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Verständnis für Iran!

von Gotthard Frick, Bottmingen

Iran wird in den westlichen Medien als finsteres, feindliches Land dargestellt, dabei müssten wir Schweizer an sich seinem Bemühen, eine eigenständige Politik zu verfolgen, mit grossem Verständnis und mit Sympathie begegnen. Das Land wurde während eines grossen Teils des 20. Jahrhunderts von Grossbritannien und den USA beherrscht. Obschon während des Zweiten Weltkrieges neutral, wurde es in einer gemeinsamen Militäraktion Grossbritanniens und der Sowjetunion, der sich später noch die USA anschlossen, überfallen und besetzt und musste seine Neutralität aufgeben. Der nach dem Krieg demokratisch gewählte Präsident Mossadegh wurde in einem von den Westmächten inzenierten Coup gestürzt, als er die Ölindustrie verstaatlicht hatte, und der auf ihn folgende Schah war eine Marionette der USA, die dessen Politik über ihre Botschaft in Teheran bestimmte, wie nach dessen Fall bewiesen wurde.
Wie ein damals führender Altertumswissenschafter des Landes dem Verfasser im Rahmen eines grösseren Projektes einmal vorwarf, sähen die Europäer Iran nur durch die Augen der alten Griechen, für die die Perser Barbaren waren. Im Altertum drückte das Wort aber nicht «unzivilisierte Wilde» aus, wie heute, sondern sagte nur, dass sie nicht griechisch sprachen.
Iran verfügt über eine der ältesten Hochkulturen und war im Altertum auch technisch mit an der Spitze. So hatte es zum Beispiel ausgeklügelte Kühlanlagen für Wohnhäuser entwickelt, und die Oberschicht ass auch im heissesten Sommer Eisspeisen.
Angesichts dieser durch Fremdbestimmung geprägten Vergangenheit ist das heutige Anliegen des Landes, politisch, wirtschaftlich, aber auch in Fragen der Landesverteidigung selbstständig zu werden, sehr verständlich. Warum soll Iran sein Atomprogramm einer internationalen Kontrolle unterziehen, wenn ein anderes Land in der Region ohne irgendwelche Sanktionen befürchten zu müssen, dank der Unterstützung durch den Westen, sich internationalen Kontrollen entziehen, ein Arsenal von Atomwaffen halten und Uno-Resolutionen ignorieren kann?
Man wirft dem Land vor, Israel auslöschen zu wollen. Aber stimmen die verfügbaren Übersetzungen aus dem Farsi-Originaltext, so richtet sich diese Drohung direkt gegen das gegenwärtige Regime, also die Regierung Israels mit ihrer Annexionspolitik. Die iranische Führung unterscheidet auch offiziell zwischen dem positiv bewerteten Judentum und dem als negativ wahrgenommenen Zionismus.
Die iranische Variante des schiitischen Islams (Imamismus) mit seinem Märtyrertum wirkt auf Europäer etwas befremdlich, besonders wenn an einem Feiertag Tausende von Männern mit nacktem Oberkörper vorbeiziehen und sich mit Peitschen ihre eigenen Rücken blutig schlagen. Auf der anderen Seite schützt das Land seine anderen alten Religionsgemeinschaften, die Juden, die armenischen, assyrischen und chaldäischen Christen und die Anhänger Zoroastros, die zusammen einen verfassungsmässigen Anspruch auf fünf Sitze im Parlament haben, darunter einen für die Juden. Diese Minderheiten verfügen damit über eine weit überproportionale Vertretung. Allein im heutigen Teheran gibt es mindestens elf blühende Synagogen, teils mit angeschlossenen hebräischen Schulen. Es gibt koschere Metzgereien und Restaurants, einen jüdischen Friedhof, und das Tanz- und Alkoholverbot gilt nicht für die jüdische Gemeinde an ihren Feiertagen. Das Land hat mit bis zu 35 000 Mitgliedern (doppelt so viele wie die Schweiz!) noch die einzige bedeutende jüdische Gemeinde im ganzen muslimischen mittleren Osten. Beziehungen zu Israel sind ihr allerdings versperrt.
Es wäre Zeit, dass wir dem Land mit mehr Sympathie und Verständnis entgegentreten.    •

Quellen: sephardisticstudies.org, youtube.com, ­theintelligence.de