Ungarn hat alle genmanipulierten Maisfelder von Monsanto und Pioneer beseitigt

Ungarns Premierminister Viktor Orban hat den Chemie-, Nahrungsmittel- und Saatgutgiganten Monsanto aus dem Land geschmissen. Die Natur zu patentieren und durch Gentechnik einzugreifen, ist ein Akt gegen die Schöpfung und wird von der Natur nicht hingenommen werden. Die ersten gefährlichen Auswirkungen werden trotz Manipulation durch die Chemiekonzerne nun auch in den Medien publik gemacht. Ungarn zerstörte alle genmanipulierten Maisfelder von Monsanto und Pioneer, bevor Pollen freigesetzt wurden, bestätigte der stellvertretende Minister für ländliche Entwicklung Lajos Bognar. Anders als in vielen EU-Staaten sind genmanipulierte Samen in Ungarn verboten. Im Gegenzug sind die USA dabei, Handelskriege gegen Nationen zu starten, die gegen Monsanto und genmanipulierte Pflanzen sind. Am 6.9.2012 kündigte Orban zudem die Zusammenarbeit mit dem IWF auf, da dessen Bedingungen für eine Kreditvergabe für Ungarn unannehmbar sind. Er verzichtete auf den 15 Mia. Euro-Kredit.

Quelle: Inter-Info vom Oktober 2012

«Wenn man die Risiken nicht vor der Zulassung klärt, dann sind wir der Fütterungsversuch»

Zur Séralini-Langzeit-Studie über den gentechnisch veränderten Mais NK603

von Eva-Maria Riester, Biologin

Im September 2012 erschien in der renommierten Fachzeitschrift «Food and Chemical Toxicology» 50 (4221–4231)1 eine der seltenen Langzeit-Studien über den gentechnisch veränderten Mais NK603 der Firma Monsanto, welcher in der Europäischen Union seit 2004/2005 als Lebens- und Futtermittel zugelassen ist. Seitdem wird diese Studie in unterschiedlicher Weise von Behörden, Wissenschaftlern und Verbänden bewertet; in der Presse wurde einerseits alarmierend, andererseits beschwichtigend berichtet. Von seiten der offiziellen Stellen wie der European Food ­Safety Authority (EFSA)2, welche für die Zulassungen in der EU zuständig ist, hagelte es Kritik, so dass die Forschungsergebnisse fast als unsinnige Übertreibungen erscheinen könnten. Die Stellungnahme des Bundes­institutes für Risikobewertung (BfR)3 folgt dieser Einschätzung – teilweise wortgleich. Auch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) äusserte sich ähnlich.4 Ist eine Studie erst einmal als «umstritten» abqualifiziert, könnte sie leicht wie zufällig in Vergessenheit geraten. Doch zu viele sind schon aufmerksam geworden.

Die widersprüchlichen Darstellungen schaffen für den Verbraucher das Problem, welchen Äusserungen er Glauben schenken soll, ob die Kritik an Séralinis Studie berechtigt ist oder ob nicht doch ernsthafte gesundheitliche Schäden durch den transgenen Mais als Futter- oder Nahrungsmittel zu erwarten sind. Eine schwierige Frage.
Was haben Séralini und sein wissenschaftliches Team an der Universität von Caen untersucht? Sie führten einen 2jährigen Langzeitversuch mit 200 Ratten durch. Eine Versuchsgruppe umfasste 20 Tiere (10 männlich/10 weiblich). Drei Gruppen erhielten Genmais NK603 in je drei verschiedenen Konzentrationen als Futtermittel, bei drei weiteren war dieser Mais vorher mit Glyphosat (Unkrautvertilgungsmittel) behandelt worden. Drei weitere Gruppen bekamen Glyphosat in je drei verschiedenen Konzentrationen im Trinkwasser verabreicht, jedoch nicht – wie sonst üblich – als isolierten Wirkstoff, sondern in einem handelsüblichen Herbizidgemisch. Ausserdem gab es eine Kontrollgruppe, die konventionellen Mais als Futter bekam.
«Das Fazit: Bis zu 50 Prozent der Rattenmännchen und 70 Prozent der Weibchen, die gentechnisch veränderten Mais gefressen hatten, starben frühzeitig. In der Kontrollgruppe waren es nur 30 beziehungsweise 20 Prozent. Die Aufnahme des mit Herbizid versetzten Wassers führte zu ähnlichen negativen Effekten. Die Männchen litten oft an Leber- und Nierenschäden, während bei den weiblichen Tieren Brustkrebs verbreitet war. Die Forscher führen dies auf hormonelle Störungen durch das Herbizid Roundup beziehungsweise auf Stoffwechselprozesse zurück, die durch das neu eingeführte Gen ausgelöst werden. Weitere Langzeitstudien sollen folgen, um mögliche toxische Effekte genauer untersuchen zu können.»5
Die European Food Safety Authority (EFSA) allerdings kritisierte das Studien­design in vielerlei Hinsicht: die Planung, die mangelnde Ausrichtung an OECD-Standards, die fehlende statistische Auswertung im ersten Teil, welche die Tumorhäufigkeit betrifft; die Unvollständigkeit der dargestellten Daten. So könnte man – angesichts der Autorität, die solchen Behörden anhaftet – leicht auf die Idee kommen, die Studie als unbegründet abzuhaken.
Inzwischen haben sich jedoch Forscher wie Christoph Then6 die Mühe gemacht, nicht allein die Originalstudie durchzugehen, sondern auch die Bewertungskritierien der EFSA zu untersuchen. Er weist in seinem Bericht nach, dass die EFSA mit doppelten Standards arbeitet.7 An die Séralini-Studie werden offensichtlich andere Kriterien angelegt als an frühere Fütterungsstudien. Seine Bewertung der EFSA-Kritik fasst er folgendermassen zusammen: «Auf der Grundlage der genannten Publikationen lässt sich schlussfolgern, dass bis zum heutigen Tag keine Langzeitstudien mit gentechnisch veränderten Pflanzen existieren, bei denen die Standards zur Anwendung kamen, die jetzt von der EFSA (2012a) gegenüber den französischen Wissenschaftlern eingefordert werden. Zudem zeigt der Vergleich mit den von Snell et al. (2011) aufgelisteten Langzeitstudien, dass die Untersuchung von Séralini et al. (2012) auf vergleichsweise höheren wissenschaftlichen Standards beruht (siehe nebenstehende Tabelle).»8
Sofern der Fütterungsversuch die Unbedenklichkeit bescheinigt, werden nach Belieben Standards akzeptiert, auch wenn sie z.B. nicht mit den OECD-Richtlinien übereinstimmen. Diese Parteilichkeit der Beurteilung muss nachdenklich stimmen, inwiefern hier nicht wichtige Versuchsergebnisse der weiteren wissenschaftlichen Diskussion entzogen werden sollen. Laut Christoph Then gibt das methodische Vorgehen Séralinis durchaus auch Anlass zu Kritik. Dennoch hält er die Ergebnisse für wichtig. Die breit angelegten Untersuchungen von Organen und elekronenmikroskopisch untersuchten Gewebeproben werfen ernsthafte Fragen auf. Séralinis These, dass bei den weiblichen Ratten das hormonelle System (unter anderem veränderte Östrogenspiegel) krankhafte Störungen aufweist, welche möglicherweise die Entwicklung von Brusttumoren begünstigen, wäre eine genaue weitere Untersuchung wert. ­Positiv vermerkte selbst das Bundesinstitut für Risikobewertung: «Das BfR hat mit Interesse zur Kenntnis genommen, dass erstmalig eine Langzeitfütterungsstudie mit einer glyphosathaltigen Formulierung [Gemisch von Herbizid und Beistoffen, Anm. d. Verf.] durchgeführt wurde. Bisher lagen keine Langzeitstudien vor, da solche Untersuchungen in der regulatorischen Toxikologie weltweit nur mit dem Wirkstoff gefordert werden.»9 Ein wichtiger Ansatz also, weil die Giftigkeit eines Wirkstoffes (hier Glyphosat) durch Beistoffe stark verändert werden kann. (Sie verändern z. B. die Fähigkeit eines Wirkstoffes, in eine Zelle zu gelangen.)
Wenn man ein Studiendesign so akribisch kritisiert, so herrscht doch offenbar eine klare Vorstellung davon, auf welche Weise man zu belastbaren wissenschaftlichen Daten gelangen könnte. Daher stellt sich um so mehr die Frage: Warum werden diese Versuche seit Jahrzehnten nicht durchgeführt oder von dazu autorisierten Stellen wie z. B. der EFSA verlangt?
Tatsache ist, dass bisher in der EU keinerlei rechtsverbindliche Richtlinien vorliegen, die Fütterungsversuche zwingend vorschreiben. Es gibt zwar Richtlinien der OECD, aber diese haben keinen Gesetzescharakter. Zurzeit müssen lediglich bestimmte Daten eingereicht werden. Grundlage für die Anforderung an die Daten ist das Konzept von der sogenannten substantiellen Äquivalenz, bei dem man von der stofflichen Entsprechung der transgenen Pflanze mit der natürlichen ausgeht. Dieses Konzept stammt wissenschaftlich von vorgestern (es wurde 1993 von der OECD eingebracht)10 und bedarf dringend der Korrektur. Heute weiss man, dass die Annahme, dass ein Gen in einem anderen Organismus zum gleichen Genprodukt führt, falsch ist. Die Abläufe sind viel komplexer und das Ergebnis eines Einbaus von Fremdgenen nicht einschätzbar. Nebenbei gesagt, dürfen die Daten als Bewertungsgrundlage von den Firmen selbst erstellt werden. Kommentar überflüssig.
Die Einhaltung von OECD-Standards ist auch aus anderen Gründen kein Garant für zuverlässige Einschätzungen, da laut Christoph Then «[…] die Entstehung der OECD-Richtlinien nicht frei von Einflussnahme durch interessierte Kreise war. So wird in den Richtlinien unter anderem auf das International Life Sciences Institute (ILSI) hingewiesen. ILSI ist eine Institution, die unter anderem von der Lebensmittelindustrie und der Biotech-Industrie finanziert wird. Es gibt generelle Zweifel daran, ob die OECD-Standards für 90-Tage-Fütterungsversuche ausreichend sind, um die gesundheitlichen Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen zu untersuchen. Deswegen sollen diese Standards nach Auskunft der EU-Kommission (EU Commission, 2012) in den nächsten Jahren überarbeitet werden […]»11
Damit aussagekräftige Studien möglich sind, sind folgende Forderungen politisch umzusetzen:
Es müssen verbindliche Richtlinien für die Erforschung von transgenen Organismen entsprechend dem wissenschaftlichen Stand erarbeitet werden.
Dementsprechend müssen Gesetze formuliert und verabschiedet werden, die unter anderem verbindlich Fütterungsversuche sowie methodische Standards vorschreiben.
Die Gesundheits- und Zulassungsbehörden müssen politisch unabhängig sein; es sollte keine «Drehtüreneffekte» zwischen diesen Behörden und dem Vorstand interessengeleiteter Firmen möglich sein, wie dies für die USA eindrücklich dokumentiert ist.12
Es sollte eine unabhängige Forschung ermöglicht und finanziert werden.
Wissenschaftliche Redlichkeit muss bei allem die generelle Leitlinie sein.
Wenn man die Risiken transgener Pflanzen nicht vor der Zulassung klärt, dann sind wir der Fütterungsversuch. Da es in Europa überhaupt keine nachträgliche Begleitforschung gibt, sind Aussagen über die angebliche Unbedenklichkeit transgener Pflanzen nicht mehr als politische Beschwichtigungen.    •

1    Long term toxicity of a Roundup herbicide and a Roundup-tolerant genetically modified maize, Food and Chemical Toxicology 50 (4221–4231), journal homepage: www.elsevier.com/locate/foodchemtox
2    www.efsa.europa.eu/de/faqs/faqseralini.htm?wtrl=01
3    www.bfr.bund.de/cm/343/veroeffentlichung-von-seralini-et-al-zu-einer-fuetterungsstudie-an-ratten-mit-gentechnischveraendertem-mais-nk603-sowie-einer-glyphosathaltigen-formulierung.pdf
4    www.bvl.bund.de/DE/06_Gentechnik/04_Fachmeldungen/2012/Rattenstudie_Seralini.html
5    www.transgen.de/aktuell/1686.doku.html
6    gutesaat.kielimwandel.de/wordpress/
7    www.testbiotech.de/sites/default/files/die%20doppelten%20Standards%20der%20EFSA_0.pdf
8    www.testbiotech.de/sites/default/files/die %20doppelten%20Standards%20der%20EFSA_0.pdf (Hervorhebung d. Verf.)
9    www.bfr.bund.de/cm/343/veroeffentlichung-von-seralini-et-al-zu-einer-fuetterungsstudie-an-ratten-mit-gentechnischveraendertem-mais-nk603-sowie-einer-glyphosathaltigen-formulierung.pdf
10    www.pflanzenforschung.de/wissenalphabetisch/detail/substantielle-aequivalenz
11    www.testbiotech.de/sites/default/files/die%20doppelten%20Standards%20der%20EFSA_0.pdf
12    Jeffrey M. Smith, Trojanische Saaten, Riemann-Verlag, München 2004