Mondragón Corporación Cooperativa – Ein genossenschaftliches Erfolgsmodell sozialverträglichen Wirtschaftens im spanischen Baskenland

von Erika Vögeli

Das Beispiel der Genossenschaft Mondragón zeigt eindrücklich, was menschliches Tun bewirken kann, das sich an sozialer Verantwortung für seine Umgebung orientiert, ohne dabei die wirtschaftlichen Aspekte guter Unternehmensführung aus dem Auge zu verlieren. Die Initiative ihres Gründers bietet zudem Anregungen, die in vielen krisengeschüttelten Regionen durchdacht werden könnten – etwa im Hinblick auf die Anleitung und Aktivierung arbeitsloser junger Menschen.

Die genossenschaftliche Unternehmensgruppe Mondragón Corporación Cooperativa (MCC) ist das Ergebnis der Genossenschaftsbewegung, die 1956 mit der Gründung der ersten Industriekooperative in der baskischen Kleinstadt Mondragón, rund 50 Kilometer von Bilbao entfernt, ihren Anfang nahm. Heute gehören ihr rund 100 Einzelgenossenschaften, über 250 Betriebe und Einrichtungen in über 20 Ländern an, die rund 84 000 Mitarbeiter beschäftigen. Sie sind in vier Bereichen tätig: Finanzen, Industrie, Handel und Wissen. Das Spektrum reicht von der eigenen Bank und dem eigenen Sozialfonds über Haushaltsgeräte, Zulieferteile für die Autoindustrie, Robotersysteme und weitere Hightech-Produkte, einer eigenen Warenhauskette bis zur eigenen Universität.
Das Besondere an Mondragón sind die genossenschaftlichen Werte Zusammenarbeit, Teilhabe, soziale Verantwortung und Innovation. Sie geben der Organisation ihre charakteristische Ausrichtung in allen Bereichen, schaffen Sinn und Zusammengehörigkeit in der Organisation; sie bestimmen die gesamte Unternehmenskultur, das Verhalten und die Einstellung aller Mitarbeiter gegenüber ihrer täglichen Arbeit und führen zu einer völlig anderen Führungsphilosophie. Damit verfolgt Mondragón «alle wesentlichen Ziele eines normalen Unternehmens, das auf den internationalen Märkten unter Einsatz von demokratischen Organisationsmethoden konkurriert, Beschäftigung schafft, sich der humanen und professionellen Förderung seiner Beschäftigten und der Verpflichtung zur sozialen Entwicklung seines Umfelds widmet.»

Ein soziales Gewissen – José Maria Arizmendiarrieta

Was heute als grösstes Unternehmen des Baskenlandes und zehntgrösste Unternehmensgruppe Spaniens dasteht, begann mit der Initiative eines Menschen: des katholischen Priesters José Maria Arizmendiarrieta. Als er 1941 nach Mondragón, baskisch Arrasate, kam, war auch diese Kleinstadt von Krieg und Bürgerkrieg schwer betroffen und die Jugendarbeitslosigkeit gross. Überzeugt davon, dass «in Würde leben bedeutet, dass der Mensch für sich selber sorgen kann», begann er, sich nicht nur für soziale Einrichtungen zu engagieren und einen Fussballverein zu gründen, sondern richtete mit Hilfe der Bevölkerung eine kleine Berufsschule ein. Auf der Grundlage der katholischen Soziallehre und der Auseinandersetzung mit den Ideen genossenschaftlichen Wirtschaftens suchte er weiter nach Lösungen für die Schaffung von Arbeitsplätzen im Tal, damit die Berufsschulabgänger nicht abwandern mussten. So gründeten schliesslich 1955 fünf junge Facharbeiter, die jahrelang mit dem Priester zusammengearbeitet und die Polytechnische Schule besucht hatten, die erste Produktionsgenossenschaft; mittlerweile sind die Fagor-Werke, die mit dem Bau von Herden und Heizöfen begannen, in Spanien Marktführer für Küchengeräte und beschäftigen über 4000 Mitarbeiter. Dieser Erfolg ist aber nicht ohne ihren geistigen Vater, Don José, denkbar: Er war es, der über Jahre im ruhigen Dialog mit den Arbeitern seiner Gemeinde immer wieder Impulse und Inspiration gab. Dabei waren ihm die freie Selbstbestimmung der Person und die grundsätzliche Gleichwertigkeit aller Menschen sowie die Verpflichtung auf das Gemeinwohl stete Richtschnur: «Dialog und Kooperation, Freiheit und Hingabe stellen wirksame Methoden dar, um Willen und Kräfte für die Organisation und Bewältigung der menschlichen Arbeit zu verbinden und die Wirtschaft menschlicher zu machen.» Dem Menschen und dem Gemeinwohl ist die Wirtschaft unterzuordnen, denn, so Arizmendiarrieta: «Es ist eindeutig die menschliche Person, die Urheber, Zentrum und Ziel allen wirtschaftlichen und sozialen Lebens ist.»

Die «Arbeitskasse» – eine eigene Bank sorgt für wirtschaftliche Unabhängigkeit

Noch einen wesentlichen Impuls erhielt die Genossenschaft von Don José: Seine Auseinandersetzung mit dem Genossenschaftswesen liess ihn auch an die Erfahrung der englischen Rochdale-Society denken, die durch Kapitalaufnahme bei aussenstehenden Investoren letztlich zu einer gewöhnlichen Aktiengesellschaft wurde. So regte er die Gründung einer eigenen Bank an, die 1959 mit der Caja Laboral realisiert wurde. Sie sorgte für die nötige finanzielle Unabhängigkeit, konnte Neugründungen unterstützen und half immer wieder, Krisenzeiten zu überstehen.

Demokratische Struktur

Die Genossenschaft basiert auf der grundsätzlichen Gleichheit der Mitarbeiter, was die Anerkennung einer demokratischen Organisation des Unternehmens beinhaltet. Dazu gehört die Souveränität der Generalversammlung, welche sich aus der Gesamtheit der Genossenschafter zusammensetzt und nach dem Prinzip «eine Person, eine Stimme» arbeitet. Ihr obliegen die Ernennung und Absetzung der Mitglieder des Aufsichtsrates und der Wirtschaftsprüfer in geheimer Abstimmung; die Überprüfung der Geschäftsführung der Gesellschaft; die Genehmigung der Jahresrechnungen und der Gewinnverteilung oder Verlustzurechnung; die Genehmigung der allgemeinen Leitlinien und Strategien der Genossenschaft; die Genehmigung der Erweiterung des Gesellschaftskapitals, des Zinses, welcher auf die Kapitaleinlagen entfällt, und der Aufnahmebeiträge für neue Genossenschafter; die Änderung der Gesellschaftssatzung sowie die Genehmigung der Änderungen, die einen grundlegenden Wandel der wirtschaftlichen, organisatorischen oder funktionellen Struktur der Genossenschaft mit sich bringen. Daneben besteht der Genossenschaftskongress, dessen Funktion in der Festlegung der strategischen Kriterien zur Verwaltung der Korporation durch Planung und Koordinierung der verschiedenen Geschäftseinheiten besteht. Er setzt sich aus 650 von den verschiedenen Genossenschaften bestellten Delegierten zusammen. Grundsätzlich kann jeder Mitarbeiter nach einer Probezeit von 6 bis 12 Monaten Teilhaber der Genossenschaft und damit Miteigentümer des Unternehmens werden, wenn er die gemeinschaftlichen Werte teilt und mittragen will.
Die Teilhabe bezieht sich aber auch auf die Gewinnbeteiligung, wobei auch hier Vernunft und Mässigung mit Blick auf das primäre Ziel – Erhalt und Schaffung von Arbeitplätzen – im Vordergrund stehen. So liefern die einzelnen Firmen, die innerhalb der MCC in Branchenverbänden organisiert sind, die Synergien im Bereich des Wissens und des Sozialsystems schaffen, 20% des Gewinns an die Gruppe ab, der sie angehören. 14% erhält der Dachverband, 10% ein Investitionsfonds, 2% gehen an eine Bildungseinrichtung und weitere 2% an einen Solidaritätsfonds. Von den restlichen 52% des Reingewinnes gehen 10% (also 5,2% des Gesamtgewinns) an einen Sozialfonds, mit 45% (also 23,4%) werden Reserven gebildet, und die gleiche Summe fliesst auf die Konten der Genossenschafter. Im übrigen sollen die Löhne sozialverträglich sein, in etwa den normalen Löhnen anderer Arbeitnehmer im Umfeld entsprechen, und die höchsten Gehälter dürfen maximal achtmal so hoch sein wie die tiefsten.

Bildung und Ausbildung – ein weiterer Schlüsselfaktor

Von Umsicht und Weitblick zeugt auch die Bedeutung, die von Anfang an der Ausbildung zugemessen wurde. Aus der Berufsschule wurde später die «Polytechnische Hochschule von Mondragón» als «Staatliche Lehreinrichtung zur mittleren technischen Ausbildung», das heisst, als Lehreinrichtung für die technische Ingenieurausbildung. Weitere Bildungseinrichtungen, wie zum Beispiel ein Technologiezentrum, kamen dazu, die den Unternehmen ausgebildete Fachkräfte und Know-how liefern konnten. 1997 wurden die zwei Polytechnischen Hochschulen und zwei Akademien für Verwaltung und Management in der Universität von Mondragón zusammengefasst. All diese Bemühungen bilden im Zeitalter der sich ständig entwickelnden Informations- und Wissensgesellschaft einen Schlüsselfaktor für die weitere Entwicklung der Genossenschaften und Betriebe.

Ein anderes Wirtschaften ist möglich

Das Beispiel zeigt, dass es durchaus möglich ist, ein erfolgreiches Unternehmen zu führen, das in erster Linie den Mitarbeitern dient und nicht nur auf schnell verdienten Profit anonymer Shareholder ausgerichtet ist. Die Mon­dragón Corporación Cooperativa (MCC) kann auf eine ausserordentliche Erfolgsgeschichte zurückblicken. Dass es ihr bis heute gelungen ist, aus allen wirtschaftlichen Krisen, welche die letzten 55 Jahre mit sich brachten, sowohl in genossenschaftlicher wie unternehmerischer Hinsicht letztlich gestärkt hervorzugehen, hängt ganz entscheidend damit zusammen, dass man sich der Bedeutung der eigenen Grundwerte stets bewusst war und ihnen treu blieb. So heisst es unter dem Stichwort «Genossenschaftliche Werte» auf der Webseite von MCC: «Die gemeinschaftlichen Werte müssen von allen Mitarbeitern des Unternehmens auf eine Art und Weise geteilt und angenommen werden, dass die individuelle und gemeinsame Führung täglich durch den gemeinsamen Glaubensfluss geleitet und von ihm getragen wird. Die Führungsteams tragen die Verantwortung für die Information und Motivation dafür, dass ihre Kollegien diese Werte nachhaltig vorleben. Den Mitgliedern kommt die Aufgabe zu, diese Werte in die Tat umzusetzen. Mond­ragón stellt sich als eine Einheit dar und hat die Verpflichtung und die Verantwortung, ihre grundsätzlichen Verhaltensweisen zu vereinheitlichen. Hierzu müssen, zusätzlich zu den eigenen Wesenseigenschaften des Genossenschaftsprojekts, die aus den Grundsätzen und der Aufgabenstellung hervorgehen, die eigenen gemeinschaftlichen Werte gestärkt werden.»
Und nach den Gründen für ihren Erfolg gefragt, heisst es:
«Es ist nicht einfach, die Gründe des Erfolgs unserer genossenschaftlichen und unternehmerischen Realität in wenigen Worten darzustellen. Zusammenfassend könne man vielleicht folgende Schlüsselelemente aufzeigen:
•    Die entscheidende Führungsrolle von Arizmendiarrieta, der dieses Experiment mit Weitblick vorantrieb und bei der Umsetzung seiner Ideen grossen Einfluss auf Schüler und Anhänger hatte.
•    Der personenorientierte Charakter der Genossenschaft, bei dem der Mensch und nicht das Kapital im Vordergrund steht. Dies bedeutet in der Praxis eine weitgehende Einbeziehung des Genossenschafters in seine Genossenschaft durch direkte Beteiligung am Kapital und an der Führung des Unternehmens. Dies trägt zu einem positiven Klima des Konsenses und der Kooperation bei.
•     Die eindeutig betriebswirtschaftliche Ausrichtung der genossenschaftlichen Realität, die die Rentabilität des Unternehmens und die Effizienz eines durchgeplanten, konsequenten und anspruchsvollen Managements zu einer Prinzipienfrage macht.
•    Die erneute Investition praktisch aller erwirtschafteten Erlöse.
•    Kontinuierliche Anpassung an die Veränderungen der externen Gegebenheiten.
•    Die Schaffung wirksamer Instrumente der Kooperation untereinander: im Finanzbereich, bei der sozialen Absicherung, auf dem Sektor Innovation und Forschung und Entwicklung, beim koordinierten Management von Beschäftigung und Krisensituationen.
•    Ein weiteres Schlüsselelement für den Erfolg des Experiments von Mondragón ist nicht zuletzt die Bedeutung, die von Anfang an der Bildung zugemessen wurde. Dies bezieht sich sowohl auf die Regelausbildung, wie sie an unseren Universitäts­fakultäten und Berufsschulen durchgeführt wird, als auch auf die ständige Weiterbildung in Verbindung mit beruflicher Umschulung und Perfektionierung.»     •

Quellen:

•    Webseite von MCC (in mehreren Sprachen)
www.mcc.es/ALE.aspx 
•    Annual Report 2010 (www.mondragon-corporation.com/LinkClick.aspx?fileticket=EY-PMCWxTRQ %3d&tabid=331)
•    Susan Clayton Rather. Christian Economic Principles Underlying 21st-Century Practices: Joseph Smith Jr. and José Maria Arizmendiarrieta. Quodlibet Journal: Volume 8, 2009.
•    Alle Zitate des Unternehmens sind der Homepage von MCC entnommen.
•    Die Zitate von José Maria Arizmendiarrieta sind aus dem Englischen übersetzt und nach dem Artikel von Susan Clayton Rather zitiert, die sie dem Buch: Arizmendiarrieta, J. M.  Reflections (J. Azurmendi, Ed., C. Herrera, D. Herrera, T. Lorenzo, & V. Lorenzo, Trans.) (2000).  Aretxabaleta, Spain: Otalora (Azatza) entnommen hat.