drucken schliessen

Wie realistisch war Merkels «Wir schaffen das»?

Erfahrungsbericht eines ehrenamtlichen Flüchtlingsbetreuers

von Jürgen Siegenthaler*

Mit ihrem «Wir schaffen das!» hat die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zu einer sogenannten Willkommenskultur aufgerufen, die in Deutschland von vielen Bürgern anfangs bereitwillig umgesetzt wurde. Viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich für die Betreuung von Flüchtlingen bzw. Migranten. In dem folgenden Bericht führt einer dieser vielen Helfer vor Augen, wie die Betreuung durch einen Ehrenamtlichen in der Praxis von 2015 bis heute ausgesehen hat und welche ganz konkreten Probleme sich dabei gestellt haben und nach wie vor stellen.

Ich betreue unter anderem eine syrische Familie mit drei Kindern. Deren Flucht von Syrien nach Deutschland begann Anfang Juni 2015 und dauerte 28 Tage. Herr L.** ist jetzt 41 und Frau L. 35 Jahre alt. Die Ehefrau war 2015 schwanger (6. Monat – Geburt des dritten Kindes Ende Februar 2016), die anderen Kinder waren 4 und 6 Jahre alt. Beide Eltern gingen in ihrem Heimatland nur bis zur 6. Klasse in die Schule. Herr L. war von da an bei den Eltern als Bauer tätig, und seine Frau übte seinerzeit eine Tätigkeit als Näherin aus.
Geflüchtet waren sie wegen Bombenabwürfen und Giftgas, das im Krieg eingesetzt wurde. Auch in ihrem Dorf konnten sie nicht mehr bleiben. Vom Norden Syriens fuhren sie von ihrem Heimatort mit dem Auto zur Grenze der Türkei, anschliessend mit dem Boot nach Griechenland. Von dort ging es nach Nordmazedonien, 70 % zu Fuss, 30 % mit dem Bus. In Serbien mussten sie viel in der Nacht und zu Fuss gehen, um nicht von der Polizei aufgegriffen zu werden, bis sie schliesslich in Ungarn waren. Danach ging es sechs Stunden mit dem Taxi durch Österreich nach Deutschland. Am 18.7.2015 kamen sie in Ellwangen an, am 24.8.2015 war ihre Verlegung zu einem Asylheim in eine mittelgrosse südwestdeutsche Stadt. Seit Ende Januar 2016 wohnen sie in einer südwestdeutschen Kleinstadt, nunmehr in einer 2-Zimmer-Wohnung mit Bad und Küche. Alle schlafen im «Schlafzimmer», das mit einem Hochbett ausgestattet ist.
Ende August 2015 nahm ich die damals noch vierköpfige Familie in Empfang. Eine sprachliche Verständigung war über 1½ Jahre nicht möglich, was eigentlich dringend erforderlich gewesen wäre, damit sich die Familie integrieren kann. Man kann nun gar nicht alles im einzelnen ausführlich beschreiben, deshalb nenne ich nur einige Aufgaben und Fragen, über die ein täglicher Austausch notwendig war, wozu es immer einen Übersetzer oder eine Übersetzerin brauchte: beispielsweise bei der Anschaffung der Möbel, der Anmeldung bei der Gemeinde, der Ummeldung vom Jobcenter, der Anforderung von diversen Formularen (und diese immer nur in Deutsch!), beim Antrag auf Kindergeld, bei der Schulsuche für den Vater, für einen Kindergartenplatz, bei der Anmeldung beim Sozialpädagogischen Zentrum (der 6jährige Sohn ist behindert), bei der Arzt-, Kinder- und Frauenarztsuche, bei der Eröffnung eines Bankkontos, beim Erstellen von diversen Fotokopien, aufwendigen Terminvereinbarungen beim Augen- und HNO-Arzt für das behinderte Kind, bei der Antragstellung auf Pflegestufe für das behinderte Kind, bei der Krankenkasse und Anmeldung in der Sonderschule.
Mit letzterem waren die Eltern anfangs gar nicht einverstanden, weil sie ihr Kind nicht als behindert angesehen haben, und nur durch die Bemühungen des übersetzenden Landsmannes war dies schliesslich möglich. Inzwischen ist nach eingehender ärztlicher Untersuchung und Befragung die Pflegestufe 3 bei der Krankenkasse genehmigt worden. Ferner benötigt es Logo- und Ergotherapie. Das Kind trägt jetzt Hörgeräte links und rechts und ausserdem eine Brille (ein Dreivierteljahr lang musste es eine Augenklappe tragen, um sein Schielen zu korrigieren). Für all das brauchte es viele Termine, Besprechungen, Anträge, Telefonate, Absprachen, Überlegungen …
Die ganze Hilfeleistung beruhte stark auf meiner eigenen Initiative und ging nur mit Unterstützung eines Übersetzers. Viele notwendige Schritte zogen sich über Stunden und Tage hin, mit vielen Hin- und Rückfragen. Der ehrenamtliche Einsatz war überhaupt nur möglich, weil ich beruflich nicht gebunden bin und auf Grund meiner früheren beruflichen Erfahrung sachkundig und engagiert helfen konnte.
Der zweite Sohn hatte von Anfang an schulische Probleme, die auch weiterhin bestehen (Versetzungsgefährdung in der 2. Klasse) und nur in Abklärung mit einer Beratungsstelle – wenn überhaupt – behoben werden können. Beide Eltern haben inzwischen die A2-Sprachprüfungen mit nicht besonders guten Noten abgeschlossen, trotz wöchentlich zweimaligem Nachhilfeunterricht bei meiner Frau, der ebenfalls ehrenamtlich geleistet wurde.
Inzwischen zeigen sich weitere Schwierigkeiten mit der Integration: In Syrien spielte sich alles in der Grossfamilie ab (der Vater hat 5, die Mutter 9 Geschwister). Wertevermittlung findet in diesem Rahmen statt. Doch in der neuen Umgebung fehlt dieser familiäre Hintergrund. Die Eltern nehmen keinen Einfluss auf das Verhalten ihrer Kinder. Wenn die Kinder frustriert sind oder schlechte Laune haben, werden schnell Süssigkeiten verteilt. Zu Hause beschäftigen sich die Kinder, wenn sie nicht auf der Strasse spielen können, nur mit dem Smartphone. Sie lernen zu Hause auch nicht für die Schule, trotz meiner mehrmaligen Hinweise. Sicher, jede zu betreuende Familie hat ihre eigenen Probleme, aber sich uns anzuschliessen und sich mit unseren Hinweisen auseinanderzusetzen, ziehen sie so gut wie nicht in Betracht. Und sie verstehen es auch nicht.
Vom Migrationsamt für Flüchtlinge werden viele Schulungen und Seminare angeboten, die oft nicht von Familien mit Kindern in Anspruch genommen werden können. Alle diese Angebote sind freiwillig. Das grundlegende Problem besteht darin, dass diese nur angenommen werden, sofern der Flüchtling bereit ist, seine Integration, vor allem auch die berufliche, voranzutreiben. Diejenigen, die die Angebote aus verschiedenen Gründen nicht wahrnehmen, behalten ihre finanzielle Unterstützung vom Jobcenter. So wird zum Beispiel in der Schule versucht, den Kindern eine Bildung zu vermitteln. Aber die Rahmenbedingungen sind schwierig: Bei Klassen (von 20–25 Schülern) mit einem durchschnittlichen Ausländeranteil von 80 % ist es äussert schwierig, die Integration zu ermöglichen. Etliche Kinder kommen aus unterschiedlichen Bildungsschichten, wodurch die Integration noch erschwert wird. Etwas leichter haben es diejenigen, die schon ein gewisses Bildungsniveau aus ihrem Land mitbringen (Abitur, Student, Akademiker …).
Der kundige Leser kann hieran erkennen, wie viel – abgesehen vom menschlichen Einsatz – finanziell aufgewendet werden muss, wie Hannes Hofbauer festgehalten hat: «Der deutsche Ökonom Konrad Schuler schätzt, dass das deutsche Budget in den nächsten vier, fünf Jahren jährlich mit 47 Milliarden Euro belastet sein wird auf Grund dieser Migration 2015/2016. Das sind 15 % des deutschen Budgets, und das schlägt sich natürlich an anderen Orten nieder, wo auf Grund dessen gespart werden wird.» (Zeit-Fragen vom 28.11.2018) Diese Zahlen haben Finanzminister Scholz sicherlich veranlasst, bei der Flüchtlingshilfe zu streichen, weil die Kosten immer weiter explodieren.
Hier wäre noch zu bemerken, dass ehrenamtliche Helfer von keiner Seite finanziell unterstützt werden und sich in allen Belangen selbstlos einsetzen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich auch engagierte Ehrenamtliche zurückgezogen haben, nicht wegen der finanziellen Belastung, sondern eher aus mangelnder Anerkennung und Unterstützung in der Öffentlichkeit.
Frau Merkel sagte 2015: «Wir schaffen das!»
In Anbetracht der von mir geschilderten Situation müsste die deutsche Politik endlich aufhören, die vor allem von den USA losgetretenen Kriege zu unterstützen, welche die Flüchtlingsströme hervorbringen, und alles unternehmen, dass die Menschen wieder in ihr Land zurückkehren und ihre bisher erworbenen Fähigkeiten zum Aufbau ihres eigenen Landes einbringen können.    •

*    Aus Gründen des Datenschutzes wurde ein Pseudo­nym gewählt.
**    Die Kürzel sind gegenüber den wirklichen Namen verändert.