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Wird Israel Iran angreifen?

von Ronen Bergman, erschienen in «The New York Times» vom 25. Januar 2012

Gegen Abend des Sabbat vom 13. Januar durchschritt Ehud Barak das grosse Wohnzimmer seines Hauses hoch über einer Strasse im Norden Tel Avivs, an den Wänden Tausende von Büchern über Themen, die von Philosophie und Dichtung bis zur militärischen Strategie reichen. Barak, der israelische Verteidigungsminister, ist der am höchsten ausgezeichnete Soldat in der Geschichte des Landes und einer seiner erfahrensten und umstrittensten Politiker. Er diente als Chef des Gene­-
­r­­alstabes der israelischen Streitkräfte (Israel Defence Force IDF), als Innenminister, Aussenminister und ­Premierminister. Heute steht er, zusammen mit Premier­minister Benjamin Netanjahu und 12 weiteren Mitgliedern des inneren Sicherheitskabinetts von Israel vor der wichtigsten Entscheidung seines Lebens – ob ein präemptiver Angriff gegen Iran eingeleitet werden soll. Wir trafen uns spätnachmittags, und unser Gespräch – das erste von mehreren im Laufe der folgenden Woche – dauerte zweieinhalb Stunden, weit über den Anbruch der Dunkelheit hinaus. «Hier geht es nicht um irgendein abstraktes Konzept», sagte Barak, während er auf die Lichter von Tel Aviv blickte, «sondern um eine echte Sorge. Die Iraner sind immerhin ein Volk, dessen Führer sich selbst zum strategischen Ziel gesetzt haben, Israel von der Landkarte zu wischen.»
Als ich gegenüber Barak die Meinung des früheren Mossad-Chefs Meir Dagan und des früheren Generalstabchefs Gabi Ashkenazi erwähnte – dass die iranische Bedrohung nicht so unmittelbar sei, wie er und Netanjahu sich vorgestellt hätten, und dass ein Militärschlag katastrophal wäre (und dass sie, Barak und Netanjahu, zynischerweise darauf aus seien, auf Kosten der nationalen Sicherheit populistisch zu punkten) – reagierte Barak mit untypischem Ärger. Er und Netanjahu seien, sagte er, «auf sehr direkte und konkrete Art für die Existenz des Staates Israel – ja für die Zukunft des jüdischen Volkes» verantwortlich. Bezüglich der hochrangigen Militärs, mit denen ich gesprochen hatte und die argumentieren, dass ein Angriff auf Iran entweder unnötig sei oder zu diesem Zeitpunkt ineffektiv wäre, sagte Barak: «Es ist gut, wenn es eine Vielfalt von Ansichten gibt und die Leute ihre Meinungen äussern. Aber schlussendlich, wenn das Militärkommando aufschaut, sieht es uns – den Verteidigungs- und den Premierminister. Wenn wir aufschauen, sehen wir nichts als den Himmel über uns.»
Netanjahu und Barak haben beide wiederholt betont, dass noch keine Entscheidung getroffen und noch keine Frist für eine solche gesetzt worden sei. Im Laufe unseres Gespräches legte Barak jedoch drei Kategorien von Fragen dar, die er als «Israels Fähigkeit zu handeln», «internationale Legitimität» und «Notwendigkeit» beschrieb und die alle positiv beantwortet werden müssten, bevor eine Entscheidung für einen Angriff getroffen werde:
1.    Ist Israel in der Lage, den iranischen Atom­anlagen ernsthaften Schaden zuzufügen und eine wesentliche Verzögerung des iranischen Atomprojektes herbeizuführen? Und können das Militär und das israelische Volk dem unvermeidlichen Gegenschlag standhalten?
2.     Hat Israel offene oder stillschweigende Unterstützung, insbesondere von Amerika, bei der Durchführung des Angriffs?
3.    Sind alle anderen Möglichkeiten zur Eindämmung der iranischen Atomgefahr ausgeschöpft worden, so dass Israel vor der letzten Option steht? Und wenn dem so ist: ist diese die letzte Gelegenheit für einen Angriff?
Zum ersten Mal seit Auftauchen der iranischen Atomgefahr Mitte der 90er Jahre glauben zumindest einige der mächtigsten Führer Israels, dass alle diese Fragen mit Ja zu beantworten sind.
An verschiedenen Punkten unseres Gespräches unterstrich Barak, dass, wenn Israel oder die übrige Welt zu lange warten, der Moment kommen werde – irgendwann im kommenden Jahr, sagt er –, nach welchem es nicht möglich sein werde zu handeln. «Es wird nicht möglich sein, chirurgische Mittel einzusetzen, um eine erhebliche Verzögerung herbeizuführen», sagte er. «Nicht für uns, nicht für Europa und nicht für die Vereinigten Staaten. Danach wird die Frage sehr wichtig bleiben, aber sie wird zu einer rein theoretischen werden und nicht mehr in unserer – derjenigen der Staatsmänner und Entscheidungsträger –, sondern in Ihrer Hand – derjenigen der Journalisten und Historiker – liegen.»
Moshe Ya’alon, Israels Vize-Premier und Minister für Strategische Fragen, ist der dritte im Trio, das eine sehr aggressive Haltung gegenüber Iran vertritt. Als ich am Nachmittag des 18. Januar mit ihm sprach – dem gleichen Tag, an dem Barak öffentlich erklärte, irgendeine Entscheidung über einen präemptiven Schlag sei «sehr weit entfernt» –, wiederholte Ya’alon zwar ständig, ein Angriff sei die letzte Option, war aber darauf bedacht, Israels Entschlossenheit zu betonen. «Unser Grundsatz ist, dass Irans Atomprogramm auf die eine oder andere Art gestoppt werden muss», sagte er. «Es ist eine Sache von Monaten, bis die Iraner in der Lage sein werden, nukleare Kapazitäten für den militärischen Einsatz zu erlangen. Israel sollte den Kampf gegen Iran nicht anführen müssen. Es ist an der internationalen Gemeinschaft, dem Regime entgegenzutreten, aber nichtsdestotrotz muss Israel bereit sein, sich selbst zu verteidigen. Und wir sind darauf vorbereitet, uns zu vereidigen», fuhr Ya’alon fort, «in jeder Form und überall, wo wir es für angebracht halten.»
Während Jahren nahmen israelische und amerikanische Geheimdienste an, dass es das Resultat von Irans Beziehung zu Russ­land wäre, wenn Iran die Fähigkeit zum Bau einer Bombe erreichen könnte. Russland hatte für Iran in Busher einen Atomreaktor gebaut und die Iraner bei ihrem Raketenabwehrprogramm unterstützt. Während der ganzen 90er Jahre wandten Israel und die Vereinigten Staaten gewaltige Mittel auf, um die nuklearen Verbindungen zwischen Russland und Iran zu schwächen, und übten enormen diplomatischen Druck auf Russland aus, um die Beziehung zu unterbrechen. Schliesslich machten die Russen klar, dass sie alles in ihrer Macht Stehende tun würden, um den Bau des iranischen Reaktors zu verlangsamen, und versicherten Israel, dass selbst dann, wenn er fertiggestellt sein werde (was später der Fall war), es nicht möglich wäre, dort Uran oder Plutonium so aufzubereiten, dass es für Atomwaffen genutzt werden könnte.
Die Russen waren allerdings nicht die einzige Verbindung zur Atomenergie. Robert Einhorn, derzeit Sonderberater für Nonproliferation und Waffenkontrolle beim US-Aussenministerium, sagte mir 2003: «Beide Länder unternahmen riesige Anstrengungen, offen und verdeckt, um herauszufinden, was genau Russland an Iran lieferte, und versuchten, diese Lieferungen zu verhindern. Wir waren überzeugt, das sei der hauptsächlichste Weg, auf dem sich Iran die Atomwaffe beschaffen wolle. Erst sehr verspätet kam zutage, dass, sollte Iran sein Ziel eines Tages erreichen, dies überhaupt nicht auf dem russischen Weg sein würde. Er machte seinen grossen Fortschritt Richtung Atomwaffen auf einem gänzlich anderen Weg – einem geheimen –, der unserer Sicht verborgen blieb.»
Dieser geheime Weg war Irans Geheimbeziehung zum Netzwerk von Abdul Qadeer Khan, dem Vater der pakistanischen Atombombe. Die Zusammenarbeit amerikanischer, britischer und israelischer Geheimdienste führte 2002 zur Entdeckung einer Urananreicherungsanlage, die mit Hilfe Khans in Natanz, 200 Meilen (320 km) südlich von Teheran, gebaut worden war. Als sich diese Information bestätigte, ging ein grosser Aufschrei durch Israels Militär- und Geheimdienst-Establishment; einige forderten, die Anlage müsse sofort bombardiert werden. Premierminister Ariel Sharon gab keine Genehmigung für einen Angriff. Statt dessen wurden Informationen über die Anlage einer dissidenten iranischen Gruppe zugespielt, dem Nationalen Widerstandsrat, der bekanntgab, dass Iran in Natanz eine Einrichtung mit Zentrifugen baue. Das führte dazu, dass ein Inspektorenteam der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) der Anlage einen Besuch abstattete; sie waren überrascht zu entdecken, dass Iran gut auf dem Weg war, um den Kernbrennstoffkreislauf zu vollenden – die Reihe von Urananreicherungsprozessen, die eine entscheidende Etappe bei der Herstellung einer Bombe darstellt.
Trotz der Entdeckung der Anlage in Natanz und den darauffolgenden internationalen Sanktionen berichtete der israelische Geheimdienst Anfang 2004, dass das iranische Atomprojekt noch immer voranschreite. Sharon übertrug die Verantwortung dafür, dem Programm ein Ende zu setzen, an Meir Dagan, den damaligen Chef des Mossad. Die beiden kannten sich aus den 1970er Jahren, als Sharon der für das Kommando Süd zuständige General der israelischen Streitkräfte und Dagan ein junger Offizier war, den er zum Chef einer top-geheimen Einheit ernannte, deren Aufgabe die systematische Ermordung von Milizionären der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) im Gaza-Streifen war. Wie Sharon sich damals ausdrückte: «Dagans Spezialität ist es, einen Araber von seinem Kopf zu trennen.»
Sharon bewilligte dem Mossad nahezu unbegrenzte Mittel und Befugnisse, um «die iranische Bombe zu unterbinden». So erzählte mir ein vor kurzem in den Ruhestand getretener Mossad-Offizier: «Es gab keine Operation, es gab kein Projekt, das aus Mangel an Mitteln nicht ausgeführt worden wäre.»
An einer Reihe von geheimen Treffen mit US-Beamten zwischen 2004 und 2007 beschrieb Dagan ausführlich eine «5-Front-Strategie», zu der politischer Druck, geheime Massnahmen, Bekämpfung der Proliferation (counterproliferation), Sanktionen und Regime Change gehörten. In einem geheimen Telegramm an die USA vom August 2007 betonte er, dass «die Vereinigten Staaten, Israel und gleichgesinnte Länder gleichzeitig und gemeinsam an allen fünf Fronten Druck ausüben müssen». Er fuhr fort: «Einige Massnahmen tragen heute Früchte. Andere» – und hier betonte er die Bemühungen, ethnischen Widerstand in Iran zu fördern – «werden zu gegebener Zeit Früchte tragen, vor allem, wenn man ihnen mehr Beachtung schenkt.»
Ab 2005 begannen verschiedene Geheimdienstabteilungen und das US-Finanzamt in Zusammenarbeit mit dem Mossad eine weltweite Kampagne, um die finanziellen Säulen des iranischen Atomprojektes zu ermitteln und zu sabotieren. Der Mossad lieferte den Amerikanern Informationen über iranische Firmen, die als Fassaden für die nuklearen Anschaffungen des Landes und als Finanzinstitutionen dienten, die bei der Finanzierung terroristischer Organisationen halfen, sowie als Front des Bankgeschäftes, das von Iran und Syrien aufgebaut wurde, um alle diese Aktivitäten abzuwickeln. Die Amerikaner versuchten anschliessend, mehrere grosse Unternehmen und europäische Regierungen – insbesondere Frankreich, Deutschland und Grossbritannien – dazu zu bringen, die Kooperation mit iranischen Finanzinstitutionen einzustellen, und letzten Monat billigte der Senat Sanktionen gegen die iranische Zentralbank.
Zusätzlich zu diesen Interventionen und den Bemühungen, die Belieferung Irans mit nuklearen Materialien zu unterbrechen, ist das iranische Atomprojekt seit 2005 von einer Serie von Pannen und Katastrophen heimgesucht worden, für welche die Iraner westliche Geheimdienste – insbesondere den Mossad – verantwortlich machten. Laut iranischen Medien flogen zwei Transformatoren in die Luft, und während des ersten Versuches zur Urananreicherung in Natanz im April 2006 wurden 50 Zentrifugen ruiniert. Ein Sprecher des Iranischen Atomenergierates erklärte, dass an den Rohmaterialien «herummanipuliert» worden war. Zwischen Januar 2006 und Juli 2007 stürzten drei Flugzeuge der iranischen Revolutionsgarden unter mysteriösen Umständen ab. Einige Berichte besagten, die Flugzeuge hätten einfach «aufgehört zu funktionieren». Die Iraner hatten den Mossad im Verdacht, genauso wie bei der Entdeckung, dass zwei tödliche Computerviren in das Computersystem des Nuklearprojektes eingedrungen waren und weit verbreiteten Schaden anrichteten, wobei eine grosse Anzahl von Zentrifugen lahmgelegt wurden.
Im Januar 2007 erwiesen sich mehrere Isolationseinheiten in den verbindenden Befestigungen der Zentrifugen, die man von einem Mittelsmann auf dem osteuropäischen Schwarzmarkt gekauft hatte, als defekt und unbrauchbar. Iran schloss daraus, dass es sich bei einigen der Händler um Scheinfirmen handelte, die gegründet wurden, um die nuklearen Bestrebungen Irans mit fehlerhaften Teilen auszustatten.
Zu den am meisten umstrittenen Geheimoperationen gehörten die Ermordungen iranischer Wissenschafter, die für das Atomprojekt gearbeitet hatten. Im Januar 2007 starb Dr. Ardeshir Husseinpour, ein 44jähriger Atomwissenschaftler, der an der Urananlage in Isfahan gearbeitet hatte, unter mysteriösen Umständen. In der offiziellen Mitteilung seines Todes hiess es, er sei «als Folge eines Gasaustrittes» erstickt, aber der iranische Geheimdienst ist überzeugt, dass er Opfer eines israelischen Attentats war.
Massoud Ali Mohammadi, ein Teilchenphysiker, wurde im Januar 2010 getötet, als er in sein Auto steigen wollte und ein in der Nähe geparktes Motorrad, das mit einer versteckten Sprengladung versehen war, explodierte. (Einige verfechten die Meinung, Mohammadi sei nicht vom Mossad, sondern von iranischen Agenten umgebracht worden, weil er angeblich Oppositionsführer Mir Hussein Moussavi unterstützt habe.) Später in dem Jahr, am 29. November 2010, fand in den Strassen von Teheran eine Fahndung nach zwei Motorradfahrern statt, die gerade die Autos von zwei hochrangigen Vertretern des iranischen Atomprojektes, Majid Shahriari und Fereydoun Abbasi-Davani, in die Luft gejagt hatten. Die Motorradfahrer hatten Haftminen (auch als Magnetbomben bekannt) an den Autos angebracht und rasten dann davon. Shahriari wurde von der Explosion in seinem Peugeot 405 getötet, aber Davani und seine Frau schafften es, aus dem Auto zu entkommen, bevor es explodierte. Nach diesem Mordanschlag ernannte Mahmoud Ahmadinejad Abbasi-Davani zum Vizepräsidenten Irans und zum Leiter der Atomenergiebehörde (Atomic Energy Organisation) des Landes. Heute wird er schwer bewacht, wo immer er hingeht, genauso wie der wissenschaftliche Leiter des Atomprojektes, Mohsin Fakhri-Zadeh, dessen Vorlesungen an der Universität Teheran im Sinne einer Vorsichtsmassnahme eingestellt wurden.
Vergangenen Juli überfiel ein Motorradfahrer Darioush Rezaei Nejad, einen Atomphysiker, der für Irans Atomenergie Organisation forscht, als er vor seinem Haus in seinem Auto sass. Der Motorradfahrer zog eine Pistole und erschoss den Wissenschaftler durch die Autoscheibe.
Vier Monate später im November ereignete sich eine gewaltige Explosion auf einer Basis der Revolutionsgarden, 50 Kilometer westlich von Teheran. Die Rauchwolke war von der Stadt aus zu sehen, wo die Anwohner die Erschütterung des Bodens spüren konnten und ihre Fenster klappern hörten; Satellitenfotos zeigten, dass fast die ganze Basis ausradiert worden war. Brigadegeneral Hassan Moghaddam, Leiter der Abteilung für Raketenentwicklung der Revolutionsgarden, wurde umgebracht, ebenso 16 seiner Mitarbeiter. Ayatollah Ali Khamenei, der geistliche Führer Irans, bezeugte ihm seinen Respekt, indem er zur Trauerfeier für den General kam und die Witwe in ihrem Haus besuchte, wo er Moghaddam als Märtyrer bezeichnete.
Eben am 11. Januar, zwei Jahre nachdem sein Kollege und Freund Massoud Ali Mohammadi getötet worden war, verliess ein stellvertretender Direktor der Urananreicherungsanlage von Natanz, Mostafa Ahmadi-Roshan, sein Haus und fuhr zu einem Labor in der Innenstadt Teherans. Einige Monate zuvor war ein Foto von ihm in Zeitungen rund um die Welt erschienen, auf dem er Ahmadinejad auf einem Rundgang durch Atomanlagen begleitete. Zwei Motorradfahrer fuhren zu seinem Auto auf und brachten eine Haftmine an, die ihn auf der Stelle tötete.
Israeli können nicht in Iran einreisen, daher hat Israel, so glauben Vertreter Irans, enorme Mittel bereitgestellt, um Iraner zu rekrutieren, die das Land für Geschäftsreisen verlassen, um sie zu Agenten zu machen. Einige wurden unter falscher Flagge rekrutiert, was heisst, dass die Anwerber der Organisation sich als Vertreter anderer Nationalitäten ausgeben, so dass die iranischen Agenten nicht wissen, dass sie auf der Gehaltsliste des «zionistischen Feindes», wie Israel in Iran genannt wird, stehen. Ausserdem zieht der Mossad es vor, seine gewalttätigen Operationen auf der Grundlage des Blau-und-weiss-Prinzips (eine Anspielung auf die Farben der israelischen Nationalflagge) auszuführen, was bedeutet, dass sie nur von israelischen Bürgern, die reguläre Mossad-Agenten sind, durchgeführt werden und nicht von Attentätern, die im Zielland rekrutiert werden. In Iran zu operieren ist für die unter dem Namen Caesarea bekannte Sabotage und Mordeinheit des Mossad jedoch unmöglich; die Attentäter müssen daher von anderswo kommen. Der iranische Geheimdienst nimmt an, dass der Mossad im Laufe der letzten paar Jahre zwei iranische Oppositionsgruppen finanziert und bewaffnet hat, die Muhjahedine Khalq (MEK) und die Jundallah, und dass er in Kurdistan eine vorgeschobene Basis eingerichtet hat, um die kurdische und weitere Minderheiten in Iran zu mobilisieren, von denen einige auf einer geheimen Basis in der Nähe von Tel Aviv trainiert werden.
Offiziell hat Israel nie eine Beteiligung an diesen Morden zugegeben, und nachdem sich Aussenministerin Hillary Clinton diesen Monat deutlich gegen die Tötung von Ahmadi-Roshan ausgesprochen hatte, sagte Präsident Shimon Peres, er habe keine Kenntnis von einer israelischen Beteiligung. Nach dem Mord gelobten die Iraner Rache, und am 13. Januar, während ich mit Ehud Barak in seinem Haus in Tel Aviv sprach, leiteten die Geheimdienste des Landes eine notfallmässige Operation, um einen gemeinsamen Angriff Irans und der Hizbollah auf israelische und jüdische Ziele in Bangkok zu vereiteln. Örtliche thailändische Streitkräfte – die laut Berichten auf Grund von Angaben handelten, die sie vom Mossad erhielten – durchsuchten ein Versteck der Hizbollah in Bangkok und verhafteten später ein Mitglied einer Terrorzelle, als es aus dem Land fliehen wollte. Laut Berichten habe der Gefangene zugegeben, dass er und seine Kollegen von der Zelle die israelische Botschaft und eine Synagoge in die Luft sprengen wollten.
Obwohl Meir Dagan sich die Morde nicht als Verdienst anrechnete, pries er die Schläge gegen die iranischen Wissenschaftler, die dem Mossad zugeschrieben werden, und sagte, dass die Tötungen über «die Entfernung wichtiger Köpfe» des Projektes hinaus etwas mit sich gebracht hätten, was man im Mossad als weisse Abtrünnigkeit bezeichnet – die iranischen Wissenschaftler sind mit andern Worten derart in Schrecken versetzt, dass viele von ihnen darum ersucht haben, in ein ziviles Projekt versetzt zu werden. «Es besteht kein Zweifel», erklärte mir ein ehemaliger Topagent des Mossad während eines Frühstückes am 11. Januar, nur wenige Stunden, nachdem die Nachricht von Ahmadi-Roshans Ermordung aus Teheran gekommen war: «Wissenschaftler in einem renommierten Atomprojekt zu sein, das vom Staat grosszügig finanziert wird, bringt Vorteile mit sich wie Status, Beförderung, Forschungsgelder und dicke Saläre. Wenn andererseits ein Wissenschaftler – der kein ausgebildeter Soldat und nicht gewohnt ist, lebensbedrohenden Situationen gegenüberzustehen, der eine Frau und Kinder hat – sieht, wie seine Kollegen einer nach dem andern umgelegt werden, beginnt er auf jeden Fall Angst zu haben, wann der Tag kommen wird, an dem ein Mann auf einem Motorrad an seine Autoscheibe klopft.»
Während wir sprachen, näherte sich ein Mann; als er mich als Journalist erkannte, der über solche Fragen berichtet, entschuldigte er sich, bevor er fragte: «Wann bricht der Krieg aus? Wann werden die Iraner uns bombardieren?» Der Mossad-Vertreter lächelte, als ich versuchte dem Mann zu versichern, dass wir nicht morgen atomar vernichtet werden. Ähnliche Szenen ereignen sich fast täglich – die Israeli schauen die Nachrichten, haben gehört, dass Luftschutzbunker vorbereitet werden, wissen, dass Israel vor zwei Monaten testweise eine Rakete ins Meer feuerte – und eine Art Panik hat begonnen, die israelische Gesellschaft zu erfassen, die Angst, dass es bald anfangen wird, Raketen zu regnen.
Dagan glaubt, dass seine Fünf-Fronten-Strategie erfolgreich ist und das Vorankommen des iranischen Atomprogramms in Richtung Entwicklung atomarer Waffen wesentlich verzögert hat; insbesondere «den Einsatz aller Waffen zusammen», wie er mir und einer kleinen Gruppe israelischer Journalisten Anfang letzten Jahres erklärte. «In der Vorstellung der iranischen Bürger wurde eine Verbindung geschaffen zwischen seinen wirtschaftlichen Problemen und dem Atomprojekt. Heute läuft in Iran eine tiefgreifende interne Debatte zu dieser Angelegenheit, welche die iranische Führung gespalten hat.» Er strahlte, als er anfügte: «Es gefällt mir, dass die Zeitachse des Projektes auf Grund dieser mysteriösen Störungen seit 2003 mehrmals hinausgeschoben worden ist.»
Barak und Netanjahu sind vom langfristigen Erfolg des Mossad weniger überzeugt. Seit Beginn ihrer Amtszeiten (Barak ist seit Juni 2007 Verteidigungsminister, Netanjahu seit März 2009 Premierminister), vertreten sie die Meinung, dass Israel eine militärische Option bereithalten müsse für den Fall, dass die verdeckten Aktionen fehlschlagen. Barak befahl ausgedehnte militärische Vorbereitungen für einen Angriff auf Iran, die bis zum heutigen Tag weitergehen und in den letzten Monaten häufiger geworden sind. Bei seinen Befürchtungen, dass die Geheimoperationen des Mossad in Verbindung mit Sanktionen nicht genügen könnten, war er nicht allein. Der Enthusiasmus in den IDF und im Militärgeheimdienst hat zudem nachgelassen. Drei sehr hochrangige Offiziere des Militärgeheimdienstes, von denen einer noch im Dienst ist und zwei, die kürzlich in den Ruhestand getreten sind, haben mir gesagt, dass bei allem gebührenden Respekt für Dagans Erfolg beim Verlangsamen des iranischen Atomprojektes, Iran noch immer Fortschritte mache. Einer erinnerte an Israels Operation gegen den Irak Ende der 1970er Jahre, als der Mossad einige für das Projekt tätige Wissenschaftler eliminierte und andere bedrohte. In der Nacht des 6. April 1979 betrat ein Team von Mossad-Agenten den französischen Hafen La Seyne-sur-Mer und sprengte eine Schiffsladung in die Luft, die für das Kühlsystem des irakischen Reaktorkerns gebraucht wurde, der in Frankreich hergestellt wurde. Die französische Polizei fand von den Tätern keine Spur. Eine unbekannte Organisation für die Verteidigung der Umwelt erklärte sich für den Anschlag verantwortlich.
Die Attacke war erfolgreich, aber ein Jahr später war der Schaden behoben und weitere Sabotageversuche wurden vereitelt. Das Projekt kam bis Ende 1980 voran, als man entdeckte, dass eine Schiffsladung von Brennstäben mit angereichertem Uran von Frankreich nach Bagdad geschickt worden war, und man im Begriff war, sie in den Reaktorkern einzufügen. Israel beschloss, es habe keine andere Wahl als Operation Opera, eine überraschenden Luftangriff im Juni 1981 auf den Tammuz-Osirak-Reaktor gerade vor Bagdad.
Dagans Kritiker sagen, dass die Iraner es geschafft hätten, die meisten Rückschläge in gleicher Weise zu überwinden und die umgebrachten Wissenschaftler zu ersetzen. Gemäss neuesten Geheimdienstinformationen verfügt Iran nun über einige 10 000 funktionierende Zentrifugen und der Anreicherungsprozess sei optimiert worden. Iran hat heute fünf Tonnen geringgradiges Spaltmaterial, genug, um nach einer Umwandlung in hochwertiges Material daraus etwa fünf oder sechs Bomben zu bauen; es besitzt auch etwa 175 Pfund Material mittlerer Qualität, von dem es etwa 500 Pfund für die Herstellung einer Bombe braucht. Es wird angenommen, dass die Atomwissenschaftler Irans neun Monate veranschlagen, die sie benötigen, um nach Erhalt des Befehls einen ersten Sprengkörper zusammenzustellen und weitere sechs Monate, um diesen auf die Dimensionen der Nutzlast ihrer Shahab-3-Raketen zu reduzieren, die in der Lage sind, Israel zu erreichen. Das Spaltmaterial ist an Standorten, die über das ganze Land verteilt sind, vor allem in der Anlage von Fordo in der Nähe der heiligen Stadt Qom, in einem Bunker, den der israelische Geheimdienst auf 220 Fuss (67 Meter) tief schätzt, ausserhalb der Reichweite selbst der am weitest entwickelten Bunkerbrecherbomben, welche die Vereinigten Staaten besitzen.
Barak fungiert im komplexen Dialog mit den Vereinigten Staaten über dieses Thema als leitender Vertreter Israels. Er ist mit den Parallelen, die einige israelische Politiker, vor allem sein Chef, Netanjahu, zwischen Ahmadinejad und Adolf Hitler zogen, nicht einverstanden und vertritt weit gemässigtere Ansichten. «Ich akzeptiere, dass Iran andere Gründe für die Entwicklung von Atombomben hat, als Israel zu zerstören, aber wir können das Risiko nicht ignorieren,» sagte er mir Anfang Januar. «Eine iranische Bombe würde das Überleben des gegenwärtigen Regimes gewährleisten, das ansonsten seinen 40. Jahrestag nicht erleben würde, angesichts der Bewunderung, welche die junge Generation in Iran für den Westen gezeigt hat. Mit einer Bombe wäre es sehr hart, in der Regierung etwas zu bewegen.» Barak fuhr fort: «In dem Moment, in dem Iran Atomwaffen entwickelt, werden sich andere Länder der Region gezwungen sehen, das gleiche zu tun. Soviel haben die Saudi-Araber den Amerikanern gesagt, und man kann in diesem Zusammenhang sowohl an die Türkei als auch an Ägypten denken, ganz zu schweigen von der Gefahr, dass waffenfähiges Material an Terrorgruppen gelangen würde.
«Aus unserer Sicht», so Barak, «bietet ein Atomstaat seinen Stellvertretern eine völlig andersgeartete Form des Schutzes. Stellen Sie sich vor, wir begeben uns in eine weitere Konfrontation mit der Hizbollah, die über 50 000 Raketen hat, welche das ganze Gebiet Israels bedrohen, darunter auch einige tausend, die Tel Aviv erreichen können. Ein Iran mit Atomwaffen kündigt an, dass ein Angriff auf die Hizbollah einem Angriff auf Iran gleichkommt. Wir würden deswegen nicht aufgeben, aber es würde die Bandbreite unserer Operationen eindeutig einschränken.»
An diesem Punkt beugte sich Barak vor und sagt mit grösstem Ernst: «Und wenn ein atomares Iran einige Golfstaaten begehrte und sie besetzte, wer wird sie befreien? Unter dem Strich müssen wir das Problem jetzt bewältigen.»
Er warnte, dass nicht mehr als ein Jahr bliebe, um Iran davon abzuhalten, Atomwaffen zu erreichen. Dies, weil er nahe daran ist, in seine «Immunitäts-Zone» zu gelangen – ein Ausdruck, den Barak geprägt hat und der sich auf den Zeitpunkt bezieht, zu dem das akkumulierte Know-how Irans, seine Rohmaterialien, Erfahrung und Ausrüstung (sowie die Verteilung der Materialen auf seine unterirdischen Anlagen) von einer Art sein werden, dass ein Angriff das Atomprojekt nicht zu Fall bringen könnte. Israel schätzt, dass das iranische Atomprogramm etwa neun Monate davon entfernt ist, einem israelischen Angriff zu widerstehen; Amerika, mit seiner überlegenen Feuerkraft, hat einen Zeitrahmen von 15 Monaten. In beiden Fällen bietet sich ihnen ein sehr enges Zeitfenster. Ein sehr ranghoher israelischer Gewährsmann aus dem Sicherheitsbereich erzählte mir: «Die Amerikaner sagen uns, es habe Zeit, und wir sagen ihnen, dass sie nur etwa sechs bis neun Monate mehr haben als wir und dass deshalb die Sanktionen nun auf einen Höhepunkt gebracht werden müssen, um diesen Pfad auszureizen.»
Viele europäische Analytiker und einige Geheimdienste haben in der Vergangenheit skeptisch, wenn nicht mit offenem Misstrauen auf die Warnungen Israels reagiert. Einige brachten vor, Israel habe seine Einschätzungen absichtlich übertrieben, um eine Stimmung der Angst zu schaffen, die Europa in seine umfassende wirtschaftliche Kampagne gegen Iran hineinziehen würde, eine Skepsis, die durch die falsche Beurteilung der irakischen Massenvernichtungswaffen vor dem Irak-Krieg verstärkt wird.
Der Diskurs Israels mit den Vereinigten Staaten über dieses Thema ist von grösserer Bedeutung und mehr belastet, als der mit Europa. Die USA bemühen sich, die Sanktionen gegen Iran härter zu machen und Länder wie Russland und China dazu zu bringen, Sanktionen im Austausch gegen substantielle amerikanische Konzessionen zu übernehmen. Aber unter der Oberfläche dieser Zusammenarbeit gibt es Zeichen gegenseitiger Verdächtigungen. So schrieb ein hoher amerikanischer Amtsträger im November 2009 nach einer israelischen Geheimdienstprognose, wonach Iran bis 2012 ein vollständiges nukleares Arsenal haben werde, ans Aussenministerium und ans Pentagon: «Es ist unklar, ob die Israeli davon überzeugt sind oder Worst-case-Beurteilungen einsetzen, um den Druck der Vereinigten Staaten zu erhöhen.»
Die Israeli ihrerseits hegen den Verdacht, dass die Regierung Obama jede aggressive Strategie, die ein nukleares Iran verhindern würde, aufgegeben hat und nur noch mit Worten spielt, um sie zu beschwichtigen. Die Israeli finden Belege dafür im veränderten Sprachgebrauch der Administration von «Schwellenprävention» – womit die amerikanische Entschlossenheit gemeint ist, Iran daran zu hindern, ein Atomenergieprogramm zu haben, das ihm die Möglichkeit zur Schaffung von Waffen geben könnte – zur «Waffenprävention», bei der die Bedingungen vorhanden sein können, aber es eine amerikanische Verpflichtung gibt, Iran an der Zusammenstellung einer tatsächlichen Bombe zu hindern.
«Ich kann die amerikanische Logik nicht verstehen,» sagte mir eine hochrangige Quelle des Geheimdienstes. «Wenn mir jemand sagt, wir werden verhindern, dass sie dahin kommen, indem er darum betet, dass in den Zentrifugen mehr Pannen passieren, verstehe ich. Wenn mir jemand sagt, wir müssen bald angreifen, um sie zu stoppen, kapiere ich das. Aber wenn mir jemand sagt, wir werden sie stoppen, nachdem sie schon dort sind, das verstehe ich nicht.»
Im Laufe des letzten Jahres sind die westlichen Geheimdienste, namentlich die CIA, den Einschätzungen Israels zum iranischen Atomprojekt nähergerückt. Verteidigungsminister Leon Panetta äusserte dies explizit, als er sagte, Iran wäre imstande, die Atomwaffenfähigkeit innerhalb eines Jahres zu erreichen. Die Internationale Atomenergieagentur veröffentlichte einen vernichtenden Bericht, in dem es heisst, dass Iran den Atomwaffensperrvertrag verletzte und möglicherweise versuche, Atomwaffen zu entwickeln. Ermutigt durch die neu entdeckte Übereinstimmung, haben die israelischen Führer Iran gegenüber einen harscheren Ton angeschlagen. Ya’alon, der stellvertretende Premierminister, erzählte mir im Oktober: «Wir hatten während der letzten zwei Jahre einige Auseinandersetzungen mit der US-Administration, aber bezüglich des Problems Iran haben wir es geschafft, die Differenzen bis zu einem gewissen Grad beizulegen. Die Stellungnahmen des Präsidenten am letzten Treffen mit dem Premierminister – dass wir ‹verpflichtet sind, zu verhindern› und ‹alle Optionen sind auf dem Tisch› – sind ausserordentlich wichtig. Sie haben mit den Sanktionen zu spät begonnen, aber sie haben sie von einer Politik des Engagements zu einer aktiveren Strategie (Sanktionen) gegenüber Iran bewegt. Dies alles sind positive Entwicklungen.» Andererseits seufzte Ya’alon, als er eingestand: «Die wichtigsten Auseinandersetzungen stehen uns bevor. Das ist klar.»
Nachdem nun über die Fakten weitgehend Einigkeit besteht, rühren die Auseinandersetzungen, die Ya’alon vorwegnimmt, von der Frage, was zu tun sei – und was geschehen wird, wenn Israel beschliesst, dass der Zeitpunkt des Handelns gekommen ist. Der heikelste Streitpunkt zwischen den beiden Ländern ist, was für Zeichen Amerika Israel gibt und ob Israel Amerika im voraus über eine Entscheidung zum Angriff informieren sollte.
Matthew Kroenig ist Stanton Nuclear Security Fellow am Council on Foreign Relations und war von Juli 2010 bis Juli 2011 als Sonderberater im Pentagon tätig. Eine seiner Aufgaben umfasste die Verteidigungspolitik und Strategie bezüglich Irans. Als ich letzte Woche (Mitte Januar) mit Kroenig sprach, meinte er: «Ich verstehe das so, dass die Vereinigten Staaten Israel ersucht haben, Iran nicht anzugreifen und Washington vorher zu benachrichtigen, wenn es beabsichtigt zuzuschlagen. Israel hat beide Bitten abschlägig beantwortet. Es weigerte sich, zu garantieren, dass es nicht angreifen werde oder vorher Mitteilung zu machen, wenn es das tut.» Kroenig fuhr fort: «Ich habe das Gefühl, ­Israel würde sich dafür entscheiden, eine oder zwei Stunden vorher eine Warnung durchzugeben, gerade genug, um die guten Beziehungen zwischen den Ländern zu erhalten, aber nicht genug, um ­Washington zu ermöglichen, den Angriff zu verhindern. ­Kroenig sagte, dass ­Israel bezüglich des Zeitrahmens der iranischen Atomentwicklung recht hatte und das nächste Jahr entscheidend sein werde. «Die Zukunft kann sich in drei Richtungen entwickeln», meinte er. «Iran und die internationale Gemeinschaft könnte sich auf eine Verhandlungslösung einigen; Israel und die Vereinigten Staaten könnten ein Iran mit Atomwaffen dulden; oder Israel und die Vereinigten Staaten könnten angreifen. Niemand will Richtung Militärschlag gehen», fügte er bei, «aber leider ist dies das wahrscheinlichste Szenario. Die interessante Frage ist nicht, ob es passiert, sondern wie. Die Vereinigten Staaten sollten diese Option ernsthafter bearbeiten und anfangen, internationale Unterstützung zu sammeln und Beweismaterial für den Einsatz von Gewalt gemäss Völkerrecht zusammenzutragen.»
Im Juni 2007 traf ich einen ehemaligen Direktor des Mossad, Meir Amit, der mir ein Dokument mit dem Stempel «streng geheim, nur für Sie (for your eyes only)» gab. Amit wollte die Komplexität der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Israel aufzeigen, vor allem wenn es um israelische Militäroperationen im Nahen Osten geht, die erhebliche Auswirkungen auf die Interessen der Vereinigten Staaten in der Region haben könnten.
Vor fast 45 Jahren, am 25. Mai 1967, inmitten der internationalen Krise, die den Sechs-Tage-Krieg ausgelöst hatte, zitierte Amit, damals Chef des Mossad, den CIA-Chef in Tel Aviv, John Hadden, zu einer dringenden Besprechung in sein Haus. Das Treffen fand vor dem Hintergrund der steigenden Spannungen im Nahen Osten, der Konzentration einer massiven ägyptischen Streitmacht auf der Sinai-Halbinsel, der Schliessung der Strasse von Tiran für die israelische Schiffahrt und der Drohungen seitens Präsident Gamal Abdel Nassers, den Staat Israel zu zerstören, statt.
In dem, was er später als «die schwierigste Besprechung, die ich je mit einem Vertreter eines ausländischen Geheimdienstes hatte» beschrieb, legte Amit die Argumente Israels für einen Angriff auf Ägypten dar. Das Gespräch zwischen ihnen, das in dem Dokument, das Amit mir übergab, abgeschrieben vorlag, verlief folgendermassen:
Amit: «Wir nähern uns einem Wendepunkt, der für euch wichtiger ist als für uns. Im Grunde, Leute, wisst ihr alles. Wir sind in einer ernsten Situation und ich glaube, dass wir dahin gekommen sind, weil wir noch nicht gehandelt haben. … Persönlich bedaure ich, dass wir nicht sofort reagiert haben. Es kann sein, dass wir einige Gesetze verletzt hätten, wenn wir es getan hätten, aber das Resultat wäre zu euren Vorteil gewesen. Ich war für Handeln. Wir hätten vor dem Aufmarsch zuschlagen sollen.»
Hadden: «Damit hättet ihr Russland und die Vereinigten Staaten gegen euch gehabt.»
Amit: «Ihr irrt … Wir haben jetzt, nach der Ausweisung der UN-Inspektoren, eine neue Phase erreicht. Ihr sollt wissen, dass das euer Problem ist, nicht unseres.»
Hadden: «Helft uns, indem ihr uns einen guten Grund gebt, für euch Partei zu ergreifen. Bringt sie dazu, auf etwas zu schiessen, ein Schiff zum Beispiel.»
Amit: «Darum geht es nicht.»
Hadden: «Wenn ihr angreift, werden die Vereinigten Staaten Streitkräfte an Land bringen, um dem angegriffenen Staat zu helfen, sich selbst zu schützen.»
Amit: «Ich kann nicht glauben, was ich höre.»
Hadden: «Überrascht uns nicht.»
Amit: «Überraschung ist eines der Geheimnisse des Erfolges.»
Hadden: «Ich weiss nicht, welche Bedeutung amerikanische Hilfe für euch hat.»
Amit: «Es ist keine Hilfe für uns, es ist für euch selbst.»
Diese Sitzung in schlechter Stimmung und Haddens Drohungen ermutigten das israelische Sicherheitskabinett, dem Militär einen sofortigen Überfall auf die ägyptischen Truppen im Sinai zu verbieten, obwohl diese als ernste Bedrohung für die Existenz Israels wahrgenommen wurden. Amit akzeptierte Haddens Antwort allerdings nicht als endgültig und flog in die Vereinigten Staaten um Verteidigungsminister Robert McNamara zu treffen. Nach seiner Rückkehr berichtete er dem israelischen Kabinett, dass er McNamara erklärte, dass Israel sich nicht mit den Militäraktionen Ägyptens abfinden könne, worauf der Verteidigungsminister antwortete: «Ich habe euch genau studiert.» Als Amit dann McNamara fragte, ob er eine weitere Woche in Washington bleiben soll, um zu sehen, wie die Dinge sich entwickelten, erwiderte McNamara: «Junger Mann, gehen Sie nach Hause, dort werden Sie jetzt gebraucht.»
Aus diesem Austausch schloss Amit, dass die Vereinigten Staaten Israel «ein flackerndes grünes Licht» für den Angriff auf Ägypten gaben. Er sagte dem Kabinett, dass die Amerikaner, wenn sie noch eine Woche mehr erhalten, um ihre diplomatischen Bemühungen auszuschöpfen, «zögern werden, gegen uns zu handeln.» Am nächsten Tag beschloss das Kabinett, den Sechs-Tage-Krieg zu beginnen, der den Gang der Geschichte des Nahen Ostens veränderte.
Amit reichte mir das Gesprächsprotokoll vom selben Lehnstuhl, in dem er während der Besprechung mit Hadden sass. Es ist auffallend, wie jener den jetzt laufenden Dialog zwischen Israel und den Vereinigten Staaten vorwegnahm. Setzt man «Teheran» statt «Kairo» und die «Strasse von Hormus» anstelle der «Strasse von Tiran» hätte sie vergangene Woche stattgefunden haben können. Seit 1967 stand das unausgesprochene Verständnis, dass Amerika, zumindest stillschweigend, den israelischen Militäraktionen zustimmen sollte, im Zentrum der Beziehungen der beiden Länder.
Während meines ausführlichen Gespräches mit Barak, zog ich die Abschrift des Amit-Hadden Treffens hervor. Amit war Baraks Kommandant, als dieser ein junger Offizier war, in einer Einheit, die tief im Gelände des Feindes Überfallkommandos durchführte. Barak, ein Geschichtsfan, lächelte bei dem Vergleich und lehnte ihn dann vollumfänglich ab. «Die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten sind heute viel enger», sagte er. «Es gibt keine Drohungen, keine Schuldzuweisungen, nur Kooperation und gegenseitigen Respekt für die Souveränität des jeweils anderen.»
In unserem Gespräch vom 18. Januar übte Ya’alon, der stellvertretende Premierminister, scharfe Kritik an der Haltung der internationalen Gemeinschaft gegenüber Iran. «Es sind kritische Stunden hinsichtlich der Frage, welchen Weg die internationale Gemeinschaft in ihrer Strategie einschlagen wird», sagte er. «Der Westen muss vereint und entschlossen dastehen, und das, was bisher geschieht, ist nicht genug. Das iranische Regime muss unter Druck gesetzt und isoliert werden. Es müssen Sanktionen verhängt werden, die Biss haben, etwas, das bisher noch nicht geschehen ist und eine glaubwürdige militärische Option sollte als letzter Ausweg auf der Tagesordnung sein. Um das zu vermeiden, müssen die Sanktionen verschärft werden.» Für Ya’alon ist es natürlich wichtig, geltend zu machen, dass das nicht nur ein israelisch-iranischer Disput ist, sondern eine Bedrohung für das Wohl Amerikas. «Das iranische Regime wird ein Mehrfaches gefährlicher sein, wenn es einen Atomsprengkörper in Händen hat», fuhr er fort. «Einen, den es bis in die Vereinigten Staaten bringen könnte. Nicht umsonst errichtet es Basen für sich selber in Lateinamerika und schafft Verbindungen zu Drogenhändlern an der US-mexikanischen Grenze. Das geschieht, um Sprengkörper für die Ausführung von Terroranschlägen in die Vereinigten Staaten zu schmuggeln. Stellen Sie sich vor, dieses Regime bringt Atomwaffen an die Grenze der USA und Mexiko und schafft es zum Beispiel, sie nach Texas zu schmuggeln. Das ist kein weit hergeholtes Szenario.»
Ehud Barak missfällt diese Art Kritik an den Vereinigten Staaten, und in eher gereiztem Ton sagt er in einem Telefongespräch mit mir vom 18. Januar: «Unser Diskurs mit den Vereinigten Staaten basiert auf Zuhören und gegenseitigem Respekt, zusammen mit einer Übereinkunft, dass sie unser vorrangiger Verbündeter sind. Es sind die USA, die uns helfen, den militärischen Vorsprung Israels zu erhalten, mehr als je zuvor. Diese Administration trägt in ausserordentlicher Weise zur Sicherheit Israels bei und tut sehr viel, um einen Iran mit Atomwaffen zu verhindern. Wir stehen nicht in Konfrontation zu Amerika. Wir stimmen nicht in jedem Detail überein, wir können Differenzen haben – und nicht unwesentliche – aber wir sollten nicht so sprechen, als redeten wir über ein feindliches Gebilde.»
Im Laufe der letzten vier Jahre, seit Barak zum Verteidigungsminister ernannt worden war, hat sich das israelische Militär in noch nie dagewesener Weise auf einen Schlag gegen Iran vorbereitet. Es hat auch mit Fragen darüber gerungen, wie es die Rückwirkungen einer solchen Attacke bewältigen kann. Viele der Anstrengungen sind der Stärkung der Zivilverteidigung des Landes gewidmet – Luftschutzräume, Luftangriff-­Sirenen und ähnliches – Bereiche, in denen während des Krieges gegen die Hizbollah in Libanon im Sommer 2006 ernsthafte Mängel entdeckt worden waren. Periodisch werden Übungen zu Katastrophen in der Zivilbevölkerung durchgeführt und man hat Gasmasken an die Bevölkerung abgegeben.
Auf der operationellen Ebene wäre ein Angriff extrem komplex. Iran hat seine Lehren aus dem Irak gezogen und hat seine nuklearen Einrichtungen über sein ganzes riesiges Territorium verteilt. Es ist nicht möglich, mit Sicherheit zu wissen, ob die Iraner es geschafft haben, irgendwelche Schlüsseleinrichtungen vor dem israelischen Geheimdienst zu verbergen. Israel hat eine begrenzte Luftwaffe und keine Flugzeugträger. Wenn es Iran angreifen würde, müssten die israelischen Flugzeuge auf Grund der ungefähr 1600 Kilometer Distanz zwischen seinen Basen und den potentiellen Zielen mindestens einmal in der Luft nachtanken (und mehr als einmal, wenn sie mit Einsätzen in der Luft konfrontiert werden). Das Bombardement würde haarscharfe Präzision erfordern, um die Aufenthaltszeit über den Zielen, die mit Luftabwehrraketen schwer verteidigt werden, so kurz wie möglich zu halten.
Letzten Endes würde ein erfolgreicher Angriff das Wissen, das die Wissenschaftler des Projektes haben, nicht beseitigen, und es ist möglich, dass Iran mit seiner hochentwickelten technologischen Infrastrukur in der Lage wäre, die beschädigten oder zerstörten Einrichtungen wieder aufzubauen. Noch wichtiger ist, dass Iran – im Unterschied zu Syrien, das auf die Zerstörung seines Reaktors 2007 nicht reagierte – offen erklärt hat, grausam zurückzuschlagen, wenn es angegriffen wird. Iran hat Hunderte von Shahab-Raketen, ausgerüstet mit Gefechtsköpfen, die Israel erreichen können, und es könnte sich die Hizbollah zunutze machen, um israelische Gemeinden mit ihren 50 000 Raketen anzugreifen, von denen einige Tel Aviv treffen können. (Die Hamas im Gaza-Streifen, die ebenfalls von Iran unterstützt wird, könnte ebenfalls eine beachtliche Zahl von Raketen auf israelische Städte schiessen.) Israelischer Geheimdienstinformation zufolge haben Iran und die Hizbollah rund 40 terroristische Schläferzellen rund um den Globus in Position gebracht, die bereit sind, israelische und jüdische Ziele zu treffen, sollte Iran das für notwendig erachten, zurückzuschlagen. Und sollte Israel in Reaktion auf ein Bombardement der Hizbollah gegen libanesische Ziele vorgehen, könnte Syrien sich gezwungen fühlen, mit Operationen gegen Israel anzufangen, was zu einem Krieg in grossem Stil führen würde. Damit nicht genug, hat Teheran bereits gedroht, den Persischen Golf für die Schiffahrt zu schliessen; das würde – als Folge des steigenden Ölpreises – zur einer Zerstörungswelle in der Weltwirtschaft führen.
Die Befürworter eines Angriffes argumentieren, dass die oben geschilderten Probleme, einschliesslich der Raketen aus Iran und Libanon und Terroranschläge im Ausland, solche seien, die Israel unabhängig davon, ob es Iran jetzt angreift, bewältigen muss – und wenn Iran Atomwaffen habe, werde die Bewältigung dieser Probleme noch weit schwieriger werden.
In der israelischen Luftwaffe finden die meisten Vorbereitungen statt. Sie unterhält Flugzeuge mit der Langstreckenkapazität, die nötig ist, um Geschosse zu den Zielen in Iran zu bringen, aber auch unbemannte Flugzeuge, die in der Lage sind, Bomben zu diesen Zielen zu befördern und bis zu 48 Stunden in der Luft zu bleiben. Israel glaubt, dass diese Betriebssysteme die Kapazität haben, genügend Schaden anzurichten, um das iranische Atomprojekt drei bis fünf Jahre zurückzuwerfen.
Im Januar 2010 schickte der Mossad ein Mordkommando (hit-team) nach Dubai, um den hochrangigen Hamas-Vertreter Mahmoud al-Mabhouh zu liquidieren, der den Schmuggel von Raketen aus Iran nach Gaza koordinierte. Die Ermordung wurde erfolgreich ausgeführt, aber fast die gesamte Operation und alle Mitglieder der Gruppe wurden von TV-Überwachungskameras an einem geschlossenen Stromkreis aufgenommen. Die Operation verursachte einen diplomatischen Aufruhr und bedeutete eine grössere Peinlichkeit für den Mossad. In der Folge entschied Netanjahu, die bereits ausserordentlich lange Amtszeit von Dagan nicht zu verlängern und informierte ihn darüber, dass er im Januar 2011 ersetzt werde. Dagan hat diese Entscheidung nicht gut aufgenommen, und drei Tage bevor er seinen Posten hätte verlassen müssen, erhielten ich und einige andere israelische Journalisten zu unserer Überraschung Einladungen für ein Treffen mit ihm im Hauptsitz des Mossad.
Man wies uns an, auf dem Parkplatz eines Kinokomplexes im Norden von Tel Aviv zusammenzukommen, wo wir vom Sicherheitspersonal des Mossad gewarnt wurden: «Bringen Sie keine Computer, Aufnahmegeräte, Funktelefone. Sie werden gewissenhaft durchsucht werden, und wir möchten Unannehmlichkeiten vermeiden. Lassen Sie alles in Ihren Autos, und nehmen Sie in unseren Fahrzeugen nur mit Papier und Schreibstiften Platz.» Wir wurden dann in Automobile mit blickdichten Scheiben verfrachtet und von schwarzen Jeeps an einen Ort eskortiert, von dem wir wussten, dass er auf keiner Karte eingetragen war. Die Fahrzeuge passierten eine Reihe von Sicherheitskontrollen, an denen unsere Begleiter erklären mussten, wer wir sind und an jeder Strassensperre Papiere vorweisen mussten.
Es war dies das erste Mal in der Geschichte des Mossad, dass eine Gruppe von Journalisten eingeladen war, den Direktor der Organisation an einem der geheimsten Orte des Landes zu treffen. Nachdem die Durchsuchung vollzogen war und wir Platz genommen hatten, betrat der abgehende Chef den Raum. Dagan, der zweimal im Gefecht verletzt worden war, einmal schwer, während des Sechs-Tage-Krieges, begann mit den Worten: «Es hat Vorteile, am Rücken verletzt zu werden. Sie haben ein ärztliches Zeugnis, dass Sie ein Rückgrat haben.» Er begann dann einen Vortrag über den Iran und kritisierte die Regierungschefs scharf, dass sie die «verrückte Idee» ihn anzugreifen nur schon in Erwägung zogen.
«Der Einsatz von staatlicher Gewalt hat untragbare Kosten», sagte er. «Die Arbeitsthese, es sei möglich, das iranische Atomprojekt vollständig zu beenden mit den Mitteln eines militärischen Angriffes ist falsch. Es gibt keine solche militärische Fähigkeit. Es ist möglich, eine Verzögerung zu bewirken, aber selbst das wäre nur für eine begrenzte Zeit.»
Er warnte, dass ein Angriff auf Iran einen unerwünschten Krieg mit der Hizbollah und der Hamas in Gang setzen würde: «Ich bin nicht überzeugt, dass Syrien nicht in den Krieg hineingezogen würde. Obwohl die Syrer uns nicht mit Panzern angreifen werden, werden wir eine massive Raketenoffensive gegen unsere Heimatfront erleben. Zivilisten werden an vorderster Linie stehen. Was ist Israels Verteidigungsfähigkeit gegen eine solche Offensive. Ich weiss von keiner Lösung, die wir für dieses Problem haben.»
Danach gefragt, ob er diese Dinge auch den israelischen Entscheidungsträgern sage, erwiderte Dagan: «Ich habe ihnen meine Meinung mit demselben Nachdruck zum Ausdruck gebracht wie jetzt hier. Manchmal habe ich meine Stimme erhoben, weil ich leicht die Beherrschung verliere und werde vom Eifer übernommen, wenn ich rede.»
In späteren Gesprächen kritisierte Dagan Netanjahu und Barak und in einer Vorlesung an der Universität Tel Aviv bemerkte er: «Die Tatsache, dass jemand gewählt worden ist, bedeutet nicht, dass er klug ist.»
Unter den Zuhörern der Vorlesung war Rafi Eitan, 85, einer der routiniertesten und bekanntesten Mossad-Mitarbeiter. Eitan stimmte mit Dagan überein, dass Israel die Möglichkeiten für einen Angriff auf Iran fehlten. Als ich im Oktober mit ihm sprach, sagte Eitan: «Schon 2006 (Eitan war damals höherer Minister im Kabinett) sagte ich dem Kabinett, dass Israel sich einen Angriff auf Iran nicht leisten kann. In erster Linie, weil die Heimatfront nicht bereit ist. Allen, die angreifen wollten oder noch wollen, sagte ich, sie sollten sich nur zwei Raketen täglich, nicht mehr, vorstellen, die auf Tel Aviv fallen. Was werden Sie dann tun? Darüber hinaus würde ihnen unser Angriff keinen wesentlichen Schaden zufügen. Man sagte mir während einer der Diskussionen, dass es sie um drei Jahre verzögern würde, und ich antwortete, ‹nicht einmal drei Monate›. Immerhin haben sie ihre Anlagen über das ganze Land verstreut und unterirdisch. ‹Welchen Schaden können Sie ihnen zufügen?› fragte ich. ‹Sie werden es schaffen, die Eingänge zu zerstören, und sie werden sie in drei Monaten wieder aufbauen müssen.›»
Auf die Frage, ob es möglich sei, ein Iran, das entschlossen sei, Atommacht zu werden, davon abzuhalten, entgegnete Eitan: «Nein. Letztendlich werden sie ihre Bombe bekommen. Der Weg, das zu bekämpfen, besteht darin, das Regime zu wechseln. Da haben wir wirklich versagt. Wir sollten die Oppositionsgruppen ermutigen, sich immer und immer wieder an uns zu wenden und um Hilfe zu bitten; statt dessen schicken wir sie weg mit leeren Händen.»
Das israelische Gesetz legt fest, dass nur die 14 Mitglieder des Sicherheitskabinetts die Befugnis haben, darüber zu entscheiden, ob Krieg geführt werden soll oder nicht. Das Kabinett ist noch nicht einmal danach gefragt worden, seine Stimme abzugeben, aber die Minister könnten, unter dem Druck von Netanjahu und Barak, diese entscheidenden Fragen zu Iran mit Ja beantworten: dass die kommenden Monate tatsächlich die letzte Gelegenheit seien, um anzugreifen, bevor Iran die «Immunitätszone» erreicht; dass die breite internationale Übereinstimmung bezüglich der Absichten Irans und der Miss­erfolg der Sanktionen beim Beenden des Projektes genügend Legitimität für einen Angriff geschaffen hätten; und dass Israel tatsächlich die Fähigkeiten hat, dem iranischen Atomprojekt bedeutenden Schaden zuzufügen.
In den letzten Wochen haben die Israeli wie besessen erörtert, ob Netanjahu und Barak wirklich einen Anschlag planen oder ob sie nur eine Front aufbauen, um Europa und die USA unter Druck zu setzen, um härtere Sanktionen zu verhängen. Ich glaube, beides trifft zu, aber wie mir ein hoher Geheimdienstoffizier, der oft an Sitzungen mit Israels oberster Führung teilnimmt, sagte, sind die einzigen Individuen, die ihre Absichten wirklich kennen, natürlich Netanjahu und Barak, und die kürzlich abgegebenen Stellungnahmen, dass keine Entscheidung bevorstehe, müssen sicher mitberücksichtigt werden.
Nachdem ich mit vielen höheren israelischen Führungskräften und Leitern von Militär und Geheimdienst gesprochen habe, bin ich zur Überzeugung gelangt, dass Israel Iran 2012 tatsächlich angreifen wird. Vielleicht werden sich die Vereinigten Staaten in dem kleinen und immer kleiner werdenden Fenster, das noch bleibt, am Ende doch noch dazu entschliessen, zu intervenieren; aber hier, aus israelischer Perspektive, besteht nicht viel Hoffnung darauf. Statt dessen herrscht hier diese sonderbare israelische Mischung aus Furcht – die im Gefühl wurzelt, dass Israel von der stillschweigenden Unterstützung anderer Nationen abhängig ist, um zu überleben – und Hartnäckigkeit, der erbitterten Überzeugung, dass nur die Israeli sich letztlich selber verteidigen können.     •

Ronen Bergman ist leitender Analyst für ­Politik und militärische Fragen für die israelische Tageszeitung «Yedioth Ahronoth». Er ist Autor von «The Secret War With Iran» und weiteren Büchern.

Quelle: The New York Times vom 25. Januar 2012
(Übersetzung Zeit-Fragen)