Deutschland im Griff angelsächsischer Kriegspolitik?

 von Karl Müller

2014, 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges, haben zwei schottische Autoren, Gerry Docherty und Jim Macgregor, ein Buch über die Ursachen des Ersten Weltkrieges veröffentlicht, das wenige Monate später auch in deutscher Sprache herausgegeben wurde: «Verborgene Geschichte. Wie eine geheime Elite die Menschheit in den Ersten Weltkrieg stürzte». Dieses mehr als 400 Seiten umfassende Werk ist für jeden, der mehr über die Vorgeschichte des Krieges wissen möchte, sehr interessant. Es folgt nicht den Linien der offiziellen Geschichtsschreibung.

«Die Toten verdienen die Wahrheit»

«Ein Jahrhundert der Propaganda, der Lügen und der Gehirnwäsche zum Ersten Weltkrieg liegt hinter uns. Auf Grund kognitiver Dissonanz fühlen wir uns unbehaglich angesichts der Wahrheit: dass es ein Grüppchen wohlsituierter englischer Rassenpatrioten war, die mit Unterstützung mächtiger Industrieller und Finanziers in Grossbritannien und den Vereinigten Staaten den Ersten Weltkrieg auslösten. Die in London ansässige Geheime Elite war fest entschlossen, Deutschland zu vernichten und die Welt zu kontrollieren. Ihre Handlungen sind für den Tod von Millionen ehrbarer junger Männer verantwortlich, die in einem stumpfen und blutigen Gemetzel verraten und geopfert wurden, um eine unehrenhafte Sache voranzutreiben. Zehntausende Kriegsdenkmäler stehen heute rund um den Globus in Dörfern und Städten als stille Zeugen für die grosse Lüge, den Betrug, dass diese Menschen ‹für Gott und Vaterland› gefallen seien, ‹damit wir frei sein können›. Das ist eine Lüge. Die Toten verdienen die Wahrheit, und wir dürfen sie nicht enttäuschen.»
Gerry Docherty, Jim Macgregor: Verborgene Geschichte. Wie eine geheime Elite die Menschheit in den Ersten Weltkrieg stürzte. 2014, S. 403

Mit welchen Täuschungen haben wir es zu tun?

Aus heutiger Sicht fast noch interessanter sind die Schilderungen, wie die im Buch für die damalige Zeit als «geheime Elite» bezeichnete, von den beiden Autoren nun aber sehr genau benannte Gruppe von Personen vorgegangen ist, um ihre Ziele zu erreichen. Die Frage ist, ob wir es heute mit ähnlichen Mechanismen zu tun haben, nämlich dass die Bürgerinnen und Bürger, aber auch viele in verantwortlicher Position in Politik und Gesellschaft im Unklaren darüber gelassen werden, getäuscht und verwirrt darüber werden, was tatsächlich geplant ist. Und welche Rolle dabei skrupellose Kräfte mit ihren Weltanschauungen und Interessen im Hintergrund spielen. Dass es aber – im Kern – erneut darum geht, zielstrebig einen grossen Krieg zu planen und vorzubereiten, dass die Gegenstimmen korrumpiert oder aber ins Abseits manövriert werden sollen und dass auch Deutschland Schritt für Schritt in diesen Krieg hineingezogen werden soll.

«Die USA sollten raus aus Europa»?

«Die USA sollten raus aus Europa» war der Titel eines Interviews, das die «Basler Zeitung» am 30. Juli veröffentlichte. Stephen Walt, Professor für Internationale Beziehungen an der Harvard Kennedy School der Harvard University, äusserte sich im Interview kritisch zur US-Aussenpolitik der vergangenen 30 Jahre, einschliesslich derjenigen des amtierenden Präsidenten Donald Trump, und forderte den Rückzug der US-Truppen aus Europa. Gleichzeitig sagte er: «Politisch und diplomatisch sollten wir uns weiterhin um eine enge Verbindung [mit Europa] bemühen.» Weiter: «Europa ist heute politisch stabil und wohlhabend, es kann sich selbst um seine Verteidigung kümmern. Die europäischen Staaten haben das viel zu lange nicht getan.» Und: «Mit den Mitteln, die die USA in Europa einsparen würden, könnten sie sich vermehrt auf Asien konzentrieren – ein Prozess, der ja schon unter Obama begonnen hat.» Schliesslich: «Und was Russ­land betrifft, braucht es seitens der USA eine neue Verständigung, weil wir die Russen sonst noch näher an China treiben.» … Eine wirkliche Friedensbotschaft?

Wie ernst ist die «Drohung» gemeint?

Wenige Tage später, am 10. August, war in der gleichen Zeitung zu lesen, der US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, habe damit «gedroht», US-Truppen aus Deutschland abzuziehen: «Es ist wirklich beleidigend zu erwarten, dass der US-Steuerzahler weiter mehr als 50 000 Amerikaner in Deutschland bezahlt, aber die Deutschen ihren Handelsüberschuss für heimische Zwecke verwenden.» Der US-Botschafter in Polen hatte sekundiert: «Polen erfüllt seine Zahlungsverpflichtungen von zwei Prozent des BIP gegenüber der Nato. Deutschland tut das nicht. Wir würden es begrüssen, wenn die US-Truppen in Deutschland nach Polen kämen.» … Kann sich Deutschland nun freuen?

Deutschland für US-Kriege unverzichtbar

Interessant, was derselbe Artikel weiter unten berichtet. Da heisst es: «Allerdings dürfte das Pentagon bei seinen Analysen zu dem Ergebnis kommen, dass ein umfangreicher Abzug aus Deutschland vor allem für ein Land teuer würde – für die USA.» Die Begründung: «Das liegt vor allem an der Art der Einrichtungen, die das US-Militär in Deutschland unterhält. Dazu gehören eine Reihe von Hauptquartieren und Logistik-Stützpunkten, die weit über Deutschland hinaus Bedeutung für Einsätze und die Verteidigungsplanung der USA haben. So sitzen im Raum Stuttgart die beiden für Europa und Afrika zuständigen Regionalkommandos der US-Streitkräfte, in Böblingen zudem das Kommando der US-Marineinfanterie für Europa und Afrika. Der Stützpunkt Ramstein ist nicht nur einer der grössten ausserhalb der USA und Hauptquartier der US-Luftwaffe für Europa, sondern das wichtigste Nachschub-Drehkreuz für Einsätze im Nahen Osten, in Afghanistan und Afrika, bedeutend auch für die Steuerung von Drohneneinsätzen dort.» Die Zeitung informiert weiter über das in Deutschland gelegene grösste US-Militär­spital ausserhalb der USA, das in Deutschland gelegene gröss­te US-amerikanische Munitionsdepot ausserhalb der USA und so weiter und so fort. Dann ist noch zu lesen: «Bis 2023 planen die USA, weitere 2 Milliarden Dollar allein in Stützpunkte in Rheinland-Pfalz zu investieren. Ramstein und Landstuhl sind schon für Milliarden Dollar umgebaut und modernisiert worden und sind auf kurze und mittlere Sicht nicht zu ersetzen.» Dann heisst es auch noch: «Bis September 2020 sollen nach bisherigen Planungen des Pentagon 1500 weitere Soldaten der Armee dauerhaft in Deutschland stationiert werden.» Und am Ende des Artikels ist zu lesen: «All das, so ist zu vermuten, wird Botschafter Grenell geläufig sein. Doch weiss er ebenso gut um Mechanismen der Medien, die Reflexe der Politik, die Kunst der Provokation.» … Kann sich Deutschland wirklich ruhig zurücklehnen?
Karl-Heinz Kamp, Präsident der deutschen Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin, hatte sich in einem Gastbeitrag für die «Neue Zürcher Zeitung» vom 13. August schon eng an die Seite der US-Politik gestellt: «Neben den USA ist Deutschland das wirtschaftlich potenteste Land der Nato. Dennoch ist es nicht willens, der Bündnisverpflichtung nachzukommen und zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts für die Verteidigung auszugegeben. Immer wieder finden sich neue Ausreden. Dabei steht die Glaubwürdigkeit der Nato mit auf dem Spiel.» …

Hat von der Leyen Russland den Krieg erklärt?

Kaum einer hat genauer hingeschaut, als sich die scheidende deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen zu ihrem Abschied von der Bundeswehr, zum «Grossen Zapfenstreich», das Ende 1989 getextete Lied der deutschen Musikgruppe Scorpions, «Wind of Change» (Text im Kasten), gewünscht hat. Die Zeitung «Die Welt» schrieb am 16. August: «Mit glänzenden Augen lauschte die ehemalige Ministerin dem Song.» Was kaum einer weiss: Der Liedtext beginnt in Moskau und spielt auf das sich damals abzeichnende Ende der Sowjetunion an. Im Zeitungsartikel folgen ein paar Aussagen der Musikgruppe selbst, die ihr Lied als «Friedenslied» bezeichnet.
Aber mit dem Ende der Sowjetunion war auch der Übergang zu einer von den USA dominierten unipolaren Welt verbunden. «Das Ende der Geschichte» – und die Idee vom endgültigen Sieg einer neoliberalen Welt. Eine Ära bislang nicht enden sollender, völkerrechtswidriger angelsächsischer und Nato-Kriege. Die Nachfolgestaaten der Sowjetunion, so konnte man es in den neunziger Jahren aus prominenten Mündern hören, sollten keine weltpolitische Rolle mehr spielen, sollten US-Interessen dienstbar sein. Die Jelzin-Jahre sind den meisten Russen in schlechter Erinnerung geblieben. Russland hat danach versucht, sich aus der Umklammerung zu befreien. Aber 30 Jahre nach 1989 blicken wir auch auf zahlreiche Versuche der letzten Jahre zurück, einen «Regime change» im heutigen Russland zu bewerkstelligen. «Wind of Change»?

Ursula von der Leyens «Wind of Change»

I follow the Moskva
And down to Gorky Park
Listening to the wind of change
An August summer night
Soldiers passing by
Listening to the wind of change […]

… und wem genau folgt Deutschland?

Die Nachrichtenagentur Reuters meldete am 22. August «Deutschland, Frankreich und Grossbritannien haben den Vorschlag von US-Präsident Donald Trump zurückgewiesen, Russland wieder in den Kreis der ­G-7-Länder aufzunehmen.
Russland sei 2014 aus bestimmten Gründen ausgeladen worden, sagte Kanzlerin Angela Merkel am Mittwochabend vor einem Treffen mit dem britischen Premierminister Boris Johnson. Diese Gründe bestünden nach wie vor […]. Wenige Tage vor dem G-7-Gipfel in Frankreich sprach sich auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gegen eine Wiederaufnahme Russlands aus. ‹Ich denke, eine Rückkehr Russlands ohne Konditionen wäre ein Zeichen der Schwäche der G7.› Das wäre ein strategischer Fehler. […] Auch der britische Premierminister Boris Johnson schloss sich dieser Haltung an. […]
US-Präsident Trump hatte dagegen empfohlen, die G-7-Gruppe wieder zur G8 aufzustocken. Viele der Gesprächsthemen hätten mit Russland zu tun, sagte er zur Begründung. Er warf seinem Vorgänger Barack Obama vor, Russland aus dem Kreis gedrängt zu haben.»     •