«Opas Computer-Geheimnis»

«Opas Computer-Geheimnis»

Eine Empfehlung für ein wertvolles Kinderbuch

db. Eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung für unsere Kinder, das ist wohl ein Thema, das allen Eltern unter den Nägeln brennt. Geht es doch darum, das Kind in spielerischer Vorwegnahme auf die Realität des Erwachsenenlebens vorzubereiten, und zwar auf ein Erwachsenenleben, in dem es einmal einen sinnvollen Beitrag zum Erhalt des Gemeinwohls leisten kann, in dem es einmal einstehen wird für Frieden in Gleichwertigkeit und Freiheit.
Spazieren wir durch die Einkaufs­strassen unserer Städte, finden wir in den Schau­fenster­auslagen der Spielwarenläden Kriegsmaterial in Form der modernsten Kriegstechnologie und martialische Computerspiele in Hülle und Fülle. Geht man in der Fachliteratur der Frage nach, wie sich denn solches Kriegsspielzeug auf das Gemüt unserer Kinder auswirkt, kommt man zu höchst beunruhigenden Resultaten. Es ist da zu lesen, dass diese Computerspiele nach dem Korea-Krieg entwickelt worden waren, weil die amerikanischen Soldaten «eine zu starke Hemmung vor dem Töten» hatten. Mit der Entwicklung solcher Computerspiele sollte den Soldaten die jedem Menschen innewohnende natürliche Tötungshemmung abtrainiert werden. Und genau diese Spiele sind einige Jahre später auf dem Spielzeugmarkt erschienen. Diese Spiele zur Kriegsvorbereitung zeigten bereits grausige Auswirkungen. Die aufgeschreckte Öffentlichkeit musste bestürzt davon Kenntnis nehmen, dass Amokläufer, die als ruhige und unauffällige Schüler galten, grauenhafte Massaker an ihren Mitschülern und Lehrern verübten. Täterbefragungen ergaben, dass diese in täglichen stundenlangen Übungen mit ihren Computerspielen ihre Tötungshemmung abgebaut und das Morden trainiert hatten. Noch sind diese Erkenntnisse nicht weit verbreitet. Die Untersuchungsergebnisse liegen zwar vor, jedoch eine mächtige Kriegsindustrie ist rührig darum bemüht, dieses Wissen unter Verschluss zu halten. Um so mehr Grund für alle Eltern, sich vertieft mit diesen Untersuchungen vertraut zu machen und entsprechende Konsequenzen daraus zu ziehen.
Bewegen wir uns weiter auf unserem Einkaufsbummel, immer noch auf der Suche nach sinnvoller Freizeitbeschäftigung für unsere Kinder, entdecken wir Barbie-Puppen, die den Mädchen Vorbild sein sollen, ihnen den Weg leiten sollen, wie man als Frau mittels aufreizender teurer Kleidung ganz gemäss dem Motto von Christine Lagarde «sich im Bett die Karriereleiter hocharbeiten» kann. Gehen wir dann zur Bücherabteilung, so ist eine ganz eigenartige Anhäufung von Büchern zu finden, die sich nur mit Phantasiewelten beschäftigen, mit Hexen, Zauberern und Vampiren, welche mal als Helden, mal als Bösewichte oder gar als Mischung von beidem den Kindern den Geist verwirren, sie von der Realität wegführen und ihnen ein ganz und gar unrealistisches Bild vom Leben und den Menschen vermitteln. Die Irreführung unserer Kinder ist Programm. Warum sonst wurden sogar an der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in London Hexenmeister wie Harry Potter, Monster und verführerische Zauberinnen wie Mary Poppins – eine charmante Kinderfrau, welche die ihr anvertrauten Kinder in Zauberwelten entführt und ihnen so ihr unerträgliches Dasein mit ihren geldgierigen, rigiden und abgehobenen Eltern versüsst, die schliesslich sogar die Eltern verzaubert, sie wegführt von ihrem Lebensplan in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang und sie hinausführt in die Irrealität, in ein zuckersüsses Leben, in zuckersüsser Übereinstimmung mit ihren zuckersüssen Kindern – pompös zelebriert?
Was also sollen wir unseren Kindern zu lesen geben? Womit sollen sie sich in ihrer Freizeit beschäftigen? Sicher nicht mit irrealen und absurden Phantasiegeschichten, sicher nicht mit unsinnigen Identifikationsfiguren, die skrupellos die Erwachsenen umgehen, stehlen, töten, ärgern, wo sie nur können, und all den Verherrlichungen dieser Untaten.
Mir kam ein Büchlein in den Sinn, das ich vor vielen Jahren mit meinen Erstklässlern am Ende des ersten Schuljahres gelesen hatte. In diesem Büchlein erzählt Ursel Scheffler die Geschichte von Uli, dem Zweitklässler, der in den Herbstferien seinen Gross­vater besuchen geht, weil seine Eltern zu einer Computermesse fahren wollen. Ulis Kopf ist voll von Computer-Gedanken, und als er bei seinem Grossvater eintrifft, meint er schnell, feststellen zu müssen, dass dieser nicht auf dem aktuellsten Stand der technologischen Entwicklung sei. Uli fühlt sich klüger und besser als sein lebenserfahrener, bodenständiger Grossvater. Und nun zeigt Ursel Scheffler auf, wie Ulis Grossvater sorgfältig, mit grösstem pädagogischem Geschick, von dem sich mancher noch eine Scheibe abschneiden könnte, zunächst die Achtung seines Enkels zurückgewinnt, weil er offenbar doch auch etwas von der modernsten Technologie versteht, und dann Schritt für Schritt seine Gedanken weg vom Computer hin zur Natur lenkt, um schliesslich ein echtes Interesse an der Natur zu wecken.
Der Grossvater erzählt Uli von einem Computer, der irgendwo in seinem Gartenhaus liegt und von einem gebaut wurde, der viel grösser ist als er. «Uli sieht zu seinem Grossvater auf. Der ist einen Meter sechsundachtzig gross. Mit Mütze einsneunzig. Einer, der noch grösser ist? Donnerwetterl!» Gespannt kann Uli kaum warten, bis Opa ihm diesen Computer zeigt, und Uli verliert erstmals seine kindliche Überheblichkeit, er will diesen eigenartigen Computer unbedingt kennenlernen. Doch die pädagogische Arbeit ist noch nicht vollendet. Als der Grossvater den Schlüssel zum Gartenhaus – in dem der Computer stehen soll – unter einem Blumentopf sucht, findet Uli seinen Grossvater doch ganz schön leichtsinnig, jetzt, wo doch ein Computer darin stehen soll. Doch als der Grossvater die Läden öffnet, das Sonnenlicht ins Gartenhaus hineinlässt und seinem Enkel erklärt, sein Computer funktioniere mit Sonnenenergie, ist Uli doch sehr beeindruckt. «Opa ist wirklich auf dem letzten Stand der Technik.»
Die Autorin beschreibt das Auf und Ab der Gefühle des Enkels, bis er endlich erfährt, dass Opas Computer-Geheimnis in einem Sonnenblumenkern begründet liegt. «Du wirst staunen, wie viele Informationen in dem kleinen Kern gespeichert sind», vermittelt er seinem Enkel, und nun beginnt ein fachmännisches Gespräch zwischen Opa und Enkel, in dem der Grossvater dem technologischen Wortschatz seines Enkels Rechnung trägt. Und da erkennt Uli, dass Opas Computer unendlich viel wertvoller ist als der ausgeklügeltste Computer der Welt. Welcher Computer ist schon in der Lage, sich selbst zu vervielfältigen, und «die anderen Computer stehen nach ein paar Jahren nutzlos herum und schmecken nicht einmal mehr den Spatzen!» Jetzt ist Uli still und denkt nach. Zum Schluss bückt er sich, hebt eine leere Nussschale auf, füllt sie mit Erde und steckt einen Sonnenblumenkern hinein. «Jetzt weiss ich, was ich Mama und Papa von der Reise mitbringen kann.»
Dieses wertvolle Kinderbuch ist liebevoll bebildert. Der Künstlerin ist es gelungen, die Entwicklung des oben beschriebenen Prozesses in den Gesichtern des Grossvaters und seines Enkels auszudrücken. Leider ist das Büchlein vergriffen. Vielleicht findet sich ein Verlag, der es sich zur Aufgabe macht, diese Kostbarkeit wieder unseren Kindern zugänglich zu machen.    •

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