Allgemeinbildender Unterricht – Vorbereitung auf ein Leben als mitverantwortlicher Bürger

von Dr. iur. Marianne Wüthrich, ehemalige langjährige Berufsschullehrerin

In meiner Anlehrklasse (heute: zweijährige Grundbildung zum Mechanikpraktiker mit Berufsattest) sassen neun junge Männer. Warum sie eine Anlehre machten, hatte unterschiedliche Ursachen. Die einen konnten sich – aus verschiedenen Gründen – in ihrer Volksschulzeit nur einen schmalen Grundstock an Schulwissen aneignen, andere waren von Lehrern und Schulpsychologen so eingeschätzt worden, dass sie wegen Defiziten in ihrer Persönlichkeitsentwicklung eine drei- oder vierjährige Berufslehre nicht bis zur Abschlussprüfung durchhalten würden. Nicht in allen Fällen traf diese Diagnose zu, wie ich im Laufe des ersten Semesters feststellte.
Es ist von grundlegender Bedeutung, dass die Berufsschullehrerin jedem einzelnen Jugendlichen einen Neubeginn ermöglicht, der ihm die Weiterentwicklung seiner geistigen und sozialen Kräfte auftut. Bei den Schülern der Anlehrklasse sind diese Kräfte ebenso vorhanden wie bei allen anderen Jugendlichen. Durch allfällige Stempel, die der eine oder andere im Laufe seiner Schulzeit von verschiedensten Stellen aufgedrückt bekommen hat, lasse ich mich nicht davon abhalten, unvoreingenommen auf ihn zuzugehen und ihn einzuladen, mit mir und seinen Mitschülern zusammen den Weg des Lernens in der Klassengemeinschaft zu beschreiten: «Jeder von Ihnen, der lernen und im Leben vorankommen will, hat die Möglichkeit dazu. Meine Aufgabe als Lehrerin ist es, Ihnen im schulischen Bereich dabei behilflich zu sein. Im beruflichen Bereich übernimmt dies Ihr Lehrmeister. Wir werden uns in den allgemeinbildenden Fächern gemeinsam das Wissen erarbeiten, das Sie als Berufsmann, als zukünftiger Familienvater und als Bürger in unserem Staat brauchen werden, um Ihren Mann zu stellen.»
Alle Schüler blühten zusehends auf, als sie merkten, dass ich sie ohne die Hypothek ihres bisherigen Werdegangs entgegennahm und mit ihnen die gemeinsame Lernarbeit anpackte, ohne ihrer zukünftigen Entwicklung Grenzen zu setzen.

Vom Lehrer geführter Unterricht auch in der Berufsschule

Gemäss «Rahmenlehrplan für den allgemeinbildenden Unterricht in der beruflichen Grundbildung» vom 27. April 2006 bildet die «Förderung der Sprach-, Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenz [...] zusammen mit dem Aufbau von Sachkompetenz den Kern des allgemeinbildenden Unterrichts.» Und weiter: «Bildungsziele beschreiben die zu entwickelnden Kompetenzen der Lernenden.»
Mit der Fokussierung auf den Erwerb sogenannter Kompetenzen wird die Berufsschule – wie jede andere Schulstufe – jedoch den jungen Menschen nicht gerecht und erfüllt ihren gesetzlichen Auftrag nicht. So wird beispielsweise im Schulgesetz des Kantons Basel-Stadt der staatliche Bildungsauftrag explizit auf die weiterführenden allgemeinbildenden Schulen, das heisst auch auf die Berufsschulen, ausgedehnt:
§ 3a. Die Volksschule und die weiterführenden allgemeinbildenden Schulen haben die Aufgabe, in Ergänzung und Unterstützung der Familienerziehung die körperliche und geistige Entwicklung der Schülerinnen und Schüler so zu fördern, dass diese sowohl den allgemein menschlichen als auch den beruflichen Anforderungen des Lebens gewachsen sind.
§ 3b. Die Volksschule vermittelt den Schülerinnen und Schülern die Kenntnisse und Fähigkeiten, die für ein erfolgreiches Leben in der Gesellschaft und in der Berufswelt notwendig sind. Sie unterstützt gleichzeitig die Schülerinnen und Schüler dabei, ihre persönliche Identität in der Gesellschaft zu finden und die Fähigkeit zu entwickeln, ein Leben lang zu lernen sowie gegenüber sich selbst, den Mitmenschen und der Umwelt verantwortungsvoll zu handeln.
(Schulgesetz des Kantons Basel-Stadt
vom 4.4.1929; Stand 1.1.2013)
Von den Volksschulen – und von den Pädagogischen Hochschulen – ist einzufordern, dass sie ihren gesetzlich festgelegten Auftrag erfüllen: Die Kinder sollen die Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben, die für ein erfolgreiches Leben in der Gesellschaft und in der Berufswelt notwendig sind. Sie sollen fähig werden, gegenüber sich selbst, den Mitmenschen und der Umwelt verantwortungsvoll zu handeln. Oder anders ausgedrückt: Ohne einen vollgepackten Rucksack an Wissen, aber auch an Einsatz- und Leistungsbereitschaft, an Zuverlässigkeit und Rücksichtnahme sowie an verantwortungsvollem Umgang mit den Mitmenschen und mit dem Arbeitsmaterial sind die Jugendlichen nicht tauglich für eine Berufslehre. Wenn einer zu spät zum Vorstellungsgespräch kommt und dort zum Ausdruck bringt, dass er sich vor allem für die Arbeitspausen und die Ferien interessiert, kriegt ein anderer die Lehrstelle – so einfach ist das.
Lehrer, die ihren Unterricht und ihre Beziehung zu den Schülern auf einem personalen Menschenbild aufbauen, schauen nicht zu, wie die Jugendlichen sogenannt «eigenverantwortlich» irgend etwas tun und dadurch angeblich ihre «Kompetenzen» steigern, sondern vermitteln ihnen echte Allgemeinbildung.
In meinem Unterricht werden die Berufsschüler gefordert: Hier macht nicht jeder das, wozu er gerade Lust hat, so wie es etliche leider von der Oberstufe her gewohnt waren. Hier wird gelernt. Die Lehrerin bringt den Schülern etwas bei – so viel Allgemeinbildung, wie es eben in zwei Schuljahren mit vier Wochenlektionen möglich ist. Dazu gehört als Wichtigstes:
•    Die Beherrschung der Muttersprache als Grundvoraussetzung für den Erwerb von Bildung: die mündliche und schriftliche Ausdrucksfähigkeit verbessern, grammatikalisch und orthographisch richtig schreiben lernen, gemeinsam ein Buch lesen und sich in der Klasse damit auseinandersetzen – ohne Sprachfähigkeit keine Bildung!
•    Die Vorbereitung auf ein Leben als mitverantwortlicher Bürger: das schweizerische Staatsgefüge mit den Grundlagen der direkten Demokratie, des Föderalismus und der immerwährenden bewaffneten Neutralität kennenlernen; die eigene Gemeinde kennenlernen und die vielfältigen Möglichkeiten, am Gemeindeleben aktiv teilzunehmen; Zeitungsartikel lesen und besprechen; Abstimmungsvorlagen in Bund, Kanton und Gemeinde verstehen und sich eine fundierte Meinung dazu bilden.
•    Die Vorbereitung auf ein Leben in Familie und Beruf: die wichtigsten rechtlichen Grundlagen des Zusammenlebens in unserem Land lernen (Familienrecht, Arbeitsrecht, Strassenverkehrsrecht, Strafrecht, aber auch sittliche und moralische sowie völkerrechtliche Grundlagen – Uno-Menschenrechtskonvention, Humanitäres Völkerrecht, Mitgefühl und Respekt gegenüber den Mitmenschen, Auseinandersetzung mit menschlichen Grundfragen wie Krieg und Frieden, gerechter Wirtschaftsordnung und vielem mehr.)

Selbständige Lernarbeit allein oder zu zweit

Selbstverständlich arbeiten die Berufsschüler im allgemeinbildenden Unterricht ihrem Alter entsprechend auch öfter selbständig, aber «selbständiges Lernen» ist in meinem Schulzimmer etwas vollkommen anderes als der sogenannte Erwerb von «Selbstkompetenz», wie es Fratton & Co.1 uns zumuten wollen. In meinen Klassen erarbeiten die Schüler zuerst im Klassenunterricht den Lernstoff und können ihre Fragen klären. Zur Vertiefung wenden sie dann das Erarbeitete an und machen selbständig weitere, für sie verständliche Lernschritte. In der Regel dürfen sie dabei mit einem Mitschüler zusammenarbeiten. Partnerarbeit ist für Berufsschüler (als Ergänzung zum Klassenunterricht) eine sinnvolle Lernform. Dabei achte ich darauf, dass die beiden Lernpartner konstruktiv zusammenarbeiten. Wenn zwei Schüler unaufmerksam werden und nicht mehr richtig an der Arbeit sind, kläre ich mit ihnen, woran es liegt: Stehen sie irgendwo an und benötigen eine Erklärung zur Sache oder einen Hinweis, wo sie die Antwort finden können? Oft braucht es nur eine kleine Unterstützung oder Ermutigung, und die beiden machen sich wieder an ihre Arbeit. Manchmal kommt es auch vor, dass der eine Lernpartner den anderen bei der Arbeit stört oder dass er ihn die Aufgabe alleine machen lässt. In diesem Falle überlege ich mit den Schülern zusammen, ob sie sich besser mit anderen Lernpartnern zusammentun – oder der Störer entschliesst sich, seine Energie in die Zusammenarbeit statt ins Stören zu investieren.

Förderung der Verbundenheit mit den Mitmenschen

Jede Woche verbringen wir 4 Lektionen miteinander, packen das Lernen an und sprechen immer wieder im Klassengespräch über die Fragen des Lernens und des Zusammenlernens. Und die neun Schüler machen sich mit mir zusammen ans Lernen und werden zu einer gefreuten Klassengemeinschaft. Drei von ihnen erweisen sich als durchaus in der Lage, nach der Anlehre eine drei- oder sogar vierjährige Lehre anzuschliessen. Ihnen die nötige Ermutigung und auch die praktische Hilfe zur Erreichung dieses Ziels zu geben, gehört auch zu meiner Aufgabe als allgemeinbildende Lehrerin. Anderen gefällt ihr Anlehrberuf, sie sind stolz auf ihre Arbeit und setzen sich voll ein. Auch dabei unterstütze ich sie. Und natürlich interessieren sich die Mitschüler gegenseitig für die Arbeit der anderen und für die Zukunftspläne, die jeder hat. Es ist Teil der menschlichen Natur, Anteil zu nehmen an seinem Nachbarn und an den anderen Menschen in seinem Dorf, seinem Land und auf der Welt. Deshalb gehört die aktive Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen und mit der Frage «Was kann ich, was können wir beitragen?» mit zum Fundament der Allgemeinbildung, das mit unseren Schülern gemeinsam aufzubauen Pflicht des Berufsschullehrers ist.
Dazu soll hier das wunderschöne Bildungsziel der Kinderrechtskonvention angefügt werden:
Art. 29
(1) Die Vertragsstaaten stimmen darin überein, dass die Bildung des Kindes darauf gerichtet sein muss,
a) die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen;
b) dem Kind Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten und den in der Charta der Vereinten Nationen verankerten Grundsätzen zu vermitteln;
c) dem Kind Achtung vor seinen Eltern, seiner kulturellen Identität, seiner Sprache und seinen kulturellen Werten, den nationalen Werten des Landes, in dem es lebt, und gegebenenfalls des Landes, aus dem es stammt, sowie vor anderen Kulturen als der eigenen zu vermitteln;
d) das Kind auf ein verantwortungsbewuss­tes Leben in einer freien Gesellschaft im Geist der Verständigung, des Friedens, der Toleranz, der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Freundschaft zwischen allen Völkern und ethnischen, nationalen und religiösen Gruppen sowie zu Ureinwohnern vorzubereiten;
e) dem Kind Achtung vor der natürlichen Umwelt zu vermitteln.
(Übereinkommen über die Rechte des Kindes, vom 20. November 1989; in Kraft getreten für die Schweiz am 26. März 1997; Stand am 8. April 2010)

Erich, 18 Jahre alt, lernt das Einmaleins

Einer der Schüler in der erwähnten Anlehrklasse ist mir in besonderer Erinnerung geblieben: Erich, der seine zehn Schuljahre in der Sonderschule verbracht hatte. In den Rechenstunden fiel er mir zunächst nicht auf, solange wir uns mit Addieren und Subtrahieren beschäftigten. Er konnte mündlich und schriftlich zusammen- und abzählen. Erst als ich das Prozentrechnen einführen wollte, verstand er gar nichts. Ich versuchte ihm das Prinzip zu erklären, die Mitschüler sprangen bei. Alles nützte nichts. Schliesslich nahm Erich allen Mut zusammen und gestand: «Ich kann das Einmaleins nicht.» Im Klassengespräch erfuhren wir, dass seine Lehrer es seit der 4. Klasse aufgegeben hatten, ihm das Einmaleins – und damit das Multiplizieren und Dividieren! – beizubringen. In den Rechenstunden war er den Rest seiner Schulzeit dabeigesessen, ohne etwas zu lernen.
Ich liess mir die Sache durch den Kopf gehen und sprach mit erfahrenen Primarlehrern darüber, wie ich Erich helfen könnte. Wir waren uns einig, dass es ein absoluter Skandal ist, wenn ein vollsinniges Kind in der Volksschule derart im Stich gelassen wird. Seine Lehrer haben sich aus der Verantwortung gestohlen, indem sie den Buben ganz einfach vom Lernziel Einmaleins – das heisst von einem Grossteil des Faches Mathematik! – «befreit» haben. Damit haben sie sich schuldig gemacht, ihm die Chancengleichheit aktiv zu verwehren.

Jeder normal intelligente Mensch kann das lernen

In der nächsten Woche (an unserem nächsten Schultag) sprach ich Erich und die ganze Klasse darauf an: «Wenn Sie wollen, Erich, können Sie das Einmaleins in unseren Rechenstunden lernen.» Die Schüler fragten, ob das denn gehe, mit 18 Jahren noch das Einmaleins zu lernen, wenn es vorher nicht gegangen sei. Ich antwortete, jeder normal intelligente Mensch könne das lernen, auch noch später, und Erich sei ja ein intelligenter junger Mann, das hätten wir bereits gemerkt. Klaus machte sich lustig: «Äh, der kann das Einmaleins nicht!» Ich entgegnete: «Ich bin nicht so sicher, ob jeder hier drin so mutig ist wie Erich – vielleicht würden wir sonst alles Mögliche erfahren, was der eine oder andere noch nicht kann.» Die Schüler schmunzelten, und Klaus wurde ziemlich rot, denn dass er selbst mit der Rechtschreibung auf Kriegsfuss stand, war allgemein bekannt. Dann fragte ich die Klasse: «Hat jemand von euch schon einmal gemeint: ‹Das lerne ich nie!› und es dann doch gelernt?» Die Erlebnisse sprudelten nur so hervor, und ich selbst erzählte, dass es mir beim Velofahrenlernen so gegangen sei: Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das Velo nicht umkippen werde und es mir gelingen werde, das Gleichgewicht zu halten. Meine Mechanikpraktiker hatten dafür natürlich wenig Verständnis: Velofahrenlernen fanden sie «Bubi», ganz im Gegensatz zum Lesen- oder Schreibenlernen, womit der eine oder andere in seiner Schulzeit seine liebe Mühe gehabt hatte. So erfuhren die Jugendlichen, dass jeder irgendwo im Leben ansteht und dass es mit gemeinsamen Kräften möglich ist, viele Hürden zu meistern, von denen man das nie geglaubt hätte.

Es braucht die richtige Unterstützung und Zuversicht des Lehrers

Erich stimmte nach einer weiteren Woche etwas zögernd zu, er wolle es versuchen mit dem Einmaleins-Lernen. Für mich war es genauso ein neues Experiment wie für ihn. Aber auf Grund meines pädagogischen Wissens war ich hundertprozentig sicher, dass er es lernen wird, wenn er dazu entschlossen ist. Ich hatte in meiner praktischen Ausbildung unter Anleitung erfahrener Lehrer etliche Jugendliche kennengelernt, die in den ersten Schuljahren von ihren Eltern und Lehrern auf Grund falscher Theorien aufgegeben worden waren, später aber dank richtiger Unterstützung und Zuversicht ihrer Lehrer ihren Weg doch machen konnten. Dadurch hatte ich die Überzeugung gewonnen, dass wir Pädagogen ein Kind nicht auf etwas festlegen und ihm damit den Entwicklungsweg abschneiden dürfen.
Diese Grundlagen hatte ich zur Verfügung, als ich mich mit Erich auf den Weg machte, ihm das Einmaleins zu vermitteln. Ich stellte mich darauf ein, mit ihm und der Klasse zusammen Schritt für Schritt zu gehen. Da er schon 18 Jahre alt, also erwachsen war, führte ich die Sache von Anfang an auf Augenhöhe mit ihm. Als Einführung sagte ich ihm und seinen Mitschülern: «Ich werde jede Woche den nächsten Lernschritt für Sie vorbereiten. Ich kann jede Woche etwa 15 bis 20 Minuten in der Rechenstunde mit Ihnen rechnen. Zu Hause werden Sie fleissig üben müssen. Sie entscheiden jede Woche, ob sie bereit sind, die Lernarbeit zu leisten, Sie verpflichten sich freiwillig von Woche zu Woche. Es geht nur mit Ihrem Willen, mit Ihrem Entschluss. Die Zustimmung der Mitschüler brauchen wir ebenfalls: Sind Sie bereit, einen Teil der Rechenstunde still zu sein und die Übungen zu lösen, die ich Ihnen geben werde, damit ich in Ruhe mit Erich lernen kann?»
Erich und seine Mitschüler gingen voll mit und stimmten gerne zu. Wir waren alle gespannt, wie es werden wird.
Unter Anleitung eines Primarlehrers fertigte ich von Hand das erste Arbeitsblatt an. Wir begannen mit der Zweierreihe. Erich lernte die Reihe als Hausaufgabe auf die nächste Woche tipp topp, er konnte sie geordnet und durcheinander. In der Rechenstunde kontrollierte ich seinen Lernerfolg und führte dann die Zehnerreihe ein. Einige Mitschüler – darunter auch Klaus! – waren gerne bereit, das Lerntraining zu übernehmen und ihn jeweils in der Mittagspause oder nach der Schule abzufragen. Bald merkte ich, dass Erich fähig war, gleichzeitig mit der jeweiligen Reihe die Division zu erarbeiten. Nach jeder neuen Reihe übten wir die bereits gelernten Reihen auch gemischt. Da er von der Addition und Subtraktion her schon Kenntnisse hatte, zeigte ich ihm mit der Zeit auch das schriftliche Multiplizieren und Dividieren, und er rechnete auch mit grösseren Zahlen.
Der Lehrer hat eine positive Wirkung, wenn er den Unterricht aktiv führt
Wichtig für Erichs Lernerfolg war sein Vertrauen in mich als Lehrerin. Er erlebte, dass ich ihn trotz seiner Rechenschwäche mit Achtung behandelte und ihm zutraute, das Einmaleins lernen zu können wie jeder andere. Von Bedeutung war auch, dass die Mitschüler sich ganz natürlich darauf einstellten, dass jeder in der Rechenstunde seine Sache machte: Während die anderen sich mit Prozent- oder Bruchrechnen befassten, lernte Erich eben das Einmaleins.
Nach einem halben Jahr konnte Erich das Einmaleins und beherrschte die mündliche und schriftliche Multiplikation und Division – und das in 20 Minuten pro Woche mit mir zusammen, plus Lernhilfe seiner Kollegen, plus fleissigem Üben zu Hause. Kein einziges Mal war er ausgewichen, jede Woche stimmte er von neuem zu, die nächsten Schritte zu lernen. Jede Woche machte er seine Hausaufgaben. Immer eifriger und glücklicher wurde er, als er merkte, dass er diese Hürde, die ihm unüberwindbar erschienen war, tatsächlich bewältigen konnte. Und ebenso positiv wirkte sich das Erlebnis auf seine Mitschüler aus. Die ganze Klasse bekam mehr Optimismus und Selbstvertrauen für das eigene Lernen – und die Sicherheit, dass mit den Mitmenschen zusammen alles besser geht im Leben.
Das Beispiel zeigt, dass die Schüler – auch die älteren – gerne mit dem Lehrer zusammenarbeiten wollen, dass der Lehrer eine ­positive Wirkung hat, wenn er den Unterricht aktiv führt.
Zum Schluss ein Wort des grossen Pädagogen Alfons Simon, aus der individualpsychologischen Tradition Alfred Adlers, zur Bedeutung, welche die besondere Zuwendung und Hilfeleistung des Lehrers gegenüber einem Kind, das diese Hilfe besonders benötigt, für die ganze Klasse hat. In seinem Buch «Helga» beschreibt er die Entwicklung eines Kindes, dem der Lehrer aus seinen Schwierigkeiten heraushilft, indem er sich diesem einen Kind in seiner Klasse besonders zuwendet. Der Einwand wurde laut, dass die anderen Kinder dabei zu kurz kämen. Hier Simons Antwort dazu:
«Zugegeben – so haben wir oft sagen gehört – zugegeben, dass Helga und die Lehrerin mit dem Erreichten zufrieden sein können. War aber der Preis dafür nicht zu hoch? Mussten nicht die anderen Kinder in der Klasse dieses schöne Ergebnis damit bezahlen, dass sie zu kurz kamen, vor allem unterrichtlich? Musste die Lehrerin nicht unendlich viel Mühe und auch Zeit für Helga drangeben, die ihr dann für die übrigen Kinder fehlte? [...]
Die ruhiger werdende Atmosphäre, die wachsende Sympathie zwischen Lehrerin und Kindern, auch die zwischen den Kindern und Helga, das gegenseitige Vertrauen zwischen allen, dies ganze beruhigte ‹vorwiegend heitere› Klima schuf günstigste Voraussetzungen für jederlei Wachstum in allen Kindern, auch für ihr Lernwachstum. [...]
Das Beste, dass nämlich in solchen Klassen in jedem einzelnen Kinde in der Stille Zutrauen zu sich wächst, lässt sich nicht statistisch nachweisen. Das spiegelt sich in den Gesichtern, in der Haltung wider und in der offenen Zuneigung, die Kinder ihren Lehrern entgegenbringen, und in dem, was sie von ihnen zu Hause erzählen. [...]»
Aber selbst der messbare Lernerfolg steht in diesen Klassen über dem Durchschnitt der anderen.    •

(Alfons Simon, Helga, Kindernöte, Erziehersorgen, Wege u. Hilfen, Zürich 1958, Seite 90/91)
1 Vgl. dazu «Aus der Wundertüte der Bildungshändler», in Zeit-Fragen Nr. 33 vom 13. August 2012, und «‹Neue Lernkultur› im Musterländle» von Matthias Burchardt und Jochen Krautz in «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vom 10. Mai 2013