Ist «grün» eine Ideologie oder nur ein luftiges Gefühl?

ab./thk. Wenn heute «ein Grüner» das Reichsnaturschutzgesetz von 1935 liest, muss sein Herz höher schlagen vor Begeisterung: alles inbegriffen, umsichtig gedacht, nachhaltiger Schutz, sorgfältig ausformuliert. Je genauer er es liest, desto grösser muss seine Begeisterung werden. Dass der antidemokratische Opferweg, den Hitler angesichts von Repara-tionszahlungen und Massenarbeitslosigkeit und mit dem Auftrag der Amerikaner, ein Bollwerk gegen den Kommunismus aufzubauen, vorhatte – der Weg in die Diktatur und in den Krieg –, dass er dazu genau diese grüne Begeisterung als Unterlage gebraucht hat, darüber denkt ein heutiger «Grüner» lieber nicht nach. Es könnte diejenigen stören, die europäische Werte im stillen bereits an eine grüne Welle drangeben.

In den 50er und frühen 60er Jahren hat unter den Bürgern und Sozialpsychologen in Europa noch ein Nachdenken stattgefunden, welche Elemente dieses Unglück des Zweiten Weltkriegs in Europa denn möglich gemacht haben. Die Jungsche Psychologie hatte auf den Archetyp Wotan verwiesen, der sich in den Urgründen der deutschen Seele neuen Durchbruch verschafft habe. Diese Richtung der Psychologie wird in Amerika auch heute noch gehegt und gepflegt. Andere nahmen die «Psychologie der Massen» von Gustave Le Bon zur Hand. Einig war man sich darin, dass Hitler auf Emotionen gebaut hat, um den antidemokratischen Weg einschlagen zu können.

Wer heute als zutiefst einem wissenschaftlich-ökologischen Denken und Schaffen verbundener Mensch auf die Suche geht nach den Inhalten und der Struktur der «grünen Ideologie», der betritt ein schwieriges Gelände: Das Chamäleon wechselt die Farbe je nach Aufenthaltsort. Gemeinsam ist nur stetes Wieder-anders-Sein, Bewegung, ständiger Bürgereinspruch in der «Zukunftswerkstatt», permanente Revolution, Trotzkismus im Aggregatzustand «flüssig» bis «leicht gasförmig». Das Ziel, von den Amerikanern deklariert: imperiale Herrschaft mittels Soft power.

Ist das Neu-Grün des Jahres 2011 überhaupt eine Ideologie oder lediglich ein Gefühl? Bei jedem etwas anderes? Wir alle lieben ja den Frühling und pflegen unsere Gärten und Blumentöpfe mit viel Liebe. Soll «grün» wie in Hitler-Deutschland die emotionale Klammer werden für einen antidemokratischen, opferreichen Weg, den das sinkende Dollar-Imperium den Europäern zudenkt? Den Weg der Antidemokratie gehen für das Grosskapital? Unterbau für das Dollar-Euro-System, ob in ESM-Form oder noch weiteren, die in Planung sind? Und die Begleitmusik bringt Peter Singers logikbrechende Diktion zu Menschenrechten für Tiere, nachdem er endlich als Showmaster der Euthanasie etwas in den -Hintergrund treten musste? Und Archetyp «Gaia» ersetzt den «Wotan» der 30er Jahre?

Eine Wohltat ist es deshalb, bei Václav Klaus auf Überlegungen zu stossen, die Ökologie als Wissenschaft unterscheiden von -Environmentalismus als politischem Paket aus amerikanischen Think tanks. Der schillernde Salat muss einmal aussortiert werden.

Was nicht zur Disposition steht, sind die europäischen Werte, die mit dem anglo-amerikanischen Utilitarismus nicht vereinbar sind: das Naturrecht, die Soziallehre, die Bürgerlichkeit des Menschen, die sich in unseren demokratischen Nationalstaaten eine würdige und entwicklungsfähige Organisa-tionsform gegeben haben, die Gleichwertigkeit der Bürger als Resultat der Aufklärung.

Und die Schweiz fügt bei: Was absolut nicht angetastet werden darf, ist unsere spezielle Form der direkten Demokratie mit Subsidiarität, Föderalismus und Neutralität.

 

 

Anti-Demokraten auf der Lauer:

– Agnoli und der SDS:

«Macht aus dem Staat Gurkensalat!»

Dazu: Johannes Agnoli, «Die Transformation der Demokratie», Jahreszahl der neuesten Auflage, ISBN 3894582324

– Grover Norquist und die «Americans for Tax Reform»:

«Ich möchte den Staatsapparat gar nicht abschaffen, ich möchte ihn nur so eindampfen, dass ich ihn in der Badewanne ertränken kann.»

(zit. nach Focus 31/2011 vom 1.8.2011, S. 30)

– Grover Norquist und die Tea Party:

«In der fiskalkonservativen Tea-Party-Fraktion der Republikaner fand er treue Verbündete, die sich hartnäckig jedem Einigungsversuch verweigerten. In Tea-Party-Kreisen ist es tabu, auch nur über höhere Steuern nachzudenken. […]

Sobald Obama ‹massvolle Steuererhöhungen› für die reichsten Amerikaner fordert, zeigt Norquists Daumen in die Tiefe. Ruft die Tea Party nach massiven Kürzungen bei den Sozialausgaben, weist er steil gen Himmel. ‹Ich kenne niemanden ausserhalb der Regierung, der einen so grossen Einfluss auf die Politik hat›, bestätigte der Historiker Alan Brinkley der ‹Bloomberg Businessweek›. […]

Norquists Dollars bekommt aber nur, wer sich zuvor in einem ‹Pakt› verpflichtet, niemals neuen Steuern zuzustimmen. 236 Kongressabgeordnete und 41 Senatoren haben das Dokument unterschrieben. Abtrünnigen wird schnell der Geldhahn zugedreht und bei Wahlen auch schon mal ein Gegenkandidat vor die Nase gesetzt.»

(Focus 31/2011 vom 1.8.2011, S. 30f.)

– Die Tea-Party und Grover Norquist mit einem Schuss russisch--anarchistischer Revolutionsromantik vom Ayn-Rand-Institut:

«Meine Philosophie in der Essenz ist das Konzept des Menschen als heroisches Wesen, mit seinem eigenen Glück als dem moralischen Zweck seines Lebens, mit produktiver Leistung als seiner edelsten Aktivität und Vernunft als seinem einzigen Absolutum.»

1) Frage: Zu welchem Zweck sollte ein Mensch leben? Antwort: Für sein eigenes Leben.

2) Frage: Nach welchem fundamentalen Prinzip sollte er handeln, um diesen Zweck zu erfüllen? Antwort: Nach seiner eigenen Rationalität.

3) Frage: Wer sollte von seinen Handlungen profitieren? Antwort: Er selbst.

Ayn Rand, Quelle: www.aynrand.de , www.aynrand.org

– Pro-Kopf-Verschuldung 2011 (in Euro):

Deutschland: 24 495

Griechenland: 31 286

USA: 32 182

Quelle: Focus 31/2011 vom 1.8.2011, S. 31

–  Was will die grüne Welle in Europa?

«Die Nationalstaaten müssen begreifen, dass die Zeit ihrer grossen identitätsstiftenden Bedeutung abläuft. Sie müssen diesen Prozess sogar zur Rettung der Erde konstruktiv vorantreiben. […]

Die historische Aufgabe der Nationalstaaten heute ist es deshalb, ein global gültiges Umweltrecht in Kraft zu setzen, das stärker ist als ein Nationalstaat und stärker als ein transnationaler Konzern. […]

Eines der Hauptprobleme, wenn nicht das Hauptproblem schlechthin, ist die Tatsache, dass die nationale Ebene immer noch unser Bewusstsein sehr stark bestimmt.

Trittin, Jürgen: Die Rolle des Nationalstaats in der internationalen Umweltpolitik.
Rede vom 8.12.2001 im Henry Ford Haus, Freie Universität Berlin.
http://www.bmu.bund.de/redenarchiv/14_legislaturperiode/trittin/doc/print/604.php

«Deutschland verschwindet jeden Tag immer mehr,
und das finde ich einfach grossartig.»

Jürgen Trittin, zitiert nach: Bauer, Gerhard (11.5.2011): Deutschland wird abgeschafft.
http://deutscheseck.wordpress.com/2011/05/11/deutschland-wird-abgeschafft/

– Kretschmann und sein ausserparlamentarisches Standbein: Wozu braucht er das Doppelmandat als Prediger und als Ministerpräsident?

«Die Partei, so heisst es im neudeutschen Macherjargon, ist längst so breit aufgestellt, dass ihr eine massvolle Konturlosigkeit bei Urnengängen ersichtlich nicht schadet, sondern nützt. Die ‹Generation facebook› und die Schöpfungsbewahrer, NaturfreundInnen und Grossprojektgegner, Anhänger der ‹Mit grünen Produkten schwarze Zahlen schreiben›-Strategie und Menschen, die die gute alte Tante SPD einfach nicht mehr sexy finden – es ist immer noch und wieder ein buntgemischtes Völkchen, das bei den Grünen eine Heimat findet. […] (S. 27)

Und zugleich schafft sie es, dass das irgendwie Quere und zugleich irgendwie Clevere nicht verlorengeht. Nicht einmal das Töten und das Sterben deutscher Soldaten im Ausland weckt Leidenschaften, fordert unveräusserliche Positionen heraus. Die ‹Es ist jetzt fünf vor zwölf auf dem Planeten›-Attitüde von früher, die Kretschmann und andere einflussreiche Realos immer als nutzloses und deprimierendes Symptom von Alarmismus verworfen hatten, hat sich längst zu einer Einladung gemausert: Tea-time für alle, die irgendwie guten Willens sind. […] (S. 28)

Dieser Grüne schreibt lieber Sätze wie diesen: ‹Denn nur wo Mangel herrscht, kann es Freiheit geben.› […]» (S. 29)

aus: Peter Henkel/Johanna Henkel-Waidhofer: Winfried Kretschmann – Das Porträt.  Freiburg 2011, ISBN  978-3451332555