Viele Deutsche wollen Russland verstehen

Eine Lesung mit Gabriele Krone-Schmalz

von Matthias Klaus

Die These, dass es einen grossen Unterschied zwischen der in unseren Mainstream-Medien veröffentlichten und der tatsächlichen Meinung der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland gibt, findet sich immer wieder bestätigt. Gabriele Krone-Schmalz warb in der Schwarzwaldstadt Villingen-Schwenningen im Rahmen der dortigen Interview-Reihe «Autor im Gespräch» dafür, die deutsch-russischen Beziehungen wieder zu normalisieren, und plädierte für einen auf Vernunft und Verstehen basierenden Umgang mit Russ­land. Das stiess auf ein grosses positives Echo.

Wie sehr die derzeitige einseitige Berichterstattung über Russland die Bürger in Deutschland beschäftigt, zeigte sich an der grossen Resonanz in der mit über 600 Besuchern vollbesetzten neuen Tonhalle. Es war ein starkes Bedürfnis zu spüren, eine Gegenstimme zu der veröffentlichen Meinung zu hören, die sich wohltuend von der «Dämonisierung Russlands» abhebt. Der Untertitel ihres neuesten Buches «Eiszeit» lautet denn auch «Wie Russland dämonisiert wird und warum das so gefährlich ist».
Gabriele Krone-Schmalz wurde für ihr vorbildliches Engagement schon mit vielen Auszeichnungen und Preisen bedacht, unter anderem wurde ihr bereits 1997 das Bundesverdienstkreuz I. Klasse für «die Qualität der Fernsehberichterstattung» verliehen.
Wie sehr Sprache dazu missbraucht werden kann, dem Gegenüber gar nicht mehr zuhören, geschweige denn es ernst nehmen zu müssen, erläuterte Frau Krone-Schmalz ganz zu Anfang des Gesprächs, indem sie den Begriff «Russlandversteher» genau analysierte. Den anderen verstehen wollen, sich in die Lage des anderen versetzen können, also Empathiefähigkeit zu besitzen, gilt im allgemeinen als erstrebenswertes Ziel. Aber die Kombination der Wörter im polemisch gemeinten Begriff «Russlandversteher» soll gerade das Gegenteil im Gemüt des Lesers oder Zuhörers bewirken. Mit dieser Wortschöpfung wird derjenige, der Russland oder Putin verstehen will, abgewertet, mit einem «Russ­landversteher» muss man sich inhaltlich gar nicht erst auseinandersetzen.
Genau das aber versucht Gabriele Krone-Schmalz. Eine vernünftige Aussenpolitik erfordert es, sich mit den Interessen der anderen auseinanderzusetzen. Allerdings war und ist es nicht im Interesse des Westens (der USA), dass Deutschland und Russland sich annähern und zusammenarbeiten. Aktuelles Beispiel ist der Versuch der US-Regierung, Nord Stream 2 zu verhindern.
Als äusserst bedenklich stufte sie die Äusserung der neuen CDU-Vorsitzenden Kramp-Karrenbauer ein, Deutschland müsse in bezug auf Russland auch eine militärische Option entwickeln. Sie warnte davor, diese Richtung weiter voranzutreiben. Russland fühle sich zu Recht zurückgewiesen und durch die Nato-Ost-Erweiterung und den in Polen und Tschechien stationierten Abwehrraketen real bedroht. Es sei ein leichtes, solche Abwehrraketen durch Angriffsraketen zu ersetzen.
Die überwältigende Mehrheit der deutschen Bevölkerung ist für ein gutes Verhältnis zu Russland, doch die veröffentlichte Meinung und die Politik nähmen dies nicht zur Kenntnis. Darin sieht Krone-Schmalz eine Gefahr für das politische System in Deutschland.
In der letzten halben Stunde hatten die Besucher die Möglichkeit, Fragen zu stellen und sich einzubringen. Ein Zuhörer meldete sich zu Wort und sprach die Städtepartnerschaft von Villingen-Schwenningen mit Tula an. Dieses Thema griff Frau Krone Schmalz gerne auf. Im Ausbau und in der aktiven Gestaltung lebendiger Städtepartnerschaften mit Russland sieht sie ein wichtiges Gegensteuer zur derzeitigen Russlandpolitik.    •