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Die Familie als Schule des Lebens

von Sonja van Biezen, Psychologin

In der psychologischen Praxis begegnen uns immer häufiger Mütter, die nach einer Geburt von starken Gefühlen der Bedeutungslosigkeit überfallen werden. Das Gefühl, «nur Mutter» zu sein, belastet den seelischen Haushalt vieler junger Frauen.

Da beide Elternteile meist in Arbeitsprozesse eingebunden sind, wird die Erziehungsaufgabe zunehmend nichtfamiliären Einrichtungen wie Kindertagesstätten übertragen. Der traditionelle Familienverbund befindet sich im Wandel und scheint dadurch an Bedeutung zu verlieren.

«Aus den Forschungen der vergleichenden Kulturanthropologie wissen wir, dass es in allen Kulturen fest regulierte Verwandtschaftssysteme gibt, deren Zentrum die Familie – die sogenannte ‹Kernfamilie› – bildet. Sie besteht aus der engen Bindung der Eltern zueinander und zu ihren Kindern. Bei aller Unterschiedlichkeit – seien es Klein- oder Grossfamilien, Sippen oder Clans – findet sich die Kernfamilie in allen Kulturen als gründende Einheit des Zusammenlebens. In einer Familie aufzuwachsen bedeutet, in den ersten Lebensjahren in der intensiven Beziehung zu Mutter und Vater positive gefühlsmässige Erfahrungen zu machen und ein Urvertrauen zu den Mitmenschen zu entwickeln, das den Grundstein für alle Beziehungen des zukünftigen Lebens bildet.»

Die Familie als Fundament unserer Gesellschaft

Aus den Forschungen der vergleichenden Kulturanthropologie wissen wir, dass es in allen Kulturen fest regulierte Verwandtschaftssysteme gibt, deren Zentrum die Familie – die sogenannte «Kernfamilie» – bildet. Sie besteht aus der engen Bindung der Eltern zueinander und zu ihren Kindern. Bei aller Unterschiedlichkeit – seien es Klein- oder Grossfamilien, Sippen oder Clans – findet sich die Kernfamilie in allen Kulturen als gründende Einheit des Zusammenlebens. In einer Familie aufzuwachsen bedeutet, in den ersten Lebensjahren in der intensiven Beziehung zu Mutter und Vater positive gefühlsmässige Erfahrungen zu machen und ein Urvertrauen zu den Mitmenschen zu entwickeln, das den Grundstein für alle Beziehungen des zukünftigen Lebens bildet. Die Familie bietet die erste Gemeinschaft mit Eltern und Geschwistern, die modellhaft den Grundstein für spätere Erfahrungen in Schule und Beruf bildet. Die anstehenden Lebensaufgaben können in einer Familie gemeinsam gelöst werden. Sorgen und Niederlagen werden ebenfalls gemeinsam getragen. In einer traditionellen Familie mit Mutter und Vater können die Kinder Erfahrungen mit beiden Geschlechtern sammeln. Das Mädchen kann sich als heranwachsende Frau an seiner Mutter orientieren und an ihrem Vorbild in die Aufgaben der Frau und Mutter hineinwachsen. Der Bub wird bei seinem Vater das emotionale Rüstzeug erwerben, auf das er später im Leben als erwachsener Mann zurückgreifen kann. Dieser Vorgang wird Identifikation genannt. Als gesetzlich verankerter Grundpfeiler des gemeinschaftlichen Zusammenlebens geniessen Familie und Ehe in vielen Ländern gegenwärtig noch entsprechend ihrer Bedeutung besonderen Schutz. In der Familie werden die Errungenschaften unserer Gesellschaft sowie die bewährten Traditionen an die neue Generation weitergegeben.

Was gewährleistet nun aber den Fortbestand dieser kulturellen Errungenschaften?

Durch die Jahre, die ein Kind in der Familie lebt, wird es mit den Werten, die das Zusammenleben der Menschen eines Kulturkreises bestimmen, vertraut gemacht. Es sind Werte, die der menschlichen Natur entsprechen. Darunter werden beispielsweise Werte verstanden wie Mitgefühl, Anteilnahme, Rücksichtnahme, Toleranz, gegenseitige Hilfe und gewaltfreie Konfliktlösung. Dementsprechend sind die Eltern vor eine wichtige und anspruchsvolle Aufgabe gestellt. Sie tragen deshalb eine hohe Verantwortung. Durch die Erziehung der Kinder gewährleisten sie, dass die kulturellen Errungenschaften, die sich im Laufe der Menschheitsentwicklung herausgebildet haben, erhalten bleiben. Diese Werte müssen aktiv im Erziehungsprozess gelegt und emotional verankert werden.

Erkenntnisse der Tiefenpsychologie …

Am Anfang des letzten Jahrhunderts hat sich die wissenschaftliche Psychologie der Frage angenommen, was die Erziehbarkeit eines Kindes ausmacht und welche Faktoren in der frühkindlichen Entwicklung von Bedeutung sind. Sigmund Freud erkannte, dass der Mensch von unbewussten Gefühlen geleitet wird. Erst der Wiener Individualpsychologe Alfred Adler machte in den zwanziger Jahren als erster auf die überragende Bedeutung der Mutter-Kind-Beziehung für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes aufmerksam. Adler beschreibt die mit der Geburt gegebene Bindungsfähigkeit des Neugeborenen. Von der ersten Minute an sucht das Kind aktiv den Kontakt zur Mutter, weil dieser emotionale Kontakt zu seiner Mutter für das Kind lebenswichtig ist. Adler betrachtete es daher als die Aufgabe der Mutter, eine starke seelische Verbindung mit dem Kind herzustellen. Sie muss dem Kind vor allem ein verantwortungsvoller Mitmensch sein, auf den es sich verlassen kann und auf dessen Unterstützung es zählen kann. Diese erste Beziehung bildet das Fundament, das Urvertrauen für alle weiteren Verbindungen im Leben eines Menschen. Diese grundlegenden Erkenntnisse Alfred Adlers für die kindliche Entwicklung wurden später durch die zahlreichen Studien der Entwicklungspsychologie bestätigt und erhärtet.
Die von Freud aufgestellte psychoanalytische Hypothese, nach der das Kind soziale Beziehungen erst sekundär, als Folge der Befriedigung körperlicher Bedürfnisse aufnehme, wurde nicht nur durch Adler, sondern auch durch die entwicklungspsychologischen Studien der Bindungsforschung widerlegt.

… und der Bindungsforschung

Die Annahme von der reinen Bedürfnisbefriedigung war unvollständig. Dies zeigen als erste die Studien der Wiener Schule bei Heimkindern durch Charlotte Bühler, René A. Spitz und später die Forschungen des englischen Psychiaters John Bowlby zu den Auswirkungen emotionaler Vernachlässigung bei Kindern. Die Beziehungsperson, so stand nun fest, war also nicht nur dazu da, die körperlichen Bedürfnisse wie Hunger, Durst usw. zu befriedigen, sondern schon vom ersten Tag an ist das Kind darauf ausgerichtet und in seinen Aktivitäten bestrebt, die Beziehung zur Mutter aufzunehmen.
Das Erkennen der Signale und die Ausrichtung sowie das adäquate Reagieren der Mutter darauf sind Teil des sozial-emotionalen Prozesses der Mutter-Kind-Beziehung.
Diese Forschungsergebnisse wurden später erweitert und verfeinert, indem die Beziehung zwischen Mutter und Kind in ihren ganzen gefühlsmässigen Schattierungen untersucht wurde. Es waren die Untersuchungen von amerikanischen Forscherinnen wie Mary D. Salter Ainsworth, Mary Maine und dem deutschen Forscherehepaar Karin und Klaus Grossmann, welche die bereits in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts durch Alfred Adler gewonnenen Erkenntnisse bestätigen und präzisieren. Diese Forschungen ermöglichen es, genau zu sagen, was das Kind für seine Persönlichkeitsentwicklung braucht.

Die Bedeutung der Mutter

Die Aufgabe der Mutter besteht zusätzlich darin, die zu ihr entstandene Bindung auf die anderen Familienmitglieder wie Vater und Geschwister auszuweiten, dann über den familiären Rahmen hinaus das Interesse des Kindes für die Belange der Gemeinschaft zu wecken und aufrechtzuerhalten. Durch ihre anleitende Orientierung verhilft die Mutter dem Kind, sich in der kleineren und grösseren Gemeinschaft zu orientieren und zurechtzufinden.
Damit sich das Kind zu einem Mitspieler in der menschlichen Gemeinschaft entwickeln kann, stellt sich dem Erzieher auch die Aufgabe, Werte vorzuleben und zu vermitteln, die für das menschliche Zusammenleben wichtig und unerlässlich sind. Die Basis dafür bildet das in den ersten Monaten entstandene Vertrauen des Kindes zu den Eltern. Der Erziehungsprozess ist als Wechselspiel zwischen Eltern und Kind zu verstehen, in dem die bereits erwähnten Werte vermittelt und vor allem Werthaltungen aktiv gelegt und emotional verankert werden. Dieser Prozess wird für das Kind in einer vertrauensvollen Bindung erleichtert. Wenn die Eltern, Lehrer und andere erwachsene Personen verlässliche Vorbilder sind, das heisst nur, wenn sie beim Kind dieses Ansehen geniessen, kann das Kind sich an ihnen orientieren und von ihnen lernen. Das Ziel der Erziehung sollte es sein, dem heranwachsenden Menschen neben der Wertevermittlung ebenfalls zur Bewältigung seiner Lebensaufgaben zu verhelfen. Alfred Adler hat drei Bereiche besonders hervorgehoben, die jeder Mensch in seinem Leben bewältigen können muss, nämlich die Liebe, die Arbeit und die Gemeinschaft. Die Bewältigung der drei Lebensaufgaben erfordert von jedem Menschen ein gesundes Mass an Beziehungs- und Kooperationsfähigkeit. Adler hat dafür den Begriff Gemeinschaftsgefühl geprägt. Deshalb kann Erziehung weder beliebig gedacht sein, noch irgendwelchen philosophischen Strömungen entlehnt werden, sondern sie muss sich an der natürlichen Logik des menschlichen Zusammenlebens und an den kulturellen Errungenschaften orientieren. Eine gelungene Erziehung ist dann gegeben, wenn der junge Mensch sich der Bewältigung dieser von Adler genannten Lebensaufgaben stellen kann. Der Grad an Gemeinschaftsgefühl eines Menschen kommt nicht nur in der Gestaltung seines persönlichen Lebens zum Ausdruck, sondern auch darin, wie weit ein Heranwachsender bereit ist, in die Aufgaben für das Gemeinwohl hineinzuwachsen und als Mitmensch und Mitbürger seinen Beitrag zur Lösung der gesellschaftlichen Fragen leistet. Jede Gefährdung der Familie ist eine Gefährdung der Gesellschaft selbst.

Resümee

Die Familie ist der schützenswerte Ort, in dem die Kinder ihre Persönlichkeit entwickeln und entfalten können und sich das Rüstzeug für ihr kommendes Leben erwerben.
Wir sollten deshalb alles daran setzen, das Bewusstsein für die Bedeutung der Erziehung und der Familie zu stärken und zu bewahren.    •

Verwendete Literatur:

Adler, Alfred. Neurosen. Fallgeschichten. Frankfurt 1981
Adler, Alfred. Menschenkenntnis. Frankfurt 1970
Bowlby, John. Das Glück und die Trauer. Stuttgart 1979
Endres, Manfred; Hauser, Susanne (Hrsg.). Bindungstheorie in der Psychotherapie. München, Basel 2000
Kaiser, Annemarie. Das Gemeinschaftsgefühl – Entstehung und Bedeutung für die menschliche Entwicklung. Zürich 1981