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Leserbrief

Erfahrungen einer Mutter

Mit grossem Interesse habe ich den Artikel «Schluss mit Schbas» zur Rechtschreibmethode «Lesen durch Schreiben» nach Dr. Reichen gelesen. Wir sind betroffene Eltern von vier – inzwischen erwachsenen – Kindern aus Thüringen. Während unsere Tochter, 1995 eingeschult, noch nach dem DDR-System (welches Finnland übernahm) unterrichtet wurde und die Kinder dieses Jahrgangs damit bestens zurechtkamen, statuierte dieselbe Grundschule zwei Jahre später bei unserem Sohn das Exempel «Lesen durch Schreiben». Dafür erhielt die Schule EU-Fördermittel. Das Ergebnis dieses Exempels war ein Kind, welches völlig verunsichert die 4. Klasse in die Regelschule verliess, des Lesens und Schreibens kaum kundig. Viele Schüler dieser Klasse gingen auf eine Gesamtschule. Dort schrieb die Deutschlehrerin in Klasse 5 ein Diktat, um sich einen Überblick über die Kenntnisse zu verschaffen. Das Ergebnis war ernüchternd, denn alle diese Schüler, die nach Dr. Reichens System unterrichtet wurden, hatten mehr als 20 Fehler vorzuweisen. Weil die Fähigkeit des Erfassens von Textaufgaben unzureichend war, bekamen die Kinder auch Probleme in anderen Fächern.
Da die Kreativität der Schüler nicht gestört werden sollte, gab es in der Grundschule zwei Jahre keinerlei Regeln, kein Ordnungssystem, kein häusliches Üben.
Wir haben etwa 1000 Euro in die Nachhilfe investiert, um all das aufzuarbeiten, was in vier Jahren versäumt wurde. Wo bleiben aber die Kinder, deren Eltern dieses Geld nicht aufbringen können?
Durch das Engagement der Deutschlehrerin in der weiterführenden Schule und die Nachhilfe konnte unser Sohn nach Klasse 6 sicher schreiben und lesen. Die dafür aufgewendete Energie hätte das Kind zu anderen Zwecken verwenden können.
Bereits in der 1. Klasse hatten einige Eltern dieses System beim Schulleiter und der Klassenlehrerin kritisch hinterfragt. Einwände und Diskussionen wurden abgeschmettert. Auch das Schulamt erhörte unsere Rufe nicht.
Das dritte Kind wurde ebenfalls nach dieser Methode unterrichtet, und wir mussten kräftig Geld in die Nachhilfe investieren.
Das vierte Kind schulten wir trotz Widerstand des Schulamtes in einer anderen Grundschule ein, die noch mit der Fibel lehrte. Es hatte – wie seine Schwester – keine Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben.
Wir waren damals nach der Wende entsetzt, wie Schulleiter und Lehrer sich sofort auf die neuen Methoden aus den alten Bundesländern stürzten, diese kritiklos übernahmen und damit bewährte Lernprinzipien über Nacht über Bord warfen. Es hatte auch den Anschein, dass kritische Lehrer mundtot gemacht wurden.
Wir können alle Eltern nur ermutigen, sich mit ganzer Kraft gegen das Lernprinzip «Lesen durch Schreiben» nach Dr. Reichen zu stellen, da es den Kindern suggeriert, über Fähigkeiten zu verfügen, nämlich drei Monate nach Einschulung Texte zu verfassen, die sie in Wahrheit nicht haben. Keine der blumigen Versprechungen zu den Vorteilen dieser Lernmethode hat sich bewahrheitet.

Katrin Kirchner, Erfurt