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Im krassen Gegensatz zum Berufsauftrag …

hhg. Nicht nur mit Einsatz von Computerleseprogrammen machen es sich Lehrer bequem. Auch im Mathematikunterricht ist dies möglich, zum Beispiel mit sogenannten Wochenplänen. Dazu folgendes Beispiel aus einer schweizerischen Volksschule.
Eine gute Primarschülerin aus der 5. Klasse verliert immer mehr die Freude an der Schule. Sie weiss nicht recht, was sie für Aufgaben machen soll, bis wann sie einen Arbeitsauftrag erledigen soll. Die Klasse macht zum Beispiel seit dem Sommer statt Mathematikunterricht einen Matheplan. Sie sollen regelmässig an diesem Plan arbeiten, wissen aber nicht, bis wann die Aufgaben erledigt werden sollen. Das gilt auch für die anderen Fächer: «Arbeitsblätter» steht im Plan, die Schüler sollen sich selbst am Pult bedienen. Anweisungen, bis wann die Arbeiten jeweils erledigt werden sollen, werden nicht abgegeben. Die Eltern fragen nach, wie sie die Tochter unterstützen können, wie sie diese gemeinsam mit der Lehrkraft anleiten können, einen verlässlichen Lernplan zu machen und die Aufgaben gut zu erledigen. Das ist aber gar nicht im Sinne der Lehrerin. Diese weigert sich eine Zeitlang, die Schülerin enger zu begleiten und ihre Einträge zu überprüfen, damit sie lernt, ihre Sachen richtig «beieinander» zu haben. Sie äussert vielmehr der Schülerin gegenüber, sie solle bloss nicht ihre Eltern fragen, die verstünden das eh‘ nicht, sie solle sich an ihre Kollegen wenden. Sie werde ihr im übrigen nicht helfen, sie müsse das allein machen. Auf Nachfragen der Eltern hin weigert sich die Lehrerin ausdrücklich, Arbeitsblätter mit einem genauen Titel zu versehen und Termine für deren Fertigstellung abzugeben. Es sei gar nicht wichtig, ob die Blätter Montag, Dienstag oder Donnerstag fertig seien. Die Schüler sollen einfach jeden Tag «50 Minuten an irgend etwas» arbeiten. Als die Eltern sie nochmals um eine Zusammenarbeit bitten mit Hinweis auf den Auftrag der Schule, nämlich «in Ergänzung zum Erziehungsauftrag der Eltern» tätig zu sein, lehnt sie dies ab. Andere Eltern aus der Klasse stellen auch fest, dass ihre Kinder nie so recht wissen, was sie machen sollen, keinen Erfolg mehr haben und immer mehr die Freude am Lernen verlieren.
Im Deutschunterricht beschäftigen sich die Schüler mit «kreativem» Schreiben. Die individuellen Texte werden von der Lehrerin nicht korrigiert. Beim Elternabend erklärt sie: «Es bringt nichts, wenn die Schüler ihre Fehler rot angestrichen sehen und diese dann korrigieren müss­ten». Sie werde «Strategien» abgeben, wie sich die Schüler selbst korrigieren sollen. Die Kinder können sich gegenseitig beim Korrigieren behilflich sein.

… und wie dann der Schlamassel wieder mühsam korrigiert werden muss

Ein erfahrener, engagierter Volksschullehrer übernimmt eine Mehrklassenschule (4.–6.Klasse) in einer ländlichen Gemeinde von einem jüngeren Lehrer. Bei der Übergabe zeigt es sich, dass vor allem mit Wochenplan, Gruppen- und Partnerarbeit gearbeitet wurde. Wenig Klassenunterricht und mehr selbstentdeckendes Lernen. Die Eltern sind froh über den Lehrerwechsel. Hausaufgaben und was die Kinder zu lernen hatten war immer unklar. Ihre Mathe-Aufgaben korrigierten die Kinder selbst mit Hilfe des Lehrerschlüssels, Korrekturen des Lehrers unter den Arbeiten der Kinder waren eher selten. Gymi-Schüler nach der 6. Klasse waren eine Rarität. In die Sekundarschule schafften es sehr wenige. Der Grossteil besuchte die Realschule. Oft erledigte der Lehrer die Vorbereitungen für den nächsten Tag während der Schulstunden, so musste er um vier Uhr nicht einmal mehr die Mappe nach Hause nehmen.
Mit dem neuen Lehrer begann vom ersten Tag an eine enge, verbindliche Zusammenarbeit mit den Schülern und den Eltern. Die neuen Mathematikaufgaben wurden gemeinsam an der Tafel erarbeitet, bis jeder Schüler verstanden hatte, worum es geht, und danach selbständig die entsprechenden Aufgaben lösen konnte. Am Schluss sammelte der Lehrer die Hefte ein, packte sie in seinen alten Schulkoffer und korrigierte sie am Abend am Schreibtisch. Damit konnte er überprüfen, wie die Schüler den Stoff verarbeitet hatten, wo Fehler vorlagen und was in der nächsten Stunde gegebenenfalls wiederholt werden musste. Bei dieser Arbeit zeigte sich, dass bei vielen Schülern kleine Lücken bis riesige Löcher im Mathe-Stoff der letzten Jahre vorhanden waren. In den andern Fächern war es ähnlich. Es brauchte von allen Seiten einen grossen Einsatz und einen langen Atem. Der Arbeitstag des Lehrers (Sechstagewoche) endete selten vor 22 Uhr. Das Schulegeben, wie es im Volksschulgesetz steht, lohnte sich. Eltern und Schüler freuten sich sehr über die Wende. Nach einem Jahr hatte die Mehrheit der 6.-Klässler die schulischen Voraussetzungen für die Sekundarschule. Es gehörte aber auch weiterhin zum Alltag des Lehrers, bis weit in den Abend hinein die Schule nach- und für den nächsten Tag vorzubereiten, um jedes einzelne Kind zu fördern und zu fordern.
Fazit: Wie unsere Jugend heute dasteht und für ihren Beruf und ihre Aufgaben in unserer direkten Demokratie vorbereitet ist, liegt zu einem grossen Teil in der Verantwortung ihrer Lehrer. Wenn der politische Wille da ist, kann die Lehrerschaft wieder in die Verantwortung genommen werden, ihre Aufgaben Volksschulgesetz-tauglich zu erfüllen.

Unsere Kinder sind keine Stopfgänse

Hochbezahlte Lehrer am Nuggi des Computers …

von Dr. phil. Henriette Hanke Güttinger, Psychologin/Historikerin

Der Drittklässler kommt nach Hause, lässt Schulthek und Jacke im Gang fallen und stapft in sein Zimmer. Da stimmt was nicht, denkt die Mutter. Was ist los mit ihrem aufgeweckten Bub, der immer zuerst in die Küche kommt und erzählt, von der Schule, von den anderen oder was auf dem Heimweg alles war? Am Tisch bringt Marco dann in einer Mischung von Ärger und Verzweiflung zum Ausdruck, was ihn beschäftigt: «Jetzt muss ich dann ganz viele Seiten in diesem blöden Buch lesen und herausfinden, was der beste Witz ist. Das weiss ich doch nicht!» Der Vater lässt sich die Sache zeigen. Für einen Drittklässler sind es wirklich sehr viele Seiten. «Du, wir erfinden doch einfach zusammen einen Witz»,  schlägt der Vater vor. Marco winkt ab: «Das merkt sie, die hat alle Bücher gelesen!» Jetzt stutzt der Vater: «Alle Bücher, was für Bücher?» Er will es genau wissen. Seine Recherchen ergeben ein bedenkliches Bild.

Abspulen minderwertiger Programme …

Seit einiger Zeit grassieren an den Volksschulen äusserst fragwürdige Methoden. Statt mit der ganzen Klasse ein sinnvolles Buch zu lesen, gemeinsam im Klassengespräch den Inhalt zu erarbeiten, darüber nachzudenken und zu diskutieren, machen es sich die Lehrer bequem. Sie lassen pfannenfertige Leseprogramme mit lausigem Inhalt von privaten Anbietern abspulen. Das funktioniert so: Jedes Kind wählt in der Bibliothek ein Buch aus, das im Leseprogramm aufgeführt ist. Nachdem es das flapsige Buch gelesen hat, muss es am Computer 15 Fragen beantworten. Es sind keine anspruchsvollen Fragen, die das Denken oder die Kreativität anregen und fördern würden, um die Kinder in ihrer Persönlichkeitsentwicklung voranzubringen. Es sind stupide Fragen, bei denen drei mögliche Antworten bereits vorgegeben sind. Das Kind muss dann nur noch die richtige ankreuzen.
Die Lehrer müssen sich nicht einmal mehr die Mühe machen, eines der Bücher zu lesen. Auf ihrer Lösungsschablone ist die richtige Antwort schon angekreuzt. Auf seinem Computer kann der Lehrer bei jedem Schüler die «Leseleistung» abrufen, das heisst wieviel Prozent der Antworten richtig sind. Was und wieviel ein Schüler verstanden hat, weiss er damit nicht. Im Computer läuft das unter «Verwaltung einzelner Schüler» und, wenn alle gemeint sind, unter «Zentrale Klassenverwaltung». Auch das Echo des Lehrers läuft über den Computer, wo der Schüler seine Postbox aufmachen und nachlesen kann. Statt einer kleinen Diskussion, einem wohlwollenden Blick, einem Gedanken dazu, einer ermutigenden Geste oder einer stärkenden konstruktiven Kritik von Angesicht zu Angesicht erhält das Kind vom Lehrer eine «elektronische Mitteilung». Wenn man diese Programme genauer durchsieht, friert es einen. Es ist empörend, wie Kinder um ihr Menschenrecht auf Bildung1 betrogen werden.

… statt hochwertigem Volksschulunterricht

Diese Leseprogramme sind im deutschsprachigen Raum flächendeckend zu finden. Sie sind oberflächlich und inhaltsleer. Die einzigen, die einen echten Gewinn daraus ziehen, sind die entsprechenden Programmvertreiber.
Mit der Vercomputerisierung des Lernens entledigen sich die Lehrer auf billigste Art und Weise ihrer pädagogischen und didaktischen Aufgaben, zu denen sie gemäss Lehrplan und Volksschulgesetz verpflichtet sind. Die Lehrer spulen ihre Programme ab – nicht nur beim Lesen – und nehmen ihre Schüler als Individuen gar nicht mehr wahr.
Sie fassen ihre Schüler als lebendiges Gegenüber gar nicht mehr ins Auge. Die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern ist gekappt. Was der Schüler versteht, wo er nicht weiterkommt, wo er offene Fragen hat, wo er sich einen Lernschritt nicht zutraut und Ermutigung brauchen würde, all das merkt der Lehrer gar nicht mehr. Damit fehlen ihm die Grundlagen, seine Schüler in ihrer individuellen ganzheitlichen Entwicklung zu fördern und zu fordern. Fehlende schulische und persönliche Voraussetzungen für eine Berufslehre sind die Folgen. Junge Menschen, ihre Familien und unsere Demokratie tragen den Schaden davon.

Computer als Leseverleider

In den Volksschulgesetzen, in denen der Volkswille seinen Ausdruck findet, wird ausdrücklich festgehalten, dass die Schule bestrebt ist, «die Freude am Lernen und an der Leistung zu wecken und zu erhalten».2 Das gilt auch für die Freude am Lesen. Lehrer, die gemeinsam mit ihren Klassen lesen – und zwar Texte und Bücher, zu denen sie auch vor den Eltern und Mitbürgern stehen können –, dabei jedes einzelne Kind in seiner sprachlichen Entwicklung individuell wahrnehmen und mit innerer Anteilnahme entsprechend fördern, machen die Erfahrung, dass auch schwächere Schüler mehr und mehr Freude und Interesse am Lesen entwickeln. Das führt zu einer echten Chancengleichheit im Bildungswesen.
Genau das Gegenteil geschieht, wenn Lehrer ihre Kinder an computergesteuerte Leseprogramme hängen. Zuerst alleine mit einem Buch über irgendwelche Phantasiereisen (was sie denken dabei, interessiert keinen),  werden sie nachher vor einer seelenlosen Maschine geparkt, die ihr Frageprogramm abspult. Eine Maschine, die auf Fragen keine Antwort gibt, die man mit etwas Cleverness auch überlisten kann und die bei der kleinsten Leistung lobhudelt. Das ist hochproblematisch für die seelische Entwicklung unserer Kinder. Eltern, Kinderpsychologen und -psychiater beobachten, dass Kinder dabei die Freude an ganzen Lernbereichen verlieren können, so wie der Drittklässler Marco. Er, der immer gerne mit den Erwachsenen in einem Buch gestöbert hat oder sich etwas vorlesen liess, erhielt «Robinson Crusoe» geschenkt. Er freute sich sehr darüber. Nach seinen Erfahrungen mit dem Computerleseprogramm in der Schule wollte er zu Hause vom Lesen und Vorlesen nichts mehr wissen. Bei einem so vifen, interessierten Kind besteht die Gefahr, dass ihm das Lesen derart verleidet, dass er über kurz oder lang den ganzen Sprachbereich ausblendet und vermeidet und sich einseitig auf den naturwissenschaftlichen Bereich konzentriert. «Ich will nur noch Rechnen und Realien. Da lerne ich wenigstens etwas», sagte er kürzlich. Damit bleibt ein wichtiger Bereich seiner Fähigkeiten unentwickelt; und er bleibt für seine Berufsfindung und sein weiteres Leben empfindlich eingeschränkt. An einer solchen Einseitigkeit ist die Schule schuld. Lehrer müssen wieder schülerorientiert ausgebildet werden, wie es vor den 90er Jahren der Fall war. Sie sind keine mechanischen Computer- und Programmgehilfen von EU, OECD und Bertelsmann. Dazu stellen wir unsere Steuergelder nicht zur Verfügung.

Germanisten entsetzt über Niveau des Deutschunterrichts

Germanisten, die stolz sind, mit ihren Klassen auf einem hohen Niveau an Inhalt und Form der Sprache zu arbeiten, sind entsetzt, wenn sie in den Schulen ihrer eigenen Kinder auf Schulbesuch sind. Sie treffen auf Primarlehrer, die kein richtiges Deutsch sprechen und sich zum Beispiel nur im Infinitiv an die Schüler wenden: «In die Bank sitzen.» «Den Thek auspacken.» «Das Heft nach vorne bringen.» Ihre Sprache ist weder differenziert, noch verfügen sie über einen reichen Wortschatz. Auch mit der Rechtschreibung der Lehrer hapert es.

Schundliteratur in der Volksschule

Germanisten ärgern und empören sich auch über die Leseaufgaben ihrer Kinder, die Bücher und Texte nach Hause bringen, welche in ihrer Gymnasiallehrerausbildung als Schundliteratur klassifiziert worden sind. Wenn man Leseempfehlungen der Computerleseprogramme genauer anschaut, versteht man die Empörung. So wird zum Beispiel für die 2. Klasse das Buch über die Hexe Gruselfax empfohlen mit folgender Inhaltsangabe: «Die Hexe Gruselfax mag es am liebsten düster und gruselig. 
Ein schöner Garten mit Blumen und Schmetterlingen ist ihr ein Graus. 
Darum braut sie mit ihren Gehilfen Klumpi und Schniefel einen schauderhaften Hexenzauber-Sud, der alles Schöne zerstören soll […] 
Ob sie damit Hexe des Jahres wird?» Oder für die 3. Klasse wird «Die Wölfe in den Wänden» empfohlen, um «Kindern und Erwachsenen das Gruseln» beizubringen. «Mitten hinein brechen die Wölfe, die unglaublich lebendig und gefährlich gezeichnet sind. Sie zerstören, rütteln auf und bedrohen die Existenz, aber nur solange, bis sie selbst zu den Verfolgten werden. Jetzt ist alles wieder, wie es früher war. Bis zum nächsten Mal. Lucy weiss, welche Gefahr demnächst aus den Wänden droht.» Solche Texte sind verheerend für die geistige und seelische Entwicklung unserer Kinder und können als Spätfolgen eine entscheidende Rolle spielen bei der Entstehung paranoider oder psychotischer Persönlichkeitsstörungen.

Lehrer ignorieren Volksschulgesetz

Der Lehrer, der Leseprogramme abspult, merkt gar nicht, was er da in seine Kinder hineinstopft. Damit ignoriert er das Volksschulgesetz. Unsere Kinder sind keine Stopfgänse! Sie haben ein Recht auf Bildung und ein Recht auf einen Lehrer, der «sich an christlichen, humanistischen und demokratischen Wertvorstellungen orientiert» – so das Volksschulgesetz.3 Lehrer müssen ihr Schulmaterial sorgfältig nach diesen Kriterien auswählen. Sie müssen Lehrmittel verwenden, die auf der Grundlage des Volksschulgesetzes geprüft sind. Schundliteratur steht dazu im krassesten Gegensatz. Schrott, der bei irgendwelchen privaten Anbietern gegen Lizenz heruntergeladen werden kann, hat in unseren Schulen nichts zu suchen.
Man weiss doch, dass Kinder ab der zweiten, dritten Klasse aus ihren Lesetexten Inhalte aufnehmen, die sie bis in die Berufslehre oder bis ins Studium begleiten. Diese beeinflussen später ihr Fühlen, Denken und Handeln, ihre Ethik, ihr Einfühlungsvermögen und ihre Kreativität.

Es reicht mit der bequemen Tour

Sind heutige Lehrer nicht mehr fähig, vor ihre Klassen hinzustehen und ihre Schüler im direkten Unterricht für die deutsche Sprache inhaltlich und formal zu begeistern? Es darf doch nicht sein, dass gutausgebildete und hochbezahlte Lehrer, die eigentlich die Sprache der Dichter und Denker an die kommenden Generationen vermitteln müssten, am Nuggi des Computers hängend Sprachunterricht aus der untersten Schublade holen, damit unsere Kinder abfertigen, welche auf diese Weise langsam, aber sicher verblöden bzw. digital dement werden – nachzulesen bei Manfred Spitzer.4
Wenn Lehrer ihre pädagogische Aufgabe abschieben, indem sie ihre Schüler mittels Computer abfüttern, ist das nichts als geistige Faulheit. Diese bequeme Tour machen Eltern, Lehrmeister und Behörden nicht weiter mit. Die Lehrer müssen sich auf den Auftrag besinnen, den sie vom Volk mit dem Volksschulgesetz erhalten haben. Diesen Volkswillen müssen sie wieder ernst nehmen und ihn sorgfältig und engagiert umsetzen.
Zudem stellt sich ganz grundsätzlich die Frage, ob nicht auch ein alljährlicher Wiederholungskurs – auf der Grundlage der Werte unseres Volksschulgesetzes – für Lehrer angezeigt wäre, wie wir dies bei unserer Miliz­armee kennen.    •

1    Art. 26 (2), Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. 1948.
2    Vgl. 1. Teil: Grundlagen Paragraph 2. 4. Volksschulgesetz des Kantons Zürich vom 7.2.2005
3    Volksschulgesetz des Kantons Zürich vom 7.2.2005.
4    Manfred Spitzer, Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. 2012.

Lehrplan Kanton Zürich

«Die Schülerinnen und Schüler sollen eine ­positive Einstellung zum Lesen gewinnen. […] Stilles Lesen: Hauptziel des Unterrichts ist die Entwicklung der Fähigkeit und der Freude am selbständigen Lesen.»

Schrott aus den USA

hhg. Die Vercomputerisierung unserer Volksschule ist kein Schweizer Produkt, sondern ein Schrott-Import aus den USA. Veranlasst hatte dies der ehemalige zürcherische Erziehungsdirektor Ernst Buschor.1 Dieser führte 1998 im Kanton Zürich die Computer über das Schulprojekt 21 ein, das auch Frühenglisch und altersdurchmischtes Lernen beinhaltete. Dazu der «Tages-Anzeiger» vom 19. Februar 1998:
«Das Projekt 21 hat sein Vorbild in den USA. Konkret bezieht sie (die Bildungsdirektion) sich auf einen Schulversuch in einer staatlich geführten Oberstufe in Alameda (Kalifornien). […] Im Namen der Bildungsdirektion habe die Beratungsfirma Arthur Andersen AG, Zürich, geprüft, welche in Alameda praktizierten Elemente in das Projekt 21 integriert werden könnten. Was in der Regierungsantwort nicht steht: Die ‹School of the Future› in Alameda basiert auf einer 1991 lancierten Initiative der Consulting-Firma Arthur Andersen mit Hauptsitz in San Francisco.»2
Die kalifornische «School of the Future» ist ein Schulhaus ohne Zwischenwände, in der etwa 150 Schüler verschiedener Altersstufen im selben Raum, an je einem Computer hängend, selbstentdeckendes Lernen praktizieren müssen.3 Die Zürcher Bildungsdirektion hat diese Art der Schule aktivst propagiert.4
Mit dem Schulprojekt 21 erfolgte erstmals in der Geschichte der Volksschule die Finanzierung eines Projektes durch die Privatwirtschaft. Die Johann Jacobs Stiftung5 zahlte 1 Million Franken, ein Spenderverein 2–3 Millionen. Auch Apple, Compac, Swisscom und Telecom waren mit von der Partie.6 Ein profunder Kenner der Sachlage warnte ausdrücklich vor diesem Schritt: «Sponsoring hat viele Gesichter, aber nur eine Seele: die längerfristige Wirtschaftlichkeit für den Geber. Langfristig rechnet es sich für ihn, wenn er in die Digitalisierung der Schule investiert.»7 Wie wahr das ist, kann jeder nachrechnen bei den alljährlichen Ausgaben im Elektronikbereich an unseren Volksschulen.
Im Interesse der seelischen und geistigen Gesundheit unserer Kinder und unserer Jugend wäre es an der Zeit, den US-Elektro-Schrott wieder abzuräumen. Ganz abgesehen von den finanziellen Mitteln, die damit für eine gute Volksschule frei würden, die dem Volkswillen (Volksschulgesetz) entspricht.

1    Zum Hintergrund von Ernst Buschor vgl.: «Wie der amerikanische Kapitalismus zu uns kam», Zeit-Fragen Nr. 13 vom 26.3.2012
2    Tages-Anzeiger vom 19.2.1998, zit. in: Die trojanische Maus, Komitee für eine demokratische Volksschule, E. Gautschi, U. Scheibler, Zürich 2002 S. 53–54.
3    In der Schweiz werden als Abklatsch dieses Modells Lernlandschaften und Mosaikschulen angepriesen. In Baden-Württemberg findet es sich in der grünen Gemeinschaftsschule wieder.
4    Der Informatikbeauftragte der Abteilung Volksschule machte in einem gemeinsamen Vortrag mit einer Mitarbeiterin der Arthur Andersen AG Werbung für das Projekt 21 an der Schweizerischen Fachstelle für Informationstechnologien im Bildungswesen. Vgl. Die trojanische Maus, S. 54.
5    Buschor handelte offensichtlich in einer Doppelfunktion, die er eigentlich im Sinne einer ehrlichen Transparenz hätte offenlegen müssen. Einerseits amtierte er in einem politischen Amt als Erziehungsdirektor. Andererseits hatte er engste Verbindungen zur Privatwirtschaft, und zwar ausgerechnet zu Firmen, die mehr und mehr ihre Renditen aus dem staatlichen Bildungswesen zu ziehen versuchen. So kündigte sich Buschor in einem Vortrag in Lausanne wie folgt an: «Prof. Dr. Ernst Buschor, Vice-President of the ETH-Board, Zurich, President of the Kuratorium of the Bertelsmann Foundation, Gütersloh, Trustee of the Jacobs Foundation, Zurich.»
6    Vgl. Die trojanische Maus, S. 54–55.
7    Hans R. Dietiker, Schulverwaltung Winterthur, Leiter des kantonalen «Entwicklungsprojektes Informatik für die Oberstufe der Zürcher Volksschule», zitiert in: Die trojanische Maus, S. 52.

Zur faulen Tour an den Berufsschulen

hhg. Schon 2001 propagierte das Institut für Lehrerbildung und Berufspädagogik ILEB, Hochschulamt des Kantons Zürich, das «Lernen im virtuellen Klassenzimmer». Hier erhalten Lehrer staatlicherseits Anleitung, wie man die Beine hochlagert, es sich gemütlich macht und zeitgleich die Schüler elektronisch stopfen lässt, ohne anwesend zu sein. So das Angebot: «Wie kann ich eine gute Unterrichtsstunde erteilen, ohne im Klassenzimmer persönlich anwesend zu sein? – Werden Sie Web-Teacher. Eine Einführung in Web-Based Lessons nicht nur für Sprachlehrerinnen und -lehrer.»1
Wie mir ein Lehrling in seinen Unterrichtsunterlagen zeigte, funktioniert das dann etwa so: Die Schüler erhalten zum Beispiel schriftliche Unterlagen zum Thema «Gesellschaft», das in Unterthemen gegliedert ist wie Familie, Bildung, soziale Netzwerke, Verantwortung, Wohlstand, Umwelt usw. Aufgabe der Schüler ist es, einen Blog-Eintrag (20 ganze Sätze) zu einem der Unterthemen zu erstellen und dazu einen passenden Link anzufügen. Zusätzlich soll der Schüler 5 Blog-Einträge von Mitschülern in ganzen Sätzen kommentieren. Ich liess mir einige Blog-Einträge mit dem Kommentar des Lehrlings zeigen. An den Blog-Einträgen merkte man, dass das Thema mit den Schülern weder erarbeitet noch vertieft worden war. So schrieb ein Lehrling zum Thema Wohlstand: «Wenn ich für mich schaue und die andern dass auch so machen, dann wahr für alle geschaut.» Oder: «Wen ich alle finanzielle mittel habe zum kaufen was ich will dann ist der Wohlstand da.» Solche Aussagen, gespickt mit Rechtschreibfehlern, sind ein Armutszeugnis für eine Lehrerzunft, die ihre Aufgaben nicht mehr wahrnimmt. Auf meine Frage, wo nun der Kommentar des Lehrers zu den Blog-Einträgen sei und was er zur Rechtschreibung gesagt habe, antwortete der Lehrling: «Der macht keinen Kommentar.»
Das ist beschämend für unsere Berufsschulen, an denen eigentlich die Entwicklung der Demokratiefähigkeit junger Menschen vollendet werden müsste.

1    ILEB, Institut für Lehrerbildung und Berufspädagogik, Hochschulamt des Kantons Zürich, Angebote 2/2001, S. 23, zitiert in: Die trojanische Maus, Komitee für eine demokratische Volksschule, Eliane Gautschi,
Ursula Scheibler, Zürich 2002, S. 63.

Nach Ende der Volksschule we­der lehr- noch demokratiefähig

hhg. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bekunden ihre Sorge, keine geeigneten Lehrlinge mehr zu finden, was in einigen Jahren zu einem Mangel an Fachkräften führen kann mit entsprechendem Schaden für die Volkswirtschaft. Der Ausbildungschef der Larag, die ein eigenes Ausbildungszentrum führt, äusserte folgendes: «Die mittleren und besseren Schüler gehen an eine Fachmittelschule oder in die Kanti, die weniger guten scheitern an unserem Anforderungsprofil.» Es fehlt ihnen an der nötigen Leistungsbereitschaft, und ihre schulischen Voraussetzungen sind ungenügend. Daraus den jungen Menschen einen Vorwurf zu machen, ist verfehlt. Die Verantwortung dafür liegt bei den Lehrern, die sie während 9 Jahren, 30 Stunden pro Woche, in ihrer Obhut hatten.

Quelle: Thurgauer Zeitung vom 14.12.2012

Mit «Gamification» die digitale Demenz vorantreiben

hhg. Auf der Bildungsseite der Fachhochschule Nordwestschweiz und der Pädagogischen Hochschule (AZ vom 15.12.2012) wird der Plan deutlich, die Vercomputerisierung an unseren Schulen und damit die digitale Demenz auf die Spitze zu treiben: Neu sollen Videospiele in den Unterricht integriert werden. Die Pädagogische Hochschule Solothurn hat dafür extra ein «Game-Schulzimmer» (Game Domain) eingerichtet: «In der Schweiz übernimmt die Pädagogische Hochschule mit der ‹Game Domain› eine Vorreiterrolle. Angehende und amtierende Lehrpersonen lernen, das Potential von Games für den Unterricht nutzbar zu machen.» Und eine Dozentin für Medienpädagogik doppelt nach: «Eine Integration spielerischer Elemente in den schulischen Alltag nennt die Spieleforschung ‹Gamification›. Auf diese Weise kann eine Lehrperson die lernwirksamen Aspekte des Unterhaltungskulturguts Games nutzen, ohne dabei den Spassfaktor aus den Augen zu verlieren.»

Quelle: Aargauer Zeitung vom 15.12.2012