur fähigsten e-economy avancieren sollte. Die Global Alliance for Transnational Education8 organisierte jährlich Konferenzen für die Vertreter von Arbeitgeberorganisationen und transnationalen Konzernen (OECD, WTO, Unesco, Weltbank u.a.).9 Das Geschäft lockte! Immerhin wurde bereits damals der Markt im Bereich der Bildung auf 27 bis 50 Billionen Franken geschätzt!

Déjà-vu oder Erfahrungen, aus denen man klug werden könnte

Warum werden die US-amerikanischen Erfahrungen bei uns nicht aufgegriffen? Warum wird so wenig darüber diskutiert, ob es gut ist, Riesensummen in die Digitalisierung der Schulen zu investieren? Oder gehört die plötzliche Eile zur Durchsetzungsstrategie: Ohne Diskussion befiehlt es sich leichter?
Dabei geht es nicht nur um die Steuergelder, die den Bildungskonzernen vor die Füsse geworfen werden. Manche benutzen die Technologie als Hintertürchen für ganz andere Ziele. Sie wollen die Schulen vor dem Hintergrund eines aus den USA importierten biologistischen Menschenbildes umgestalten. Dieser Paradigmenwechsel bedeutet, das Kind als sich selbstorganisierendes und selbstoptimierendes Steuerungssystem zu betrachten und die Schulen mit entsprechenden konstruktivistischen Unterrichtskonzepten und kompetenzorientierten Inhalten aus den Angeln zu heben. Sie sollen gemäss Systemtheorie aus ihrer «Erstarrung» befreit und zu «lebendigen Organismen» werden. Diese Auffassung durchdringt den Lehrplan 21. Entsprechend soll das Kind sich im Grossraumbüro Schule am Computer mittels Lerneinheiten und Übungen, die von Computern berechnet werden, die gewünschten Kompetenzen erarbeiten und sich überprüfen lassen. Ist das die Perspektive, die wir unseren Kindern und Jugendlichen zu bieten haben?
«Wollen wir ein Volk von Idioten? Man müsste dazu nur die Lehrpläne technologisch ausrichten und den Unterricht mit Videos, Computern und Multimedia-Produkten gestalten. Das Lernziel wäre dann, bei Standardtests hervorragend abzuschneiden. Alles, was für den späteren Job wenig abwirft – Musik, Kunst, Geschichte – fällt weg. Ein Volk von Idioten ist das Ergebnis.»10
Ein Glück, dass sich die menschliche Natur nicht einfach verbiegen lässt. Zunehmend wehren sich Eltern dagegen, ihre Kinder als Versuchskaninchen für ewiggestrige Schulversuche zur Verfügung zu stellen, und die Kinder und Jugendlichen bringen zum Ausdruck, dass sie endlich wieder einmal einen spannenden Unterricht wollen, gemeinsam mit ihren Kollegen und mit einem anleitenden Lehrer – ohne Laptops. Sind wirklich nur sie lernfähig?    •

1    Tablets out, imagination in: schools that shun technology. In: «The Guardian» vom 2.12.2015
www.theguardian.com/teacher-network/2015/dec/02/schools-that-ban-tablets-traditional-education-silicon-valley-london, abgerufen am 10.12.2017
2    «Alle Berner Kindergärten mit WLAN.» In: «20 Minuten» vom 7.12.2017
3    Zürich kauft den Schulen Tablets. Der Stadtrat hat für den weiteren Ausbau der Schulinformatik Gelder bewilligt. Und lässt sich das ganz schön viel kosten. In: «Tages-Anzeiger» vom 20.12 17. https://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/Zuerich-kauft-den-Schulen-Tablets/story/23834019, abgerufen am 26.12.2017
4    Stoll, Clifford. Log out. Warum Computer im Klassenzimmer nichts zu suchen haben und andere High-Tech-Ketzereien. Frankfurt a. M. 2001, S. 9f.
5    ebd.
6    Cordes Colleen/ Miller Edward. Fool’s Gold: A Critical Look at Computers in Childhood. Alliance for Childhood (Hrsg.). www.allianceforchildhood.org.
7    vgl. Felber Ursula/ Gautschi, Eliane. Die Trojanische Maus. Computer in den Schulen – Lernen für die Zukunft. Zürich 2002, S. 17ff.
8    abgekürzt GATE, getragen von Firmen wie Microsoft, Coca-Cola, Bertelsmann, Hewlett Packard, Siemens, IBM, Merill Lynch
9    vgl. Felber/ Gautschi a.a.O., S. 73ff.
10    Stoll, Clifford. a.a.O., S. 20

«Die jüngsten Ergebnisse der Studie ‹BLIKK Medien 2017› weisen darauf hin, dass übermässiger Medienkonsum die Gesundheit, das Konzentrations- und das Sprachentwicklungsvermögen von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigt. Dennoch fordern Wirtschaftsverbände und IT-Vertreter unisono, Digitaltechnik und Programmiersprachen schon in der Grundschule zu unterrichten, damit die Schülerinnen und Schüler für die digitale Zukunft gerüstet seien. Der pädagogische Nutzen digitaler Medien im Unterricht ist dabei nach wie vor fragwürdig. Ralf Lankaus These: Wir müssen uns auf unsere pädagogische Aufgabe besinnen und (digitale) Medien wieder zu dem machen, was sie im Präsenzunterricht sind: didaktische Hilfsmittel.»

(aus dem Klappentext des Buches, ISBN 978-3-407-25761-1)