Herzroute lanciert Bypass Sense

Aufs Sahnehäubchen folgt das Doppelrahm-Krönchen

von Heini Hofmann

Die «Zweirad-Kardiologen» der Herzroute, der weltschönsten E-Bike-Panoramatour (Nr.  99) zwischen Boden- und Genfersee, waren erneut operativ tätig. Mit der Senseschlaufe (Nr. 299) haben sie – nach Seetalschlaufe 2017 (Nr. 599) und Napfschlaufe 2018 (Nr. 399) – bereits den dritten Bypass gelegt, der nun bereits seit dem 30. März in Rechthalten FR offiziell eröffnet ist.

Am südlichsten Punkt der längsovalen Route eröffnet sich ein gewaltiges Voralpenpanorama.
(Bild Herzroute AG)

Was fürs kranke Herz Noteingriff, ist für die «Perle im Veloland Schweiz» Schönheitsoperation. Denn durch Zusatzschlaufen in zauberhafte, an die Hauptroute angrenzende Geländekammern erfährt das «Schmuckstück unter den Schweizer Velorouten» zusätzliche Attraktivitätssteigerung. Es werden landschaftliche Schatztruhen erschlossen, in die man sich sonst kaum verirren würde.

Zwischen Sense und Saane

Die neue Zusatzschlaufe zur Herzroute liegt im deutschsprachigen Gebiet des Kantons Freiburg zwischen Sense und Saane, tangiert aber auch bernische Bereiche ennet dem Sensegraben. Ausgangspunkt für das eintägige (oder, bei Einbezug zusätzlicher Abstecher, zweitägige) Entdeckungsabenteuer auf Elektro-Stahlrössern ist das pittoreske Berner Städtchen Laupen, wo beide Flüsse sich vermählen und das bekannt ist durch den gleichnamigen, für die Entstehung der Eidgenossenschaft bedeutsamen Raub- und Verwüstungskrieg von 1339/40, mit dem für jene Zeit ungewöhnlichen Sieg eines Bürgeraufgebots über ein Ritterheer.
Während Menschen selbsttätig Mauern bauen, werden sie von der Natur nach dem Zufallsprinzip durch Gräben getrennt. Solch einer ist der Sensegraben, nicht bloss ein symbolischer wie der sprachbedingte Röschtigraben zwischen Deutsch und Welsch, sondern eine vom Flusswasser in die Landschaft gegrabene Kluft, die jedoch auch Sprach- oder besser gesagt Dialekt- und zugleich Religionsgrenze ist, da sie das Deutschfreiburgische vom Berndeutschen und katholisch von reformiert trennt. Alte Rivalitäten sind heute jedoch vergessen.

Geheimtipp – Landschaftsrosine

Nach einer letzten kleinen Stärkung auf einer der gemütlichen Altstadt-Terrassen nehmen die Räder schon kurz nach Laupen die freiburgischen Anhöhen in Angriff, eine Traumlandschaft mit verkehrsarmen Strässchen, lauschigen Wäldern, reizvollen Flusspassagen, Wegkreuzen und Kapellen als Ausdruck lebendiger Sakralkultur sowie immer wieder überraschenden Rundblicken. Doch schon bald ist man irritiert, wenn man plötzlich Grenchen erreicht. Natürlich handelt es sich nicht um die solothurnische Uhren- und Flugplatzstadt, sondern um einen Weiler von Schmitten …
Beim Mühletal – mit mittelalterlicher Mühle samt Gasthaus am quirligen Flüss­chen Taverna – quert man die Hauptstrasse und taucht, jeglichen Verkehrslärm hinter sich lassend, auf lauschigen Hanglagen in Richtung Ueberstorf, biegt aber vorher in Lenden ab in eine wildromantische Tallandschaft, die an Grimmsche Märchen, an Wegelagerer und Drachen erinnert. In Niedermuhren lädt dann ein Restaurant zur Rast ein, und in der Käserei nebenan entsteht der würzige Greyerzer. Dann geht’s erneut der Taverna entlang, mit einem Höhepunkt an wilder Romantik im Seeligraben.

Gastfreundschaft im Quadrat!

Eine Fahrradroute konzipieren, die möglichst viele landschaftliche Schönheiten beinhaltet und trotzdem gefahrenfrei ist, führt öfter zu Schwierigkeiten, wie beispielsweise am Ende dieses Seeligrabens. Denn plötzlich endet hier die Tavernasche Weltabgeschiedenheit abrupt, der Fluss verschwindet, es rauscht die Strasse. Doch zum Glück kann diese jetzt elegant umschifft werden – dank einem Deal während der Planungsphase, wie er wohl nur in solch einem gelobten Landstrich möglich ist: Ein privater Hauseigentümer, man stelle sich das vor, hat für die Radwanderer spontan (!) ein Weglein durch seinen Garten erstellen lassen. Gastfreundschaft vom Feinsten!
Nach der Querung einer Ebene empfängt die Radler erneut ein Fliessgewässer, der gurgelnde Galterenbach, dessen Name auf einen nahegelegenen Eishockeyclub hinweist (Fribourg Gottéron), der an dessen Ufer beheimatet ist. Zugleich machen sich ab hier wieder die zusammenrückenden Höhenlinien bemerkbar, und ehe man sich’s gewahr wird, hat man die 900-Meter-Marke geknackt.
Der Fofenhubel thront stolz über der Landschaft und erschliesst ein grandioses Pano­rama. Von hier schweift der Blick zur Stadt Fribourg, zu Moléson, Chasseral und Weissen­stein, und bei gutem Wetter kann man auch die drei Seeland-Seen erkennen.

Von ferne grüsst das Vreneli

Das Dorf Rechthalten, angelehnt an den Fofenhubel, lädt zum Zwischenhalt mit Verpflegung ein. Wenige Kilometer weiter, auf der Egg oberhalb Plaffeien, am Übergang von der Gras- zur Forstkultur, kratzt man kurz an der 1000-Meter-Marke. Hier wartet das zweite Fernsicht-Highlight: Der Blick wandert in Richtung Alpen, über Hügelkaskaden und Bergmassive – bis zum Gantrisch und den Waadtländer Alpen. Nachher geht’s erneut bergab via Brünisried. Hier, im Reich der eigenständigen und lebensfrohen Seis­lerinnen und Seisler (mit noch etwas akzentuierterem Dialekt), nutzt die Route kurz die Hauptstrasse, um sich dann baldmöglichst ins Abseits zu retten.
Und schon wieder, auf der romantischen Krete des Maggenbergs, ein neues Panorama-Highlight mit Blick hinüber zum (bernischen) Guggershörnli, dem Naturdenkmal für das traurig-schöne Volkslied «ds Vreneli ab em Guggisbärg u Simes Hansjoggeli vo änet em Bärg». Weiter geht’s bergab zum Dorf Heitenried mit seinem Schloss. Die Sense jedoch hält sich in ihren waldigen Abgründen bedeckt. Dafür zieren Bildstöcke, Wegkreuze und Kapellen den Weg – bis vor die diesseits der Sense liegende bernische Exklave Albligen, wo der Bären zur Rast einlädt. Befindet man sich erneut auf Freiburger Territorium, geht’s entlang der Talflanke, mit Blick auf das grüne Schwarzenburgerland.

Der Starauftritt am Schluss

Allmählich beginnt man sich zu fragen, wo sich denn die für die ganze Rundreise namengebende Sense versteckt hält. Nach einer verschlungenen Abfahrt ist der Fluss gefunden. Über die Riedern-Fachwerkbrücke gelangt man auf die bernische Seite, wo nun ein wunderbarer Uferweg dem Flusse folgt. Im Sommer ist es herrlich, sich im kühlen Sensewasser zu erfrischen und in den Wirbeln der kleinen Stromschnellen massieren zu lassen.
Der Rückweg zum Ausgangspunkt schliess­lich wird für die Stahlrosse und ihre Reiter zum erholsamen Genuss, weil ohne Höhenmetereffort. Zwischen Thörishaus und Laupen lässt es sich gemütlich dem Senseweg entlang radeln und in Gedanken das auf dieser zauberhaften Route Erlebte Revue passieren lassen: Ein Stück liebenswerte, aber unbekannte Schweiz hat sich den Radwanderern eröffnet und sie mit viel Charme begeistert.

Ein Gemeinschaftswerk

Dieser Herzroute-Bypass Sense, signalisiert als lokale Velowanderroute Nr. 299, ist nun also das neueste Teilstück im weltweit einmalig variantenreichen Langsamverkehrsnetz des Velolandes Schweiz. Sie ist Botschafterin für eine touristisch noch wenig erschlossene, jedoch von der Natur reich gesegnete Region, die für den Langsamtourismus ideale Voraussetzungen bietet. Den Namen Sense verdankt der neue Rundkurs einem Unikat, nämlich «dem letzten ungebändigten Fluss der Schweiz», wie der Freiburger Staatsrat und alt Nationalrat (und bis 2018 Präsident von Pro Velo Schweiz) nicht ohne Stolz feststellt.
Ermöglicht wurde diese neueste «Bilderbuchreise auf zwei Rädern» – abgesehen von zwei Sponsoren – durch den Goodwill seitens des Freiburgischen Gemeindeverbandes Region Sense sowie der drei Gemeinden auf Bernischem Boden, die schon beim Aufbau der Herzroute beteiligt waren. Zudem unterstützt der Kanton Freiburg das Projekt mit einem Betrag aus der «neuen Regionalpolitik», einem Instrument zur Förderung strukturschwacher Gebiete. Schweiz Tourismus hilft marketingmässig, aber nicht finanziell. Planung, Beschilderung und Bewerbung des neuen Radgenusses oblag dem bewährten Miniteam der Herzroute AG in Burgdorf.
Erstaunlich, wie sich mit wenig Personal und relativ kleinem Budget viel bewegen lässt, wenn mit Herzblut gearbeitet wird! Und das Tolle daran: Es handelt sich um ein Win-win-Projekt für Macher und Nutzniesser, für Besucher und Besuchte. Hat man bei der letzten Neuerung, der Napfschlaufe, noch vom «Sahnehäubchen» der Herzroute gesprochen, wird nun das allerjüngste Konstrukt, die Senseschlaufe – eingedenk einer Freiburger Spezialität –, als vielversprechendes «Doppelrahm (double crème)-Krönchen» die velocipede Hitparade toppen.    •

Das Wichtigste in Kürze

Die längsovale Herzroute-Zusatzschlaufe Sense, ausgehend von Laupen, in der Übersicht. (Bild Herzroute AG) [vergrössern mit Klick auf Karte]
  • Ausgangspunkt ist das historische Städtchen Laupen (bequeme An- und Rückreise per Zug).
  • Die Herzroute-Schlaufe Sense ist ein 70 km langer Tagesrundkurs mit 1200 Höhenmetern.
  • Das Streckenoval bietet zwei Abkürzungsmöglichkeiten: Ledeu-Albligen (31 km, 550 Hm)
    oder zwischen St. Antoni und Heitenried auf Route Nr. 4 wechseln (48 km, 760 Hm).
  • Auf der Senseschlaufe durchquert man insgesamt 14 Freiburger und drei Berner Gemeinden, darunter das Dorf Albligen, eine Art Exklave auf der «falschen» Seite der Sense …
  • Diese Route lässt sich auch auf zwei Tage ausdehnen, mit mehr Musse für regionale Genüsse.
  • E-Bike-Mietstation Laupen (rentabike.ch) in Bahnhofsnähe (Reservation wird empfohlen).
  • Akkuwechselstation für Mietvelos in Rechthalten (Gäste willkommen: Ladegerät mitführen).
  • Kostenloser Routenführer-Bezug (herzroute.ch oder 034 408 80 99) mit allen wichtigen Infos.