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Wir dürfen uns nicht gedankenlos in einen Krieg treiben lassen

Besonnene britische Stimmen zur Krise um Syrien

ev. In einem Interview mit BBC Scotland findet Peter Ford, von 2003 bis 2006 britischer Botschafter in Syrien, deutliche Worte zu den «Begründungen» für die Bombardierung Syriens durch die USA, Grossbritannien und Frankreich. Mit vielen anderen erfahrenen Diplomaten und Beobachtern fürchtet er, ­Hysterie und Desinformation könnten uns, wie er sagt, «an den Rand von Armaggedon» führen. Dringend plädiert er für Innehalten und Nachdenken, bevor «wirklich Schreckliches passiert, das die Situation von uns allen betreffen würde», anstatt sich durch «Hysterie und Verzerrung» mitreissen zu lassen.

Botschafter fordert Besonnenheit

Peter Ford appelliert, Kopf und Herz in die Hand zu nehmen, denn, warnt er, wir «dürfen uns nicht durch diese Videos in Panik versetzen lassen, die als nicht verifiziert beschrieben werden, die aber kraft ständiger Wiederholung beginnen, eine fadenscheinige Glaubwürdigkeit zu erlangen. Wir müssen uns fragen, was die Quellen der Informationen sind, die uns in dieser Stampede zum Krieg umgeben. Sie sind zweifach. Es tut mir leid, aber die Medien sind ihrer Aufgabe nicht gewachsen, dies zu untersuchen. Die Quellen sind die Syrisch-Amerikanische Medizinische Gesellschaft, eine pro-islamistische Propagandatruppe mit Sitz in den Vereinigten Staaten, finanziert von der CIA.»
Auf die Intervention des Journalisten deutlicher: «Ja. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde der Vorfall gestellt. Bitte! Wir wissen, wie einfach es ist, Bilder für das Internet zu fälschen. Schauen Sie sich die Bilder an. Jeder konnte sie inszenieren. Die zweite Quelle sollen sogenannte ‹Erstversorger› sein. Wer sind die Erstversorger? In diesem Falle sind es die ‹Weisshelme›, eine weitere pro-islamistische, dschihadistische Propagandatruppe. […] Bei den Zeugen des schrecklichen Vorfalls handelt es sich um Leute, die selbst an Enthauptungen beteiligt waren ...»
Und schliesslich fordert er, sich ernsthaft die Frage zu stellen, wozu Bashar al-Assad derartiges Chaos heraufbeschwören sollte, das ja nur auf ihn selbst zurückfallen kann. «Warum sollte er so etwas tun, wenn er bereits dabei war, den Kampf zu gewinnen? Der Kampf um Ost-Ghouta war praktisch vorbei. Warum hätte er in diesem Moment genau das eine tun sollen, das ihn garantiert den Sieg kosten würde?»

Robert Fisk’s Suche nach Wahrheit in den Trümmern von Duma

Auch der renommierte britische Journalist Robert Fisk, der seit über 40 Jahren in der ­libanesischen Hauptstadt Beirut lebt, äussert grosse Zweifel an der Darstellung der amerikanisch-britisch-französischen Kriegsallianz über einen angeblichen Giftgasangriff in Duma. Seit Jahren besucht Robert Fisk solche Schauplätze persönlich und spricht direkt mit den Menschen vor Ort. So auch diesmal. Nach dem lakonischen Bescheid eines syrischen Obersten, er habe keine Informationen, machte er sich unabhängig auf den Weg durch Duma. «Ich ging gestern völlig unbehindert quer durch die Stadt, ohne Soldaten, Polizisten oder Aufpasser, der meine Schritte verfolgte, nur mit zwei syrischen Freunden, einer Kamera und einem Notizbuch.» Nach kurzem Fussmarsch traf er den syrischen Oberarzt, Dr. Assim Rahaibani, der ihm seine bescheidene unterirdische Klinik zeigte. «Ich war in der Nacht mit meiner Familie zu Hause im Untergeschoss, 300 Meter von hier. Aber alle Ärzte hier wissen, was geschah. Es gab viel Beschuss [durch die Regierungskräfte], und die Luftwaffe war ständig über Duma in jener Nacht – aber in der Nacht gab es auch Wind, und enorme Staubwolken begannen, in die Untergeschosse und Keller einzudringen, in denen die Menschen sich aufhielten. Menschen kamen hierher und litten an Hypoxie, an Sauerstoffmangel. Dann schrie jemand, ein ‹Weiss­helm›, an der  Tür: ‹Gas!›, und Panik brach aus. Die Menschen begannen, sich gegenseitig mit Wasser zu übergiessen. Ja, das Video wurde  hier aufgenommen, es ist authentisch, aber was Sie sehen, sind Menschen, die an Hypoxie leiden – nicht an Gasvergiftung.»
Die Weisshelme konnte Fisk nicht mehr befragen. Eine Frau berichtete ihm, sie hätten ihre Hauptquartiere in Duma allesamt verlassen und sich zusammen mit den bewaffneten Kräften von durch die Regierung organisierten und von den Russen beschützten Bussen in die Rebellenprovinz Idlib bringen lassen, als der endgültige Waffenstillstand vereinbart worden war.
Robert Fisk fügt an: «Ich habe mit so vielen Menschen mitten in den Ruinen der Stadt gesprochen, die sagten, sie hätten die Gasgeschichten ‹nie geglaubt› –  die, wie sie angeben, üblicherweise von den bewaffneten islamistischen Gruppen in Umlauf gebracht worden seien.»    •

Quellen: www.youtube.com/watch?v=3j_Z1f84Ps8); www.independent.co.uk  vom 17.4.2018