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«Das Scheinwesen in der Armee»: Landesverrat in Raten 1870 – und 2013?

Der Blick in die Vergangenheit als Lehre und Mahnung für die Gegenwart – zum Buch «Konfrontation. Die Wahrheit über die Bourbaki-Legende» von Bernhard von Arx

von Tobias Salander, Historiker

Die Schweiz im Jahre 2013 – umzingelt von Freunden? Von einem Friedensnobelpreisträger EU, der Waffen in Bürgerkriegsgebiete zu schicken plant. Von einem Koloss, der die Bevölkerung einer Finanzoligarchie ausgeliefert hat und der Verarmung, dem Zerfall und gewalttätigen Unruhen entgegensteuert. Der eine schnelle Eingreiftruppe, die Eurogendfor, bereithält, die Aufstände niederschlagen soll.
Und weltweit das neue Feindbild der 16 US-Geheimdienste, veröffentlicht am 12. März: Cyber-Angriffe, die, von nichtstaatlichen Terrornetzwerken ausgeführt, die Infrastruktur von Ländern zerstören können. Und «isolierte Staaten», die zur Gefahr für die «freie» Welt werden könnten.
Mittendrin die Schweiz. Gut aufgestellt und gewappnet? In der Lage, der völkerrechtlichen Verpflichtung des Neutralen nachzukommen? Nämlich, das eigene Territorium schützen zu können? 95% der Schweizer wollen die Neutralität nicht hergeben – ist das Bewusstsein aber auch vorhanden, dass dies ohne eine starke Armee nicht geht?
Der Blick zurück in die Geschichte mag helfen, die Dinge ins rechte Licht zu rücken, hält sie uns doch einen Spiegel vor, der nicht von zeitgenössischen Manipulationen gefärbt und eingetrübt ist. Das hier vorzustellende Buch von Bernhard von Arx mit dem Titel «Konfrontation. Die Wahrheit über die Bourbaki-Legende» zeigt auf, wie schnell sich die aussenpolitische Lage zum Schlechten wenden kann, wie gefährlich charakterliche Defizite bei Führungspersonen sind und wie bitter es sich rächen könnte, wenn man in Friedenszeiten nicht Vorkehrungen für den Ernstfall trifft. Die Auseinandersetzungen zwischen Bundesrat Emil Welti und General Hans Herzog im Winter 1870/71 mögen den Nachgeborenen eine Lehre sein und die Frage aufwerfen: Wie stehen denn wir da? Sind wir uns des Ernstes der Lage bewusst? Oder dümpeln wir sorglos vor uns hin, hoffend, es werde schon nichts Schlimmes geschehen? Durch sein personales Menschen- und Geschichtsbild gelingt es von Arx, uns die damalige Zeit so nahezubringen, als wären wir selber Akteure. Ein Buch, welches geeignet ist, ein dringend nötiges Umdenken zu verstärken, allenfalls auch erst auszulösen – und dies nicht nur in Fragen der militärischen Sicherheitspolitik, sondern einer, die alle Lebensbereiche umfasst.

Die geostrategische Lage der Schweiz bringt gewisse Besonderheiten mit sich: als Hüter der seit Jahrhunderten erschlossenen Alpenpässe, als Betreiber der alpenquerenden Strassen- und Schienennetze und eines weitverzweigten Stollen- und Stauseesystems, welches die Energie des weltweit zweitgrössten Wasserschlosses zu speichern imstande ist, liegt unser Land im Herzen des europäischen Kontinents. Seit Jahrhunderten sind wir umgeben von Nachbarn, die fast die gleiche Sprache sprechen wie die Schweizer in den jeweilig angrenzenden Landesteilen, zum Teil auch den gleichen Glauben pflegen. Es ist der Wille zur Freiheit, der unser Land schon früh von den umliegenden Gebieten trennte. Im Gegensatz zur Eidgenossenschaft bildeten sich dort grosse Nationalstaaten mit zumeist einer Staatssprache und einem Zentrum heraus, einhergehend immer mit Kriegen – man denke an die Kriege von Louis XIV, den Jakobinern und Napoleon in Frankreich, an die Reichs-Einigungskriege unter Bismarck und die italienischen Einigungskriege gegen Österreich-Ungarn. Es entstanden zentralistische Grossgebilde, die einmal zwangsvereinigt, sich imperialistisch zu gebärden begannen und die Welt gewaltsam unter sich aufzuteilen versuchten, bis sie dann gegenseitig übereinander herfielen.

Sich im Frieden auf den Verteidigungskrieg vorbereiten

Während das britische Empire mit seiner Flotte die Weltmeere beherrschte, war seine Politik auf dem Kontinent die der Balance of power. Diesem Umstand und der russischen Unterstützung am Wiener Kongress von 1815 war es zu verdanken, dass der Kleinstaat Schweiz die napoleonischen Kriegswirren nicht nur territorial überlebte, sondern auch die immerwährende bewaffnete Neutralität auf eigenes Ersuchen garantiert bekam. Nach den bitteren Jahren der napoleonischen Besatzung mit den Plünderungen, Zwangsrekrutierungen und einer fremdbestimmten Zentralisierung wussten unsere Vorväter, dass man als Kleinstaat inmitten von zahlenmässig weit überlegenen Völkern und Grossgebilden nur in Freiheit überleben kann, wenn man sich in Friedenszeiten auf den Verteidigungskrieg vorbereitet und sich strikt aus fremden Händeln heraushält, wie es der weise Landesvater Bruder Klaus schon Jahrhunderte zuvor so trefflich formuliert hatte.
Man muss kein Anhänger von Geostrategen mit imperialem Gehabe wie einem ­Zbigniew Brzezinski oder Harald Mackinder sein, um zu erkennen, dass die geostrategische Lage eines Volkes sich nicht ändert, mögen auch die Zeitumstände, die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen sich weiterentwickeln. Kleinstaat bleibt Kleinstaat, Zentrumslage bleibt Zentrumslage, Binnenland bleibt Binnenland. Und: Zwischen Staaten gab es noch nie wirkliche Freundschaft, sondern lediglich Interessen. Diese Sicht der Dinge darf nicht mit Pessimismus oder einem Hobbesschen oder machiavellistischen Menschenbild verwechselt werden, wo der Mensch des Menschen Wolf ist. Sie zieht lediglich in Betracht, dass Menschen zwar soziale Wesen, aber, von Gier nach Macht, Geld und Einfluss geleitet, zu allem fähig sind, je nach Umständen. Dies bezeichneten die Gründerväter von 1291 mit dem Begriff «Arglist der Zeit», gegen welche sie sich genossenschaftlich, also von unten nach oben organisiert, wappneten.

Am personalen Menschenbild orientierte Geschichtsschreibung …

Nachdem nun 1815 die Sicherung der immerwährenden bewaffneten Neutralität völkerrechtlich errungen worden war, wäre man geneigt zu denken, dass die Schweizer Bevölkerung und ihre gewählten Politiker aus der Geschichte ihre Lehren gezogen und im Frieden ständig eine genügend starke Armee finanziert hätten – als Versicherung für den Fall der Fälle, immer hoffend, er trete nie ein.
Doch dem ist leider nicht so: So wie heute die Schweiz bei unfreundlichen Übergriffen oder gar einem Kriege völlig unvorbereitet wäre – nach dem Kahlschlag der Armeereformen der letzten Jahre, die staatsstreichartig und mit viel Desinformation und Propaganda durch Spin doctors durchgeführt wurden –, so war unser Land auch in den 1930er Jahren schlecht gerüstet. Das gleiche Bild im ­Ersten Weltkrieg, aber auch schon während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71.
Der Blick auf den Zweiten Weltkrieg wurde in den letzten Jahren durch die Bergier-Kommission ideologisch vernebelt, jener auf den Ersten Weltkrieg von gewissen Kreisen auf den Generalstreik und den Truppeneinsatz reduziert, so dass bei der unvoreingenommenen Darstellung zuerst Berge von Ideologieschutt abgetragen werden müssen.
Ganz anders bei den Ereignissen von 1870/71. Die Abläufe um die Grenzbesetzung, die Aufnahme von fast 90  000 französischen Soldaten in der Schweiz und die vorbildliche Haltung des damaligen Generals, Hans Herzog, sowie die Gastfreundschaft der Schweizer Bevölkerung, ihre Weltoffenheit und Solidarität, aber auch die zweifelhafte Haltung der Politik, insbesondere des Vorstehers des Militärdepartements, Bundesrats Emil Welti, sind Gegenstand eines hervorragend recherchierten, packend geschriebenen und am personalen Menschenbild orientierten Buches des Historikers Bernhard von Arx. Es trägt den Titel «Konfrontation. Die Wahrheit über die Bourbaki-Legende».

… ermöglicht erhellende Vergleiche mit der Situation heute

Mögen jetzt auch schon über 140 Jahre ins Land gezogen sein, seit sich die Schweiz vor der tödlichen Gefahr einer Besetzung durch flüchtende Franzosen und ihnen nachsetzende Deutsche, insgesamt eine Viertelmillion Mann unter Waffen, mit mehr Glück als Verstand hat retten können, so merkt der Leser mehrmals auf: Ist das nicht unsere Situation heute? Laufen wir nicht wieder blauäugig in eine mögliche Katastrophe? Sind nicht einmal mehr geltungssüchtige und fremden Herren hörige Exekutivpolitiker drauf und dran, die Existenz unseres Landes leichtfertig aufs Spiel zu setzen? Werden nicht auch heute Mahner verunglimpft und als Alarmisten abgetan? Handelt es sich nicht auch heute wieder um Landesverrat, wenn der Armee derart wenig Mittel und Männer zur Verfügung gestellt werden, so dass sie ihren Auftrag nicht im Entferntesten wahrnehmen kann? In die Geschichte schauen heisst immer, der eigenen Zeit einen Spiegel vorzuhalten – und frei nach einem Lichtenberg-Aphorismus sieht das Bild darin nicht rosig aus, muss es nicht alleweil am Spiegel liegen …

Heute die Gruppe Giardino …

Die Akteure heute? Hie die Mehrheit der Bevölkerung und die Gruppe Giardino, die auf die katastrophalen Missstände in unserer Armee hinweist und den Verfassungsauftrag ernst nimmt, auch die Pflicht des Neutralen, das eigene Territorium adäquat verteidigen zu können – da Vertreter der Classe politique und der Hauptstrom-Medien, die mit Grossgebilden wie der Nato liebäugeln und die Schweiz schon in deren Vorhölle, die Partnership for Peace (PfP), geführt haben, die von «Aufwuchsfähigkeit» sprechen, um die Nato-konforme Reduzierung der Armee auf «Module» zu verschleiern.

… damals General Hans Herzog

Die Akteure einst? Hie das Schweizer Volk, die Mehrheit der Medien und ein beherzter General Hans Herzog, welche die Gefahren in aller Deutlichkeit erkannten und alles versuchten, eine starke Grenzsicherung auf die Beine zu stellen, aber vor lauter Aufwuchsproblemen schier verzweifelten – da Vertreter der Classe politique, als deren Sprachrohre der Finanzminister Céresole, vor allem aber der damalige Bundesrat Emil Welti gelten müssen. Letzterer diente dem Eisenbahnkönig Escher, vernachlässigte alles andere, insbesondere sein Kerngeschäft, die Landesverteidigung, und wies charakterliche Defizite auf: Eitelkeit, Herrschsucht und Intrigantentum zeichnet von Arx nach, welche die Schweiz an den Rand einer Katastrophe führten. Zudem wird in der historischen Distanz deutlich, was die Privatisierung des Service public und eine fehlende Armeeorganisation in Krisenzeiten bedeuten können: Da wird die Sicherung des Landes zum Schacher, da muss die Politik als Bittstellerin bei Privatbahnen auftreten, die doch gnädigst Wagons und Lokomotiven zur Verfügung stellen sollen, damit die Truppen, aber auch die verwundeten französischen Soldaten, nicht zuletzt der General befördert werden können. Da bereichern sich Kaufleute, die die Notlage ausnützen und stark überhöhte Lebensmittelpreise für die Soldaten verlangen, die über keine Feldküche verfügen, kein ausreichendes Schuhwerk usw. Abläufe, die im Jahre 2013 zu denken geben müssen, nachdem unsere Zeughäuser ihre hochwertigen Produkte auf Auktionen verscherbeln, die Privatisierungswelle Urständ feiert und die Gier nicht heimatverbundener «Abzocker» nur mit grossen Anstrengungen aus der Bevölkerung heraus eingedämmt werden kann.
Dogma des (Neo-)Liberalismus:

«Das Volk muss getäuscht werden!»

So wie heute die Classe politique immer wieder Mühe mit der Volkssouveränität, der Initiative und dem Referendum bekundet und ab und an wohl am liebsten das Volk auswechseln möchte, so taten sich die Liberalen des 19. Jahrhunderts schwer damit, vom hohen Ross herunterzusteigen und das Volk anders denn als Manipuliermasse zu sehen. Einer dieser elitären Herren war Bundesrat Emil Welti: Das Volk müsse getäuscht werden, allenfalls sei ihm Honig ums Maul zu streichen, damit es ruhig bleibe, insgesamt seien die Wünsche des Volkes dem Regieren eher hinderlich, so von Arx über diesen Magistraten in den einleitenden Seiten seines Buches. Wer sich dabei an die US-Neokonservativen mit ihrer dubiosen Referenz­figur Leo Strauss erinnert fühlt, die basierend auf einem Hobbesschen bis kabbalistischen Menschenbild den Menschen nicht personal und ohne jede Würde sahen und Lüge und Ausbeutung befürworteten, liegt wohl nicht so weit daneben – so liesse sich auch heute das Problem gewisser Liberaler mit der direkten Demokratie und die Willfährigkeit gegenüber den Wünschen der heutigen Eschers, die wohl in den Kreisen der Hochfinanz zu suchen sind, erklären.

Die Mär von der «Aufwuchsfähigkeit» heute und damals

Wer meint, das Jahr 2013 bedeute Frieden schlechthin und die Schweiz sei weit entfernt davon, ernsthaft bedroht zu werden, mag sich durch den Blick in die Geschichte nachdenklich stimmen lassen: Von 1933 bis 1939, von der Abschaffung der Demokratie bis zum Krieg, brauchte Deutschland nur sechs Jahre. So schnell können sich Verhältnisse ändern. Die Schweiz hatte lange, zu lange gebraucht, bis der Burgfrieden hergestellt war, der Schulterschluss zwischen Links, Mitte und Rechts, bis man die Landesverteidigung ernsthaft an die Hand nahm. Von der Landesversorgung gar nicht zu sprechen. Hätte man in den frühen 1930er Jahren von «Aufwuchsfähigkeit» der Armee im Zeitraum von 10 Jahren gesprochen, wäre man 1939 kalt erwischt worden. Den Begriff des «Aufwachsens» der Armee kannte man damals so noch nicht – und man wurde kalt erwischt –, man war schlicht nicht genügend vorbereitet und hatte Glück, dass Hitler die 1940 ausgefertigte Operation Tannenbaum gegen die Schweiz nicht umsetzte. Hunderttausende Tote wären wohl die Folge gewesen. Später dann, so zeigen die Berichte deutscher Generäle, nahm man die Schweizer Armee durchaus ernst, nicht zuletzt wegen des Genies von General Guisan und seiner der Not gehorchend errichteten Reduit-Stellung.
Analog die Situation vor dem Ersten Weltkrieg: Im Sommer 1914 feierten die Europäer ein Fest nach dem anderen, man fuhr in die erst seit kurzem mögliche Sommerfrische und genoss das Leben – und übersah die Gewitterwolken und das aufziehende Unwetter geflissentlich. Dass die Schweiz auf Grund mangelnder Vorbereitung durch die politische Elite schon bald ihre Wirtschaftsfreiheit verlor und sich von Frankreich und Grossbritannien diktieren lassen musste, hat Daniele Ganser in seinem Buch «Europa im Erdölrausch» aufgezeigt.

Wie aus Charakterdefiziten von Politikern Landesverrat wird

Nicht anders war es im Jahre 1870. Zum grossen Bedauern der Schweizer Bevölkerung steuerten die Eliten der beiden Nachbarn Deutschland und Frankreich auf einen Krieg hin. Das Prestige von Napoleon III. und das ­politische Kalkül der deutschen Reichs-Einiger, die auf Blut und Eisen setzten, opferten den Frieden ihrer Völker in verbrecherischer Art und Weise. Deswegen erklärte die Schweiz am 16. Juli 1870 die unbedingte Neutralität – was bedeutete, dass man sich weder einmischte noch dulden würde, dass die Kriegsparteien Schweizer Boden für ihre Kriegspläne nutzen durften. Gleichentags entschied der Gesamtbundesrat, dass fünf Divisionen mit insgesamt 37 000 Mann aufzubieten seien. Am 19. Juli, dem Tag der Kriegserklärung Frankreichs an Preussen, wählte die Vereinigte Bundesversammlung den Aarauer Obersten Hans Herzog zum General. Bundesrat Welti liess sich in dieser angespannten Situation für das Land von egoistischen Motiven leiten: Damit der General nicht zu mächtig wurde und ihm in der Sonne stehen konnte, drückte er einen General­stabschef durch, der nicht dem Wunsche des Generals entsprach; auch behielt er sich den Entscheid über das Aufgebot von Truppen oder der ganzen Armee vor. Im Notfall hätte es so Tage gedauert, bis Truppen an den entsprechenden Brennpunkten zum Einsatz gekommen wären – ein Vorgehen, welches, zusammen mit den dauernden Bremsmanövern Weltis, von Herzog später in einer Aussprache im Beisein von hohen Offizieren als möglicher Landesverrat tituliert wurde.

Das «Scheinwesen in der Armee» – ein Verbrechen der Behörden gegenüber dem Gesamtvaterland

Trotz der zweifelhaften Motive Weltis für die Wahl von Herzog entpuppte sich die Wahl als Glücksfall für die Schweiz. Denn mit General Herzog stand ein aufrechter, ehrlicher und volksverbundener Mann an der Spitze der Armee. Der Schlusssatz seines ersten Tagesbefehls macht den Unterschied zur sattsam bekannten, waffenklirrenden Sprache der Oberbefehlshaber fremder Armeen deutlich; denn bei Herzog hiess es: »Mit diesen wenigen Worten begrüsst euch von ganzem Herzen der Oberbefehlshaber der eidgenössischen Armee. Hans Herzog» (zit. nach von Arx, S. 43). Für Herzog zählten nur die fachlichen und charakterlichen Eigenschaften bei der Besetzung der Offiziersposten. Ganz an der Sache orientiert, verschaffte er sich ein genaues Bild über den Personal-, Ausbildungs- und Materialbestand der eingerückten Truppen – und war oft der Verzweiflung nahe ob der egoistischen, kurzsichtigen und hartherzigen Einstellung von Bundesrat Welti, diverser Kantonsbehörden, aber auch der Anzahl privater Unternehmer, die den höchstmöglichen Profit aus der Misere ziehen wollten. Dabei genossen doch gerade auch sie den Schutz der aufgebotenen Truppen! Als sich der General auch um die Versorgung der Bevölkerung kümmern wollte, pfiff ihn der Bundesrat zurück. In seinem Bericht über die «Truppenaufstellung im Juli und August 1870» wies General Herzog auf die Missstände hin und bezeichnete die Versäumnisse der diversen Akteure als «ein Verbrechen der betreffenden Behörde gegenüber den Landeskindern und dem Gesamtvaterland» (zit. nach von Arx, S. 55). Man dürfe nicht nur vom Bürger Opfer verlangen, zuerst sei es Pflicht des Staates, alles bereitzustellen, was die Armee benötige, um schlagfertig zu sein. Da sich manches nur auf dem Papier gut ausnahm, sprach er vom «Scheinwesen in der Armee» (zit. nach von Arx, S. 55).

General Bourbakis Armee: Gewalt gegen die Schweiz oder Internierung?

Doch die Schweiz hatte Glück: Im August 1870 präsentierte sich die Situation in der Nähe der Schweizer Grenze so ruhig, dass ein wesentlicher Teil der Truppen nach Hause entlassen werden konnte. Auch der grosse Generalstab, der während fünf Wochen in Olten stationiert war, konnte personell stark reduziert werden.
Am 2. September 1870 siegten die Deutschen in Sedan, Napoleon geriet in Gefangenschaft, dankte ab, während die Franzosen die Dritte Republik ausriefen. General Herzog ersuchte um seine Entlassung, ein Anliegen, welches von Welti nicht beantwortet wurde. Er wollte keinen anderen General, der ihm auf Grund forscheren Auftretens hätte gefährlich werden können. Es dauerte dann bis zum 31. Dezember 1870, bis Herzog die Aufgaben des Generals wieder aktiv ausübte. So hatte die Schweiz, wenigstens was die Führungsebene betraf, wieder eine geführte Armee, als am 18. Januar 1871 in Versailles das deutsche Kaiserreich ausgerufen wurde und die französische Führung unter Gambetta den Volkskrieg gegen die Deutschen entfesselte. Für die Schweiz bedeutsam und um ein Haar schicksalhaft wurde der Auftrag der neuen französischen Regierung für General Charles Denis Bourbaki, der dahingehend lautete, das belagerte Belfort zu befreien und dann nach Süddeutschland vorzustossen. Damit war die Schweiz wieder in Gefahr, in die Kriegsereignisse verwickelt zu werden. Nach dem Scheitern des Vorhabens machte Bourbaki einen Suizidversuch, und sein Nachfolger General Justin Clinchant sah sich gezwungen, entweder mit Gewalt durch die Schweiz zu ziehen und sich mit den Truppen im Süden zu vereinen oder sich in der Schweiz internieren zu lassen. Und so kam es zu der Situation, die bis heute in Luzern im Bourbaki-Museum als monumentales Panoramagemälde verewigt ist: Zum Übertritt von fast 90 000 französischen Soldaten in die Schweiz an diversen Punkten, unter anderem in Les Verrières.

19 500 gegen 250 000: das Versagen der Politik

Militärisch gesehen waren damals die Torflügel in die Schweiz weit offen, so wie es General Herzog befürchtet hatte: Denn auf Grund des Versagens der Politik hatte Herzog nur 19 500 Mann zur Verfügung, während ihm 250 000 fremde Soldaten, Franzosen und, ihnen nachjagend, die Deutschen gegenüberstanden. Dass es noch einmal gut ging, das wissen wir heute. Damals aber sahen sich General Herzog, seine Offiziere und Soldaten bei jeder neuen französischen Einheit vor der offenen Situation, ob die weit überlegenen Franzosen sich den Weg mit Gewalt erkämpfen oder sich entwaffnen lassen würden. Im ersten Fall hätte damit gerechnet werden müssen, dass die Deutschen nachgestossen wären, und das Bundeshaus in Bern mit dem untätigen Welti wäre schneller umstellt gewesen, als man hätte reagieren können. Die Unabhängigkeit des Landes stand also auf Messers Schneide, und es war schieres Glück, dass die Waffen schwiegen. Nie hätten die Franzosen sich ausmalen können, dass die wehrhaften Eidgenossen sich derart schlecht aufgestellt hatten, und so mancher bereute es dann bitter, dass er sich hatte entwaffnen lassen, als klar wurde, dass ein Durchmarsch problemlos möglich gewesen wäre.

Man kann nicht ewig vom Ruhm der Ahnen profitieren

Ob sich heute in einer Krisensituation fremde Mächte auch so leicht täuschen lassen würden, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden – und auch da ist man geneigt, wie Herzog damals, im Fall der Fälle von Landesverrat der zuständigen Stellen zu sprechen. Landesverrat dann, wenn im Ernstfall die Truppen überrannt würden – und bei der heutigen Stärke der Armee würde die Truppe mit Leichtigkeit überrannt oder von der Luft her vernichtet.
Allein in der Gegend von Ste-Croix standen Anfang Februar 1871 lediglich 348 Schweizer 13 000 Franzosen gegenüber, darunter 600 schwerbewaffneten Kavalleristen, die kurzen Prozess hätten machen können. Nicht immer wird man so wie damals vom Ruhm der Ahnen profitieren können, quasi als Gratis-Waffe, der Kredit ist irgendwann auch einmal verspielt – heute sicher.
Drei Tage und zwei Nächte dauerte der Übertritt der 90 000 Mann – und oft war es nur die Aktion eines einzigen beherzten Schweizer Offiziers, welcher die zum Teil führerlosen Franzosen stoppen konnte. Edouard Castres, der vor Ort dabei war, machte ungezählte Skizzen, die er dann zum Monumentalgemälde komponierte – die Betrachtung der Szenerie im Luzerner Museum ist auch heute noch, im Zeitalter der medialen Überflutung, ein überwältigendes Erlebnis.
90 000 Franzosen tragen das Schweizer Friedensmodell im Herzen mit nach Hause
Was dann folgte, war die Einquartierung von 90 000 Männern in den Schweizer Kantonen und Gemeinden. Eine Leistung der Schweizer Bevölkerung, die noch heute Hochachtung verdient. Vom 3. Februar 1871 an lebten diese gestrandeten Menschen in der Friedens­insel Schweiz, bevor am 24. März 1871 der letzte Internierte den Nachhauseweg antreten konnte. Die sechs Wochen waren intensiv gewesen, die Zeitungen voll von Berichten, wie man zusammenrückte und die Fremden nach anfänglicher Vorsicht als Bereicherung erlebte. Beim Abschied soll auch so manche Träne geflossen sein, waren die jungen Männer doch oft äusserst hübsche Burschen mit gepflegten Umgangsformen. Die Schweizer Gemeinden liessen es aber nicht bei Herzensgrüssen bewenden. An vielen Orten wurden den Heimreisenden Broschüren mitgegeben, die das Modell Schweiz auf französisch erläuterten. Dies in der Hoffnung, dass das Friedensmodell des von unten nach oben aufgebauten föderalistischen Bundesstaates mit seiner weitgehenden Gemeindeautonomie in der bevorstehenden Verfassungsdiskussion in Frankreich fruchtbar und als Antidot gegen den zentralistischen Machtstaat einfliessen möge. So wie nach dem Zweiten Weltkrieg ja auch die in der Schweiz Schutz suchenden bayrischen Flüchtlinge die Ideen der direkten Demokratie nach Hause trugen. Diese Broschüren waren ein Beitrag der Schweiz zur Friedensförderung, denn all den Franzosen war klar geworden: Wären alle Staaten so wie die Schweiz aufgebaut, wären Kriege obsolet!

General Hans Herzog – so populär wie später General Guisan

Schon am 16. Februar 1871 war General Herzog wieder zurück ins Glied getreten und stand seinem Land weiterhin als Oberst zur Verfügung. Er war zu der Zeit, zum grossen Ärger Emil Weltis, weitaus der populärste Schweizer – nicht seiner Uniform, sondern seines vorbildhaften Verhaltens als Protector patriae, als Schutzgarant des Landes, wegen. Sein Bild hing in fast jeder Wohnstube, so wie rund 70 Jahre später jenes von General Guisan. Als Herzog mit 75 Jahren im Jahre 1894 verschied, folgte seinem Sarg zum Friedhof in Aarau ein endloses Geleit von Männern und Frauen aus allen Ständen, Wehrmänner und Offiziere, Behördenvertreter und Bundespräsident Emil Frei. Bundesrat Emil Welti hingegen glänzte durch Abwesenheit. Welti selber starb fünf Jahre später im Jahre 1899. Von Arx schreibt abschliessend über ihn, und das mag heutigen Politikern ins Stammbuch geschrieben sein, damit sie dereinst ein anderes Bild hinterlassen können: Emil Welti «war machtbesessen und handelte daher oft eigenmächtig, und dies nicht nur am Rande der Gesetze, sondern nicht selten jenseits von deren Grenzen, weil er wusste, dass ihn niemand daran zu hindern wagte. Sein stures Festhalten an dem, was er – und nur er – für richtig hielt, führte die Schweiz während des Krieges mehrmals an den Rand der Katastrophe. Ausserdem war er nachträgerisch. Dass ihn Herzog einmal als möglichen Landesverräter bezeichnet hatte, verzieh er ihm nie.»
Das Friedensmodell Schweiz bewahren – als Hoffnung auch für andere Länder
Was die heutige junge Generation aus der Situation von 1870/71 lernen kann? Dass vorbeugen besser ist, als nachträglich zu jammern. Dass Menschen mit offensichtlichen Charakterdefiziten nicht in verantwortungsvolle Ämter zu wählen sind. Dass solche Defizite, sollten sie erst im Laufe einer Amtsperiode auftreten, von den Mitbürgern würdig, aber beherzt und ohne falsche Rücksichtsnahme benannt werden müssen. Lassen sie sich nicht beheben, muss der Amtsträger ins Glied zurücktreten. Dass Mahner von Missständen nicht in die Ecke gestellt werden dürfen, sondern in Ruhe anzuhören sind und ihre Anmerkungen öffentlich diskutiert gehören. Und, so ungern man es zur Kenntnis nehmen will: dass die Arglist der Zeit sich in immer neuem Gewande präsentiert und man sich deswegen wappnen muss. Der Igel hat Stacheln, damit er sie stellen kann, wenn nötig. So hat sich das Schweizer Volk zu rüsten, will es denn unabhängig bleiben – immer in der Hoffnung, die Waffen nie einsetzen zu müssen und in Frieden leben zu können. Dass die Verteidigungsfähigkeit völkerrechtlich auch unsere Pflicht ist, kommt dazu. Und: die anderen Länder schauen auf uns, auf das Friedensmodell der immerwährenden, bewaffneten Neutralität. Enttäuschen wir weder sie noch unsere Nachkommen!    •

Literatur: Bernhard von Arx. Konfrontation. Die Wahrheit über die Bourbaki-Legende. Zürich 2012. ISBN 978-3-03823-744-0.

«Sind nicht einmal mehr geltungssüchtige und fremden Herren hörige Exekutivpolitiker drauf und dran, die Existenz unseres Landes leichtfertig aufs Spiel zu setzen? Werden nicht auch heute Mahner verunglimpft und als Alarmisten abgetan? Handelt es sich nicht auch heute wieder um Landesverrat, wenn der Armee derart wenig Mittel und Männer zur Verfügung gestellt werden, so dass sie ihren Auftrag nicht im Entferntesten wahrnehmen kann?»