Mit dem Vorgehen gegen Julian Assange schaufelt sich Amerika sein eigenes Grab

von Karen Kwiatkowski*

Hier und rund um die Welt richtet Wa­shington grosses Unheil an.
Ein hartnäckiger schrecklicher Hass auf Leben, Freiheit und Menschlichkeit hat sich auf leisen Pfoten eingeschlichen und unser Land übernommen. Das hat nicht mit Trump angefangen, aber leider hört es mit ihm auch nicht auf.
Trump versprach, den Sumpf trockenzulegen, was Wandel, Transparenz und Verantwortlichkeit impliziert hat.
Statt dessen zog er neokonservative Königsmacher und Kriegstreiber bei und liess zu, dass ihr Einfluss unverhältnismässig zunahm, während seine Koabhängigen in der anderen Partei die Agenda des Todes begünstigen.
Die Strafverfolgung und Anklage gegen Wikileak-Gründer Julian Assange ist der Prüfstein dafür. Die vierzig Seiten umfassende Strafanzeige enthält viele Details, aber wenig Straftat.1 In Wirklichkeit lesen sich die «Straftaten» eher als Beschreibungen dessen, wie Journalismus im Informationszeitalter gemacht wird, wenn es wahr sein sollte, dass es Aufgabe des Journalismus ist, die Begebenheiten zu berichten, die Namen zu nennen, die Fakten darzulegen, die Regierungen nicht berichtet, genannt oder festgestellt haben wollen.
In einer normalen Welt ist nichts von alledem viel Energie oder Aufmerksamkeit wert. Sie enthält sehr wenig Rechtliches, womit man arbeiten könnte, und der Erfolg auf Seiten der US-Regierung stellte sich einzig über einen verlässlichen Richter am Gerichtshof des Eastern District von Virginia und über das Geld anderer Leute oder die Regierungen anderer Leute ein – den USA verpflichtet oder von ihnen bezahlt.
Aber in unserer heutigen Welt erleben wir diese überzogen aggressiven Taktiken und spüren die Aufgeregtheit, die Gänsehaut, den heissen Atem von FBI und CIA, wenn sie uns auf den Fersen sind, um sich ihre Sporen abzuverdienen.
Chelsea Manning ist wieder im Gefängnis, in Einzelhaft zurückbeordert.2 Nach Jahren der Folter, von Isolation und Verhören, nach Verabreichung von Drogen ist sie nicht mehr die Person, die sie einmal war. Ironischerweise wird ihre kognitive Funktion als Folge der vorangegangenen Behandlung wahrscheinlich jede zukünftige Vernehmung vor Gericht juristisch und praktisch sinnlos machen. Sie erhielt die «Jose Padilla Behandlung»3, wenn auch durch einige Jahre Praxis der US-Regierung verfeinert. Ihre [Chelsea Mannings] daraus resultierende Formbarkeit könnte die ideale Sowjet amerikanische Frau  [sic] hervorgebracht haben.
Die USA geben vor, ein Rechtsstaat zu sein, dabei sind wir das überhaupt nicht. Eine der vielen Lehren und Perspektiven, die wir aus der Analyse zu Julian Assange gewinnen, ist genau diese. Der politische Einfluss der USA und schuldenfinanzierte Grosszügigkeit führten zu Assanges Rauswurf aus der ecuadorianischen Botschaft ins britische Gefängnis für Terroristen in Belmarsh. Korruption innerhalb der USA und Fehlinterpretation der Verfassung erzeugten diese Versetzung in den Anklagezustand.
Hinzu kommt, dass US-Regierungsangestellte aus dem Verteidigungsministerium, dem FBI und der CIA Assange im Gefängnis von Belmarsh schon vor irgendeiner Auslieferungsverfügung befragt haben.
Befragung ist das falsche Wort. Ich würde sagen, er wurde von ihnen behandelt [doctoring him], weil das zutreffender wäre, abgesehen davon, dass das Wort eine gewisse Sorge um einen positiven Ausgang beinhaltet. Die chemische Gina4 hat hier die Hände im Spiel, und es ist uns zu Ohren gekommen, dass Assange mit 3-Quinuclidinyl-Benzilat, bekannt als BZ5, behandelt wird.
Zur Wirkung von BZ schreibt der New Yorker:

«Ausgesetzte Soldaten zeigten bizarre Symptome: schnelles Gemurmel, sie zupften wie besessen an der Bettwäsche und anderen – realen oder imaginären – Dingen. … Die Wirkung der Droge hielt tagelang an. Auf dem Höhepunkt waren die Freiwilligen völlig abgeschnitten in ihrem eigenen Bewusstsein, aufschreckend von einer bruchstückhaften Existenz zur Nächsten. Sie hatten irreale Bilder: Liliputanische Baseballspieler, die auf einem Tischdiamanten miteinander konkurrierten; Tiere, Menschen oder Gegenstände, die konkrete Formen annahmen und wieder verschwanden. …
Anschliessend konnten Soldaten, die unter BZ gestanden hatten, nur Fragmente der Erfahrung erinnern. Wenn die Droge nachliess und die Testpersonen Schwierigkeiten hatten zu unterscheiden, was real war, verspürten viele Angst, Aggression, ja sogar Terror. Ketchum [Dr. James Ketchum, Verteidigungsministerium Edgewood Arsenal, Maryland] baute gepolsterte Zellen, um Verletzungen zu verhindern, aber manchmal konnten die Testpersonen nicht unter Kontrolle gehalten werden. Einer floh, er rannte eingebildeten Mördern davon. Ein anderer, der unter einer ähnlichen Droge wie BZ stand, sah ‹Käfer, Würmer, eine Schlange, einen Affen und zahlreiche Ratten›, und dachte, seine Haut sei mit Blut verschmiert. ‹Die Testperson zerschlug einen hölzernen Stuhl und schlug ein Loch in die Wand, nachdem sie eine vier auf sieben Fuss grosse Polsterverschalung heruntergerissen hatte›, stand auf seiner Akte. Ketchum und drei Assistenten legten sich übereinander auf den Soldaten, um ihn zu überwältigen. ‹Er war eindeutig in Schrecken versetzt und überzeugt, wir wollten ihn umbringen›, hielt seine Akte fest.
In einer Nacht eilte Ketchum in einen gepolsterten Raum, um einen jungen afroamerikanischen Freiwilligen zu beschwichtigen, der mit den abebbenden Effekten von BZ rang. Der Soldat war aufgewühlt, fand die Klimaanlage schwer bedrohlich. Nachdem er ihn beschwichtigt hatte, setzte sich Ketchum neben ihn. Er wollte versuchen zu erfahren, ob er ein Gespräch führen konnte. Ketchum fragte: ‹Warum gibt es Steuern, Einkommenssteuern, solche Dinge?›
Der Soldat überlegte eine Minute. ‹Weisst du, das ist schwierig für mich zu beantworten, weil ich Reis nicht mag›, sagte er.»6

BZ ist eine interessante Droge,7 sicher nicht die einzige, welche die US-Regierung einsetzt, aber eine davon.
Warum gibt man das Assange? Was wollen sie von ihm? Geht es ihnen darum, die Wahrheit zu erfahren oder mehr Informationen zu erhalten, oder ist diese ganze Farce eher ein Akt besessener, vergeltender Wut aus dem Gefühl der Machtlosigkeit, weil die ganze Welt über Memoranden des US-Aussenministeriums lachte und aufgebracht wurde ob der Idiotie und dem Hass, den US-Soldaten vor 15 Jahren vorführten.8 Oder vielleicht etwas Teuflischeres – dass sie Julian Assange psychologisch und physisch abgehärmt und gevierteilt brauchen, weil er staatliche Korruption und Schwäche enthüllte? Tun sie es, um zu zeigen, dass dies der Krieg ist, der wirkliche Krieg, den der Staat immer führt, ein Krieg gegen den Rest der Bevölkerung um sein blosses Überleben? Oder beschreibt Ray McGovern den wirklichen Grund, wenn er sagt, dass der Tiefe Staat ihn zerstören will?9
Es ist schwierig einzuschätzen, ob der Staat mehr soziopathisch oder mehr psychopathisch ist. Was Beamte der US-Regierung und/oder Beauftragte derzeit Julian Assange und denjenigen antun, die Wikileaks als journalistischen Zugang genutzt haben, dürfte darauf hinweisen, dass es letzteres ist. Folter, Isolation, Brutalität und der Einsatz psychotroper Drogen während Verhören und das Verstecken von alledem vor den eigenen Rechtsanwälten des Angeschuldigten, indem sie ihnen den Zugang verweigern – das ist die Lubianka10 in den 1950er Jahren und nicht London und Washington DC im Jahre 2019.
Erlauben Sie mir, zum Wesentlichen zu kommen. Die letzte Nachricht, die ich aus England erhalten habe, ist folgende:

«Julian Assange ist zur Zeit unter genauer Beobachtung im Gefängnisspital, weil er ‹schwere vorübergehende psychotische Episoden› erlitten hat. Meine Quelle(n) weisen darauf hin, dass diese Episoden nach zwei Sitzungen Zwangsverhören durch britische und US-Beamte auftraten. Die Quelle(n) gaben an, dass die HUMINT-Vernehmungsbeamten während der Sitzung psychotrope Drogen einsetzten.» [HUMINT: Human Intelligence, nachrichtendienstlicher Erkenntnisgewinn aus «menschlichen Quellen»]

Mir fehlen die Worte. Was soll man dazu sagen. Zwei und zwei gibt fünf. Das FBI ist unsere eigene Spezial-Tscheka. Die Hände der CIA-Direktorin sind schmutzig, und ihre Organisation dient nicht amerikanischen Werten. Anstatt verschwiegen zu bleiben im Dienste der nationalen Sicherheit, muss die moderne CIA verschwiegen bleiben, um zu überleben, weil sie in ihrer Funktion illegal geworden ist. Unser Präsident, der Amerika an die erste Stelle setzt, stellt amerikanische Werte hintenan, selbst wenn er über seine Sorge um die Redefreiheit twittert.11
Die Absicht ist, Assange als menschliches Wesen zu zerstören, und sie können wohl Erfolg haben. Wenn sie in unser aller Namen diese böse Tat vollbringen, wird sich Amerika – ob wir es an die erste Stelle, an die letzte oder irgendwo in der Mitte ansetzen – das eigene Grab geschaufelt haben.     •

* Karen U. Kwiatkowski, (geboren 24. September 1960) Oberstleutnant der US-Luftwaffe, erwarb sich einen Master of Arts in Government der Harvard University, einen Master of Science in Science Management an der Universität von Alaska und doktorierte in World Politics an der Katholischen Universität von Amerika in Washington DC. Ihre Militärkarriere begann sie 1982 in Alaska, es folgten Einsätze in Spanien und Italien. Danach wurde sie in den Inlandgeheimdienst NSA versetzt, wo sie schliesslich Redenschreiberin des Direktors wurde. 1998 wurde sie Analystin im Pentagon, zunächst für die Sub-Sahara Region, ab 2002 bis 2003 für den Nahen Osten und Südasien (NESA). Dort erlebte sie mit, wie unter dem Einfluss der Neocons das Office for Special Plans innerhalb der NESA daran arbeitete, durch Verdrehung und Zensur von Informationen die Begründungen für den Irakkrieg zu produzieren. Da sie das nicht mittragen wollte, trat sie 2003 zurück. Ihre Enthüllungen wurden von weiteren Geheimdienstmitarbeitern bestätigt. Dies, weil sie, wie sie Journalisten der Zeit gegenüber erklärte, «will, dass möglichst viele Leute verstehen, wie verwundbar die Demokratie ist». Karen Kwiatkowski gehört zu den Gründungsmitgliedern der Veteran Intelligence Professionals for Sanity (VIPS). Heute lebt sie mit ihrer Familie auf einer Farm in Virgina. Neben der Arbeit auf der Farm betätigt sie sich als Autorin und als Dozentin.

Copyright © 2019 Karen Kwiatkowski, 7. Mai 2019

Quelle: www.lewrockwell.com/2019/05/karen-kwiatkowski/pray-and-weep/

(Übersetzung Zeit-Fragen)

1    http://cryptome.org/2019/04/assange-001-002.pdf
2    https://www.armstrongeconomics.com/international-news/rule-of-law/federal-judge-orders-the-torture-of-chelsea-manning/
3    José Padilla war als Terrorismusverdächtiger in Isolationshaft. Laut Spiegel liess US-Präsident Obama geheime Memos der CIA zur Zulassung umstrittener Verhörtechniken veröffentlichen. «Die Memos dokumentieren den Einsatz von Schlafentzug, schmerzhaften Körperhaltungen, Entblössung sowie Schlägen ins Gesicht und in den Unterleib. Aufgeführt wird auch die Technik des Waterboarding, bei dem der Verhörte zu ertrinken glaubt. Menschenrechtsorganisationen stufen derartige Verhörmethoden als Folter ein.» Weitere Methoden waren der Einsatz von Drogen bei Verhören sowie sensorische Deprivation, das heisst der Entzug von allen hörbaren Geräuschen und des Sehens.
4    Gina Haspel ist seit Mai 2018 Direktorin des CIA, für den sie seit 1985 arbeitet, viele Jahre als Geheimagentin. Sie erhielt verschiedene Auszeichnungen, zum Beispiel für ihre Terrorismusbekämpfung. Was Kritiker und ehemalige Botschafter beunruhigt, ist ihre Überwachung verschiedener brutaler Folterungen von Terrorismusverdächtigen, von denen 2017 auch in der «New York Times» berichtet wurde. Auf Grund ihrer Beteiligung an Folterungen wurde sie als Leiterin der Geheimabteilung der CIA wegversetzt.
5    Wikipedia schreibt zu diesem Stoff: 3-Chinuclidinylbenzilat (BZ, QNB, irreführend verkürzend auch Benzilsäureester) ist ein chemischer Kampfstoff. Er gehört zur Gruppe der Psychokampfstoffe und ist seit 1997 – wie andere chemische Waffen – durch die Chemiewaffenkonvention international offiziell geächtet; auch Entwicklung, Herstellung und Lagerung sind verboten.
    Zuerst stellen sich Kopfschmerzen, Verwirrung, Halluzination, dann Angstzustände, Konzentrationsstörungen, allgemeine Unruhe im Wechsel mit apathischen Phasen ein. Nach kurzer Zeit ist der Betroffene in einem Zustand völligen Realitätsverlusts. Er hat keinen bewussten Kontakt mehr zu seiner Umwelt. Durchschnittlich dauert die Wirkung drei Tage, manchmal bis sechs Wochen. In Einzelfällen soll es zu dauerhaften Wesensveränderungen gekommen sein.
6    Khatchandourian, Raffi. Operation Delirium. In: The New Yorker vom 9. Dezember 2012. www.newyorker.com/magazine/2012/12/17/operation-delirium.
7    https://www.revolvy.com/page/3-Quinuclidinyl-benzilate?stype=topics&cmd=list)
8    https://collateralmurder.wikileaks.org/ [Ein 2010 von Wikileaks veröffentlichtes geheimes US-Militärvideo, dass die willkürliche Ermordung von über einem Dutzend Menschen, darunter zwei Mitarbeitern von Reuters, im Vorort New-Baghdad dokumentiert. Reuters versuchte ohne Erfolg, das Video unter Berufung auf den Freedom for Information Act zu erhalten. Von einem Apache Helkopter gefilmt, zeigt es die Ermordung eines verletzten Reuters-Angestellten und seiner Retter. Zwei an der Rettung beteiligte Kinder wurden ebenfalls schwer verletzt.
9    Orwellian Cloud Hovers Over Russia-gate. By Ray McGovern. Consortiumnews.com, May 6, 2019. (Ray McGovern ist ebenfalls ehemaliger CIA-Analyst).
10    Die Lubianka war das berüchtigte Gefängnis des sowjetischen KGB in der Stalinzeit. https://www.latimes.com/archives/la-xpm-1991-09-07-mn-1571-story.html
11    https://twitter.com/realDonaldTrump/status/302530722453921793