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Wie «unverzichtbar» ist die «unverzichtbare Nation»?

Werden die USA friedensfähig, oder droht der Bürgerkrieg?

von Willy Wimmer, Staatssekretär im Bundesministerium für Verteidigung a. D.

Eines ist gewiss. Der Furor, mit dem sich die verschiedenen Gruppen in Wa­shington bekämpfen, galt in der Vergangenheit den «Feinden» in der ganzen Welt, über die man herzufallen pflegte. Unter Präsident Trump scheint die Welt eine Atempause zu erleben. Da stellen sich zwei Fragen: Wie lange hält Präsident Trump das durch? Nutzt die Welt die Atempause?
Die abendlichen Nachrichtensendungen der britischen BBC können herangezogen werden, will man sich ein Urteil zu beiden Fragen bilden. Dabei fällt seit Jahr und Tag auf, in welcher Weise aus London heraus jede Zurückhaltung in der Kommentierung von Vorgängen in einem anderen Staat abgelegt wird. Trump ist das manifeste Feindbild, unbeschadet einer umfassenden Berichterstattung. Zum Vergleich sollte man die abendliche Kriegsberichterstattung über die Vorgänge in Hongkong heranziehen. Das kennt man bei der BBC sonst nur, wenn es um den nächsten britischen Kriegseinsatz geht. Hongkong und die Salven gegen Trump entsprechen ein und demselben Muster. Volle Kanne mittschiffs, das scheint die Parole in London zu sein.
Dabei bietet Washington ein Füllhorn von Meldungen, die unbedingt unter die Leute gehören. Auf beiden Seiten ist das so, wie die Endlos-Geschichte der Präsidentschaft Trump deutlich macht. Die Auseinandersetzung vor der Wahl 2016 und die Abläufe in Washington bisher haben nichts mehr zu tun mit dem selbsternannten «demokratischen Leuchtturm». Sie erinnern vielmehr an ein afghanisches Reitermatch, bei dem ein Tierkadaver von den beteiligten Reitern bis zur Unkenntlichkeit «plattgemacht» wird. Präsident Trump hat in diesen Tagen vor einem Bürgerkrieg gewarnt. Die Anzeichen dafür reichen bis in die Umstände zurück, die bis zu den Nominierungen beider Präsidentschaftskandidaten bei der letzten Präsidentschaftswahl reichen. Der Umstand, dass zum Wahltermin 2016 alle Flugzeugträger-Kampfgruppen mit ihrer grossen Zahl an Kampfflugzeugen in die amerikanischen Heimathäfen zurückgeholt wurden, spricht ebenso Bände wie der zeitgleiche Rücktransport von schwerem Kriegsmaterial aus den verschiedenen Kriegsschauplätzen in das Umfeld amerikanischer Metropolen.
Wen wundert es da, wenn der amerikanische Präsident Trump in der Vorwoche eine grossartige Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen hält und die europäischen Medien sich lediglich die harten Worte zu Iran herauspicken? Von den für einen amerikanischen Präsidenten ungewöhnlichen Worten über die mögliche Rolle der Vereinigten Staaten in einer zukünftigen Welt souveräner Staaten keine Rede. Die Wiedergabe seiner Äusserung über die «Zukunft, die den Patrioten gehöre» wurde derart verpackt, dass sich in Deutschland der regierungsamtliche Unmut gegen die AfD auch auf diesem Wege Bahn brechen konnte. Dabei ist es die für die gesamte Menschheit entscheidende Frage, ob es dem amerikanischen Präsidenten Trump gelingt, sein Land innen- und aussenpolitisch so umzubauen, dass es weder zusammenbricht, noch die Welt auf Dauer mit Krieg überzieht. Man sollte sich in Europa nicht scheuen, die Migrationsbewegung in beiden Amerikas vor diesem Hintergrund zu sehen. Welches Bild haben wir von den USA in Zukunft? Seit Jahrzehnten sieht man in «Spanisch-Amerika» die verbale Aufrüstung gegen die USA. Man will von Texas bis Kalifornien die Gebiete zurück, die im 19. Jahrhundert an die USA fallen mussten.
Die bisherige Kriegspolitik der USA seit dem Untergang der «Maine» im Hafen von Havanna als Legitimation für die willkürliche Kriegspolitik war und ist zwingend gebunden an die amerikanische «Selbst-Beweihräucherung» von der «unverzichtbaren Nation», der sprichwörtlichen Selbstermächtigung zum globalen Dauerkrieg. In welchem Umfang Bigotterie nötig gewesen ist, dieses Selbstbild aufrechtzuerhalten, kann jeder selbst ermessen. Aber über Präsident Trump hinaus erhält dieses Bild gewaltige Risse, wie in wenigen Wochen das Medium «Netflix» mit einer Aussendung über die wahren Machthaber in den Vereinigten Staaten in der Gestalt nicht von «Skull and bones», sondern des «Nationalen Gebetsfrühstücks» deutlich machen will. Nach dem Autor des zugrundeliegenden Buches «The family» laut seiner Aussage bei CNN zum Zeitpunkt der Gründung in den dreissiger Jahren eine «halbfaschistische Organisation». Die «Überlegenheit der angelsächsischen Rasse» kommt ins Wanken. Nicht, weil sich moderne Ideen weltweit Bahn brechen. Man fällt nicht nur in Washington übereinander her. Die Welt sollte sich festhalten, um nicht aus der von Washington in Gang gesetzten Achterbahn hinunterzufliegen.     •