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Der einsame Traktor oder einige Gedanken zur Erziehung

von Dr. Eliane Perret, Heilpädagogin und Psychologin

Als ich vor kurzem bei anbrechender Dämmerung nach Hause fuhr, entdeckte ich am Strassenrand einen kleinen Traktor. Ein Spielzeug zum Draufsitzen und Herumfahren, wie es sich viele Kinder wünschen. Ich stellte mir vor, wie es am Geburtstag mit glänzenden Augen ausgepackt worden war. Nun hatte das Gefährt schon einige Fahrten hinter sich. Der Traktor ging mir nicht mehr aus dem Kopf und regte mich zum Nachdenken an.

Gute Gewohnheiten – eine Schatztruhe fürs Leben

Warum stand der Traktor einsam am Strassenrand? Und wie kommt er wieder nach Hause? Jemand musste sich dafür verantwortlich fühlen; so wie sonst für vieles im Leben auch. Einige Kinder gingen mir durch den Kopf. Wir sind am Arbeiten und brauchen die Schere. «Wo ist meine Schere?», kommt schon die erste Frage. Ich muss den Impuls unterdrücken, meine Augen schweifen zu lassen. Und tatsächlich, nun wird das fragende Kind aktiv und beginnt seine Sachen selbst zu durchsuchen und überlegt, wo es zum letzten Mal die Schere verwendet hat. Schon bald ist sie gefunden, und die Arbeit kann weitergehen. Sehr gut, denn diese vermeintlich kleinen und unwichtigen Situationen legen den Grundstein zu altersgemässer Eigenständigkeit und Selbstverantwortung (wie sie heute so oft von Kindern am falschen Ort gefordert wird). Und der Traktor? War es wohl so, dass der kleine Besitzer des Gefährtes sich nicht gewohnt war, für sein Eigentum zu schauen, es sorgfältig zu behandeln und zu verwahren? Seine Aufgaben, auch im Spiel, zu Ende zu führen? Eine hilfreiche Gewohnheit, auf die auch später im Leben zurückgegriffen werden kann! Sie entsteht aus feinen Fäden, die sich zu einem starken Zwirn verdrehen lassen und Sicherheit und Halt geben. Wie hätte er das lernen können?

Die Hand im Rücken

Kleine Kinder sind auf dem Weg ins Leben auf die Fürsorge ihrer Eltern angewiesen. Bedeutet das nun, einem Kind alle Steine aus dem Weg zu räumen? Oder soll es nicht viel eher dazu ermutigt und befähigt werden, sich altersgemäss den Anforderungen zu stellen und auf eigenen Beinen zu stehen. Das macht stark und mutig! Zugegeben, die Grenze zwischen elterlicher Fürsorge und entwicklungshemmender Verwöhnung ist nicht immer einfach zu finden. Man möchte das Kind selbstverständlich keiner Gefahr aussetzen und es nicht überfordern. Es ist natürlich, dass ein Kind seinen Aktionsradius allmählich ausweitet und zunehmend selbst Entscheidungen fällen will. Der neue Traktor muss überall hin mitkommen, auch auf den Spaziergang und zum Spielplatz. Eine tolle Idee! Aber was ist, wenn die Beine müde werden und der Traktor lästig? Wer führt jetzt die Sache zu Ende? Jeder von uns hat schon verschiedene Varianten gesehen und erlebt: Ein schreiendes Kind und eine verzweifelte Mutter, die den Traktor und das Kind zieht, oder auch ein Kind mit hochroten Wangen, das ermutigt von der Mutter weiterstrampelt und dann – stolz auf sich selbst – am Ziel anlangt. Das fordert die Erzieher. Sie müssen die Feinfühligkeit entwickeln, ein trotziges Weinen, mit dem ein Kind seinen Willen durchsetzen möchte, von einem Weinen zu unterscheiden, mit dem es eine echte Bedürftigkeit zum Ausdruck bringt. Das ist oft anspruchsvoll. Nicht nur müssen die Eltern einschätzen können, wozu ihr Kind fähig ist, um es nicht zu über-, aber auch nicht zu unterfordern. Sie müssen vielleicht auch das (falsche) Gefühl aushalten, Rabeneltern zu sein, wenn sie nicht sofort auf jeden (vermeintlichen) SOS-Ruf des Kindes reagieren.
Es sind diese Situationen – und das Leben hält eine Vielzahl davon bereit –, die das Kind selbstsicher machen. Es lernt vorauszudenken, seine Kräfte einzuteilen, zu planen und auch ein bisschen durchzubeissen, wenn es die Situation erfordert. Dazu braucht es eine Hand im Rücken, damit es innerlich und äusserlich aufstehen und so das Erlebnis machen kann, dass Anstrengung sich lohnt. Nicht nur die Muskeln werden stärker!

An Aufgaben wachsen

Durch die Erziehung führen die Eltern ihr Kind ins Leben ein. Es soll sich den Anforderungen des Lebens gewachsen fühlen. Dazu gehören altersgemässe, sinnvolle Aufgaben, mit denen ein Kind sich am Alltag der Familie beteiligen kann. Auch wenn sich das im heutigen Lebensalltag nicht so einfach ergibt wie früher, so kann doch vieles in gemeinsamer Verantwortung getan werden. Auch ein zweijähriges Kind kann sein Spielzeug wieder aufräumen, anfänglich vielleicht mit Papa oder Mama zusammen. Oder es übernimmt beim Putzen das Abstauben – auch wenn es nicht ganz so sauber wird, wie wenn es die Mutter selbst gemacht hätte. Ein bisschen später kann es sich beim Abtrocknen beteiligen oder Pflanzen giessen, und ein Schulanfänger kann bereits Handtücher zusammenfalten, Gemüse schälen oder mit dem Staubsauger hantieren. Es geht alles ein bisschen gemütlicher. Warum nicht in einer Welt, wo immer wieder nach «Entschleunigung» gerufen wird? Diese kleinen Alltagsaufgaben tragen den Keim zu einer späteren erfolgreichen Lebensgestaltung in sich. Auch das Gejammer eines Kindes, es sei ihm langweilig, muss keine Aufforderung an die Eltern sein, nun subito ein Unterhaltungsprogramm zu organisieren. Langeweile kann kreativ machen und Anlass sein, wieder einmal die Farbstifte und ein Zeichnungspapier zur Hand zu nehmen, aus dem Bett eine kuschelige «Hütte» zu bauen oder sich mit dem Geschwister oder den Freunden in ein Rollenspiel zu vertiefen.

Eine Scheinwelt der Beziehungslosigkeit

Der Wunsch nach sozialem Eingebundensein ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Mit dem gemeinsamen Frühstück in den Tag zu starten, fördert nicht nur das Gefühl der Geborgenheit, auch sind die Kinder körperlich gut gerüstet für ihren Kindergarten- oder Schulalltag. Es braucht nicht grosse Ereignisse, um den Alltag gemeinsam zu gestalten. Oft sind es die kleinen Erlebnisse, die in der Erinnerung haften bleiben. Der Spaziergang im Wald, die Eidechsen auf der warmen Mauer, Uno spielen an einem verregneten Sonntag­nachmittag, die am Abend vorgelesene Geschichte und viele anderen Erlebnisse in der gemeinsam erfahrenen realen Welt. Hingegen kann einem das Herz einfrieren, wenn man Babys beobachtet in digital ausgerüsteten Kinderwagen und Autositzen, die sich mit ihren Shut-up-toys mit Spiele-Apps und zahllosen Filmchen beschäftigen, die sie als Ersatz für das Lächeln und Plaudern mit der Mutter vorgesetzt bekommen. Die Eltern als Beziehungspersonen sind durch nichts zu ersetzen! Leider wird so das Leben vor dem Bildschirm schon im frühen Alter zum Normalfall. Kinder können in diesem jungen Alter nicht ermessen, welche Folgen das für sie hat. Zum Beispiel, dass ihnen die Möglichkeit genommen wird, die Welt in Ruhe zu erkunden, die Natur zu beobachten, Zusammenhänge zu entdecken und Geduld zu entwickeln. Auch wenn man sie immer wieder hört, die pädagogisch verbrämten Argumentationen, dass es heute in jedem Beruf Computer brauche und die Kinder deshalb schon früh damit umgehen lernen müssten. Sie halten einer genaueren Überprüfung nicht stand! Aber Eltern werden dadurch fehlgeleitet in ihrem Familienlebensalltag und begleiten ihre Kinder ungewollt in eine Scheinwelt der Beziehunglosigkeit.

Die Herausforderungen des Lebens als Entwicklungschance

Eigentlich ist es klar: Wer etwas erreichen will, muss etwas dafür tun. Erfolg ist nicht im Shoppingcenter zu haben. Man muss mit Misserfolgen konstruktiv umgehen können. Der Turm mit den Bauklötzen ist zusammengefallen, die auf dem Bild gezeichnete Katze sieht noch nicht so toll aus wie die des grösseren Bruders, der Rechnungstest hat nicht die Bestnote ergeben. Eigentlich kein Anlass für Aufregung, Tränen oder einen Wutausbruch. Auch hilft es nichts, den Grund bei den anderen zu suchen. Mama ist nicht schuld, wenn ich kalte Finger habe, weil ich die Handschuhe nicht angezogen habe. Sondern: Was könnte ich beim nächsten Mal besser machen?
In der frühen Kindheit werden die Weichen für Gefühlsreaktionen gestellt, die nicht günstig sind und die sich ohne Korrektur zu hinderlichen Verhaltensmustern verfestigen können. Das ist ein gefühlmässiger Reifeprozess. Wer schon früh lernt, sein eigenes Tun zu reflektieren, wächst in seiner Persönlichkeit. Das Gehenlernen ist ein gutes Beispiel dafür. Die Kinder erfahren, dass es sich lohnt, mit Geduld, Anstrengung und Ausdauer etwas zu üben. Menschliche Entwicklung vollzieht sich eben ausserhalb von Wellnesszonen, wo Entspannung und Nichtstun zum Erfolg führen. Auch die Erwachsenen sind gefordert, mit innerer Ruhe, Wohlwollen und Sicherheit in der Situation stehenzubleiben. Es gehört zu den normalen Gegebenheiten des Lebens, Spannungszustände aushalten zu müssen. Es hilft deshalb niemandem, wenn man die Kinder vor Enttäuschungen bewahren will, auch wenn das heute oft zum Erziehungsalltag gehört. Denn damit ist den Kindern die Chance genommen, an Herausforderungen zu wachsen und ein kurzfristiges Bedürfnis oder eine Enttäuschung zu Gunsten eines höheren Ziels zu überwinden. Medien und Werbung gaukeln den Kindern (und nicht nur ihnen) oft vor, dass das Leben per Daumenklick zu haben ist und wer das nicht wahrhaben will, ein Verlierer sei. Es ist deshalb kein Zufall, dass viele Kinder und Jugendliche davon träumen, einmal ein Superstar, Blogger oder Influencer zu werden, und Stunden mit digitalen Medien, Netflixserien und in Sozialen Netzwerken vertun. Echter und nachhaltiger Erfolg und innere Zufriedenheit sind das Ergebnis eines längerfristigen und anstrengenden Prozesses, gebunden ans eigene Bemühen. Als Erwachsene unterstützen wir sie dabei und zeigen ihnen altersgemäss und einfühlend den Weg.

Der Goldschatz in der Abstellkammer

Holen wir sie doch wieder aus der Abstellkammer, wohin sie vom Zeitgeist verbannt wurden: Fleiss, Zuverlässigkeit, Dankbarkeit, Anstand, Rücksichtnahme und Ehrlichkeit. Es sind diese Tugenden (oder sozial-emotionale Kompetenzen, wie man sie heute nennt), die helfen, um ein erfülltes Leben im Kreise der Mitmenschen gestalten zu können.
Viele Kinder leben heute in privilegierten Situationen. Das tägliche Leben ist gesichert, im Unterschied zu früheren Generationen. Elterliche Erziehung ist oft vom Wunsch geleitet, dass es die eigenen Kinder einmal besser haben sollten, als sie selber es hatten. Das bedeutet aber nicht, dass die Kinder gleichgültig werden sollen gegenüber der Lebensleistung ihrer Vorfahren. Dieses Gefühl den Kindern weiterzugeben liegt an uns. Es fördert die Verbundenheit mit dem Mitmenschen, die Anteilnahme am Schicksal anderer und den Wunsch, selber etwas beitragen zu wollen.
Sind Höflichkeit und Anstand wirklich verstaubt? Die Zauberwörtchen «Bitte» und «Danke» – sind sie nicht Ausdruck von Achtsamkeit und Sorgfalt im Umgang mit den Mitmenschen? Gemeinsame Mahlzeiten sind dafür ein gutes Lernfeld. Kinder üben hier nicht nur die üblichen Tischmanieren, sondern sie erleben die Gesprächskultur in der Familie. Sich gegenseitig zuhören, den Gedanken des anderen mitdenken und weiter entwickeln, statt sich immer selber unentwegt in den Mittelpunkt zu stellen, sind wichtige Erfahrungen. Mitgefühl und Anteilnahme können wachsen. Oder wie steht es mit der Ehrlichkeit? Sie ist ein hohes Gut und Grundlage von Ansehen und Vertrauen unter den Mitmenschen. In der Scheinwelt der digitalen Medien gehört Lügen zu den häufigen Gepflogenheiten. Man stellt geschönte Fotos von sich ins Netz, nimmt mit dem Nickname eine andere Identität an und führt auf Facebook oder in anderen «sozialen» Medien die Sonnenseiten des Leben vor. Im realen Leben führen solche Gewohnheiten zum Ende von Freundschaften, Ehen, Arbeitsverhältnissen usw. und zu grossen Enttäuschungen, die oft schwer zu verwinden sind.
Es liegt an uns Erwachsenen, den Mut aufzubringen und die Kinder dazu anzuleiten, dass in ihrer Gefühlswelt diese scheinbar verstaubten Tugenden den verdienten Platz einnehmen.

Die ewige letzte Ausnahme

In den letzten Jahren haben sich viele Werte, Haltungen und Verhaltensweisen schleichend verändert. Man kann das als normal betrachten und allfällige Bedenken als veraltet und ewiggestrig zur Seite schieben. Das entbindet einen von der Aufgabe, etwas zu unternehmen. Man erspart sich Auseinandersetzungen, auch wenn gerade die dabei entstehenden Reibungsflächen durchaus (zwischenmenschliche) Wärme erzeugen und allen helfen, einen inneren Standpunkt zu überdenken. Schon ist die Ausrede bereit: «Gut, dann erlaube ich es dir ausnahmsweise, aber es ist das letzte Mal.» Wie oft schon? Wer hingegen dabei bleibt, dass gewisse Entwicklungen im Verhalten des Kindes sein künftiges Leben gefährden könnten, muss aktiv werden, auf die Gefahr hin, in Widerspruch mit sich, den Mitmenschen und gesellschaftlichen Strömungen zu geraten. Die Kinder sind sorgfältige Beobachter. Sie spüren genau, wo das Gegenüber zurückweicht und wo es innerlich stehenbleibt. Das wird zum Modell für sie. Zum Beispiel in der Schule, wo nicht jede Aufgabe Spass macht, vielleicht sogar einmal etwas langweilig ist und Ausdauer verlangt. Ein Gefühl der Zufriedenheit und des Stolzes nach getaner Arbeit ist die Belohnung. Wer das erlebt hat, wird bei der nächsten Aufgabe vermutlich weniger zögern und zuversichtlicher sein, denn er ist in seinem Selbstwertgefühl gewachsen. Widerstände und Konflikte können zum Ansporn werden, eine Lösung zu finden, und das können auch Kinder.

Zu guter Letzt

Am nächsten Tag stand der Traktor nicht mehr am Strassenrand. Wie war er wohl nach Hause gekommen? Vielleicht hatte sich sein Besitzer erinnert und war nochmals losgezogen, um sein Gefährt zu holen. Hoffen wir es! Dann wäre er einen Schritt weiter gekommen in seiner Entwicklung. Geht er auf diesem Weg weiter, so wird er als Erwachsener ein geschätzter Mitmensch sein, der seine Lebensaufgaben mit Zuversicht anpackt und sich für die Belange seiner Mitmenschen und der Gesellschaft mutig engagiert.    •
Unter anderen haben mich folgende Bücher zum Verfassen dieses Artikels inspiriert und beim Schreiben begleitet:
Adler Alfred. Kindererziehung. Frankfurt a. M. 1976
Druckermann, Pamela. Warum französische Kinder keine Nervensägen sind. Erziehungsgeheimnisse aus Paris. München 2013. ISBN 978-3-442-39245-2
Müller, Andreas. Schonen schadet. Wie wir heute unsere Kinder verziehen. Bern 2018. ISBN 978-3-0355-1088-1
Seif, Leonhard/Zilahi, Lad. Selbsterziehung des Charakters. Alfred Adler zum 60. Geburtstag gewidmet von seinen Schülern und Mitarbeitern der Individualpsychologie. Leipzig 1930