Welche Erziehung und Bildung braucht unsere direkte Demokratie?

von Dr. phil. Henriette Hanke Güttinger

Die Kinder und die Jugend von heute sind die künftigen Bürger in unserer direktdemokratischen Schweiz. In ihren Händen werden Gedeihen, Fortbestand und Entwicklung unseres Landes liegen. Dazu müssen in der häuslichen und schulischen Erziehung und Bildung die Grundlagen gelegt werden. In der Familie, im Kindergarten, in der Volksschule, in den Berufsschulen und in den Hochschulen sind Persönlichkeiten heranzubilden, die als nachfolgende Generation in der Gesellschaft und im demokratischen Staat im Sinne des Gemeinwohles wirken werden.

Kinder brauchen Erziehung und Bildung

Es liegt in der Natur des Menschen, sich über Erziehung und Bildung der nachwachsenden Generation Gedanken zu machen. Daher können wir heute aus einem reichen Fundus von der Antike bis zur Gegenwart zur Frage von Erziehung und Bildung schöpfen. So auch bei dem Humanisten Erasmus von Rotterdam, der 1469 schrieb: «Menschen, das glaube mir, werden nicht geboren, sondern gebildet.» «Nur den Menschen bringt sie [die Natur, hg.] zart, nackt und wehrlos zur Welt, aber als Ersatz für all dies hat sie ihn mit einem für Unterweisung empfänglichen Verstand begabt, weil in dieser einen Gabe alle enthalten sind, wenn man nur auf entsprechende Ausbildung Bedacht nimmt.» Damit legte Erasmus die Verantwortung für die Heranbildung der nachwachsenden Generation in die Hände von Eltern und Lehrern.
Gemäss Heinrich Pestalozzi, der in der Tradition von Humanismus und Aufklärung steht, dient Erziehung und Bildung dem Ziel, «dass die Anlagen für das mitmenschliche Wohlwollen geweckt, belebt und zur Entfaltung gebracht werden. Ob das Werk der Elementarbildung, das Werk der Bildung im Ganzen als gut bezeichnet werden kann oder nicht, hängt wesentlich davon ab, ob der Einzelne lernt, im Sinne der Veredelung an sich selbst zu arbeiten, den Mitmenschen Freundlichkeit und Wohlwollen zu erweisen, in der Beanspruchung seiner Rechte, in der Verwendung seines Eigentums verantwortungsbewusst und rücksichtsvoll zu sein.» Grundlage einer freien, demokratischen Gesellschaft ist daher «gebildete Menschlichkeit».1 Entsprechend folgert Pestalozzi: «Es gibt also eine Möglichkeit, dem Kreislauf ein Ende zu machen, in welchem sich die Menschheit zwischen den Übeln der Barbarei und der Erschlaffung herumtreibt: Sie besteht darin, die Menschen einer inneren Veredelung näherzubringen durch eine religiös-sittliche, staatsbürgerliche und intellektuelle Bildung, die dem Wesen des Menschen entspricht.» Auf diesen Erkenntnissen beruht unsere Volksschule.

Die Volksschule als Grundlage der direkten Demokratie

Mit der Gründung des demokratischen Bundesstaates von 1848 überwand die Schweiz nach jahrzehntelangem Ringen und blutigen inneren Wirren ein feudales System der Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Den neugeschaffenen Volksschulen kam dabei grosse Bedeutung zu. Sie sollten die junge Generation befähigen, ihre Rechte und Pflichten als Bürger und Mitgestalter eines demokratischen, föderalistischen Staatswesens auf Gemeinde-, Kantons- und eidgenössischer Ebene souverän und aktiv wahrzunehmen. So lautete der Zweckparagraph des neuen Unterrichtsgesetzes des Kantons Zürich 1832 wie folgt: «Die Volksschule soll die Kinder aller Volksklassen nach übereinstimmenden Grundsätzen zu geistig tätigen, bürgerlich brauchbaren und sittlich guten Menschen bilden.»
1966 erliess der Erziehungsrat des Kantons Zürich einen neuen Zweckartikel für die Volksschule. Darin wird das Wesen von Bildung und Erziehung so fundiert, umfassend und allgemeingültig formuliert, dass es auch heute noch Gültigkeit besitzt. Auszugsweise sei hier daraus zitiert:

«I. Zweck der Volksschule
Die Volksschule ist die vom Staat errichtete gemeinsame Erziehungs- und Bildungsanstalt der Kinder aller Volksklassen; für alle gelten die gleichen Rechte und Pflichten, dieselben Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts.
In Verbindung mit dem Elternhaus bezweckt die Volksschule die harmonische körperliche und geistige Ausbildung des Kindes zu einer möglichst einheitlichen lebenskräftigen Persönlichkeit.
Die Volksschule bildet den Körper. […] Die Volksschule bildet den Verstand. […] Die Volksschule bildet Gemüt und Charakter. Sie macht den jugendlichen Geist empfänglich für alle edlen Regungen des menschlichen Seelenlebens, dass er gefestigt werde gegen die Einflüsse des Häss­lichen, Rohen, Gemeinen in Neigungen und Leidenschaften. Sie bildet und fördert das Pflichtbewusstsein, die Arbeitsfreudigkeit, die Festigung der Überzeugung, das Streben nach Wahrheit, Offenheit und Freiheit, den Sinn für treues, hingebendes, charakterfestes Handeln. Sie legt den Grund der Befähigung zur Selbsterziehung im Sinne der Forderungen der Aufklärung, der Humanität und der Toleranz.
So ist die Volksschule eine Stätte allgemeiner Menschenbildung. Wohl soll sie ein gewisses Mass von Kenntnissen und Fertigkeiten vermitteln, die notwendig sind für ein gedeihliches Fortkommen im Leben. Wahre Menschenbildung offenbart sich aber nicht ausschliesslich im Wissen und Können; ihr charakteristisches Merkmal liegt vielmehr in der Harmonie eines lautern Innenlebens und des Handelns, das stets auf das Wohl des Ganzen gerichtet ist und nie das Licht zu scheuen hat.»

2005 kann man im Zweckartikel zum neuen Volksschulgesetz lesen: «Die Volksschule erzieht zu einem Verhalten, das sich an christlichen, humanistischen und demokratischen Wertvorstellungen orientiert.» Die Inhalte dieser Zweckartikel könnten künftig als Massstab genommen werden, an denen sich alle Neuerungen und Reformen unserer Bildungseinrichtungen messen und beurteilen lassen müssen. Oder wie Arthur Brühlmeier ist seinem Buch «Menschen bilden» zu bedenken gibt: «Auch der Wirtschaft und dem Staat ist am besten gedient, wenn sich die Schulen um die Bildung des ganzen Menschen kümmern und daher nicht dessen Verwendbarkeit, sondern seine Menschlichkeit ins Zentrum stellen.»2    •

1    Brühlmeier, Arthur, Menschen bilden. Baden 2007,  S. 226.
2    a.a.O., S. 9