Erster Frühlingsbote: die Schneeheide

von Helmut Hintermeier, 91605 D-Gallmersgarten (Helmut_Hintermeier(at)web.de)

Besonders im Alpengebiet beschert die Schneeheide den Bienen die erste ausgiebige Honigtracht des Jahres, auch wenn die Völker zu diesem frühen Zeitpunkt damit zunächst ihren Eigenbedarf decken.
Mehr noch als die so üppige Blütenfülle sommerlicher Gärten und Wiesen erfreuen uns nach grauen Wintertagen die ersten, oft schon im Februar erscheinenden Frühlingsboten: Die in Parkanlagen und Gärten meist in grösserer Ansammlung blühenden Winterlinge (Eranthis hyemalis), Krokusse (Crocus spez.) und Blütenglöckchen. Dieser zur Familie der Heidekrautgewächse zählende, stark verzweigte Zwergstrauch kommt in Europa als Wildform in den Alpen als auch den Voralpen bis auf über 2000 m ü.M. vor. Die nadelförmigen, wintergrünen und in dichten Quirlen stehenden Blättchen dienen gleich mehreren Schmetterlingsarten als Raupenfutter. Sie bilden aber auch eine willkommene «Überbrückungs-Äsung» für das Rehwild. Die in dichten, bis zu 10 cm langen Trauben stehenden Blütenglöckchen stellen dagegen eine erste Nektar- und Pollenquelle für Honigbienen, zeitig im Frühjahr fliegende Hummeln und Solitärbienen sowie Schmetterlinge, die im Falterstadium überwintert haben, dar: Schon auf einer nur 10 cm hohen Einzelpflanze konnten neben einigen Wildbienen noch vier Kleine Füchse (Aglals urticeae) gezählt werden, die sich hier gleichzeitig ein Stelldichein gaben.

Reiches Nektar- und Pollenangebot

Die Blüten der Schneeheide werden für das nächste Jahr schon im Herbst als Knospen angelegt, so dass sie sich bei den ersten warmen Sonnenstrahlen entfalten können. Voll erblüht bildet die Krone eine lange Röhre, welche die ebenfalls rot gefärbten Kelchblätter bei weitem überragt. Solange die Staubbeutel noch in der Blütenkrone eingeschlossen sind, wird von einer Nektarscheibe am Grund der Blüte reichlich Nektar mit einem hohen Fruchtzuckeranteil ausgeschieden, aus dem die Bienen einen hell- bis dunkelgelben, bisweilen auch fast orangefarbenen Honig bereiten. Reine Schneeheiden-Honige besitzen ein starkes Aroma und einen sehr herben Geschmack; sie sind oft extrem reich an Fermenten. Der während des ganzen Tages mit einem Maximum zwischen 11 und 13 Uhr angebotene Pollen wird in weisslichen Höschen gesammelt. Wenn die dunklen, braunroten Staubbeutel weit aus den Kronröhren heraushängen, ist auch Windbestäubung möglich. Wie aus den ebenfalls gebräuchlichen Namen «Berg- oder Alpenheide» hervorgeht, bildet die Schneeheide einen charakteristischen Bestandteil der subalpinen und alpinen Region, wo der Boden in lichten Kiefernwäldern oder im Zwergstrauchgebüsch arm an Nährstoffen, aber sonnig und warm ist. Als einzige Erika-Art wächst die Schneeheide gerne auf kalkhaltigem Untergrund, findet aber auch auf schwach saurem Boden ihr Auskommen. Die robusten, nur 15–30 cm hohen Sträuchlein können ein Alter von bis zu 30 Jahren erreichen. Die Pflanzen, deren Wurzeln in innigem Kontakt mit Bodenpilzen stehen, bilden ständig neue Zweige, die sich über die älteren, abgestorbenen legen, so dass mit der Zeit ein sehr dichtes Substrat entsteht.

Mehrere Sorten

Wegen ihrer Anspruchslosigkeit, ihres feinen immergrünen Laubes, vor allem aber ihres Reichtums an schmucken Blüten wurden von der Schneeheide bis heute über ein Dutzend Spielarten gezüchtet, deren Farbskala sich von Weiss über verschiedene Rosa-Stufen bis zu Karmin- und Dunkelrot erstreckt. Ab November präsentiert sich die Sorte «Winterfreude» im klaren Violettrot. Etwas später folgt die ähnlich gefärbte, aber kompaktere «Winter Rubin», sowie die rosafarbene «Winter Beauty». Wenn die Tagestemperatur über dem Gefrierpunkt liegt, beginnt im neuen Jahr die Hauptblütezeit. Die ebenfalls rot blühende «Wintersonne» zeigt bereits vor der Blüte attraktives bronzefarbenes Laub. In einem satten Orange leuchten die feinen, nadelartig schmalen Blätter von «Whisky», und für goldgelbe Akzente sorgt das Laub von «Golden Scarlet». Bei reichlich Licht gedeihen diese Zuchtformen fast überall prächtig, wenn man ihnen wuchernde Konkurrenz – gleich welcher Art – vom Leibe hält. Besonders geeignet ist Erica carnea mit ihren Sorten für Steingärten, aber auch für eine Winterbepflanzung von Balkonkästen. Mit farbenfroher Sortenvielfalt trösten die kleinen Sträuchlein über die trüben Tage hinweg, so dass man wohl ohne Übertreibung sagen kann: «Winterheide bringt Winterfreude.»

Die nächsten Verwandten

«Auf der Heide blüht ein Blümelein, und das heisst Erika!» Dieses meist mehr laut als schön geschmetterte Marschlied ist botanisch nicht korrekt. Was auf der Heide blüht, ist in der Regel Calluna, also die Besenheide. Der Glockenheide (Erica) kann man zwar auch in den Küstengebieten Westeuropas begegnen, aber kaum in den klassischen Heidegebieten, auf die sich die eingangs zitierte Liedzeile bezieht. Zur näheren Verwandtschaft der Schneeheide zählt die Gemeine Glockenheide (Erica tetralix), die in verschiedenen europäischen Ländern auf Torf- und Moorböden (Torf-, Moor-, Sumpfheide) einen herrlichen Schmuck bildet.
In Gebieten mit hoher Luftfeuchtigkeit wächst sie nicht selten in grossen Beständen und hat als vorzügliche Bienenweide ganz wesentlich zum guten Ruf des «Heidehonigs» beigetragen. Von den Dichtern als die «Heide» besungen, ähnelt die Moorheide (Erica tetralix) zwar der Besenheide (Calluna vulgaris), hat aber grössere glöckchenförmige Blüten, die sich am Ende des bis zu 40 cm hohen Stengels zu einem Büschel zusammendrängen. Als Zuchtformen werden nur zwei von Juni bis September blühende Sorten in Weiss und Rosa angeboten, die wegen ihrer Schönheit in Gärten gerne als Moorbeetpflanzen kultiviert werden.    •

Quelle: Schweizerische Bienen-Zeitung 01/2013

Literatur:
Maurizio, A.; Schaper, F. (1994) Das Trachtpflanzenbuch. 4. Auflage. Ehrenwirth, München.

Hecker, U. (1985) Laubgehölze -Wildwachsende Bäume, Sträucher und Zwerggehölze. BLV-Verlags-gesellschaft, München.

Haenchen, H.; Saure, H. (1974) Blumen & Garten. Das praktische Pflanzen-ABC. 8 Bände, Orbis Verlag, Hamburg.

Westrich, P. (1989) Die Wildbienen Baden-Württembergs, Band 1 und 2. Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart.