Warum sind die Lehrer in Aufruhr?

von Claude Meunier-Berthelot, französische Buchautorin, Juristin und Lehrerin

zf. Der nachfolgende Beitrag aus Frankreich macht deutlich, dass dort dieselben pädagogisch unsinnigen Reformen wie in der Schweiz, in Deutschland und anderen europäischen Ländern durchgezogen werden. Auch dort scheinen die verantwortlichen Politiker immun gegen sämtliche pädagogisch begründeten Einwände und Bedenken, gegen jedwede didaktische Erfahrung, gegen entwicklungspsychologische Fakten und anthropologische Gegebenheiten. Und auch dort werden die Reformen unter teilweise vordergründig wohlklingenden, teilweise unsäglich nichtssagenden Begriffen präsentiert. Wem soll das dienen?

Angesichts der Dürftigkeit der Kommentare zum Gesetzesentwurf des französischen Bildungsministers Jean-Michel Blanquer zur sogenannten «Schule des Vertrauens» (!) ist man perplex über die Unfähigkeit der Journalisten, das Wesen des Themas zu verstehen und der Öffentlichkeit mitzuteilen. Daneben gibt es auch solche, die das System bestens verstehen und mit ihrer gewohnten Arglist die Realität verschleiern, um der Staatsmacht zu dienen. Wer diesen Ablauf nicht versteht, täte gut daran, den Film zurückzudrehen, mindestens bis zu den Reformen von Claude Allègre [Bildungsminister von 1997–2000, Anm. d. Übers.]. Dieser Rückblick würde wenigstens erlauben, die Logik des Systems zu verstehen, auch wenn der Abbau des französischen Bildungssystems in Wirklichkeit schon viel früher begann.

Eine Reform, die keine ist …

Wenn man das Vorgehen von Herrn Blanquer analysiert, wird schnell klar, dass dieses Projekt keineswegs eine grundlegend neue Reform darstellt, ganz im Gegenteil!
Es ist nur eine Fortsetzung der Politik seiner Vorgänger auf der Grundlage der 1999 von Claude Allègre veröffentlichten «Charta zum Aufbau der Schule des 21. Jahrhunderts», die in der Verwandlung des Schulsystems in einen Ort des Lebens für unsere Kinder bestand – was Jack Lang, Bildungsminister von 2000–2002, so formulierte: «Die Schule muss ein Lebensraum sein!» Diese Revolution ist gekennzeichnet durch das Verschwinden des durch Unterricht vermittelten Wissens und dessen Ersatz durch Aktivitäten, bei denen die Schüler sich ihr Wissen selber erarbeiten sollen. Mit anderen Worten, die Schule ist keine Schule mehr.
Da die Bedürfnisse in einer Unterrichts-Schule offensichtlich nicht die gleichen sind wie in einer Lebensraum-Schule, folgt, dass die Institutionen, die Organisationsform und die Personalrekrutierung angepasst werden müssen: Das ist das Ziel der ergriffenen Mass­nahmen.
Die Aktivitäten von Bildungsminister Blanquer sind daher Teil der Umsetzung dieser Charta, die schrittweise von den verschiedenen Ministern, die an der Spitze des Bildungsministeriums aufeinander folgten, «methodisch, progressiv und konfliktfrei» umgesetzt werden, wie Jack Lang, als Nachfolger von Claude Allègre, dies Anfang der 2000er Jahre empfahl.

Irreführende Sprache

Da diese Schulrevolution dem Willen der Eltern und dem Interesse der französischen Nation völlig widerspricht, werden die Aktivitäten (zum Beispiel Ballspielen, Rollschuhlaufen, Schwimmen …) nie mit den normalen Begriffen bezeichnet, sondern in eine ampullenartige, esoterische und variantenreiche Sprache verpackt. Diese ist für den Laien unverständlich und suggeriert, dass die getroffenen Entscheidungen dazu dienen, die Qualität des Bildungssystems zu verbessern – in Wirklichkeit wird jedoch alles getan, um diese zu zerstören.
Auf der Ebene der Prinzipien geht es also um «Multidisziplinarität» (J.-M. Blanquer hat klar festgelegt, dass der pädagogische Ansatz immer multidisziplinär sein müsse), «Interdisziplinarität», «Transversalität», «Transdisziplinarität», «interdisziplinären praktischen Ausnahmeunterricht», um nicht das einfache Wort «Aktivität» zu verwenden. Was die Aktivitäten im einzelnen betrifft, so geht es um «Projektpädagogik», individuelle Projektarbeit, «Crosswork», «Entdeckungsreisen», «Kunst- und Kulturpädagogik», «Personalisierte Unterstützung», «Persönliches Projekt für den Bildungserfolg», «Tutorate» und sogar «Hausaufgabenhilfe» usw. Alle diese Bezeichnungen sind völlig übertriebene Worthülsen für einfache Aktivitäten.
Es wird alles getan, um die Öffentlichkeit zu täuschen und dabei nicht nur glaubwürdig zu wirken, sondern auch den Eindruck zu hinterlassen, dass das Bildungssystem verbessert werde, obwohl das Gegenteil der Fall ist.

Bestehende Bildungsinstitutionen durch neue Bezeichnungen erneuern

J.-M. Blanquer behauptet, die Instituts nationaux supérieurs du professorat (INSP) neu zu gründen. Man könnte sich totlachen, wenn es nicht zum Weinen wäre, wenn man das entsprechende Gesetz zur Hand nimmt. Dort heisst es: «Der Ausdruck ‹Hochschulen für Unterricht und Bildung› wird durch ‹Höhere Lehranstalten für Unterricht› ersetzt […].» Sonst wird im Gesetzestext nichts geändert!
Die «neuen» INSP sind somit nichts anderes als die früheren Ecoles supérieures du professorat et de l’éducation (ESPE), die selber zuvor IUFM (Instituts universitaires de formation des maîtres) hiessen. Diese wurden wegen massiver Kritik 2005 angeblich abgeschafft. Innerhalb der Universitäten haben sie jedoch weiter existiert, bis sie im Jahr 2013 von Vincent Peillon [Bildungsminister von 2012–2014] unter dem Namen ESPE wiederauferstanden.
Jean-Michel Blanquer verewigt nun das IUFM unter dem neuen Namen INSP.
Er erfindet also absolut nichts Neues – was der beste Beweis dafür ist, dass er die gleiche Politik verfolgt wie seine Vorgänger.

Veränderungen in der Lehrerausbildung?

Ebenso wird behauptet, dass Blanquer plane, auch die Lehrerausbildung zu verändern. Diese Änderung ist jedoch bereits umgesetzt mit den von Vincent Peillon geschaffenen «zukünftigen Anstellungen für Lehrpersonen» [«emplois d’avenir professeur» (EAP)],* die Blanquer nun unter dem neuen Namen «pädagogische Assistenten» übernimmt. Dafür wird unqualifiziertes Personal eingestellt, ohne Berücksichtigung der Nationalität oder irgendwelcher sozialen Kriterien. Die universitäre Ausbildung verschwindet, und diese Kurz­ausbildung erfolgt für alle Mitarbeitenden nur noch in den IUFM-INSP, und zwar von der Kindergartenstufe bis zur Universität.
Najat Vallaud-Belkacem [Bildungsministerin von 2014–2017] hatte festgehalten, dass dies der «normale Weg der Rekrutierung» der «nicht mehr unterrichtenden Lehrpersonen» geworden sei.
Für eine Lebensraum-Schule braucht es kein qualifiziertes, diplomiertes Personal mehr. Dies erklärt auch weitgehend die letztjährige Einführung des «Parcoursup»-Systems. In dieser Online-Applikation des Ministeriums für höhere Bildung müssen alle Maturanden, die sich für die höhere Lehrerausbildung interessieren, ausführliche Angaben über sich und ihre Interessen abgeben, was für viele den Zugang zu den Universitäten erschwert.
Herr Blanquer führt diese Politik unter einem anderen Namen weiter und behauptet gleichzeitig, innovativ zu sein.

Schaffung öffentlicher Gesamtschulen für den Erwerb der Grundkenntnisse?

Dies ist seit geraumer Zeit in Vorbereitung! Wenn es in der Schule keinen Unterricht mehr gibt, wenn weder Wissen noch intellektuelle Bildung vermittelt werden, wenn keine Lehrziele zu erreichen sind, sondern es nur noch Aktivitäten durchzuführen gilt, ist der Klassenunterricht nicht mehr gerechtfertigt, und es braucht auch keine Unterscheidung mehr zwischen Primar- und Oberstufe. Somit spricht auch nichts mehr dagegen, die verschiedenen Schulstufen – mitsamt dem Gymnasium – in Gesamtschulen zusammenzulegen, die von Bildungsminister Blanquer «Ecoles inclusives» genannt werden.
Was die grundlegenden Kenntnisse betrifft, so kann man ja auch später wieder darauf «zurückkommen», um sie zu erwerben!

Die Lehrer sind unzufrieden – aber das ist ja nichts Neues!

Die Lehrer sind zwar unzufrieden – aber das ist ja nichts Neues. 20 % des Personals hat in den letzten Jahren gekündigt: Das gab’s noch nie! Aber darüber schweigt man. Der Zerberus des Systems (zumeist ein mehrköpfiger Hund, der in der griechischen Mythologie den Eingang zur Unterwelt bewacht, damit kein Lebender eindringt und kein Toter herauskommt) – mit anderen Worten, die Gewerkschaften – haben zugeschaut und nichts unternommen, obwohl sie genau wissen, was seit Jahrzehnten vor sich geht. Sie drängen auf Demonstrationen, wenn es schon zu spät ist. Die Lehrpersonen wurden zum Schweigen gebracht, trotz der Aufregung, die durch die tatsächlichen Unsinnigkeiten des Systems verursacht wird. Fälschlicherweise sind sie jedoch der Ansicht, dass es sich immer noch um Schule handelt, da viele noch nicht erkannt haben, wohin man sie und unsere Kinder führen will.

Blanquers Losung: «Schweigt!»

Blanquer hat das Ganze mit einer «Pflicht zur Vorbildlichkeit und Zurückhaltung» ergänzt! Das ist kein Zufall! Die Lehrpersonen sind verärgert, sie können die Situation, die sie täglich bewältigen müssen, kaum mehr ertragen. Er weiss sehr wohl, dass die Explosion nahe bevorsteht – Grund genug, um sie zum Schweigen zu verpflichten.
Ruhe! Wir töten die Intelligenz eurer Kinder! Das ist die «Schule des Vertrauens», ruhig bleiben!
Wir wissen also, warum die Lehrpersonen in Aufruhr sind: Missbraucht durch die Staatsmacht, die behauptet, an der Wiederherstellung des Bildungssystems zu arbeiten, wissen sie sehr wohl, dass dies nicht der Fall ist und dass, im Gegenteil, ihre Situation und diejenige der ihnen anvertrauten Kinder sich auch in Zukunft nur weiter verschlechtern wird.

Streiks? Ein Schlag ins Wasser …

Die von den Gewerkschaften anberaumten Streiks dienen nur dazu, die Unzufriedenheit einzudämmen. Es ist offensichtlich, dass sie nichts als ein paar magere Trostpreise bringen werden, ohne Auswirkungen auf die Politik von Herrn Blanquer, denn es ist viel zu spät: Alles ist genau geplant und vorbereitet, damit er seine Politik weiterführt, weiterführen kann.
Streiks, zum falschen Zeitpunkt und ohne den Finger auf den wunden Punkt zu legen, sind wie üblich nichts als ein Schlag ins Wasser!    •

*    Gesetz vom 26.6.12, Dekret in CE n°2013-50 vom 15. Januar 2013

Quelle: www.libertepolitique.com/Actualite/Decryptage/Pourquoi-les-professeurs-sont-ils-en-colere, vom 7. Juni

(Übersetzung Zeit-Fragen)

EDK-Testaufgaben Deutsch 2017 zur Überprüfung der Grundkompetenzen ÜGK

mw. Zwei bzw. drei Jahre brauchte die Erziehungsdirektorenkonferenz EDK, bis sie die Ergebnisse ihrer «standardisierten, computerbasierten Kompetenztests» (3. Oberstufe, Mathematik / 6. Primarklasse, Schulsprache und 1. Fremdsprache) herausrückte.
Geprüft wurden die Sechstklässler lediglich in Lesen/Textverständnis und in Orthographie.
Bereich Lesen: Kurze Texte (max. 1000 Zeichen), drei Textsorten: Erzählung, Sachtext, Argumentation. Dazu je eine einfache Beispielfrage mit vier Auswahlantworten.
«Aufgabenbeispiel zu argumentativem Text mit expliziter Verstehensleistung» (ÜGK 2019, S. 22)
Titel: «Markenkleider». Tina, 12 Jahre alt, äussert ihre Meinung zu Markenkleidern.
Frage: Warum kaufen gewisse Jugendliche gemäss Tina Markenkleider?
Auswahlantworten: Weil Markenkleider sehr teuer sind / weil sie billigere Kleider nicht mögen / weil sie zu einer bestimmten Gruppe dazugehören wollen / weil sie ihr Geld sparen wollen.
Kommentar: Zwei von vier Antworten fallen schon deshalb weg, weil jeder Sechstklässler merkt, dass sie nicht stimmen können; die richtige Lösung wird im Text praktisch wörtlich vorgegeben: «[…] nur weil man zu einer bestimmten Gruppe gehören […] will»).
«Aufgabenbeispiel zu narrativem Text mit impliziter Verstehensleistung» (ÜGK 2019, S. 23)
Titel: «Noahs Weihnachten». «Noah erzählt eine Geschichte über Weihnachten.»
Frage: Wann spielt die Geschichte?
Auswahlantworten: Einige Monate vor Weihnachten / Ein paar Tage vor Weihnachten / An Weihnachten selbst / Nach Weihnachten.
Kommentar: Die Antwort liefert der erste Satz der Geschichte: «Kein Zweifel, es ist bald Weihnachten!», bekräftigt durch die Angabe im zweiten Satz, dass Papa «die Girlanden und die Weihnachtskugeln hervorholt».
Kommentar: Dies tut Papa kaum einige Monate vor oder erst nach Weihnachten. Den Rest der Geschichte kann sich die einigermassen alphabetisierte Sechstklässlerin sparen.
«Aufgabenbeispiel zu informativem Text mit expliziter Verstehensleistung» (ÜGK 2019, S. 24)
Titel: «Der Flamingo.» Text aus einem Lexikon.
Frage: Was für Zehen hat der Flamingo?
Auswahlantworten: Zehen mit speziellen Lamellen / Zehen mit Schwimmhäuten / Weisse und rote / Etwa 40 Zentimeter lange.
Kommentar: Auf derlei Tests getrimmte Sechstklässler suchen das Wort «Zehen» im Text und werden im 2. Satz fündig: «Sein Hals und seine Beine sind sehr lang, seine Zehen sind mit Schwimmhäuten verbunden,…». Den Rest der Geschichte […] (siehe 2. Aufgabe).
(Beispielauswahl durch EDK)