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«To Miss with Love»

js. Der Titel des Buches lässt so viel Spielraum für eigene Gedanken zu wie das gesamte Buch: «To Miss with Love» (Penguin Books 2011). «To Miss with Love» ist einerseits Anrede in einem Brief (An Miss – wie die Schüler ihre Lehrerin nennen – in Liebe), andererseits kann es auch heissen «Mit der Liebe danebenliegen» bzw. die Kinder verfehlen. Das Buch, bislang leider nur in englischer Sprache zu haben, aber auch für den ungeübten Leser englischer Texte leicht verständlich, entstand in einem Internetcafé. Es begann als Blog unter dem Pseudonym Miss Snuffleupagus, später Miss Snuffy, dem wolligen Mammut aus der «Sesamstrasse», das für alle unsichtbar ist ausser für Big Bird. Und so wie niemand den Snuffleupagus sehen kann, nehmen viele auch nicht die offensichtlichen Probleme im britischen Bildungs­system wahr, sagt die Autorin.
Das Buch nimmt den Leser mit auf eine einjährige Tour durch den Dschungel einer Londoner Innenstadtschule, mit seinen täglichen kleineren und grösseren Störungen wie undiszipliniertes Verhalten im Unterricht, freches Auftreten gegenüber Mitschülern und Lehrern, Mobbing, Respektlosigkeit, Diebstahl, Teenagerschwangerschaften, Vorwürfe von seiten der Eltern, mangelnde Unterstützung durch die Kollegen, Druck von seiten der Schulleitung und der britischen Schulaufsichtsbehörde Ofsted. Die Autorin beschreibt aber auch die kleinen positiven und aufbauenden Erlebnisse mit Schülern und Kollegen, und man freut sich mit ihr, wenn sie ehemalige Schüler trifft, von denen sie nie erwartet hätte, dass aus ihnen etwas wird, die aber dennoch eine Arbeit und etwas aus ihrem Leben gemacht haben. In «To miss with Love» spricht eine Lehrerin aus, was viele immer schon gedacht, aber niemals gesagt haben. Und sie tut es, weil sie Kinder liebt und mit Hilfe der Schule deren Leben zum Besseren wenden will. Dieses Herz für Kinder spürt man auf jeder Seite. Nur schon, wie sie ihre Schüler benennt, um sie zu anonymisieren: da heisst einer Furious (wütend), weil er völlig ausser Kontrolle geraten kann. Oder Munch­kin (Zwerg), weil er so klein ist und leicht zum Opfer der anderen wird und beschützt werden muss. Und Seething (brodelnd) und Deranged (verwirrt), zwei Mädchen mit einem völlig ungezügelten schlechten Benehmen. Sie alle begleitet der Leser durch das Schuljahr und muss, wie die Autorin selbst, zuschauen, wie das gegenwärtige britische Schulsystem sie verfehlt. Das Buch ist keine Anklageschrift, sondern ein bewegender Bericht einer bemerkenswerten Lehrerin.
Die Autorin, Katharine Birbalsingh, 38 Jahre alt, geboren in Neuseeland, mit indischen Wurzeln, ist Englands unverblümteste und umstrittenste Lehrerin. Sie selbst besuchte eine Gesamtschule, machte ihren Abschluss in Philosophie und modernen Sprachen an der Universität von Oxford und unterrichtete mehr als ein Jahrzehnt an verschiedenen Londoner Brennpunktschulen aus Überzeugung. Sie scheut sich nicht, auch öffentlich Kritik am britischen Schulsystem und den Zuständen an den Schulen zu üben. Sie selbst sagt über sich, dass sie sich als ehemalige Marxistin in den letzten Jahren in Opposition zur politischen Entwicklung in England zur Konservativen gewandelt hat. Das hat sie, nachdem sie im Oktober 2010 an einem Parteitag der Konservativen öffentlich Kritik am Schulsystem äusserte, den Job gekostet, aber ihren Willen zur Wahrheit und ihr Engagement nicht gebrochen. Sie schreibt heute als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen und plant für den September 2011 die Eröffnung ihrer eigenen Privatschule im Londoner Stadtteil Lambeth.    •

Katharine Birbalsing, To Miss with Love. London, 2011, ISBN 978-0-670-91899-7

Weitere Informationen zu Frau Birbalsingh auf ihrer Homepage: www.katharinebirbalsingh.com